Report: Das Honda-Werk in Manaus/Brasilien Mitten im Urwald

...betreibt Honda eine der größten Motorradfabriken der Welt. Was absurd klingen mag, entpuppt bei näherem Hinsehen als logistische und unternehmerische Meisterleistung. Zu Besuch im Hondawerk von Manaus am Amazonas.

Foto: Schümann

"Aus Japan?" Fragend zieht der brasilianische Honda-Ingenieur Ulysses Mendes die linke Augenbraue hinter seiner Klarglas-Sicherheitsbrille hoch. "Aus Japan kommt doch fast nichts mehr." Die Antwort irritiert, da sich die Frage auf motorisierte Honda-Zweiräder bezogen hatte, die laut Ulysses alle irgendwo gebaut würden, nur nicht im Heimatland des größten Motorradherstellers der Welt. "Gut, Supersportler wie die Fireblade, die schon noch", räumt er ein, aber sein Gesichtsausdruck verrät, was die paar tausend großvolumiger, teurer Hightech-Bikes für ihn sind: Peanuts. Oder ein paar lächerliche Liter Wasser in der End- und Uferlosigkeit des Amazonas.

Am Nordufer dieses größten Flusses der Welt, der sich über 6500 Kilometer quer durch den südamerikanischen Kontinent windet, steht seit 1976 das Honda-Werk von Manaus. Die 1,5-Millionenstadt liegt inmitten der unglaublichen Weite des brasilianischen Regenwalds und ist damit nicht eben der Ort, an dem man eines der größten Motorradwerke der Welt vermuten würde. Dass es dennoch dort steht, hat Gründe, und in gewisser Weise gleicht seine Geschichte derjenigen des Spandauer Motorradwerks von BMW. Der Antrieb für die Bayern, Ende der Sechzigerjahre ins damals isolierte und eingemauerte West-Berlin zu ziehen, war derselbe wie für Honda in den Siebzigern an den Amazonas zu gehen: massive Steuernachlässe. Zehn Jahre lang keine Gewerbesteuer, versprach die brasilianische Regierung Unternehmen, die sich ins praktisch nur aus der Luft und über den Wasserweg erreichbare Manaus wagten. Eine einzige Asphaltstraße führt heute von Norden her aus dem Nachbarland Venezuela in die einstige Kautschuk-Metropole. Nachdem der Kautschuk seine Bedeutung für die Gummiherstellung verloren hatte, deklarierte Brasilien die rund 1500 Kilometer im Landesinneren gelegene Fluss-Stadt zur Frei-handelszone, um sie vor der Verelendung zu bewahren. Damit begann am Amazonas eine neue Phase der Industralisierung, und Honda zählte mit zu deren Pionieren. Aus diesen Anfangstagen hat sich die größte Zweiradfabrik des amerikanischen Kontinents entwickelt. Während BMW in Berlin seit 1969 rund 1,9 Millionen Motorräder gefertigt hat, kommt Honda in Manaus mit 1,7 Millionen auf fast die gleiche Zahl - aber jährlich.


"Zu Spitzenzeiten rollt alle acht Sekunden eine neue Honda von einer der vier Fertigungslinien", erklärt Ingenieur Mendes. Vor neun Jahren übersiedelte der Brasilianer aus Sao Paulo, wo Hondas lateinamerikanische Entwicklungsabteilung beheimatet ist, an den Amazonas. Die enormen Stückzahlen des Werks gehen in erster Linie direkt in den brasilianischen Markt, sind 125er und 150er-Viertakter, aber auch technisch aufwendig gemachte 300-Kubik-Bikes. Etwa die neue CB 300 R, die auf Anhieb zu einem der gefragtesten Motorräder Südamerikas wurde. Oder ihr Schwestermodell, die Enduro XRE 300, die sich mit ihren erwachsenen Maßen und munteren 26 PS zu einem Preis von umgerechnet etwa 4000 Euro sicher auch in Europa nicht schlecht machen würde. Beide Bikes haben Einspritzung, entsprechen der aktuellen europäischen Abgasnorm Euro 3, und auf Wunsch gibt es sie sogar mit Integral-ABS. Das Antiblockiersystem ist ein technisches Novum an den Motorrädern aus dem brasilianischen Werk, das Know-how und die Elektronik dafür werden zugeliefert. Eine Ausnahme.


Bedingt durch dieisolierte Lage der 800 Kilometer südlich des Äquators gelegenen Fabrik, musste zu Beginn praktische jede Schraube für jedes Fahrzeug im Werk selbst gedreht werden. "In den ersten Jahren gab es ringsum keinerlei Zulieferindustrie", erklärt Mendes. Diese Tradition der hohen Fertigungstiefe blieb bis heute weitgehend erhalten. Erst seit auch Keihin und Nissin sich vor einigen Jahren am Amazonas niedergelassen haben, bezieht Honda die Einspritzelektronik und die Bremsen direkt aus deren Fabriken. Fast alle übrigen Fahrzeugkomponenten, außer Cockpit-Innereien und Kleinteilen, jedoch inklusive der meisten Motoren, werden bis heute im eigenen Werk gefertigt: Stahl- und Aluräder, Auspuffanlagen, Lenker, Sitzbänke, Rahmen, Tanks und Kunststoffteile. Und nicht nur das. Auch die für die Fertigung nötigen Werkzeuge werden in einem eigens dafür eingerichteten Zweig der Fabrik weitgehend selbst produziert.


Ein anderer eigener Werksbereich ist die Motorenfertigung. Bis auf spezielle Kleinteile, wie zum Beispiel Ventile, werden die Einzylinder, und damit die große Masse der Antriebe, direkt im Werk hergestellt, das auf einer Fläche von 661000 Quadratmetern angesiedelt ist. Die Öfen der Gießerei für die Aluguss-Teile sind dafür rund um die Uhr in Betrieb. Die Angestellten der übrigen Fertigungssparten arbeiten fünf Tage pro Woche im Zweischicht-betrieb von morgens sieben bis 17 Uhr.

 

Die Nachtschicht hat morgens um zwei ihren Feierabend. Mit 9258 Mitarbeitern ist Honda der größte Arbeitgeber am Amazonas. Und bei den motorisierten Zweirädern Marktführer im eigenen Land: Gigantische 75 Prozent sind in Brasilien von Honda und entstammen dem Werk in Manaus. Große Motorräder spielen in dem riesigen Land, dessen Fläche fast der von ganz Europa entspricht, bisher kaum eine Rolle, sind preislich auch unattraktiv, da hoch besteuert. Die größten Motor-räder, die Honda am Amazonas fertigt, sind die Hornet 600 und die Shadow 750, deren Vierzylinder und V-Twins allerdings per Containerschiff zugeliefert werden. Und zwar aus Japan. Von wo also, das muss am Ende auch Ingenieur Mendes eingestehen, doch noch ein bisschen was kommt.

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