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PS.Speicher in Einbeck eröffnet Erlebnisausstellung historischer Fahrräder, Motorräder und Automobile

Im Fachwerkstädtchen Einbeck, in einem alten Kornhaus, hat eröffnet, was zum Mekka der deutschen Klassik-Szene werden könnte: der PS.Speicher.

Nicht im Verborgenen, aber durchaus mit Diskretion hatte ein Kaufmann aus dem süd­lichen Niedersachsen im Lauf der letzten 60 Jahre die weltweit wohl größte Sammlung deutscher Motorräder zusammengetragen. Einige Drei- und Vierräder noch hinzugerechnet, lagerten in seinem Depot über 1000 meist fahrtüchtige Kraftfahrzeuge. Jede große Marke, ob BMW, NSU, Zündapp oder Wanderer, war mit einer ­repräsentativen Auswahl vertreten, bedeutende Exoten fehlten ebenso wenig wie populäre Massentransportmittel. Mit zunehmendem Alter begriff der Kaufmann, dass sein Vergnügen, diese Sammlung nämlich, von beträchtlicher historischer Bedeutung war, und er stellte sich der daraus entstandenen Verantwortung. Karl-Heinz Rehkopf, so heißt der Mann, beschloss, seinen Schatz im PS.Speicher für alle zu öffnen.

Nur wo, denn die denkmalgeschützte ehemalige Tapetenfabrik, in der er ihn aufbewahrte, platzte längst aus allen ­Nähten. Da erreichte ihn die Kunde, just in seinem Wohnort Einbeck und unweit der Tapetenfabrik suche das alte Kornhaus nach neuer Verwendung. Ende des 19. Jahrhunderts errichtet, überragt sein sechsstöckiger Lagerturm das winklige Fachwerk der Innenstadt, ein riesiges ­Außengelände eröffnet alle erdenklichen Möglichkeiten. Rehkopf konnte nicht widerstehen. Er kaufte den Speicher und gründete die Stiftung Kornhaus. Das war im Jahr 2009. Danach haben viele Leute viel geschuftet und manche viel investiert, und seit 23. Juli 2014 hat der PS.Speicher eröffnet – ein Märchen wurde wahr.

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"Räder, die uns bewegen"

Räder, die uns bewegen: Bereits das Motto der Ausstellung im PS.Speicher verdeutlicht, dass die Macher über den Tellerrand des rein Technischen blicken wollen. Natürlich stehen herrliche und mechanisch herausragende Motorräder zur Schau, aber wichtiger noch bleibt stets, was Motor­räder mit den Menschen gemacht haben. Wozu sie ihnen dienten. Rehkopf selbst hat sich sein erstes Motorrad als Schüler eigenhändig verdient. Und noch heute schwärmt der mittlerweile 77-Jährige, wie sehr ihn diese 100er-Victoria von 1936 beflügelte. So ging es allen, die dank RT 125, Quickly oder Schwalbe endlich, endlich halbwegs bequem zur Arbeit und ins Wochenende kommen konnten.

Dadurch hat das Motorrad, vor und nach dem Krieg, in Deutschland gewiss seine größten Verdienste gesammelt, und die didaktisch hervorragende Ausstellung im PS.Speicher verdeutlicht das selbst jenen, die erst in den bunten 70ern zum Kraftrad kamen. Von den Anfängen mit schwachbrüstigen Motoren und wackeligen Fahrradrahmen im sechsten Stock geht es abwärts bis zur Zukunft mit noch unerforschten Kraftquellen. Alles nicht nur lehrreich, sondern liebevoll und detailbesessen zu eindringlichen Bildern gestaltet. Man möchte immer weiter schauen und überrascht werden von dem, was die genialen Ausstellungsmacher der Agentur ö_konzept da aufgebaut haben. Die Sachsen durften vorher übrigens schon mal üben, als sie im Auftrag von Audi das Horch-Museum in Zwickau konzipierten.

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Tragende Rolle spielen deutsche Motorräder

Im PS.Speicher in Einbeck nun liefern sie ganz große Kunst ab: Im Foyer fährt ein extrem seltenes, im Art déco-Stil gestaltetes Majestic-Gespann die Wand hoch, in einer Milchbar steht ein Jahrmarktskarussell voller bunter Roller und 50er, das Wehrmachtsgespann findet in einer Trümmerlandschaft seinen passenden Parkplatz, die Simson Schwalbe ruht sich auf einem Campingplatz aus, ein Prototyp der nie gebauten Zündapp KS 350 hat es bis in die Disco geschafft.

Ein Schwelgen und Träumen, dabei sind sämtliche Motorräder auch außerhalb dieser Szenen äußerst anregend platziert. Mal in Transportkisten, mal auf einem T-Träger, mal in einem Schaukasten. Erst in den letzten Jahren hat Karl-Heinz Rehkopf seine Sammlung um et­liche Stücke aus Japan, Italien oder England erweitert. Das ist gut so, denn ohne die Boom-Zeit wäre diese Ausstellung nicht glaubwürdig. Räder, die uns bewegen. Deshalb dürfen auch Autos nicht fehlen, allemal nicht jene Schätzchen, die aus der Kleinwagensammlung Störy stammen und den Wunsch nach einem Dach überm Kopf illustrieren. Die tragende Rolle aber spielen deutsche Motorräder: Sie bilden die Brücke zur eigenen, zur deutschen Geschichte, und sie dürfen sich als be­deutender Teil der deutschen Industrie­geschichte zeigen. Dem PS.Speicher zu Einbeck sei Dank.

Foto: PS.Speicher
In der Dauerausstellung begeben sich die Besucher auf eine Zeitreise von den ersten Fahrrädern bis hin zu aktuellen Zukunftsvisionen.
In der Dauerausstellung begeben sich die Besucher auf eine Zeitreise von den ersten Fahrrädern bis hin zu aktuellen Zukunftsvisionen.

Weitere Informationen zum PS.Speicher

Adresse: PS.Speicher, Tiedexer Tor 3, 37574 Einbeck

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr (Dienstag: Veranstaltungen für angemeldete Gruppen/Schulklassen)

Preise: Erwachsene 12,50 Euro, ermäßigt 7,50 Euro, Familienkarte 30 Euro, Gruppenpreis ab 20 Personen: 10,50 Euro pro Person

Website:www.ps-speicher.de

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