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Wolfhart Krischkes Rennmaschinen-Sammlung.

Rennmaschinen-Sammler Wolfhart Krischke im Porträt Geschichte des Straßenrennsports

Eigentlich sammelt der Rennfan Wolfhart Krischke nur Maschinen, die bei einem Grand Prix gestartet sind. Hin und wieder rutscht ihm eine durch. Aus der Formel 750.

Manche Tempel beeindrucken die Gemeinde mit Wucht und Größe, andere durch Vielfalt und Fantasie. Auf jeden Fall bleibt nach dem Eintritt kurz die Spucke weg, und just das passiert auch, wenn Wolfhart Krischke gläubige Freunde des Motorradsports in seine Sammlung einlässt. Da fällt einem nichts mehr ein, das rangiert, um im Bild zu bleiben, irgendwo in der Nähe einer Wallfahrtskirche, steckt voller Hingabe und Leidenschaft und bunter Details, nur nicht so blank geputzt. Nach verhaltenem Entree – die Gaststube eines ehemaligen Wirtshauses hat der Besitzer vorrangig mit alten Siegerpokalen dekoriert – eröffnen angrenzende Nebenräume einen tiefen Seitenblick in die Geschichte des Straßenrennsports.

Dicht an dicht stehen die Maschinen, so dicht, dass sie mehr verbergen als preisgeben. Yamaha, Honda, Suzuki, Aprilia, Bimota, noch kann der Besucher folgen, aber jetzt dreht Wolfhart Krischke erst richtig hoch. Zeigt hier auf eine 125er-dohc-CZ, dort auf das 350er-ohc-Gegenstück, beide aus den 50er-Jahren, richtet die Aufmerksamkeit mal auf eine 250er-Garelli-V2, dann auf eine König mit BMW-Getriebe und Kardan. Noch plaudert er über einen Suzuki TR 500-Motor im Segoni-Rahmen, kurz darauf stellt er eine RG 500 mit Bakker-Fahrwerk vor, wie beiläufig fällt der Hinweis auf eine 350er-RTM mit Square Four-Motor.

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Wer kennt hier schon RTM?

Mal langsam, bitte, denn wer kennt hier schon RTM? Das sieht Krischke schulterzuckend ein, schaltet zwei Gänge zurück und erklärt, dass die spannenden Dinge im Straßenrennsport nicht immer im Mainstream abliefen. Früher. So bis in die 90er eigentlich, und dass es in diesen experimentellen Nischen natürlich sehr lebhaft zugegangen sei. Die Signori Ringhini und Torrani jedenfalls wollten Ende der 70er-Jahre ein ganz und gar italienisches Motorrad an den Start schieben und entwickelten zu diesem Zweck einen Vierzylinder-Zweitakter, mit dem sie – unter italienischen Fahrern selbstredend – einige WM-Punkte einfuhren. Eine Episode der Grand Prix-Historie, von Leuten wie Wolfhart Krischke dem Vergessen entrissen.

Warum? Um die Gesamtheit dieses historischen Erbes zu erhalten, denn dazu, da lässt Krischke keine Zweifel aufkommen, zählen echte Rennmotorräder. Trotzdem sammelt er nicht aus missionarischem Antrieb. „Das geht gar nicht. Man muss sammeln, was einem Spaß macht“, sagt er und lächelt fröhlich. Kein Wunder: Im und ums Wirtshaus rum parken so an die 100 Spaßmacher.

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Foto: Fred Siemer
Wer so viele seltene Grand Prix-Renner besitzt, darf sich auch einen Siegerpokal vom Hockenheim-GP 1977 gönnen.
Wer so viele seltene Grand Prix-Renner besitzt, darf sich auch einen Siegerpokal vom Hockenheim-GP 1977 gönnen.

Wolfhart Krischke ist Rennfan. Voll und ganz, und deshalb weiß er, dass zum GP-Zirkus nicht nur Sieger gehören, dass die Geschichten hinter einer RTM genauso spannend sein können wie die hinter Kork Ballingtons und Toni Mangs Kawasakis, denen die Italiener damals so hemmungslos unterlegen waren. Das hat ihn interessiert. Der andere Weg, mit viel weniger Geld im Portemonnaie beschritten, aber irgendwie noch mutiger. Auf jeden Fall dem Streben nach dem Besten verpflichtet, bei RTM wie bei Kawa. Die besten Materialien, die beste Konstruktion.

Kein kaufmännisches Kalkül, keine produktionstechnisch bedingten Kompromisse, all diese Sachen eben, die ihn an Serienmotorrädern oft gestört haben. Deshalb ist Krischke vor vielen Jahren umgestiegen, hat seine ansehnliche Youngtimer-Sammlung verkauft und die Jagd auf Renngeräte eröffnet. Nicht die besten Renditeobjekte standen dabei im Vordergrund – „Das langweilt!“ – und nicht bestimmte Marken. Sondern technisch interessante Lösungen oder eine bewegende Geschichte. Wie die hinter Phil Reads privat aufgebauter Yamaha TR2 mit dem von Helmut Fath getunten Motor.

Zwei, drei, vier werden noch hinzukommen

Das WM-Bike von 1971 fährt der 51-Jährige gelegentlich. Auch dieses Jahr steht die Yamaha auf seiner Liste, soll bei „Ursenbach bebt“ zum Gedenken an Fath starten. Zwei, drei, vier werden noch hinzukommen, für die Hockenheim Classics oder den Sachsenring. Das ist die Qual der Wahl, denn alle in fahrbereitem Zustand zu halten, wie soll das gehen? Genau, wie geht das eigentlich? Wer kennt sich mit einer RTM aus?

„Am besten jene Leute, die schon vor Jahren daran geschraubt haben“, erklärt Krischke, und die sucht er dann. Ehemalige Rennmechaniker also, immer seltener werdende Spezialisten für Renn-Zweitakter. Aber wer nun glaubt, die Suche nach diesen Leuten sei ihm eine Last, der irrt. „Leute aus dem GP-Umfeld besitzen meist einen starken Charakter, die sind interessant, machen Spaß.“

Foto: Fred Siemer
Die herrliche CZ 125 aus den 50ern zählt zu Krischkes älteren Objekten, die Yamaha TZ 750 zu den hubraumstärksten.
Die herrliche CZ 125 aus den 50ern zählt zu Krischkes älteren Objekten, die Yamaha TZ 750 zu den hubraumstärksten.

Manchmal braucht Wolfhart Krischke diese Leute bereits, um die Originalität eines Motorrads zu prüfen. Bei der Bakker-RG 500 zum Beispiel. Auf deren Verkleidung steht „Jack Findlay“, aber das kann natürlich jeder darauf schreiben, und geschrieben oder erzählt wird viel, rund um tolle Renner. Also wird Nico Bakker höchstselbst kontaktiert, mit aussagekräftigen Fotos versorgt. Ergebnis? „Noch offen“, gesteht Krischke. Offen also, ob die Suzuki nun in die Kategorie historisch oder original fällt. So unterscheiden die Spezialisten, etwa von der Sammler-Vereinigung Amicale Spirit of Speed, zwischen Maschinen, welche einem ganz bestimmten Fahrer zugeordnet werden können, und solchen, deren Herkunft nur produktionstechnisch geklärt ist.

Replikas, die nicht vom Original zu unterscheiden sind, werden in einer separaten Klasse eingestuft. 2009 gegründet, vereint die Amicale längst viele der bedeutendsten europäischen Sammler und verwöhnt Fans immer wieder mit gediegenen Ausstellungsstücken. Auf dezente Weise meist, aber egal, ob stehend wie bei der bisher europaweit größten Rennmaschinen-Show in Mill/Niederlande, wo die Amicale 2014 mehr als 150 hochkarätige Rennmaschinen der Öffentlichkeit zugänglich machte, oder fahrend beim klassischen Rennwochenende in Hockenheim – das historische Erbe soll alle erfreuen. So lautet die Ansage, und deshalb plant Amicale-Mitglied Krischke aktuell gerade eine Sonderausstellung anlässlich der Sachsenring Classic vom 10. bis 12. Juni.

Boah, gibt’s doch nicht!

Gespräche unter Sammlerfreunden, ein paar Runden drehen, Fahrer treffen, ja, das auch und immer besonders gern, Plaudereien mit Mechanikern und Konstrukteuren, tiefgehende Fragen eines fachkundigen Publikums beantworten. Sammeln meint nicht nur Haben. Teilen und Mitteilen zählen ebenfalls dazu, und wer wie Krischke seit Jahrzehnten in der Kommunikationsbranche arbeitet, kommt diesen Ansprüchen vielleicht besonders gerne nach. Spekulation. Genau wie die Vermutung, der ständige berufliche Umgang mit Software müsse zwangsläufig in die Lust am Dinglichen treiben. Krischke lacht.

Das tut er gern und als Franke gern herzhaft. Dann öffnet er die nächste Tür und zeigt auf einen Zweitakt-Single mit markanter Vorderradschwinge. „Greeves Silverstone. Mein Beweis dafür, dass Originale nicht teuer sein müssen.“ Das wollte er unbedingt loswerden, jetzt und hier, weil er nachträglich zum Renner umgefrickelte Serienmaschinen nicht sonderlich schätzt. Kein Erbe, schon klar, und blöd für die Zuschauer, das stimmt.

Foto: Fred Siemer
Wolfhart Krischkes Rennmaschinen-Sammlung.
Wolfhart Krischkes Rennmaschinen-Sammlung.

Dann wird’s wieder zwei Nummern exklusiver, denn so eine Armstrong aus England, die steht nun wirklich nicht in jeder Garage. „Die waren technologisch damals sehr weit voraus.“ Krischke klopft gegen den Rahmen. Karbon! Wann? „1983, als Erste im Grand Prix.“ Boah, gibt’s doch nicht.

Solche Momente liebt Wolfhart Krischke. Und würde jetzt gern noch erzählen, wie Armstrong mit Cotton und alles zusammen mit CCM verbandelt ist, und warum aus einem Zweitakt-V2 ein Zweitakt-Tandem wurde. Am liebsten bei einem Rotwein. Den hat er mit einem Sammlerfreund mal aus originalen Barry Sheene-Siegerpokalen genommen, und diese Episode lehrt, ganz knapp vor dem Ziel, dass Krischke nicht nur Bewahrer ist, sondern in selteneren Momenten auch bekennender Nostalgiker.

Foto: Fred Siemer
Wolfhart Krischkes Rennmaschinen-Sammlung.
Wolfhart Krischkes Rennmaschinen-Sammlung.

Amicale Spirit of Speed

Die Amicale Spirit of Speed verfügt über eine einmalige Auswahl von mehr als 1000 Werks- und Production-Rennmotorrädern, welche die Motorrad-Renngeschichte von den frühen Anfängen bis zur Neuzeit dokumentiert. Auf Einladung der Veranstalter werden Rennmotorräder von hohem historischen Wert ausgestellt, um den Besuchern die Betrachtung der GP-Geschichte aus nächster Nähe zu ermöglichen.

Noch lieber zeigt die Amicale ihre Schätze bei Präsentationsrunden, so können die Fans die Maschinen in voller Aktion sehen und hören. Wolfhart Krischke ist Mitglied des internationalen Vorstands der Amicale und steht als Ansprechpartner unter classicracer@gmx.net für Kontaktaufnahme oder Fragen zur Verfügung.

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