MOTORRAD hat sich mit dem Leser Sebastian Faaß getroffen, um zu klären, ob wir "jünger" werden müssen.

Reportage - Duell der Generationen Jung gegen alt

Der 26-jährige Leser Sebastian Faaß hatte kritisiert, dass MOTORRAD die Bedürfnisse der jungen Generation zunehmend vernachlässige. Tief getroffen verabredeten wir uns mit dem Youngster, um zu klären, was „alt“ bedeutet und ob wir „jünger“ werden müssen.

Graue Haare, dicker Bauch, Klapphelm, Griffheizung, Hämorrhoidenkissen, Warnweste und dieser ganze Mist, der Bequemlichkeit und Sicherheit erhöhen soll“, antwortet Sebastian auf die Frage, was für ihn „alt“ bedeutet. Haben wir verstanden, aber ist das die Welt, die MOTORRAD abbildet? „Nicht nur, aber ihr macht definitiv zu wenig für junge Leute“, sagt der Youngster und lümmelt lässig auf seiner schwarzen Speedy. „Ich hatte ja gedacht, ihr würdet mit ’ner Gold Wing hier anschüsseln.“ Sind wir aber nicht, denn Kollege Thomas Schmieder (49) hat für das Generationentreffen im Schwarzwald eine Triumph Thruxton R gewählt. Und die findet Sebastian schon mal gut. „Ich stehe auf Mopeds, die reduziert sind. Café Racer oder starke Nackte wie Super Duke, Tuono oder eben die Speed Triple.“

Der ist Sebastian verfallen, seit er mit zehn Jahren „Mission: Impossible“ gesehen hat. „Der Film hat mich zu Triumph bekehrt, aber nicht zu Scientology“, grinst er. Was hat er denn jetzt aber auszusetzen an MOTORRAD? „Ich finde mich kaum wieder in eurem Heft. Was soll ich mit den ganzen Tests von neuen, teuren Bikes? Testet doch mal geile Gebrauchte, die man sich leisten kann. Auch mit denen könnte man Vergleichstests machen. Von mir aus auch Neu gegen Alt. Oder zeigt mal auf, was gebrauchte Klamotten noch taugen. Findet günstige Sicherheitstrainings, ich brauche auch mal Tipps für coole Treffen, nicht immer diese Wampen-Meetings mit den weißbärtigen Weihnachtsmännern. Ich will auch keine Hotel-Tipps, ich mache Couchsurfing auf meinen Touren. Da könnte es mal einen Erfahrungsaustausch geben.“ Stattdessen gäbe es nur Storys von Älteren für Ältere. Früher seien die MOTORRAD-Macher noch cool gewesen, früher, als sie jung waren. Moment mal, Altern ist ein Lebensprinzip, das lässt sich nicht verhindern, oder? „Doch, die Alternative ist jung sterben.“ War ein Scherz. Ist keine Alternative.

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Erfahrung kann ähnlich schnell machen wie Jugend

Klar, zwischen 20 und 40 fühlst du dich unsterblich, kannst dir Alter nicht vorstellen. So lange, bis zum ersten Mal beim Aufstehen die Knochen wehtun. So was will Sebastian nicht hören, lieber fahren. Er hat seine Triumph Speed Triple super souverän im Griff, fährt sportlich, vielleicht sogar eine Spur zu emotional. Kollege Schmieder bleibt dran. Absolut saubere Linien, die hohe Kunst. So fährt kein Opa, sondern ein Routinier. Erfahrung kann ähnlich schnell machen wie Jugend, Mut und Reaktionsvermögen. Das sieht Sebastian ein. Auch, dass er mal seinen Hinterreifen wechseln müsste. Dennoch bleibt er dabei: MOTORRAD fehlt die Leidenschaft.

„Ich gebe jeden verdammten Cent für mein Motorrad aus, ich lebe für das Fahren, habe schon mit 16 nebenher gearbeitet, um mein erstes Moped zu finanzieren. Später für meine erste 650er bei der Müllabfuhr geschuftet“, ereifert er sich. „Und was macht ihr? Kriegt alles umsonst.“ Nein, Sebastian, so ist das nicht. Du kannst dich gerne überzeugen, dass die Arbeit für MOTORRAD höchsten Einsatz verlangt. Übrigens, wir brauchen guten Nachwuchs, also wie wäre es? Sebastian denkt nach. Irgendwie scheint sich Geschichte zu wiederholen. Denn auch Thomas und ich haben damals jeden Pfennig für unsere Maschinen ausgegeben. Haben gebrannt für das Fahren. Was bis heute so geblieben ist. „Dann vermittelt das gefälligst euren Lesern“, sagt Sebastian.

Findet er uns alt?

Schaffen wir keine Faszination mehr? Dabei wollen wir doch alle Altersgruppen beglücken. Findet er uns alt? „Ich mache Alter nicht an einer Zahl fest, ich kenne Opas mit 60, die wirken jünger und cooler als ich. Was mich nervt, sind Bequemlichkeitsfahrer, die von einem Sofa auf das andere steigen!“

Die Generationenkonflikte schmelzen in der Sonne. Eigentlich mögen wir sogar die gleichen Mopeds. Africa Twin oder GS? „Gar nicht schlecht.“ Wir versprechen, dass wir Sebastians Kritik ernst nehmen. Hätten uns aber noch schärferen Disput gewünscht. „Wie fährt denn eigentlich so eine Gold Wing?“, fragt Sebastian am Ende. Mein Gott, die Jugend von heute ist echt flexibel.

Foto: Markus Biebricher
Sebastian Faaß bringt es mit seiner Speed-Triple im Jahr auf 20.000 Kilometer.
Sebastian Faaß bringt es mit seiner Speed-Triple im Jahr auf 20.000 Kilometer.

MOTORRAD-Leser Sebastian Faaß

Sebastian Faaß ist 1990 geboren, hat sich nach dem Abi zum Elektroniker ausbilden lassen, seinen „Techniker“ gemacht, lebt in Karlsruhe und arbeitet heute in der Prüftechnik eines Mittelständlers. In seiner Freizeit fährt  oder beschraubt er seine 2009er-Triumph-Speed-Triple. Weitere Hobbys sind Kochen, Kicken und Partys. Im Jahr bringt er es auf rund 20.000 Motorradkilometer. Seine Touren fährt er mit minimalem Gepäck, aber maximalem Genuss. „Komfort“ ist für ihn eines von vielen Indizien für „Altsein“.

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