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Mula-Trial in Tre Giorni Valtellina (Italien) Kult-Veranstaltung für Offroad-Gourmets

Entlang von Maultierpfaden auf Mortirolo oder Forcola motorisiert hinaufkraxeln? Ganz legal? Das Mountain-Trial Tre Giorni Valtellina macht’s möglich. MOTORRAD-Redakteur Peter Mayer und MOTORRAD-Fahrer des Jahres Uli Kunzi erlebten das Hochgefühl über der Baumgrenze.

Die Geschichte böte Stoff für einen Film. Lino Della Rodolfa hatte es geschafft. Trialprofi, Werksfahrer, Spitzenplatzierungen auf internationaler Ebene. Nach der Karriere das große Dankeschön an alle Wegbegleiter: ein von ihm organisiertes Wandertrial rund um seinen Heimatort Bormio. Die motorisierte Klettertour unter Freunden gewinnt rasend schnell an Popularität. Doch bei den Vorbereitungen zur sechsten Auflage der Tre Giorni Valtellina, den drei Tagen von Valtellina, kollidiert Lino im Jahr 2005 auf seinem Motorroller mit einem Auto. Er stirbt noch an der Unfallstelle. Nach dem Schock die Entscheidung: Lino ist tot, doch die Veranstaltung soll leben.

Seine Witwe und sein Sohn Gionata tragen die Flamme weiter, entwickeln das Stollen-Meeting am Fuß des Stilfser Jochs zum Kult-Termin für Offroad-Gourmets. Für Menschen, die verstehen, dass nur leise knatternde und mit butterweichen, schwach profilierten Pneus bereifte Trialmaschinen die Maultierpfade unversehrt lassen. Aus Respekt. Vor der sensiblen alpinen Natur – und weil gerade diese alten, von Mauleseln (italienisch: Mulo) in die Berghänge getretenen Transportwege diesen Mula-Trials ihren Namen gaben. Keine Rangliste, kein Stress, nur wer will, startet in den gewerteten Sektionen – darin liegt das Erfolgsrezept dieser populären Veranstaltung. Drei Tage lang purer Genuss, das hatte auch Gionata versprochen.

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Wo „hart“ draufsteht, ist auch hart drin

Auch Uli und mir. Vor einem Jahrzehnt hat Uli Kunzi den damals von MOTORRAD ausgeschriebenen Leserwettbewerb „Motorradfahrer des Jahres“ gewonnen. Auch heute schwingt der Ingenieur am Feierabend mit seiner Honda VFR 750 F über die Landstraßen und zirkelt seit Neuestem an den Wochenenden mit seinem Honda-Viertakt-Trialer durchs Gelände. Und ganz bestimmt war es dieser Drang nach Höherem, weshalb er wieder diesem verdammten Schild gefolgt ist. „Percorso hard“, schwere Route. Nach zwei Tagen hätte er es eigentlich wissen müssen. Wo „hart“ draufsteht, ist auch hart drin. Seit einer halben Stunde schrauben wir uns diesen Bergrücken am Passo Forcola nach oben. Was heißt schrauben? Mut fassen, tief Luft holen, vorsichtig Kupplung kommen lassen – und los. Immer wieder das Vorderrad über die Felsbrocken liften, mit den Schenkeln das Hinterrad auf den Boden zwingen. Rechts streift der Ellbogen am Gras, nach links traut man sich kaum zu schauen. Denn links ist hier am jäh abfallenden Steilhang eigentlich unten.

Es sei denn nach der nächsten Kehre. Dann ist weit unten eben rechts. Dazwischen alle 20 Meter wenden, wieder Mut fassen, wieder Balance finden, wieder verschnaufen – und immer nur nach oben schauen. Denn dort stehen sie schon. Jede Menge Österreicher, einige Schweizer und Deutsche und sogar ein paar Italiener. Nur 30 Prozent der 350 Teilnehmer stammen von hier. Seltsam, aber verständlich. Wer pro Jahr aus vier Dutzend Mula-Trials vor der Haustür auswählen kann, hat keine Angst, etwas zu verpassen, und fährt im August nach Rimini, nicht auf den Forcola.

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Fußrasten und Stiefelspitzen streifen an den Seitenwänden

Auch wenn dort alle bester Laune sind. Wie Kinder vor dem Weihnachtsmann stellen sich die meist gestandenen Mannsbilder brav in Reih und Glied auf, nicken freundlich, wenn Gionatas Kumpel Alessandro einen simplen Stern auf die Lampenmaske klebt. Täglich wird dieses persönliche Gipfelkreuz am jeweils höchsten Punkt der Runde verliehen. Wer nach drei Tagen alle drei Sterne gesammelt hat, erhält den symbolischen Ritterschlag: eine Flasche Wein – aber vor allem den Respekt derjenigen, die gekniffen und den „Percorso easy“ gewählt haben. Eigentlich kindisch. Doch auf 2208 Meter über dem Meeresspiegel wischen auch wir schnell ein Plätzchen für den Aufkleber sauber. Direkt neben Stern Nummer eins, den uns der Aufstieg zum Mortirolopass am Vortag eingebracht hat. Mille grazie, andiamo – vielen Dank! Und weiter geht’s.

Der Weg bleibt auch hier auf der Hochebene so eingekerbt, dass Fußrasten und Stiefelspitzen an den Seitenwänden streifen. Immer wieder versperren eingewachsene Felsbrocken den Weg. Wieder Front anheben, wieder rettende Ausfallschritte. Und stehen, stehen, stehen. Denn in den aberwitzig tiefen Sitzmulden der Trial-Bikes lässt sich kein Mensch freiwillig nieder. Der Respekt vor Gionata und seinen Mannen steigt von Meter zu Meter. Wochenlang hat die Truppe die Wege für diese Veranstaltung erkundet, von Polizei, Förstern und Bauern die Erlaubnis eingeholt. Denn wer unterm Jahr dort beim privaten Motorrad-Spaziergang erwischt wird, dem konfiszieren die Grünröcke schlicht den Untersatz. Gionatas Onkel Silvano kennt das Ordnungspersonal jedoch außerdienstlich. Der gelernte Koch verwandelt jeden Mittag eine Berghütte in einen – wie auch anders im bedächtigen Trialsport – Slow Food-Tempel. Nicht einmal ein Trinkgeld nimmt der Kochlöffel-Virtuose. No, no, no, alles in den 135 Euro Startgebühr enthalten.

Kahle Gipfel, kleine Bergseen und sattes Grün

Das Panorama sowieso. Die kahlen Gipfel, die kleinen Bergseen oder weiter talwärts das satte Grün der Almen – es fällt oft schwer, die Contenance zu bewahren. Und die Konzentration. Doch die braucht’s beim Abstieg ins Addatal. Dutzende, ja gefühlt Hunderte Serpentinen geht es hinab. Die 70 Grad Lenkeinschlag reichen nur haarscharf für die Radien der Kehren. Rechts, links, rechts – endlos, felsig, supersteil. Nur nicht nach unten schauen. Erst die Tankstelle holt uns gedanklich zurück in die Zivilisation. Eine Si­tua­tion wie in der Ölkrise. So weit das Auge reicht, reiht sich Trialmaschine an Trialmaschine auf. Doch die Schlange wird schnell durchgereicht. Klar, bei knapp drei Litern Tankinhalt. Und keiner drängelt sich vor. Die Stimmung ist völlig gelöst und entspannt. Trickser, Schwarzfahrer und Rabauken haben diese Tour offensichtlich noch nicht entdeckt. Und werden es hoffentlich nie tun.

Auch der Rückweg nach Bormio zeigt, weshalb Enduros und Grobstoller bei Mula-Trials strikt verboten sind. Selbst nach Hunderten von Motorrädern wirkt die Grasnarbe an vielen Stellen noch frisch. Im Gegensatz zu den Fahrern. Magnetisch ziehen Cafés und Bars entlang der Route die geschlauchten Stollenritter an.

Schwächeln vor der Königsetappe? Niemals!

Vielleicht hat sich auch deshalb das Feld am dritten Tag gelichtet. Die Knie sind weich, der Bizeps schlabbrig. Auch bei uns. Schwächeln? Jetzt, vor der Königsetappe? Niemals! Wieder schrauben wir uns hoch. Wieder Kanten, Felsen, Wurzeln. Wieder Zug am Lenker und Druck auf die Rasten. Und immer noch stehen, stehen, stehen.

Und – natürlich – „Percorso hard“. Schnell haben wir die Baumgrenze hinter uns gelassen. Offene Geröllfelder bestimmen die Landschaft. Verzweifelt ringen die gerade mal 25 PS starken Motoren nach Luft, schlucken teilweise mehr Wasser als die Fahrer. Mancher Mula-Trialpilot muss an einem Bergbach nachfüllen. Wir schonen das Material, kreuzen quer zu den Hängen nach oben zu Alessandro. Flatsch, der letzte Stern. In 3011 Metern Höhe. Mit abgeschaltetem Motor und in absoluter Hochstimmung rollen wir hinunter nach Bormio. Die Suche nach Vermissten beginnt Gionata statt in Felsspalten am Berg längst jeden Abend in den Bars von Bormio. Er wird uns schon finden.

Foto: Cruciani
Stau am Berg: Bei 350 Teilnehmern kann es gelegentlich eng werden.
Stau am Berg: Bei 350 Teilnehmern kann es gelegentlich eng werden.

Mula-Trial selber fahren

Wenig Offroad-Erfahrung, kein Trialmotorrad, aber Lust, ein Mula-Trial zu erleben? Mit etwas Engagement kann der Traum durchaus Wirklichkeit werden.

Hand aufs Herz: Für völlig Offroad-Unerfahrene sind die fahrerischen Ansprüche selbst auf der leichten Streckenvariante der Mula-Trials zu anspruchsvoll. Wer den sicheren Umgang mit einer Enduro im Gelände aber beherrscht, kann sich Gedanken über eine Teilnahme machen.

Reinschnuppern: Die perfekte Plattform für den Einstieg in die Welt der motorisierten Kra­xe­lei bieten einige spezialisierte Trialinstruktoren an. Neben Trail & Trial (www.trail-trial.de) genießt vor allem die Trialschule (www.trialschule.de) einen exzellenten Ruf. Ideal: Beide Veranstalter offerieren bundesweit verteilte Lehrgänge mit Leihmotorrädern. Gemessen am Angebot bewegen sich die Preise mit 225 bis 270 Euro pro Wochenende (inklusive Mietbike) auf moderatem Niveau.

Trialmaschine kaufen: Eine fabrikneue Trialmaschine kostet etwa 6000 Euro. Für den Einstieg reicht eine gebrauchte für etwa die Hälfte des Betrags bei Weitem aus. Die Unterhaltskos­ten eines Trialers sind verschwindend gering, auch der Wertverlust hält sich in einem überschaubaren Rahmen. Einen Überblick über den Markt und spezialisierte Händler gibt ­neben den bekannten Verkaufsportalen (mobile.de etc.) das Fachmagazin „Trialsport“ (www.trialsport.de).

Teilnehmen: Quer über die italienischen Alpen verteilt finden pro Jahr knapp 50 Mula-Trials statt. Eine Übersicht bietet die Internetseite www.mulatrial.altervista.org. Italienisch-kenntnisse helfen nicht nur, die Beschreibung der Trials im Vorfeld, sondern auch Land und Leute auf der Veranstaltung besser zu verstehen.

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