Szene Porträt Fritz Röth

Seit 50 Jahren hat sich Fritz Röth dem Motorradgeschäft verschrieben. Als Importeur hält er den Marken-Rekord, sogar Moto Guzzi, Ducati und Suzuki stehen auf seiner Liste.

Foto: Winni Scheibe

Die drei wichtigsten Faktoren für den Erfolg eines Geschäfts sind Lage, Lage und nochmals Lage. Nach dieser Weisheit wäre Hammelbach im Odenwald als Standort unbedingt zu meiden. Für Motorradfahrer allerdings lag dieser Ort lange im Zentrum des Kosmos, vor allem für die Italo-Fraktion.

 

In Hammelbach nämlich führte Fritz Röth seinen Zweiradbetrieb: "Italienische Motorräder waren schon immer anders als NSU, Horex und BMW, anders als die Engländer und Amis sowieso. Deshalb haben wir von Aermacchi über Benelli, Bimota, Ducati, Moto Morini bis Moto Guzzi alles importiert und deutschlandweit über Händler verkauft. Wir waren immer ein Ansprechpartner, manche Kunden kamen nur auf einen Plausch vorbei, andere besorgten Ersatzteile oder brachten ihr Fahrzeug zur Durchsicht. Den größten Moment erlebten viele, wenn sie ihre neue Maschine bei uns abholten. Der Standort war nie ein Nachteil, im Gegenteil: Viele unserer Kunden fuhren gern in den Odenwald, verbanden den Besuch bei uns mit einer Motorradtour." 

Bis heute kommen ehemalige Kunden gern vorbei, um Hallo zu sagen oder sich die kleine, feine Oldtimer-Sammlung anzusehen. Wann immer er kann, kümmert sich der Chef persönlich um seine Besucher. Zu jeder Maschine kann er etwas erzählen, bei der Geschichte seines Geschäfts ist er vorsichtiger: "Von wann bis wann wir welche Marke importiert oder vertrieben haben, weiß ich nicht auswendig. Die Bürokratie haben meine Mitarbeiter erledigt; ich war und bin Technik-Fan." Für Fritz Röths Bodenständigkeit gibt es Gründe. Der Röth’sche Familienbetrieb ist 1873 als Gemischtwarenladen gegründet worden. Fritz, Jahrgang 1939, wächst zwischen Lebensmitteln, Nähmaschinen, Gartengeräten, Fahrrädern und einer Tankstelle mit Werkstatt auf. Die Röths reparieren, was die Leute bringen; für NSU-Motorräder sind sie als Vertragshändler zuständig.

 

"Motorräder haben mich besonders interessiert. An meine erste Testfahrt über die Wiese unseres Nachbarn erinnere ich mich genau. Ich war elf Jahre, das Motorrad eine 98er-Anker mit Fichtel & Sachs-Zweitakter. Danach war mir klar: Wenn ich groß bin, werde ich Motorradrennfahrer." In den 1950er-Jahren entstehen in der Bundesrepublik Deutschland so viele Motorräder wie sonst nirgends, über 2,2 Millionen Maschinen sind zugelassen. Dieser Bestand rutscht jedoch bis Mitte der 1960er Jahre auf 415 000 ab; das gelobte Wirtschaftswunder verändert den Markt radikaler als jede Abwrackprämie. Wer etwas auf sich hält, trägt Hut, fährt Auto, bleibt sauber. Die armen Schweine auf ihren stinkenden Mühlen betrachtet er mitleidig, despektierlich oder argwöhnisch. NSU, ein paar Jahre vorher noch Weltmarktführer im Motorradbau, brachte es 1966 unverhohlen zum Ausdruck: "NSU wird nie wieder Motorräder bauen, die Zukunft gehört dem Auto."

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Foto: Archiv Röth

Fritz Röth hat inzwischen seine Ausbildung im elterlichen Betrieb absolviert, und Motorradrennfahrer ist er auch: An Geländewettbewerben beteiligt er sich erfolgreich – zunächst mit einer 125er-NSU, später auf der 250er-NSU Max. Er gewinnt die hessische Geländemeisterschaft, holt Gold bei Zweitagesfahrten, doch der Traum vom Werksfahrer erfüllt sich nicht. Unter der Woche ist das Motorradgeschäft in Schwung zu halten, allein vom Rennfahren kann er nicht leben. Allen Prognosen zum Trotz glaubt Fritz Röth an das Motorrad.

 

Im Frühjahr 1960 bringt der Hamburger Motorradhändler Karl Heinz Meller die ersten Hondas nach Deutschland. Wenig später stehen die japanischen Maschinen auch in Hammelbach. "Im Vergleich mit deutschen Fabrikaten sahen die Hondas sehr exotisch aus. Nur wenige trauten den hoch drehenden Zweizylinder-Viertaktern etwas zu, es konnte ja so viel kaputt gehen. Wer sollte dann das Motorrad reparieren, und wie? Woher die Ersatzteile beschaffen? Umso größer war die Überraschung, als die Motoren wie Uhrwerke funktionierten und fast nicht kaputt gingen. Ein neues Zeitalter war angebrochen."

Wer in den 1960er-Jahren Motorräder verkaufen will, braucht Ideen. Fritz Röth spezialisiert sich auf italienische Sportler. Im Transporter holt er Maschinen von Ducati, Moto Morini, Aermacchi und Benelli in den Odenwald, sorgt für die TÜV-Abnahme, sichert den Service und die Ersatzteilversorgung. Ab 1964 ist er offizieller Moto Guzzi-Importeur für Deutschland. "Das hörte sich toll an, aber der Anspruch war hoch. Wir mussten ganz schön schuften, ein Händlernetz aufbauen, das Teilelager bei uns im Haus pflegen. Service, Garantieabwicklung und Buchhaltung hatten wir außerdem zu organisieren.

 

Trotzdem kam es immer wieder vor, dass etwas nicht klappte. Wenn Ersatzteile nicht geliefert wurden, bin ich mit unserem Transporter zu Moto Guzzi nach Mandello gefahren. Da kannte man mich schon; was wir brauchten, wurde direkt vom Montageband eingeladen, und ab ging die Post zurück nach Hause. Immer wieder fanden wir an den Motorrädern technische Details, die sich verbessern ließen. Wir haben unsere Ideen dem Werk vorgeschlagen, und fast immer flossen sie in die Serienproduktion ein. Es war eine gewaltige Herausforderung, aber Spaß hat es gemacht."

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Foto: Archiv Röth

Im Herbst 1966 liest Fritz Röth in Das MOTORRAD einen Testbericht über die Suzuki T20, laut Ernst Leverkus "die schnellste 250 ccm-Serienmaschine, die ich bis heute auf dem Nürburgring gefahren habe". Um den Import kümmert sich damals mehr schlecht als recht Capri Agrati in Köln. Drei Jahre später reist Fritz Röth gemeinsam mit dem Schweizer Suzuki-Importeur Jean Wildberger nach Hamamatsu ins Suzuki-Stammwerk. Die Verhandlungen sind ein voller Erfolg: Ende 1971 wird die Firma Zweirad Röth in Hammelbach offizieller Suzuki-Generalimporteur für Deutschland.

"Die Arbeit begann für uns bei Null. Von Hammelbach aus bauten wir das Vertriebsnetz auf und verbuchten sensationelle Zuwachsraten. Händler und Kunden waren vollauf zufrieden, und Suzuki in Japan anscheinend auch." Die Zusammenarbeit mit Moto Guzzi endet 1973, Fritz Röth kann sich nun mit allem Elan auf Suzuki konzentrieren: "Mitte der 1970er-Jahre war mächtig was los: Honda hatte eine Werksniederlassung in Offenbach, Kawasaki in Frankfurt, für Yamaha war Mitsui in Düsseldorf zuständig. Anfang 1976 wollten die Japaner den Standort in die Nähe des Flughafens von Düsseldorf oder Frankfurt verlegen: Eine Weltfirma wie Suzuki gehöre in eine Metropole. Beim nächsten Besuch sollte eine Entscheidung fallen. Wir aßen mit den Managern Hidaka, Masuda und Ikegami in Heppenheim zu Mittag. Anschließend habe ich sie gebeten, sich die Uhrzeit zu merken, und sie dann mit meinem BMW mit Höchstgeschwindigkeit zum Frankfurter Flughafen chauffiert. Angstschweiß stand ihnen auf der Stirn, andererseits konnten sie ihre Begeisterung kaum verbergen; so schnell waren sie noch nie gefahren. In knapp 30 Minuten waren wir am Flughafen. Danach wurde mein Vorschlag, den Firmensitz nach Heppenheim zu verlegen, sofort akzeptiert."

Mit dem Umzug Mitte 1976 gründet Fritz Röth die "Suzuki Motor Deutschland GmbH". Auf Wunsch der Japaner verpflichtet er als Technischen Leiter Ernst Degner, der als MZ-Werksfahrer 1961 aus der DDR in den Westen geflüchtet war. Damals hatte er in Suzukis Versuchs- und Rennabteilung Unterschlupf gefunden, wurde Werkspilot und 1962 erster 50-cm³-Weltmeister; solche Heldentaten vergisst eine Marke nicht. Rund 25 Mitarbeiter erledigten den Vertrieb und Service der ein-, zwei- und dreizylindrigen Zweitakt-Maschinen zwischen 50 und 750 cm³. Das Gastspiel in Heppenheim währt jedoch nicht lange. Ende 1976 steigt Fritz Röth aus dem Geschäft aus, zu sehr liegen die Zukunftsvorstellungen auseinander. In Japan ist man der Meinung, die "Suzuki Motor Handels GmbH" könne in Deutschland mehr Motorräder verkaufen.

Foto: Archiv Röth

Die Trennung bedeutet für Fritz Röth keineswegs den Weltuntergang. Sein Betrieb im Hammelbach hat sich weiterhin um Motorräder aus Italien, dabei hauptsächlich um den Ducati-Import, gekümmert. Auf 50 Jahre Motorradgeschäft blickt Fritz Röth zurück. Er stapelt gern ein bisschen tief, gibt vor, sich nicht mehr an jede Marke erinnern zu können. Es waren genau 42 Hersteller! Mit seinen Erlebnissen könnte man ein Buch füllen. Hat er denn nach all den Jahren eine Lieblingsmarke?

"Vom Spaß, dem Herzblut und den Emotionen her war es Moto Guzzi. Die italienische Mentalität und die Begeisterung für den Motorradbau waren mit nichts vergleichbar, bei allen Unzulänglichkeiten. Wer damals eine italienische Maschine fuhr, kannte sich mit der Technik aus. Und damals wussten die Motorradfahrer genau, wer wann den letzten WM-Lauf gewonnen hatte; der Motorsport stand immer im Mittelpunkt. Wir haben Rennfahrer wie Dieter Braun unterstützt und zig Marken-Cups organisiert. Meine Lieblingsmarke mit Blick auf die Professionalität und die Technik war Suzuki. Die Geschäftsbeziehung zu den Japanern würde man heute 'Big Business' nennen: Zahlen, Fakten, Umsätze. Zu unseren Kunden haben wir mit dem Spruch 'Wir, die Suzuki-Familie' eine persönliche Kommunikation aufgebaut." Fritz Röth lehnt sich zurück und schaut in die Zukunft. Die wird anders werden, als wir sie uns vorstellen. Er ist überzeugt, dass der Elektroantrieb sich durchsetzen wird. Es wäre nicht das erste Mal, dass er Recht behält.

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