Motorradteile-Bielefeld Der Schlachthof für Motorrad-Youngtimer in Bielefeld

Einen Schlachthof für Motorrad-Youngtimer betreibt er, und deren Freunde sind ihm auch noch dankbar: Frank Haasper besticht sie mit originalen Seitendeckeln, Sitzbänken oder Spiegeln.

Foto: Siemer

Jahrelang erfreuen sie ihren Besitzer, werden geliebt und gelobt, sind sein Ein und Alles. Doch den letzten Lebensabschnitt verbringen viele Motorräder in anonymer Massenhaltung, zum Beispiel in einem Lager in der Nähe von Bielefeld: Bol d‘Or, XS 750, Katana und GPZ unter grauer Staubschicht vereint, Tank an Tank in trostloser Enge, manche schon ihrer Räder beraubt, anderen das Herz aus dem Rahmen gerissen. Ein Skandal, der Retterinstinkte weckt. Man sollte sie freikaufen, alle.

Kann man aber nicht, denn Frank Haasper, Besitzer dieser Fahrzeuge, bemisst deren Wert anders als normale Motorradfahrer. Er verkauft sie nicht am Stück, sondern stückweise. Zwei unzerkratzte Gehäusedeckel, Auspuffanlage mit etwas Flugrost und wenig Beulen, aufarbeitungsfähige Sitzbank, guter Tank, funktionierende Armaturen - macht zusammen? Viel mehr, als jeder Gutmensch zur Rettung einer alten Mittelklasse-Yamaha hinlegen würde. Dann kommen noch die Kleinteile hinzu: Lampenfassung, Blinker, Bremshebel, Rückholfeder für den Seitenständer. Als Extra ein Kofferträger-System - diese Japanerin wird Frank noch lange erfreuen.

Auch die heutige Lieferung verspricht einiges: Bei zwei Privatverkäufern und einem Händler aus Süddeutschland hat Spediteur Roland Baumgartner fünf Motorräder eingesammelt, darunter eine Vierzylinder-Kawasaki Z 750 LTD, eine Honda CB 400 N und eine CJ 250 T. Kaum ist der Transporter abgeladen, stellt Frank seine Neuheiten ins Licht und fotografiert sie. Von links, von rechts. „Vor allem brauche ich Details“, verrät der 41-Jährige, geht in die Hocke, zielt auf den Motorschutz der 400er. „Leider hat der ’nen Haarriss.“ Mit geschultem Blick scannt er die Maschinen ab, zerlegt sie im Geiste in verwertbare Teile, weiß schon jetzt ziemlich genau, was ein Renner wird. „Der Sozius-Haltebügel an der LTD - Chrom in Ordnung, keine Dellen. Der geht mal für gutes Geld weg.“

Und zwar dann, wenn ein deutscher, europäischer oder amerikanischer Besitzer seine alte LTD aus dem Garageneck zieht und zum Sinnbild der schönsten Lebensjahre macht. „So kommen viele Leute zur Youngtimerei“, weiß Frank Haasper. „Die haben ein Motorrad einfach immer behalten, dann stauben sie es ab - und werden nostalgisch.“ So schön wie einst soll es dann werden, aber der Kawa-Händler winkt bedauernd ab. Importeure führen Ersatzteile selten länger als 20 Jahre, schnell führt die Suche also zu Websites wie der von Frank. Auf www.motorradteile-bielefeld.de wird die dunkle LTD schon heute Abend erscheinen, 157 schonungslose Fotos dokumentieren ihr Äußeres in allen Teilen. Gleich mehrere zeigen den prima Haltebügel, die Verhandlungen können beginnen. „Wenn der Preis stimmt, baue ich das Ding ab und verschicke es. Fertig.“

Andere Kunden holen sich in tiefer Reue zurück, was sie mal verschleudert haben. Größeres Motorrad - größere Gefühle, diese Gleichung ging oft genug nicht auf, und schon beginnt die Suche nach einer gut erhaltenen Yamaha XS 360 oder Kawasaki Z 440 und deren Originalteilen. Genau deshalb kann Frank sich über eine weitgehend unverbogene CB 400 N richtig freuen. „Das ist Jugend“, lacht er und zeigt auf die biedere Honda. „Bei Suzukis GS 400 wird’s übrigens schon richtig schwierig“, weiß er, „die sind bis zur Wirtschaftskrise nämlich dutzendweise wieder nach Japan gegangen.“ Schade eigentlich, denn hierzulande formiert sich um den schlanken Twin ebenfalls eine Szene. Da müsste Frank Haasper nicht lange schlachten.

Über 1200 Teilespender reihen sich mittlerweile in seinen drei Lagern. Vom Mofa bis zum Supersportler reicht das Angebot, von 50 bis 1500 cm³, von komplett und in gutem Zustand bis total zerfleddert. Das Meiste ist einfach nur alt, einiges gecrasht. Hier musste ein Händler ein 30 Jahre altes Schätzchen in Zahlung nehmen, dort scheute jemand die Kosten vor der 15. Hauptuntersuchung. Mal wird ein ungeliebtes Erbstück verscherbelt, mal ein hässlicher Scheunenfund. Den Schwerpunkt bilden japanische Motorräder der späten 70er- bis 80er-Jahre, solche also, für die der Importeur oft keine Teile mehr liefern kann.

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Foto: Siemer

Bei jeder Shoppingtour achtet Frank darauf, dass der reine Kaufpreis höchstens ein Viertel seiner erwarteten Einnahmen beträgt. „Sonst rechnet sich das nicht.“ Von Rechnen versteht er was, hat Betriebswirtschaft studiert. Das erste Semester verbrachte er allerdings überwiegend mit dem Führerschein. Auf den ausgedehnten Wiesen seines Onkels längst mit Motorrädern vertraut geworden, hatte er dennoch bis dato nur den Dreier. „Die Eltern“, grinst Frank. Sie müssen geahnt haben, was dann folgte, denn der Filius unterbrach alsbald das Studium und widmete sich in seiner Heimatstadt Bodenwerder dem Motorradhandel. „Graue Sachen, Gebrauchte aus Holland, lauter so Zeug.“ Lief ganz gut, aber nicht gut genug, um das Studium völlig sausen zu lassen. Als Diplomkaufmann folgten Stationen bei Bertelsmann und in einer eigenen Unternehmensberatung.

Wer ständig in Bilanzen denken muss, der mag keine offenen Rechnungen. Deshalb nervten Frank Haasper die Reste seines Motorradhandels, und so baute er -  „Wann immer ich Zeit hatte“ - diese Altlast ab. Die Sachen wurden fotografiert und bei eBay eingestellt. „Eine verrückte Welt“, resümiert Frank seine damaligen Erfahrungen. Schon bald wurde ihm klar, dass ein ganzes Motorrad viel weniger wert ist als die Summe seiner Einzelteile. Er lernte, warum bestimmte Teile bestimmte Preise erzielen. Wann man warten muss und wann nicht. Die Sitzbankabdeckung einer Kawasaki GPX 750 - „Ich wusste bis dahin gar nicht, dass es die gab“ - öffnete ihm die Augen. „Das Teil schmeißt jeder irgendwann weg oder vergisst es beim Verkauf. Aber wenn sich einer eine GPX wieder aufbaut, will er sie komplett.“ Mit Abdeckung für den Soziusplatz, unbedingt. Frank hatte zu früh verkauft. „Viel zu früh.“

Als die Acht-Mann-Unternehmensberatung platzte, war er also ordentlich vorbereitet. Und hatte Lust auf was ganz und gar Eigenes. Was Handfestes zudem: Von hünenhafter Statur, wuchtet Frank seine neuesten Errungenschaften in die Halle. Die Honda CJ 250 T parkt nun neben einer ziemlich kompletten G. „Hinten steht noch eine“, berichtet er. „Aber so was wird selten angeboten, da hat sich längst eine Szene etabliert.“ Er spekuliert offensichtlich darauf, dass auch die Honda CB 200 bald Sammlerstatus erreicht. An ihren eckigen Tanks sind sie leicht auszumachen, mindestens fünf müssen es sein. Auch XL 185 und 250 tauchen häufig auf. „Frühe 500er- und 600er-Enduros würden sich noch mehr lohnen“, klagt Frank, „doch bei denen sind entweder auf der Autobahn die Motoren verglüht oder im Gelände alle Plastikteile zerfetzt worden.“ Schwer zu kriegen also, und wohl deshalb prangt der unverbeulte Tank einer Yamaha XT 600 Ténéré wie eine seltene Trophäe an der Wand.

Das Handy klingelt, mindestens zum zehnten Mal an diesem Nachmittag. Frank erklärt, verhandelt, lehnt ein Angebot ab. Immer wieder der Standardsatz: „Die Bilder auf der Website kannst du dir vergrößern, dann siehst du alles ganz genau.“ Beim nächsten Gespräch wird er handelseinig, der Kunde ordert zwei Federbeine. Noch schnell die letzten Teile der heutigen Lieferung weggeräumt, dann zirkelt sich Frank Haasper durch die engen Gänge seines Lagers. Was zuletzt kam, steht vorn, die gesuchte Honda steht weit hinten, muss also schon einige Monate hier parken. Frank findet sie auf Anhieb, schraubt die Federbeine ab, bemerkt nebenbei, dass irgendwann mal was verrutscht ist und der Honda-Lenker den Tank der Nachbar-Suzuki angekratzt hat.

Um noch Schlimmeres zu verhüten, schiebt er fluchend ein Stück Pappe dazwischen - Ausdruck höchster Wertschätzung. Dann packt er drei Gänge weiter eine Hauptständerfeder ein. „Hat gestern einer angerufen. Der nimmt die bestimmt.“ Klar, jedes Bike braucht einen Ständer. Schon wieder hat Frank ein Motorradleben gerettet.

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