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MOTORRAD 22/2015: Porträt "Skratch", Pin-Striper

Porträt Pinstriper Skratch Freihand-Freak

Er hat nur diesen Künstlernamen: Skratch lebt für Farben, Formen und Fahrzeuge. Der gelernte Mechaniker ist ein Pinstriper, ein Linierer par excellence. Wie akkurat er Kotflügel, Helme und Tanks dekoriert, ist beeindruckend.

So hat man sich das nicht vorgestellt: Da fährt man zum vielleicht bekanntesten Helmverzierer der Welt (er hat für Bell diverse Dekors entworfen), und dann stolpert man nicht über Helmschalen, sondern über Autochassis. „An Autos schraube ich, seit ich 16 bin“, gibt Skratch, der Inhaber der Garage zu. Sind ja auch nicht irgendwelche Autos. Sondern Hot Rods, mit V8-Motoren aufgebrezelte US-Cars aus den 20er- bis 40er-Jahren. Skratch baut sie von Grund auf neu auf, restauriert, tunt und wartet sie. Aber wir sind heute hier, um Skratch als Pinstriper zu erleben.

Sein Name ist ein Wortspiel: „to scratch“ heißt „kratzen“ oder „einritzen“. Dabei arbeitet der 43-Jährige doch ganz sanft an den Oberflächen („egal was: Tanks, Kotflügel, Helme“) mit Airbrush-Pistole oder Pinsel. Die soll er nun für Wendy Newton schwingen. Der Kalifornierin gefällt das Dekor ihres perfekt passenden italienischen Suomy-Helmes nicht. „Ich suche ein Design, das zu meinen aktuellen und historischen Rennmotorrädern passt.“ Skratch schaut sich Fotos an, hört zu, überlegt, macht erste Skizzen von der stilisierten Rennamazone. Und beginnt dann, die Helmschale abzukleben.

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"Ja, ich habe da ein paar Tattoos"

Sie müsste vorm Lackieren noch fein abgeschliffen werden. Anyway, der Meister schlägt breite Streifen von vorn nach hinten vor, in Rot, Grün und Blau. Getrennt durch Freihand-Linierungen. Ob man vor der Auftragserteilung noch eine „Arbeitsprobe“ sehen könnte? Es war nur ein Scherz. Vielleicht sollte man ja mit jemandem, dessen gesamter Körper, jede Stelle blanker Haut über und über tätowiert ist, einfach keine Späße machen? „Ja, ich habe da ein paar Tattoos“, sagt Skratch über sich selbst. Ein paar? In und hinter den Ohren, am Hals, auf allen Fingern, den Ober- und Unterarmen.

Aber Texaner brauchen nicht viele Worte. Auch nicht, wenn sie schon seit 17 Jahren in Kalifornien leben. Und so schnappt sich Skratch einfach einen herumliegenden königsblauen Integralhelm aus den Siebzigern, mit Druckknöpfen zur Visier-Befestigung. Öffnet dann wortlos sein Schatzkästchen, die Farbschatulle, und holt sein wichtigstes Werkzeug heraus: den Linierpinsel, auch Schwertschlepper genannt. Das ist ein extrem langhaariger, seitlich abgeflachter, einseitig angeschrägter Pinsel mit sehr kurzem Stiel. Er dient zum Ziehen langer, gleichmäßiger Linien. Oh ja, und wie!

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Nach nur 15 Minuten ist das Kunstwerk fertig

Die Konzentration ist enorm, die kalifornische Luft flimmert, während Skratch freihändig hellblaue Linien zieht, gestützt vom kleinen Finger der rechten und der gesamten linken Hand. Pin­striping (von Engl. „pinstripe“ = Nadelstreifen) bezeichnet das dekorative Aufbringen von Zierlinien zumeist auf Fahrzeugen. Traditionsmarken wie BMW, Harley-Davidson und Triumph waren und sind bis heute stolz auf erfahrene Mitarbeiter, die mit ruhigen Händen Zierlinien auf Tanks aufbringen. Dabei ist das Betonen der räumlichen Konturen die Herausforderung: Skratch muss bei seinem Freistil-Linieren die Krümmung des Raumes, in diesem Falle der Helmschale berücksichtigen. Und immer wieder Farbe nachtunken – plus den Helm drehen, um links und rechts symmetrisch zu sein, ganz ohne Schablonen. So eine exakte Pinselführung ist einfach verblüffend. Skratch darf keinen Fehler machen, hat nur einen Versuch. Aber der sitzt.

Nach nur 15 Minuten ist ein echtes Kunstwerk entstanden. Wow! Es erinnert an ein Tribal-Tattoo. Klar, tätowiert hat Skratch auch schon. Er hat gutes räumliches Vorstellungsvermögen, ein Gefühl für Formen. Gewusst wie – nach eigenen Angaben lernte er Lackieren und Linieren in der renommierten Company, die einst der Godfather of Pinstriping „Von Dutch“ (Kenneth Howard, 1929–1992) gründete. Der Preis für die Arbeit? Ungefähr 100 Dollar pro Stunde, 750 für einen ganzen Tag. „Manche Leute denken, ich bin ein bisschen teuer,“ relativiert Skratch, „aber ich arbeite einfach nur vernünftig.“.

Zur Person

Skratch wurde 1972 in Fort Worth/Texas geboren. Mit 15 holte er sich als Skater blutige Knie, hatte sein erstes Tattoo. Mit 16 lernte er Automechaniker. 1993 gründete er eine eigene Firma, siedelte zur Jahrtausendwende nach Kalifornien um.

Adresse: 1817 W Magnolia Blvd, Burbank, CA 91506, California, USA

Telefon: +1 32 34 72 19 59+1 32 34 72 19 59,

E-Mail: skratch55@gmail.com

oder Kontakt per Facebook.

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Wenn er bei Facebook einen komplett von ihm dekorierten Metall-Flake-Jethelm verhökert, ruft er überschaubare 500 Dollar auf. Der Amerikaner verschickt auch nach Europa.

Skratch kann man nicht nur in vielen YouTube-Videos erleben, der Linierer ist auch immer wieder auf vielen Messen in Deutschland unterwegs. Er war schon auf der Euro Bike in Friedrichshafen (weil er auch Designs für Fahrradhelme entwirft) und der Kustom Kulture Forever in Bottrop. Vor großem Publikum linieren? Selbst dabei zittert dem Freak niemals die Hand.

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