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Mit Zündapp KS 50 und gelbem MOTORRADschal – Fritz Weiß als Jugendlicher mit 16.

Reportage "Auf der letzten Fahrt geblitzt" Ein Ehrenplatz fürs Knöllchen

Weil’s die Gesundheit nicht mehr zuließ: Nach 200.000 Lebens-Kilometern das letzte Bike verkauft, die Ausrüstung entsorgt. Doch plötzlich tauchte ein unerwarteter Posten in der Bilanz auf.

"Nein, das ist keine Kreidler, die hatte gebläsegekühlt damals nur 5,8 PS. Ich hatte eine Zündapp mit 6,25 PS!" Noch 40 Jahre später hat Fritz Weiß die Daten seines ersten Mopeds wie aus der Pistole geschossen parat. Dieser PS-Unterschied müsste einem MOTORRAD-Redakteur doch klar sein, blitzt sein Blick tadelnd durch die Brille. Doch der Rauschebart verzieht sich gleich zu einem gütigen Grinsen, als er das Foto zwischen den Kaffeetassen hindurch über den Wohnzimmertisch schiebt: „Das ist die Zündapp, der gelbe Schal, den man bei einer Panne als Zeichen für andere an den Lenker binden sollte, war übrigens von euch.“

Für den Ruheständler aus dem Fränkischen Forchheim markierte die orange­farbene KS 50 den Beginn eines erfüllten Motorradlebens. Seit dem 16. Geburtstag hat er den Zweirad-Führerschein, halb Europa hat er im Sattel bereist, fast immer mit seiner Frau Rita hinten drauf oder später mit einer der zwei gemeinsamen Töchter. Darauf, dass er „nicht einen Pfennig, nichts, nie, an die grüne Rennleitung“ hat abgeben müssen, ist Fritz Weiß stolz. „Ich bin kein Raser, aber immer normal gefahren.“ Und viel: „Zeitweise hatten wir gar kein Auto, waren sogar zum Einkaufen nur mit dem Motorrad“, erzählt der 58-Jährige. „Das war mit der Yamaha XJ 600 Diversion. An ihr hat meine Frau auch Geschmack gefunden.“ Rita blättert derweil in den Fotoalben auf dem Tisch und nickt ihm zu: „Die Gold Wing danach war sowieso ein halbes Auto“, sagt sie. An die Touren nach Oberbayern, zum Kloster Andechs, oder an die Donau nach Weltenburg, erinnern sich beide gern.

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Nach 200.000 Lebens-Kilometern letztes Bike verkauft

Rita und Fritz Weiß’ Motorradleben überdauerte acht verschiedene Maschinen, in der Mehrheit Hondas. Es endete am Vormittag des 28. Oktober 2013 mit ihrem letzten Motorrad, einer Zweizylinder-BMW F 650 GS, mit einer bewussten Entscheidung und einem Ereignis, das Fritz Weiß’ Weltbild kräftig ins Wanken brachte.

Die Entscheidung hatte gelautet: „Es geht gesundheitlich nicht mehr, ich höre auf zu fahren.“ Schon lange hatte eine rheumatoide Arthritis die Beweglichkeit des einstigen Lageristen und Hausverwalters immer weiter eingeschränkt. Gegen Saisonende rief Weiß bei BMW-Händler Bauer in Bamberg an und fragte, ob der die 71-PS-BMW nicht in Kommission nehmen wolle. Kein Problem, meinte BMW Bauer; so vereinbarten die beiden den 28. Oktober 2013 als Übergabetermin.

Die rund 30 Motorradkilometer zum Händler sollten Fritz Weiß’ letzte werden: „Denn ich mache Dinge ganz oder gar nicht.“ Konsequent, dass Weiß seine und Ehefrau Ritas gesamte Motorradausrüstung in den darauffolgenden 14 Tagen schon komplett entsorgt hatte. „Ich wollte damit die Endgültigkeit meines Schritts untermauern.“ Auch die BMW war bereits weg. Ein 53 Jahre alter Mercedes-Entwickler aus Ludwigsburg hatte sie auf einer Internet-Verkaufsplattform entdeckt, Gefallen an Weiß’ Modifikationen (breitere Sitzbank, tiefere Rasten, höherer Lenker) gefunden und gleich bei BMW Bauer in Bamberg zugeschlagen.

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Erstes und gleichzeitig letztes Motorrad-Knöllchen

Da kehrte Fritz Weiß’ Motorradleben völlig überraschend noch einmal zu ihm zurück: in Form eines Schreibens des bayerischen Polizeiverwaltungsamtes – wegen Überschreitens der „zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h in geschlossenen Ortschaften um 10 km/h nach Toleranzabzug“. Soll heißen: Auf dem Weg zum BMW-Händler war Weiß mit 60 km/h innerorts geblitzt worden. Zum ersten Mal in seinem Leben. „Das kann doch kein Zufall sein! Jetzt habe ich ein amtlich ausgestelltes Bilddokument der allerletzten Fahrt meines 40-jährigen Biker-Daseins“, staunt er.

Die 15 Euro Verwarngeld hat Fritz Weiß längst bezahlt. Den Anhörungsbogen mit dem eingeklinkten Schnappschuss, der ihn mit Brille und Rauschebart unverkennbar unterm Jethelm zeigt, will er einrahmen. Sein nach 40 Jahren erstes und gleichzeitig letztes Motorrad-Knöllchen wird einen Ehrenplatz zwischen den Familienfotos an der Wohnzimmerwand bekommen.

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