Nach dem Beben Blickpunkt: Die Folgen der Katastrophe in Japan

Das Erdbeben und der Tsunami am 11. März sowie die Reaktorunfälle von Fukushima haben in Japan eine humanitäre Katastrophe ausgelöst. Welche Auswirkungen hat das Unglück auf die Motorradindustrie?

Foto: MOTORRAD

Die schwersten Schäden durch das Erdbeben hat Honda im Forschungs- und Entwicklungszentrum in Tochigi erlitten. Erste Reparaturen sind abgeschlossen und die meisten Ingenieure wieder an ihre Arbeitsplätze zurückgekehrt. Da die komplette Wiederherstellung der Anlagen Monate dauern wird, hat Honda einige Bereiche wie die Entwicklung automobiler Produkte an andere Standorte in Japan verlegt. Motorradhersteller Suzuki mit den Werken Toyokawa und Takatsuka ist vom Erdbeben nicht direkt betroffen, weil die Standorte rund 500 Kilometer südlich des Katastrophengebiets liegen. Genau wie Iwata-Shizuoka, wo Yamaha Motorräder herstellt. Kawasaki produziert 800 Kilometer Luftlinie von der zerstörten Küstenstadt Sendai entfernt in Akashi bei Kobe. Trotzdem legten viele Hersteller die Produktion in ihren japanischen Werken still. Yamaha bis 23. März, Honda im Motorradwerk in Kumamoto auf der südlichsten Insel sogar bis 28. März. Um Mitarbeitern Zeit zu geben, ihre Angehörigen ausfindig zu machen. Und um Straßen und Verkehrswege zu entlasten, damit die Bergungsarbeiten vorangehen können.

Zudem ist der Strom knapp. Deshalb spart Reifenhersteller Bridgestone mit fünf Werken im schwer betroffenen Nordosten Strom: Die Leuchtreklame ist abgeschaltet, das Werksmuseum geschlossen, aber die Produktion läuft wieder - auch im Reifenwerk Nasu, das in Tochigi liegt und durch mehrere kleine Feuer am schwersten betroffen war. Bislang sind in Nasu Motorrad-Pneus hergestellt worden, derzeit wird auf Reifen für Lkw um-gestellt, weil die im Krisengebiet gebraucht werden.

In Japan fertigen viele Unternehmen Teile für Motorräder, auch für europäische Hersteller, die Baugruppen aus Japan zu-kaufen. BMW nutzt Batterien von Yuasa, die im Südwesten Japans produzieren, und Federbeine von Showa. "Eine Gruppe von Fachleuten aus Einkauf, Logistik und Qualitätssicherung beobachtet die Situation und wird bei drohendem Bandabriss Ausweichmöglichkeiten schaffen", sagt Rudolf-Andreas Probst, Pressesprecher von BMW Motorrad. Als größtes Risiko für einen Engpass schätzt Probst Halbleiterprodukte wie Transistoren für Steuergeräte ein, die BMW-Zulieferer für ihre Produktion brauchen.

Auch der britische Motorradhersteller Triumph gehört zur global verflochtenen Wirtschaft. Dessen PR-Koordinator Paul Taylor sieht die nächsten drei Monate lang keine Probleme bei der Lieferkette, denn die benötigten Teile, Nissin-Bremsen, Keihin-Einspritzanlagen sowie Federelemente von Kayaba und Showa, sind bereits in den Werken in Großbritannien und Thailand angelangt oder befinden sich auf Containerschiffen. Wobei elf von 17 Keihin-Werken, die im Nordosten Japans liegen, beschädigt wurden.

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Foto: fact

Ducati-Vertreter machen sich wegen Mitsubishi-Einspritzanlagen keine Sorgen. Lieferengpässe befürchten auch die Vertreter der japanischen Motorradhersteller nicht. "Durch unseren Händlerbestand, die Bevorratung im europäischen Zentrallager in Rotterdam und die anrollenden Lieferungen, die vor dem Erdbeben auf den Seeweg gebracht wurden, verfügen wir bereits über gut drei Viertel des 2011er-Modelljahrgangs", sagt Andreas Seiler, Pressesprecher von Kawasaki Deutschland. Zudem fertigt Kawasaki Modelle der Einstiegs- und Mittelklasse in Thailand.

"Rund 40 Prozent der Fahrzeuge, die wir in Europa verkaufen, darunter Vmax, XTZ 1200, R1 und R6, FJR, FZ1, FZ8 und XJ6, werden im Hauptwerk in Iwata gefertigt. Die übrigen 60 Prozent stammen aus europäischer Produktion oder der anderer Länder", sagt Karlheinz Vetter. Der Pressesprecher von Yamaha Motor Deutschland geht davon aus, dass 95 Prozent aller bestellten Fahrzeuge bereits hier oder auf dem Weg sind. "Wir erwarten keine Konsequenzen oder Unannehmlichkeiten für unsere Kunden", fasst er zusammen.

"Die meisten Motorräder, die in Deutschland verkauft werden, stammen gar nicht aus Japan", erklärt Alexander Heintzel, Pressechef von Honda Deutschland. Konkret werden Hornet 600, CB 1000 R, Transalp, Varadero, Deauville sowie die CBF-Baureihe und die meisten 125er-Roller in Italien produziert. Leichtkrafträder und CBR 250 R kommen aus Werken in Thailand sowie Indien. Unter 20 Prozent aller Honda werden in Japan gefertigt, darunter Fireblade, CBR 600 RR, Gold Wing, VT- und V4-Baureihe.

Heintzel: "Die Aussetzung der Produktion in Kumamoto bedeutet, dass pro Woche etwa 2000 Motorräder für Gesamteuropa nicht produziert werden. Dies ist für einen global aufgestellten Hersteller unserer Größe kein Problem." Honda produziert in 70 Fertigungsstätten in aller Welt, die gleich aufgebaut und strukturiert sind. "Auch bezüglich der Zulieferer setzt Honda auf Regionalisierung, die Komponenten werden in der Nähe der Fertigungsstätten produziert."

Genügend Ausweichmöglichkeiten also für einen flexibel agierenden Weltkonzern. Bleibt die Frage nach der möglichen Kontamination. "Kawasaki benutzt keinerlei Zulieferteile, die in den radioaktiv belasteten Gebieten hergestellt wurden, um jegliche Belastung für das eigene Fabrikpersonal und unsere Kunden auszuschließen", so eine Pressemitteilung. Zusätzlich überprüfe der deutsche Zoll stichprobenartig Importe aus Japan auf Kontamination mit Radioaktivität, sagt Andreas Seiler. Auch Honda, Yamaha und Suzuki schließen den Verkauf radioaktiv kontaminierter Produkte aus.

Was tun also deutsche Kunden? Kawasaki: "Nur wenn die japanische Wirtschaft weiterhin gute Geschäfte machen kann, sind Arbeitsplätze und finanzielle Mittel für die Wiederherstellung der zerstörten Gebiete gesichert. Damit helfen deutsche Kunden Japan am nachhaltigsten." Wer spenden möchte, kann sich der Aktion von "Motorradfreunde helfen Japan" beim Deutschen Roten Kreuz anschließen. Auch Suzuki ruft für das gleiche Konto zu Spenden auf:
Spendenkonto 414141,
BLZ 37020500,
Bank für Sozialwirtschaft.

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