Albert Keller hat das Patent auf die propellergetriebene Regenschutzscheibe.

Propellergetriebene Regenschutzscheibe "Scheibenwischer" für Motorradfahrer

Besseren Durchblick bei Regen. Den soll Albert Kellers propellergetriebene Regenschutzscheibe bieten. Sechs Jahre hat es gedauert, bis er das Patent darauf hatte. Einige 10.000 Euro hat er schon hineingesteckt. Ein realitätsfremder Spinner? Ganz und gar nicht.

Foto: www.bilski-fotografie.de
Wenn er nicht gerade in seiner Werkstatt mit zwei Angestellten Autos repariert, denkt Albert Keller (rechts) nach. Seine besten Ideen hat er mit Kreide an die Decke skizziert.
Wenn er nicht gerade in seiner Werkstatt mit zwei Angestellten Autos repariert, denkt Albert Keller (rechts) nach. Seine besten Ideen hat er mit Kreide an die Decke skizziert.

Mit 13 hat er eine mechanische Hilfe fürs Rückwärts-Einparken erfunden. „Damit sich die Mama mit dem Auto nicht immer so schwertut“, dachte der Bub damals. 30 Jahre ist das jetzt her. Längst haben Elektronik und Sensorik von Bosch, Conti und Co. das Einparken bestens im Griff. Doch der Bauplan von damals existiert noch. Als Kreideskizze an der Decke von Albert Kellers Arbeitszimmer. Dort hat der Automechanikermeister alle seine Erfindungen festgehalten. Auch wenn er sie nicht so nennen mag und die meisten, wie die mechanische Einparkhilfe, nie Realität geworden sind.

Mit der Regenschutzscheibe ist es anders. Die ist zwar auch an der Decke zu finden. Liegt aber gleichzeitig sehr real vor Keller auf dem Küchentisch. „Das daneben waren die Prototypen, die ich schnell mal zusammengeschweißt habe“, erzählt er, „noch mit Federn und Wischergummis – hat geschüttelt ohne Ende.“ Seine Regenschutzscheibe aber läuft ruhig und funktioniert, MOTORRAD hat’s ausprobiert. Trotzdem bereitet sie Keller Kopfzerbrechen. Denn jetzt muss er sie vermarkten, was den Tüftler zwingt, Dinge zu tun, die für ihn völlig untypisch sind.

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Honda CB 750 C seit 28 Jahren

Sein Handy zu benutzen, zum Beispiel. „Ich habe zwar eines, aber es ist meistens aus. Und es ist auch bloß ein Telefon, ein Smartphone habe ich noch nie besessen“, meint er entschuldigend gegenüber MOTORRAD. Denn Journalist und Fotograf hatten versucht, ihn anzurufen, als klar war, dass sie sich auf dem Weg zu ihm ins 240-Seelen-Dorf Hintschingen um eine Stunde verspäten würden. Aber Keller ging mal wieder nicht ran. „Macht nix“, meint er. „Ich hatte noch genug anderes zu tun.“

Kellers Honda, eine CB 750 C, Baujahr 1980, passt da gut ins Bild. Den vollanalogen Vierzylinder fährt er nicht etwa, weil old school wieder modern ist. Abgesehen von einer selbst restaurierten DKW 175 vom Vater, einem Landmaschinenmechaniker, hatte Albert Keller noch nie ein anderes Motorrad – die Honda besitzt er seit 28 Jahren. „Die meisten meiner Kumpels hier haben Ducatis und lachen mich immer aus“, erzählt er. „Aber wehe es wird mal kurvig und eng. Dann kommen sie mir mit ihren unhandlichen Dingern nicht hinterher.“

Foto: www.bilski-fotografie.de
Aus der Idee vom Sofa wurden die Prototypen, doch sie funktionierten nicht.richtig.
Aus der Idee vom Sofa wurden die Prototypen, doch sie funktionierten nicht.richtig.

Eine Tour mit den Kumpels war’s auch, die Albert Keller auf die Regenschutzscheibe brachte: „Pfingsten 2009, wir waren auf dem Rückweg aus Italien und es hat gepisst ohne Ende.“ Im Blindflug über die Alpen machte nicht wirklich Spaß. Er ging das Thema auf die für ihn typische Weise an, völlig rational: „Daheim auf dem Sofa, da denke ich immer über Probleme nach und suche nach Lösungen.“

Sechs Jahre hat es gedauert, bis ihm das Stuttgarter Patentamt schließlich 2015 grünes Licht gab. Ganz offiziell und geschützt gilt die Regenschutzscheibe nun als Albert Kellers Erfindung. Sie ist sein drittes Patent, nach zwei Versionen eines Gruppenspiels, bei dem die Mitspieler mit Luftdruck Stahlkugeln in verschiedene Ziele verschießen – „ähnlich wie bei einem Flipper, nur größer“. Ein namhafter Spiel-Anbieter hat sich seinerzeit dafür interessiert, dann aber abgewunken. Zu kompliziert. „Von allen Patenten schaffen es nur zwei Prozent auf den Markt“, sagt Keller. Die Regenschutzscheibe hat er BMW zum Testen vorgelegt: „Die haben sich ernsthaft damit beschäftigt und dann aber festgestellt, dass es ein ähnliches System in den USA bereits gab. Da hatte ich das Patent aber schon.“ Auch in der Schifffahrt, weiß Keller heute, werden elektrisch betriebene Schleuderscheiben eingesetzt.

Die runden Plexiglasscheiben lasert ein Betrieb im Schwarzwald, die Alu-Distanzstücke lässt Keller in der Nachbarschaft drehen, die Kugellager kauft er von SKF. Doch die Bestellungen übers Internet (www.regenschutzscheibe.de) kommen äußerst spärlich. „Das Problem ist: Motorradfahrer sind eitel,“ hat er auf diversen Motorradmessen und in vielen Gesprächen festgestellt. „Dabei stört es bei Regen keinen, sich einen unförmigen Sack überzuziehen. Regenkombis schauen doch auch scheiße aus!“ Nach einer ersten Vorstellung in MOTORRAD (16/2016) hat sich nun ein Biker-Magazin aus Australien bei ihm gemeldet. „Die testen die Regenschutzscheibe gerade auch“ erzählt er. Vielleicht wird das der Durchbruch?

Foto: www.bilski-fotografie.de
Erst die Scheibe sorgt für richtigen Durchblick.
Erst die Scheibe sorgt für richtigen Durchblick.

So funktioniert’s

Freie Sicht trotz Regen? Wir kennen das alle, dicke Regentropfen perlen meist ab, aber aufgeschleuderte Gischt ist fies, die Handschuhe sind vom ständigen Wischen durch, es ist duster und die Rücklichter voraus verschwimmen in einer finsteren Suppe. Per Saugnapf etwa auf Nasenhöhe aufs Visier gepappt, versetzt der Propeller durch den Fahrtwind die Plexiglasscheibe in Drehung. Die Fliehkraft schleudert die Tropfen ab, die Sicht verbessert sich deutlich. Nur vereinzelte Tröpfchen sammeln sich hinter der drehenden Scheibe auf dem Visier. Der Saugnapf hält auch bei Tempo 130, Drehen des Kopfes ist kein Problem. Für alle Fälle sichert ein Gummiband vor Verlust der Regenschutzscheibe. Behördliche Bedenken gegen die Scheibe gibt es nicht, sie zu benutzen ist legal. Ab 40 Euro plus Versand.

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