Porträt Steve Wheatman RG-Rennmotorräder / Werksmaschinen von Suzuki

Der Sammler Steve Wheatman hat sich auf die RG-Rennmotorräder von Suzuki spezialisiert, und da ganz besonders auf die raren Werksmaschinen.

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Steve Wheatman ist das Gegenteil eines extravaganten Millionärs. Generös verleiht er seine wertvollen Spielzeuge an Fahrer, die sie in der Vergangenheit bewegt haben. Von der Boxenmauer aus genießt er in aller Stille die Momente, wenn Marco Lucchinelli, Randy Mamola, Phil Read, Mick Grant, Tepi Länsivuori oder Franky Chili seine Preziosen bewegen. Und obwohl seine Kollektion überall Aufmerksamkeit erregt, hält er sich in Jeans, T-Shirt und eine graue Jacke gekleidet stets dezent im Hintergrund. Vor sechs Jahren begann er Rennmotorräder zu kaufen und ist heute Besitzer der wahrscheinlich weltweit größten Privatsammlung von Suzuki-Werksmotorrädern.

Er ist sich selbst nicht ganz sicher, woher seine Begeisterung für die Suzuki-Renner stammt. Es muss wohl etwas mit Barry Sheene, dem großen Helden der goldenen Ära des Grand Prix-Sports zu tun haben, wie er sich ausdrückt. Vom ersten, hart verdienten Geld kaufte er sich mit 16 ein Suzuki-Moped. Doch bereits mit 17 war eine 250er-Yamaha an der Reihe. Seitdem hat er immer ein Motorrad besessen. Anfangs der 1980er versuchte er sich in der klassischen Rennerei, war damit aber nicht sonderlich erfolgreich. Und als sich vor etwa sechs Jahren die Gelegenheit bot, eine Sammlung aufzubauen, nahm Wheatman die Chance wahr.

Sein erstes echtes Rennmotorrad war eine Suzuki RG 500 Mk 1. Sie stellte die Verbindung zu Barry Sheene her. Danach kaufte er eine weitere RG, die ebenfalls in Grand Prix eingesetzt worden war. Anschließend machte er eine Ausnahme und erwarb eine 250er-Honda, die Joey Dunlop einst bewegt hatte. Er besitzt das Motorrad bis heute, hat es aber noch nie gestartet. Dann besann er sich zurück auf seine Lieblingsmarke und begann Werks-Suzukis zu kaufen. Fast unglaubliche 14 Exemplare der Baujahre von 1978 bis 1999 besitzt er mittlerweile. Das klingt zwar unwahrscheinlich, da die Werksteams ihre Rennmotorräder am Ende der Saison zurückgeben mussten. Doch diverse Teams handhabten dieses heikle Thema auf ihre Weise. Heron Suzuki, in England stationiert, schickte Motorräder und Teile zurück, während Barry Sheene in seinem Vertrag verankert hatte, dass er am Ende des Jahres ein Motorrad behalten durfte. Doch bei Grand Prix-Teams wie Gallina ist sich Wheatman ziemlich sicher, dass sie dieses Thema ganz unterschiedlich interpretierten. Diverse Motorräder landeten in Kellern italienischer Sammler. Diese Maschinen und Ersatzteile bilden das Fundament von Wheatmans heutiger Sammlung. Die meisten seiner Bikes entstammen dem Gallina-Team. Sie waren aber nie restauriert worden, da die Besitzer Angst hatten, Suzuki könne es herausfinden und wolle Motorräder und Teile zurückhaben. Doch immer, wenn Wheatman mit Leuten von Suzuki Großbritannien Kontakt aufnahm, zeigten sie sich äußerst hilfsbereit. Niemand hat bis jetzt Ansprüche angemeldet.

 

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Die ersten Werksmaschinen der Sammlung, XR 45 und XR 70, hatten der 1982er-Weltmeister Franco Uncini, der Südafrikaner Dave Peterson und Franky Chili eingesetzt. Danach stolperte der engagierte Brite regelrecht über eine 1980er-Ex-Marco Lucchinelli-RGB und ein ähnliches Motorrad von Graziano Rossi, seinem Teamgefährten. Als Lucchinelli, der 500er-Weltmeister von 1981, das Motorrad zum ersten Mal in Spa-Francorchamps erblickte, brach es spontan aus ihm heraus: „Das war mein Motorrad.“

Wenn es um realistische Preise geht, erklärt der 51-jährige Wheatman, dass eine Werksrennmaschine etwa vier- bis fünfmal so viel kostet wie ein entsprechender Production Racer. Augen und Ohren offen zu halten kann sehr hilfreich sein, lernte der Sammler. So erfuhr er eines Tages, dass ein früheres Barry Sheene-Motorrad zum Verkauf stand. Es war die Ausführung, die Sheene bei seinem Kampf um die Spitze mit Kenny Roberts 1979 in Silverstone bewegt hatte. Die Suzuki war ursprünglich im Donington-Museum ausgestellt und ging dann an einen Liebhaber, bevor sie wieder auf den Markt gelangte. Danach erwarb Wheatman noch drei weitere Barry Sheene-Suzukis, die er auf unterschiedlichsten Wegen fand. Wie eine RG 500 von Tepi Länsivuori. Szenekenner Steve Griffith hat die meisten der Motorräder aufgefunden, doch einige zog Wheatman dank seiner Kontakte nach Japan selbst an Land. Er ließ drei Werksmotorräder von Japan einfliegen und in England restaurieren.

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Eine Menge erfuhr er auch durch Mund- zu-Mund-Propaganda. Und obwohl er erst seit sechs Jahren Suzuki-Renner sammelt, hat er jede Menge spannender Geschichten auf Lager. „Als ich ein Graziano Rossi-Motorrad in Japan kaufte, kam ich mit dem Besitzer in Kontakt, der bei Suzuki einst Mechaniker gewesen war. Er versicherte mir, dass es sich um ein originales Ex-Rossi-Motorrad von 1980 handelte. Die Bilder, die er mir zuschickte, stimmten mit der 1980er-Lackierung aber überhaupt nicht überein, allerdings waren überall die Initialen GR eingestempelt.“

Das Motorrad war 1984 an das Werk in Japan zurückgegangen und wurde in einem Film eingesetzt, für den es eine hässliche Lackierung erhielt. Nach den Aufnahmen nahm der Mechaniker das Motorrad an sich und behielt es. Das Lucchinelli-Motorrad stand dagegen in irgendeinem Wohnzimmer in Kalifornien, wo es ein Freund eines Freundes entdeckte. Die Bilder, speziell die Aufnahmen vom Motor, überzeugten Wheatman restlos. Die Rahmen und Motoren der Werksrenner unterscheiden sich von denen der Production Racer. Die Rahmen lassen sich nachbauen, nicht aber die Motoren, die Nummern wie zum Beispiel XR 27 oder XR 40 tragen.

Wegen der Exklusivität der raren Stücke legt Wheatman nicht selbst Hand an. Er verfügt über geschulte Leute wie die Ex-Werksmechaniker Nigel Everett und Martin Ogborne, welche die Renner optimal vorbereiten. Eines dieser technisch hochinteressanten Stücke ist eine Ex-Paul Lewis-Maschine mit Kohlefaser-Chassis von 1986 und 1984er-Werksmotor. Der Neuseeländer hatte damit wenig Erfolg, trotzdem schätzt Wheatmen die exotische Maschine: „Ich bewundere sie, obwohl sie nicht zum Einsatz kommt, da niemand sagen kann, wie lange das Karbon-Chassis hält.“

Ein weiterer hochinteressanter Prototyp ist ein V4-Motor von 1987. Suzuki Great Britain erhielt als einziges Team dieses Triebwerk und baute dafür ein Kohlefaser-Chassis. Doch dann verbot Suzuki den Einsatz von Kohlefaser. Wheatman ergatterte einen der beiden Karbon-Rahmen und hofft, ihn bald einsetzen zu können. Auch eine Kevin Schwantz-RGV ist irgendwo in Frankreich untergetaucht. Die würde der Brite gern besitzen, doch sie steht nicht zum Verkauf.

Wheatmans Kollektion umfasst momentan 30 Rennmotorräder. Er ist allerdings noch immer auf der Jagd nach mehr. Vor fünf Jahren hatte er die Gelegenheit, ein 1978er-Modell zu kaufen, aber nicht das Geld dafür. Als er es hatte, war der Renner verkauft, ist nie wieder aufgetaucht und vermutlich in einer Sammlung verschwunden. „Wir wollen, dass die Motorräder für Einsätze vorbereitet und präsentiert werden. Und falls die Motoren hochgehen oder jemand herunterfällt, ist alles reparabel. Es wird immer schwieriger, weitere Stücke aufzutreiben, deswegen ist es wichtig auf jene gut aufzupassen, die man hat“, so Wheatmans Credo.

Aus der Sammlung stechen Wheatmans Lieblingslackierungen in Weiß-blau, Rot-schwarz-gelb von Heron Suzuki und die italienischen Gallina-Motorräder in Schwarz-weiß, sowie die gelb-blau-weißen HB-Suzukis heraus. Manche Motorräder würde er sogar verkaufen, doch sie haben alle ihre eigene Geschichte und wecken bei jedem Einsatz Erinnerungen.

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Der Brite hört nie auf, über Projekte nachzudenken: „Manchmal diskutieren wir über den Nachbau einer Mark 1-Replika, weil so wenige übrig geblieben sind. Viele Leute würden gerne eine besitzen, vielleicht bauen und verkaufen wir eines Tages ein solches Motorrad, obwohl wir vollauf beschäftigt sind, unsere Motorräder am Laufen zu halten.“ Eine andere Überlegung betrifft die Einbindung des legendären Teamchefs Roberto Gallina, mit dem Wheatman ständig in Kontakt steht. Er kennt das exklusive TGA1-Projekt, das Gallina 1984 mit Massimo Tamburini initiierte. Es hatte eine Verkleidung, die den Motor völlig umschloss, aber wegen seiner schlechten Handlichkeit nie zum Einsatz kam. Roberto Gallina besitzt den vermutlich einzigen überlebenden Rahmen, doch dazu müsste man einen XR 45-Motor aus der Sammlung hernehmen.

Bei Steve Wheatmans letztem Neuzugang handelt es sich um die RGV 500 von Kenny Roberts Junior, der damit 1999 drei Grand Prix-Siege einfuhr. „Kenny liebte diese Maschine, weil er auf ihr seinen ersten Grand Prix gewann. Trotzdem entschloss er sich, sie zu verkaufen, allerdings für einen Preis, der einem die Tränen in die Augen treibt“, erzählt ein glücklicher Steve Wheatman. Doch eine V4 stand schon lange auf seiner Wunschliste. Er erstand die RGV direkt von Kenny Roberts Junior, der mit dem Renner 1999 Vize-Weltmeister geworden war.

Eine beruhigende Überlegung ist es für den Besitzer, die Motorräder verkaufen zu können, doch man kann sich nur schwer vorstellen, dass ein so engagierter Sammler wie Steve Wheatman seine raren Stücke jemals veräußern würde. Hinter all dem steckt eine Überlegung: „Auf längere Sicht sind diese Motorräder eine lohnende Investition, nehmen sie doch im Wert ständig zu. Nicht schlecht, wenn ich mich einmal zur Ruhe setze.“ Und mit einem schelmischen Lächeln fügt er hinzu: „Ich könnte dann eines pro Jahr verkaufen, das sollte reichen.“

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