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Eine gute ­Minute Anspannung, Konzentration und Adrenalin pur. Das gibt es beim Nordbadischen Motorradslalom.

Reportage Motorradslalom Deutschlands günstigster Straßensport

Eine absolut familienfreundliche Rennserie, wo Groß und Klein, Alt und Jung antreten können, für die ein paar Euros genügen! Und wo man mit enormem Spaß viel für seine tägliche Sicherheit lernt: Unmöglich? Nein, ganz normal bei Deutschlands günstigstem Straßensport, dem Motorradslalom.

Ein strahlend blauer Himmel mit ­weißen Schäfchenwolken spannt sich über Nordbaden. An diesem besonderen Sonntag ist ein sonst eher graues Gewerbegebiet eine Welt in Rot-Weiß: Viele Hundert Pylonen stecken den Parcours aus Kurven, Kreisen und Kehren ab. Der MSC Dr. Carl Benz Ladenburg hat mal wieder zum Motorradslalom geladen, einer spaßigen und besonders günstigen Motorsportserie des ADAC. „Wir üben hier das, was man für die Straße braucht“, sagt Organisator Stefan Otto, „Fahrzeugbeherrschung auch in kniffligen Situationen – nur eben gepaart mit ganz individueller Rasanz.“ Denn es wird auf Zeit gefahren, einmal um den ganzen, 850 Meter langen Parcours, Start und Ziel sind identisch.

Dann muss Stefan Otto selbst ran. Er prügelt seine 1150er-GS um den Kurs, tanzt artistisch um die 50 Zentimeter hohen Hütchen. Fast setzt dabei der Sturzbügel seiner dicken Kuh in den engen Kurven auf. Strohballen sichern die Bordsteine ab. Wie auf der Isle of Man. Als Stefan zurückkommt, lächelt er übers ganze Gesicht, ist zufrieden mit seiner Zeit. Sie wird per Lichtschranke ermittelt. 50 Teilnehmer sind heute hier, von sechs bis über 60 Jahre. Ein bunt gemischtes Völkchen, von Anfängern bis zu alten Hasen, Führerschein-Novizen bis Rennstreckenfüchsen ist alles dabei. Hier fahren Väter ­gegen ihre Söhne, Ehefrauen gegen ihre Männer: „Am Anfang sind die Alten wegen ihrer Erfahrung noch flotter.“

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Nicht viel anders machen es die Profis von MOTORRAD

Motorradfahren lernt man nicht an einem Tag. Aber hier mit viel Freude rasch dazu. Yvonne Schwanzer (28) hat eine Suzuki Bandit 600: „Auf eine echte Rennstrecke würde ich damit nicht gehen“, sagt sie. „Aber es bringt einfach viel, das Handling der eigenen Maschine so toll kennenzu­lernen.“

Nicht viel anders machen es die Profis von MOTORRAD. Und zwar immer dann, wenn sie neuen Motorrädern auf dem Top-Test-Gelände auf den Zahn fühlen. Beim Drücken, Legen, Gas­anlegen und Zusammenbremsen offenbart sich viel übers Motorrad und die Interaktion Mensch –  Maschine. Seit 1975 richtet der ADAC Nordbaden diese Veranstaltung aus, aktuell mit neun Terminen pro Saison: „Motorradslalom gibt es nur in dieser Region Deutschlands“, sagt Stefan Otto. Leider.

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Nordbadische Meisterschaften, acht Läufe, elf Klassen

Manche Fahrer kommen nur für einen einzigen Renntag, andere treten bei möglichst vielen der acht Läufe an. „So manchen schaukelt sein eigener Ehrgeiz da ganz schön hoch.“ Immerhin geht’s in verschiedenen Klassen um die Nordbadischen Meisterschaften, mit Teilnehmern aus ­Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, aber auch aus der Schweiz und sogar Österreich.

Christian Galehr reiste mit seiner BMW R 1200 GS eigens aus Schruns in Vorarlberg an. Er hat extra einen Dolomiten-Urlaub abgekürzt, um heute zum fünften Mal beim Motorradslalom in der offenen Klasse an­zutreten: „Das hier macht mir mehr Spaß als in den Alpen ständig dösige Autofahrer, Moun­tainbiker oder holländische Caravans beim Touristenslalom zu überholen.“

Wie im Riesenslalom beim Ski

Big Bikes kommen hier über den zweiten oder dritten Gang nie hinaus, mehr als 80 km/h stehen in den seltensten Fällen auf der Uhr. Andreas Fischer bestreitet die komplette Saison auf seiner Suzuki DR-Z 400: „Die hatte ich sowieso, aber sie ist hier fast ideal, leicht und wendig.“ 

Wie man in dem Gewühl den Überblick behält, wo’s lang geht? „Zwei Pylonen nebeneinander bilden 2,40 Meter breite Tore“, erklärt Stefan Otto, „da muss man mitten hindurchfahren.“ Wie im Riesenslalom beim Ski. Und dann gibt es noch die „Schweizer“, eine Pylone steht, eine liegt quer – dann muss man auf der Seite der stehenden Pylone vorbeifahren. Bloß nicht vertun!

Wer die Hütchen reißt, bekommt ­Strafsekunden, wer auf der falschen Seite vorbeifährt, fliegt aus der Wertung. Streckenposten kontrollieren das. Also heißt es Gleichgewicht finden aus Tempo und Konzentration. Manchmal purzeln die Pylonen dennoch oder werden von einer Karosserie eingefangen – in je einer der elf Klassen dürfen auch Gespanne und Quads ran. Stim­men Blickführung und das Gefühl fürs Gleichgewicht für die Maschine? Das Spiel mit Gas, Kupplung und Bremse entscheidet über gute oder nicht so gute Zeiten. Ko­ordi­nation trifft Konzentration. Gilt auch für die Knirpse, kleine Pocketbike-Fahrer ab acht Jahren, die kaum größer sind als die Pylonen. Dieser Breitensport macht Laune. 

Knackige Supermotos klar im Vorteil

Hier hat jeder seinen ganz eigenen Spaß, je nach Lust und Fahrkönnen. Schon der Vorstart ist verdammt bunt: Ducatis bis hin zur 1200er-Multistrada, Zweiventil-Boxer, Honda CBR und CBF 600, MuZ Skorpion. Selbst Kardan-Tourer vom Schlage Yamaha FJR 1300 treten an. Sieht spektakulär aus, wenn solch ein Koloss um die Hütchen zirkelt. „Man sieht manchen Motorrädern gar nicht an, was man damit machen kann“, sagt Jürgen Frank (44) aus Bretten über seine Honda NTV 650. Klar im Vorteil sind ­KTMs, diese Sportart ist knackigen Supermotos einfach auf ihr knappes Kunststoffkleid geschneidert. Manche Teilnehmer ­fahren bis zu zehn Durchgänge am Tag – in verschiedenen Klassen.

Im Parcours richtig gut zu fahren ist kniffliger, als es von außen aussieht. Echte Cracks brauchen weniger als eine Minute für die gesamte Strecke. Aber, ehrlich wahr, diese Minute hat es in sich. Tobias Lober (27) schafft mit seiner 660er-KTM flotte 59 Sekunden, dübelt hier durch, als gäbe es keinen Morgen. Durchschnittstempo: 51 km/h. Aber dafür schwitzt man oder frau ordentlich. Man muss kein Motorsport-Enthusiast sein, um diesen Sport total klasse zu finden. Man muss nicht reich sein, um hier eine ganze Rennserie bestreiten zu können. Noch nicht mal einen Verbrennungsmotor haben: Leichte kalifornische Zeros sind dank Elektromotor mit vollem Drehmoment ab dem ersten Meter voll in ihrem Element.

Motorsport für acht Euro!

Am Ende eines Durchgangs muss man an definierter Stelle halten, was mitunter (bei Supermotos!) ein abhebendes Hinterrad provoziert. In den Klassen für ältere ­Semester, was Menschen wie Maschinen meint, wird auf Gleichmäßigkeit gefahren: Die geringsten Unterschiede zwischen zwei Läufen zählen. Hannes Peter fährt seit 30 Jahren Motorrad, ist 62. Und voll vom Motorradslalom begeistert: „Das hilft im täg­lichen Verkehr, bringt das Motorrad besser unter Kontrolle. Und Motorsport für acht Euro, wo gibt’s denn so was.“ Allerdings müssen die Teilnehmer zwischen ihren Läufen (eine Proberunde, zwei Wertungsläufe) viel Geduld haben, oft lange warten: Stunden für Minuten. Sie wissen wofür, stehen geduldig an, bleiben ganz relaxed.

Alles erinnert ein bisschen an die selige Fahrschulausbildung, nur eben als Wettbewerb und mit eigenem Motorrad. Ideal für Anfänger, Wiedereinsteiger und Profis. Echt symbadisch. „Wenn man irgendwo Fahr­fehler macht, lässt man augenblicklich Zeit liegen, hat also eine direkte Rückmeldung“, sagt Organisator Stefan Otto. „Hier habe ich mich in kurzer Zeit deutlich verbessert“, freut sich Julia Bachem. Mann oder Frau muss nur eine Menge beachten dabei. Die spaßigen Hütchenspiele sind eben eine ech­te fahrerische Herausforderung.

Foto: Schmieder
Und das winkt den Gewinnern: Pokale in elf Klassen, in denen es entweder um Bestzeiten oder um Gleichmäßigkeit geht.
Und das winkt den Gewinnern: Pokale in elf Klassen, in denen es entweder um Bestzeiten oder um Gleichmäßigkeit geht.

Klassement und Infos

Der ADAC Motorradslalom trägt schon seit 1975 „zur Fahrsicherheit und Konzentration von Motorradfahrern im Straßenverkehr“ bei: Interessierte Besucher oder aktive Teilnehmer sind immer herzlich willkommen, selbst mitfahren auf einem straßenzugelassenen Motorrad ist auch spontan möglich, per Nennung vor Ort. Und zwar in elf verschiedenen Klassen:

Klasse 1: bis 125 cm3 (beinhaltet Jahresendwertung für Jugendliche von 16–18 Jahren)

Klasse 2: über 125 bis 400 cm3

Klasse 3: über 400 bis 750 cm3

Klasse 4: über 750 cm3

Klasse 5: Supermotos & Enduros von 300–700 cm3

Klasse 6: Gespanne (Beifahrer ab 16 Jahre)

Klasse 7: Quad/ATV

Klasse 8: Motorroller

Klasse 9: Veteranenfahrzeuge (Baujahr 1989 und älter, Gleichmäßigkeitsprüfung)

Klasse 10: Oldies (Fahrer ab 60 Jahren mit eigenem Motorrad, Gleichmäßigkeitsprüfung)

Klasse 11:  Pocketbikes nach DMSB-Richtlinien

In den Klassen 8 bis 11 gibt es nur Tageswertungen, keine Saison-Meister (ADAC Gauwertung) wie in den Klassen 1 bis 7.

Ein Lauf kostet in den Klassen 1 bis 5 sowie Klasse 7 jeweils acht Euro, in den Klassen 8 bis 11 drei Euro und in Klasse 6 elf Euro. 
Hinzu kommen Mannschaftsläufe (drei Fahrer) zu neun Euro. Es gibt Sonderpokale für Damen oder eine markeninterne Wertung. Wer diese zusätzlich nennt, zahlt drei Euro pro Lauf.

Kontakt:

ADAC Nordbaden e. V., Sportabteilung, Steinhäuserstraße 22, 76135 Karlsruhe, E-Mail: sport.karlsruhe@nba.adac.de, interpressepeter@gmx.de. Alle Infos, sowie Ergebnislisten und Fotos bisheriger Veranstaltungen finden sich unterwww.motorradslalom.de

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