Porträt über einen querschnittsgelähmten Hobbyracer Wie macht der das?

Einen Satz hört man über Robert Friedrich immer wieder: „Wie macht der das?“ Robert ist Hobby-Racer. Er fährt Rennstrecke, Supermoto und Motocross. Alles ziemlich schnell, aber mit einem Handicap: Er ist querschnittsgelähmt.

Foto: Schaber

Das erste Mal sehe ich Robert auf dem Pannonia-Ring in Ungarn. Werde auf ihn aufmerksam, als der Veranstalter während der Fah­rerbesprechung auf die Hütchen am Rand der Boxengasse zeigt: „Da startet der Robert, also fahrt ihr halt drum rum.“ Nach dem ersten Turn verstehe ich diese Ansage: Robert fährt mit seinem Rollstuhl an die Boxenmauer und entfernt die Reifenwärmer von seiner R1.

Er legt den linken Fuß aufs Motorrad, seine Freundin hält ihn fest. Den rechten stellt er auf die Fußraste, zieht sich dann am Lenker aus dem Rollstuhl und sitzt sicher im Sattel. Seine Freundin schnallt ihm die Füße mit Klettband fest. Danach nimmt sie das Motorrad von den Ständern, während der Sportler sich an der Boxenwand ausbalanciert. Mit einem Grinsen startet Robert die Maschine. Er ist heiß darauf, wieder auf die Strecke zu kommen. Der Streckenposten, der die Boxenausfahrt kontrolliert, weiß, dass er ihn nicht anhalten darf, denn Robert würde einfach umfallen.

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Dass er seine Beine nicht nutzen kann, fällt kaum auf

Bei den Rennen muss Robert als Letzter aus der Boxengasse starten. Er kommt aber definitiv nie als Letzter ins Ziel. Seine Rundenzeiten spiegeln einen sehr sauberen und runden Fahrstil wider: Die besten Zeiten, die die Hobby-Racer an den vier Tagen auf die Strecke brennen, sind 2:02 und 2:05. Roberts Bestzeit liegt bei 2:17, und das ist beachtlich. Dass er seine Beine nicht nutzen kann, fällt kaum auf: In den Kurven gleicht er die fehlende Beinarbeit mit geschicktem Einsatz des Oberkörpers aus.

Als der 20-Minu­ten-Turn vorbei ist, fährt Robert in die Boxengasse. Er bleibt hinter seinen Hütchen stehen und stützt sich an der Wand ab. Seine Freundin steht schon bereit. Sie bockt das Motorrad auf und bindet seine Füße los. Er lässt sich elegant in den Rollstuhl gleiten, rollt in seine Box und strahlt.

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Roberts positive Ausstrahlung steckt an

In Pannonia fährt Robert auch das Langstreckenrennen, das mit Le Mans-Start eröffnet wird. Sein Teampartner Michael übernimmt die erste Hälfte und absolviert den Lauf-Start. Als Robert an der Reihe ist, kommt Michael in die Box, es wird hektisch: Reifenwärmer runter, abbocken, Transponder umstecken, Attacke! Am Ende steht ein respektabler 21. Platz von insgesamt 29 Plätzen.

Ob er auch das Sprintrennen mitfährt, möchte ich wissen. „Nee“, sagt er, er fahre jetzt Supermoto, hier direkt neben der Strecke: „Gestern hat es meine Freundin das erste Mal ausprobiert, heute fahren wir zusammen.“ Die ersten Runden schaue ich ihm zu. Mit rutschendem Hinterrad und fürchter­licher Schräglage sticht er in die Kurven. Nach vier Tagen Rennstrecke verabschieden wir uns im Fahrerlager. Roberts Motorradbegeisterung steckt die ganze Umgebung an. Er lacht und winkt zum Abschied, seine Augen leuchten.

Foto: Schaber

Interview mit Robert Friedrich

Das erste Interview: MOTORRAD-Redaktionsassistentin Iris Schaber (23) versucht sich selbst gerne auf Rennstrecken. Sie befragte den 33-jährigen Robert Friedrich am Pannonia-Ring in Ungarn.

Seit wann fährst du Motorrad?
Seit 15 Jahren.

Seit wann mit Handicap?
Seit zehn Jahren.

Bist du vor dem Unfall schon auf der Rennstrecke gefahren?
Ja, Motocross bin ich schon vorher gefahren. Deswegen konnte ich hier auf einiger Erfahrung aufbauen.

Was war das für ein Unfall?
Ein Motorradunfall. Ein Auto hat in der Kurve überholt, mich frontal abgeschossen und dann überfahren, ich habe aber bei allem Unglück noch Glück gehabt. Vor Ort mussten mich die Rettungskräfte mehrmals reanimieren.

Was hat dich motiviert, weiterzumachen?
Der Spaß am Fahren. Der ist niemals verschwunden!

Wie hast du nach dem Unfall wieder angefangen? Und mit welchen Fahrzeugen?
Zuerst mit Kartfahren, dann habe ich mich am Quad versucht, danach bin ich mit Motorrad mit Stütz­fahrwerk gefahren. Nachdem das gut ge­­klappt hat, hab ich’s wieder ohne Stützen ge­schafft, so wie ich eben jetzt fahre.

Lässt dich jeder Veranstalter auf der Rennstrecke fahren?
Eigentlich schon. Da gibt es wenig Ablehnung.

Fährst du auch auf der Straße?
Ja, ich habe ein pneumatisches Fahrwerk. Da fahren dann die Stützräder an der Ampel runter, und ich kann anhalten.

Hast du mit Vorurteilen zu kämpfen?
Nein, so gut wie nie. Im Gegenteil, die Menschen freuen sich über mein Engagement.

Wie würdest du andere Leute motivieren, die mit einem ähnlichen Handicap zu leben haben?
Kämpfen! Niemals aufgeben, denn am Anfang ist es absolut nicht leicht.

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Eine Aprilia RSV 4! Ganz klar mein Traum.

 

Welche Motorräder hattest du bis jetzt?
Als Fußgänger eine Aprilia RS 125 und eine Gas Gas 125 Motocross. Dann im Rolli habe ich zwei Yamaha R1 RN12, eine KTM 450 SXF und eine KTM 450 SMR. Die alte Aprilia habe ich aber auch noch für kleine Rennstrecken umgebaut, und ich fahr sie immer noch gerne.

Wie schaltest du?
Ich schalte links vorne am Lenker. Dort sind zwei Knöpfe für Gang hoch und Gang runter. Dafür brauche ich nur den linken Daumen. Funktioniert tadellos.

Wer hat deine Bikes für dich umgebaut?
Wilhelm Költgen aus Krefeld. Er ist Deutschlands bekanntester Spezialist für behindertengerechte Umbauten von Motorrädern aller Art, behauptet sich seit über 25 Jahren am Markt und findet für jedes Problem eine individuelle Lösung.

Wie viel kostet so ein Spezialumbau?
Ich habe das erste Motorrad ja bereits 2004 umbauen lassen, und da hat der Umbau mit den Stützen und der Straßenzulassung 15 000 Euro gekostet. Aber das geht mittlerweile billiger, da man keine Pneumatik mehr braucht, weil die Stützen mittlerweile elektrisch funktionieren. Ein Umbau für die Rennstrecke kostet 1500 Euro, da hier nur die Schaltung modifiziert wird.

Wie lange dauert so ein Umbau?
Je nach Aufwand und je nach Motorradtyp zwischen einem und sechs Monaten.

Was hast du noch für Hobbys?
Ich tauche, fahre Kajak und betreibe meine zahlreichen Motorrad-Aktivitäten: Fahren auf der Rennstrecke, außerdem Supermoto und Motocross.

Himmel, wie funktioniert das denn?
Ja, da müssen halt nicht nur die Füße festgeschnallt werden, sondern auch mein Oberkörper. Vor allem bei den Sprüngen beim Motocross. Da ich mit den Füßen nicht ausbalancieren kann, muss ich mehr auf die Spur achten, das funktioniert aber schon ganz gut. Und die Sprünge hab ich drauf, die machen richtig Laune.

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