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Die Randlage im Westen der Neun-Millionen-Metropole Tokio ermöglicht Shiro, eine ­vergleichsweise große Fläche für sein Ladengeschäft mit angeschlossener Werkstatt ­einzunehmen ...

Porträt BMW-Tuner Ritmo Sereno Im Takt des Boxers

Wenn Shiro Nakajima dem Rhythmus seiner Boxer lauscht, hat er stets diese heitere, beschwingte Melodie im Kopf. Weshalb es für den BMW-Customizer aus Tokio nur einen Namen für seine Firma geben konnte: Ritmo Sereno. Doch seine Umbauten sind eher eines: fortissimo!

Die Geschichte beginnt wie überall auf der Welt: Es geht um die Frage, wer vorne fährt. Shiro Nakajima aus Tokio ist 18 und wie viele seiner Generation absolut ­motorradverrückt. Er kratzt sein Erspartes zusammen und kauft sein erstes Motorrad, eine Ducati 900 SS. Die rassige Diva aus Bologna gefällt ihm ausgenommen gut. Tolle Optik – und vor allem der gigantische Sound des V-Twins überzeugt den jungen Nakajimasan.

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Die Optik der K 75 gefiel dem Studenten gar nicht

Es hätte alles gut sein können, wenn da nicht sein Freund gewesen wäre. Der fuhr zu dem Zeitpunkt nicht nur eine BMW R 100 GS Paris–Dakar, sondern vor allem ihm auf der Straße stets davon. Shiro lächelt verschmitzt, wenn er diese Episode heute, zwei Jahrzehnte später, erzählt. Mit 18 war das aber ein riesengroßes Problem, das unverzüglich behoben werden musste. Eine BMW musste her. Schnellstmöglich.

Die erste, die dem Studenten über den Weg lief, war eine BMW K 75. Zwar kein Boxer, aber immerhin eine BMW. Und sie war günstig zu bekommen. Denn die Boxer waren zu diesem Zeitpunkt teuer, mit seinem Budget unbezahlbar. Immerhin konnte Shiro mit der 750er seinem Motorradkumpel nun auf Augenhöhe begegnen.

Das Einzige, was seiner künstlerischen Ader aber überhaupt nicht gefiel, war die Optik, weshalb Shiro der K gleich ein neues Design verpasste. Auch hier lächelt er wieder. Wilde Ideen seien das damals gewesen. Heute nicht mehr nachvollziehbar, was ihn zu diesem Hobby-Umbau getrieben habe. Und noch etwas störte Shiro. Die Klangkulisse des Dreizylinders hatte zwar auch etwas ganz Besonderes, aber das musikalische Gehör des Jazz-Gitarristen hatte sich inzwischen auf diesen wunderbaren Rhythmus des Boxers eingeschossen. Ein heiterer, beschwingter Klang. Wie der einer Serenade. Übersetzt in die international verständliche Sprache aller Musikliebhaber: Ritmo Sereno.

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Aus Garagentuning wurde ein richtiges Geschäft

Der K-Triple wich irgendwann dann doch noch einem Flat-Twin, und Shiro kurvte auf einer BMW R 100 R durch die Millionenmetropole Tokio. Auch dieses Modell musste natürlich optisch optimiert werden. Das sprach sich in der Szene rum, und aus Shiros Garagentuning erwuchs im Laufe der Jahre ein richtiges Geschäft, das nun seit über 13 Jahren genau diesen musikalischen Namen trägt.

Dem Erfolg kommt zugute, dass Japans BMW-Szene eine sehr vitale ist und ständig wächst. Heute sind es vor allem immer mehr Youngster, die auf die alten Boxer abfahren. Und denen entgegenkommt, dass die Zweiventiler mittlerweile leicht zu finden und entsprechend günstig sind. Allerdings fehlt gerade den Boxern der Strich-fünf-bis-sieben-Reihe noch die entsprechende Coolness für das lässige Urban Cruising – und genau hier setzen Shiros helfende Hände an. Pro Jahr stellt er rund 50 Umbauten im Kundenauftrag her. Bereits für umgerechnet 2000 Euro ist ein Boxer mit typischen Ritmo Sereno-Anklängen versehen. Der Aufbau eines Café Racers nach Art des Hauses kostet fix und fertig rund 6000 Euro, bei angeliefertem Motorrad versteht sich.

BMW R 100 RS für die Rennstrecke

Nach oben sind natürlich kaum Grenzen gesetzt. Spezielle Wünsche werden selbstverständlich auch erfüllt. Und die kommen immer häufiger. Denn der lässige Ritt durch die Lichter der Großstadt ist das eine, der harte Fight auf der Rennstrecke das andere. Japan steckt voller kleiner Rennserien, und in einer sind zum Beispiel nur Boxer erlaubt. Ohne weitere Limitierung. Also treffen auf der Piste Zwei- und Vierventiler aufeinander. Erstere brauchen natürlich noch etwas technische Zuwendung, um trotz eines beherzt reinhaltenden Piloten bestehen zu können. Gut, dass der Chef der kleinen Firma mit seiner Handvoll Mitarbeiter auch selbst engagiert am Kabel zieht, um seinen Kunden ein entsprechend abgestimmtes Motorrad aufbauen zu können.

Star im Ensemble ist seine eigene R 100 RS, die auf Basis einer 1986er-R 80 nicht nach historischen Motiven gestaltet ist, sondern vor allem auf dem Rundkurs überzeugen soll. Dazu zählt ein komplettes Öhlins-Fahrwerk mit 43er-Gabel und Solo-Federbein hinten. Die Reifen sind vorne auf ­eine Honda-, hinten auf eine R 1100 S-Felge aufgezogen. Der Motor ist mit Schmiedekolben und nikasilbeschichteten Zylindern aus dem Powerkit von Siebenrock bestückt, die Flachschieber-Vergaser kommen von Keihin, die Zwei-in-eins-Auspuffanlage ist handgemacht.

Die Werte von Prüfstand und Waage sind überzeugend: 80 PS, 165 Kilo. Shiros typisch japanisches, tiefgründig wirkendes Lächeln wandelt sich jetzt zu einem stolzen Grinsen: Mit der lasse er nun auch deutlich stärkere Vierventiler stehen. Die Pokalreihe hinter der schmucken Ladentheke ist stummer Zeuge ­dieser Ansage. Bleibt noch die Frage, was es mit der Startnummer 46 auf sich hat: eine Verneigung vor dem Ausnahmetalent Rossi? Nein, lächelt Nakajima-san, jetzt wieder verschmitzt: Es ist einfach nur die typische Lesart seines Vornamens in japanischen Ziffern. Shi für vier, Ro für sechs.

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