Reportage: Jugendförderung "Race Project" Start-Hilfe

Rennsport als Sozialhilfe. Was im beschaulichen Überacker bei München vor sich geht, ist in Deutschland einzigartig und zeigt, wie viel Potenzial in bereits abgeschriebenen Jugendlichen steckt, wenn man den richtigen Anreiz findet.

Foto: Archiv

Es riecht nach GFK-Staub, nach Reifen und nach Arbeit. Eine gelbe BMW S 1000 RR ohne Verkleidung hängt teilnahmslos auf den Montageständern, eine zerpflückte Honda CBX wartet daneben auf bessere Zeiten. Doch die Werkstatt des Sozialprojekts "Starthilfe", wo normalerweise Jugendliche ohne Schulabschluss an ihrer Zukunft schrauben, fräsen und basteln, ist heute menschenleer. Das alte Schuljahr ist zu Ende, das neue hat noch nicht begonnen. Planungsphase.
Im Nebenraum sitzt Ulrich Gottwald. Gemeinsam mit Peter Steger und Ekkehard Pfeifer leitet der Diakon das "Race Project": Ein Sozialprojekt rund um ein Motorrad-Rennteam, das Jugendlichen helfen soll, den Schulabschluss nachzuholen und ihr Leben in den Griff zu bekommen.
Einer dieser Jugendlichen ist Bibo. Familiäre Probleme, kein Bock auf Schule, Abbruch - die Vergangenheit des ausgeglichen wirkenden 21-Jährigen steht beispielhaft für die meisten Projekt-Teilnehmer. Wenigstens lässt Bibo die Finger von Drogen. Nach seinem Zivildienst suchte er einen Ausbildungsplatz. Vergeblich. Ohne Schulabschluss? Keine Chance. "Eigentlich wollte ich Rettungsassistent werden. Ich hatte schon eine Zusage, aber es war klar, dass ich einen Schulabschluss brauche. Also habe ich mich ans Arbeitsamt gewandt. Die haben mir zwei Möglichkeiten gegeben: Entweder BVJ (Berufsvorbereitungsjahr) oder die Starthilfe." Bibo entscheidet sich für die Starthilfe.
Vor elf Jahren rief die Arbeitsgemeinschaft Grundsicherung gemeinsam mit Peter Steger diese Maßnahme ins Leben. Als Verantwortlicher eines ausbildenden Betriebs kennt Steger die Probleme und Fähigkeiten abgeschriebener Jugendlicher und beschließt, deren Talente zu fördern.
Seine Idee: Über handwerkliche Teamarbeit und Schulunterricht sollen die Außenseiter lernen, zusammenzuarbeiten und Verantwortung zu übernehmen - und herausfinden, dass Lernen auch Spaß machen kann. Nach anfänglichen Projekten wie der Restauration eines Traktors kommt Steger während seiner Mechaniker-Tätigkeit im BMW-Langstreckenteam schließlich die Idee, gemeinsam mit den Jugendlichen ein eigenes Motorrad-Rennteam aufzuziehen. Das "Race Project" ist geboren, die Traum-Fördermaßnahme eines jeden technikbegeisterten Jungen.
Doch trotz der intensiven Eindrücke an den Renntagen, dem kehligen Vierzylinderbrüllen, dem Geruch nach verbranntem Gummi und Sprit, der Hektik im Fahrerlager, haben Ausbilder und Schüler stets nur ein Ziel vor Augen: den Schulabschluss.
Wer das hier nicht begreift, kommt nicht weit. Denn bevor die Jugendlichen an den Racebikes, zwei S 1000 RR, Hand anlegen dürfen, stehen zuerst einmal profane Arbeiten auf dem Stundenplan. Beispielsweise das Zusammenbauen einer Holzkiste inklusive technischer Zeichnung und Berechnung der benötigten Holzmenge. Oder Landschaftsarbeit in einem nahe gelegenen Moorgebiet. Wer hier die Motivation verliert, hat keine großen Chancen, bis zum Ende durchzuhalten. Ungerührt erzählt Bibo von seinen ersten Wochen: "Am Anfang waren wir 15, dann sind einige gegangen, neue dazugekommen. Am Ende waren wir noch zu viert oder fünft. Viele haben das Starthilfe-Projekt nicht ernst genommen, sich eine andere Arbeitsstelle gesucht oder lieber weiter gefaulenzt."
Ulrich Gottwald, der pädagogische Leiter des "Race Project", der mit seinem Kinnbärtchen und seinen fröhlichen Augen selbst wie ein etwas in die Jahre gekommener Jugendlicher wirkt, ergänzt: "Oft spielen Drogen eine Rolle. Besonders in den Weihnachtsferien tauchen bei manchen Jugendlichen wieder alte Probleme auf und sie rutschen ab. Wir arbeiten mit ,Keine Macht den Drogen’ zusammen und bieten auf Wunsch auch Therapien an."
Generell gilt: Wer etwas erreichen möchte, bekommt alle erdenkliche Hilfe. Wer es aber an Disziplin oder Umgangsformen mangeln lässt, fliegt raus. Geschenkt bekommt keiner etwas. Darin sind sich der eher kumpelhafte Diakon Gottwald und der streng-väterliche technische Leiter Peter Steger trotz der unterschiedlichen Beziehung zu den Jugendlichen einig. "Beweg Deinen Arsch" steht als Motto in bunten Lettern im Besprechungsraum über dem Fenster, auf dessen Fensterbrett die Pokale aus diesem Jahr in der Sonne glänzen.
Einen Raum weiter stehen abgewetzte Holzstühle hinter kleinen braunen Schreibtischen, vorn prankt wie ein überdimensionaler Flachbildschirm eine Tafel. Das Klassenzimmer. Hier unterrichtet der pensionierte Hauptschullehrer Ekkehard Pfeifer an vier Vormittagen in der Woche. Morgens wird gepaukt, mittags geschraubt. Auf dem Lehrplan steht Hauptschulstoff, Grundlage für den Schulabschluss Ende Juli. Mittwochs ist Berufsschultag, dann bleibt das Klassenzimmer leer. Neben den drei Wochen Praktikum in externen Firmen, die die Jugendlichen während des "Race Project" - meistens im Frühjahr, vor den Bewerbungen - absolvieren, soll damit vor allem der Kontakt zu Berufsschülern und Lehrern den Projektteilnehmern den späteren Einstieg ins Azubi-Leben erleichtern.
Haben sich Team und Alltag eingespielt, beginnen nach kurzem Zwischenstopp an Holzwarths zerfledderter Honda CBX im Spätherbst die Arbeiten an der S 1000 RR - und zeitgleich die gesamte Organisation der Rennsaison. Sponsorensuche, Administration, Verkleidungsbau, Lackierung, Catering. Je nach Talent und Vorliebe können sich die Jugendlichen aussuchen, in welchem Bereich sie arbeiten möchten.
Bibo entschied sich in seiner Saison für die Datenaufbereitung, erstellte Tabellen mit Rundenzeiten, Spritbedarf und anderen wichtigen Informationen. Eine Arbeit, die dem gewissenhaften Jugendlichen liegt. Bereits nach kurzer Einlernphase weiss er bestens Bescheid: "Sie haben uns erklärt, wie ein Motorrad aufgebaut ist, wie man den Reifendruck prüft und die Spritmenge für ein Rennen berechnet. Da wir so wenige sind, hat man dabei immer die Möglichkeit, so lange zu fragen, bis man verstanden hat, worum es geht. Das ist super!"
Diese positive Grundstimmung wird auch in den Partnerunternehmen anerkannt und eröffnet dem Teamleiter-Trio Steger, Holzwarth und Pfeifer einzigartige Möglichkeiten, die das "Race Project" jedes Jahr aufs Neue überhaupt erst ermöglichen. So stellt BMW den beiden Piloten Bernd Papilion und Ralf Schwickerath, beide BMW-Testfahrer und ehrenamtlich im Starthilfe-Sattel, die Motorräder kostenlos zur Verfügung und lud die Projektteilnehmer Anfang des Jahres nach Stephanskirchen ein, um mit den Mechanikern des Superbike-WM-Teams zu fachsimpeln und offene Fragen zu klären.
Auch an der Rennstrecke ist der Nachwuchs gern gesehen und selbst bei den Konkurrenzteams voll akzeptiert. Allerdings stellen die Rennwochenenden besonders hohe Anforderungen an die Race-Project-Jungs. Unter Zeitdruck Räder tauschen, Fahrwerkseinstellungen ändern, bloß nichts falsch machen. Der erste Sturz wird zum Schlüsselerlebnis. Habe ich was falsch gemacht? Ist es meine Schuld? Auf der anderen Seite dieses Glücksgefühl, wenn einer der beiden Piloten auf dem Podium steht, sich das Fensterbrett um einen weiteren Pokal füllt. Motivation pur!
Das wirkt sich auch auf die Arbeit aus. Bisher schafften alle Starthilfe-Teilnehmer, die ins Team rutschten, am Ende des Projekts den Hauptschulabschluss, fast alle fanden anschließend auf Anhieb einen Ausbildungsplatz.
Auch Bibo. Er ist nach den neun Monaten "Race Project" von seinem Wunsch, Rettungsassistent zu werden, abgekommen. Stattdessen macht er eine Ausbildung zum LKW-Mechatroniker.
Wie viele andere ehemalige Projektteilnehmer möchte auch er den Kontakt zu der kleinen Werkstatt in Überacker weiter pflegen, vielleicht sogar einen Renneinsatz begleiten. Helfen, wenn’s brennt.
Doch erst mal will sich Bibo um seine eigene Zukunft kümmern. Wortlos schreitet er langsam durch die Werkstatt, vorbei an der zerrupften CBX, der S 1000 RR, den Verkleidungsbau-Formen und öffnet die Tür. Ein warmer Wind weht ihm entgegen. Es riecht nach Zukunft.

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