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Porträt Albert Breyer Notarzt mit mehr als 50 Motorrädern

Aus dem Kopf weiß er es nicht. Und auch beim Nachrechnen ist sich Albert Breyer nicht sicher, wie viele Motorräder er besitzt. Der kauzige Oberfranke ist Notarzt und oft auch ohne Einsatz schnell unterwegs.

Eigentlich ist das nicht ungewöhnlich. Andere besitzen schließlich zwei Häuser, haben drei, vier Wohnungen oder fahren zwei Oberklasse-Porsche“, sagt Albert Breyer und zieht tief an seiner Zigarette. Von dieser Warte aus betrachtet, hat er natürlich recht. Alles ganz normal. Nur anders verteilt. Wie genau, kann Albert jedoch auch nach längerem Überlegen nicht sagen. So um die 20 Kawasaki W 650 … so gegen zehn Estrella 250 … fünf, sechs oder sieben Honda Dominator … sechs, sieben oder acht Suzuki DR 800 … vier oder fünf Yamaha XS 850 … vier oder fünf Honda XBR … Der Mann zieht an seiner Zigarette, kratzt sich im weißen Bart und blickt an die Decke. Und zwar so, als wäre dort die Bestandsliste seiner Motorräder angeheftet. Ist sie aber nicht.

Albert Breyer muss schätzen und kommt so auf „gut 56 Stück“. Motorräder mit Beiwagen nicht mitgezählt. Die Zählung ist deshalb so schwierig, weil seine Bikes in ein paar Garagen und seiner Schrauberwerkstatt verteilt stehen. Wie viele Garagen? „Nun, das müsste man zählen“, sagt Albert nachdenklich und meint trocken: „Meine Frau hat keinen Führerschein und betreibt eine Ballettschule. Sie wollte mich schon entmündigen lassen, wegen der vielen Motorräder und meinem Sammeltrieb. Hat sie dann aber doch gelassen. Sonst verliere ich meine Zulassung als Kassenarzt.“

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Keine Motorräder, sondern Projekte

Albert Breyer ist Arzt für Allgemeinmedizin und gleichzeitig auch Notarzt in der Region Pressig, Oberfranken. Während seiner Sprechstunden verarztet er Patienten, in seiner Freizeit Motorräder. Denn die Bikes, die Albert um sich schart, sind keine penibel restaurierten Old- oder zahnbürstengeputzten Youngtimer, sondern allesamt Gebrauchsgegenstände, deren Optik von ihren Erlebnissen erzählt.

Sie passen zu ihrem Besitzer. Albert Breyer ist 58. Und das merkt man ihm nicht an. Seine Füße wohnen in Stricksocken, seine Beine in einer schnell trocknenden Survivalhose, die mittlerweile graue Haarpracht ist ellenlang und penibel durch einen Zopf gebändigt. 30 seiner Motorräder sind angemeldet und werden stets bewegt. Vielleicht auch 31. Doch Albert Breyer spricht nie von Motorrädern. Sondern immer von „Projekten, an denen man mal was machen muss“.

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Foto: www.jkuenstle.de
Seine vielen Motorräder stehen in mehreren Garagen und in seiner 180-Quadratmeter-Werkstatt verteilt.
Seine vielen Motorräder stehen in mehreren Garagen und in seiner 180-Quadratmeter-Werkstatt verteilt.

„Neulich habe ich eine Estrella mit 96.000 Kilometern auf der Uhr gekauft. Die 100.000 fahr ich voll, und dann stell ich sie ab. Bumm. Das war’s“, brummt Albert Breyer gelassen. Es klingt so nebensächlich, als ginge es darum, ein Taschentuch aus der Packung zu ziehen. Platz hat er ja genug. Seine Werkstatt hat 180 Quadratmeter plus Neben­gebäude und zweite Etage. Auf dem Boden kauern 15 Literpackungen Milch neben einer Kiste Bier. Seine Dunstabzugshaube in der Küche atmet durch einen K&N-Filter.

An der Wand hängen 25 Auspuffanlagen Typ W 650, auf einem rundherum laufenden Regal lagern zentnerweise Öl- wie Luftfilter und um die 90 Tanks. Genaue Anzahl unbekannt. Doch Albert Breyer ist nicht nur Sammler. Er ist auch Jäger. Verbeißt sich schon mal in das Hinterrad eines schnell vor ihm herrasenden Fahrers oder steht mit einem seiner „Projekte“ bei einem Viertelmeilenrennen am Start. Dort haben sie ihm übrigens seinen Beinamen verpasst: Evil Albert. Ein Mann, der beim Rennen keine Gnade kennt und alles gibt. War das schon immer so? „Nee“, sagt Albert, „das Motorradfieber kam 1999 zurück. Davor habe ich 17 Jahre pausiert.“

"Kommen Sie morgen wieder“

Albert Breyer wird in Weiden geboren und fährt als junger Kerl eine 70er-Honda Dax, mit 18 dann eine 500er-Four. 1976 steht er nach 4000 Kilometern Fahrt mit zwei Freunden und drei NSU Max an der libyschen Grenze. Doch Gaddafi lässt ihn nicht rein. „Wir haben eine Woche lang jeden Tag einzureisen versucht. Doch es hieß immer: Kommen Sie morgen wieder“, sagt Albert. Ein Motorradunfall 1982 leitet die Zweiradpause ein: Albert kommt mit dem Schrecken davon, seine Maschine wird von einem Golf GTI zu Klump gefahren. Er studiert Medizin in Würzburg, aber nach Beendigung des Studiums „gab es in den Ballungsgebieten mehr Ärzte als Kranke“.

Auf der Suche nach einem Job verschlägt es ihn zuerst nach Hammelburg und anschließend nach Pressig. Einen Ort, den der DDR-Grenzverlauf damals in die Zange genommen hatte. Einen Ort, an dem die Zeit stehen geblieben scheint und die Einwohnerzahl ständig abnimmt. Warum bleibt Albert? „Ich könnte auch in der Großstadt im Krankenhaus arbeiten, das ist besser bezahlt“, meint Albert Breyer. „Aber ich leide an Insubordination.“

Kawasaki W 650 mit Big-Bang-Motor

Da steht man erst mal im öldampfenden Raum und überlegt. Der Begriff kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Ungehorsam gegenüber Vorgesetzten. Albert grinst übers ganze Gesicht und meint: „Dazu kommt noch mein Freiheitsdrang.“ Man glaubt es ihm sofort, dem coolen Hund.

Albert Breyer ist ein Typ, der seinen eigenen Weg sucht und unbeirrt geht. Ein Typ, der den Luftröhrenschnitt notfalls ganz nebenbei mit dem Teppichmesser durchführt, sich anschließend seelenruhig umdreht und die Ventile fertig einstellt. Warum fährt ein Typ wie er nur 20 Kawasaki W 650? „Die Maschine vereint den Charme englischer Bikes mit der Zuverlässigkeit der japanischen. Außerdem sind sie ja nicht gleich. Jede ist anders.“ Stimmt.

Erst neulich hat er sich aus einem Spieltrieb heraus eine W 650 mit Big-Bang-Motor bauen lassen. „Die fährt jetzt wie ein großer Einzylinder.“ Selbst sein Sohn und seine zwei Töchter fahren mittlerweile W 650. Weil es reicht. Weil es cool ist.

Vespa-Roller als Dienstfahrzeug

Albert hasst Warnwesten und kann mit brutaler Leistung überhaupt nichts anfangen. Seine Motorrad-Maxime: „Wenn du nicht unbedingt Rennen fahren willst, kannst du mit einem 20.000-Euro-Bike auch nicht mehr machen als mit einem für 2000.“ Im Grunde hat er recht. Aber warum braucht man dann so viele davon? Auf diese Frage schaut Albert Breyer in die Ferne. Dann gleitet sein Auge an jeder seiner Maschinen entlang.

Foto: www.jkuenstle.de
Sein Motto auf dem Seitendeckel gefällt.
Sein Motto auf dem Seitendeckel gefällt.

Fast, so scheint es, erhofft sich der Mann, der mitten im Leben steht, durch die Bikes mehr Leben ins Leben zu holen. Durch die Historie der Maschinen. Durch ihre pure Anwesenheit. Reichen Alberts 20.000 Kilometer Jahresfahrleistung vielleicht doch nicht aus?

Fassen wir zusammen: Der Doktor fährt als Dienstfahrzeug einen Vespa-Roller und besitzt zirka 56 Motorräder, davon sind 30 angemeldet. In einem Nest wie Pressig mit seinen 4000 Einwohnern müsste das doch allgemein bekannt sein, oder? „Hm“, überlegt Albert, „die haben da so eine dunkle Ahnung von dem, was bei mir passiert. Mehr nicht.“

Und das äußert sich mitunter wie folgt: Als Albert in ein Wohngebiet fährt, um ein seltenes Gespann mit Hatz-Motor aus der Garage zu zerren, kommt ein Anwohner auf ihn zu: „Herr Doktor, ich hab da ein Problem.“ Man denkt: eins? Der Mann hat ein Hörgerät, eine frische Narbe am Arm und den Fuß verbunden. Er humpelt und sagt: „Ich hab da so’n alten Roller. Und bekomme die Griffgummis nicht ab. Können Sie mir vielleicht helfen?“

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