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Freddie Spencer (#19) leistete viel Führungsarbeit, ...

Rückblick auf das Sachsenring Classic 2016 Rückkehr der Titanen

Für viele Fans gilt die Ära der wilden 500er-Zweitakter bis heute als die spektakulärste des Motorradsports. Ihre Fahrer fochten Kämpfe aus, bei denen Pokal und Spital ganz eng beieinander lagen. Beim Sachsenring Classic 2016 fuhren diese Titanen und ihre Bikes wieder gegeneinander.

Der ältere Herr winkt ganz aufgeregt mit einer Autogrammkarte. Die Frau neben ihm hält ein T-Shirt vor sich. In dem Gedränge stolpert sie und fällt fast auf den Tisch, hinter dem fünf Herren mittleren Alters sitzen, die mit stoischer Ruhe und einem Lächeln im Gesicht Nummern und Unterschriften auf allerlei Utensilien schreiben oder sich in kurze Gespräche ver­wickeln lassen. Der Anblick hat nicht nur etwas Ergreifendes, sondern auch etwas Komisches, denn in diesem Fahrerlager drängeln sich sonst Mädchen im Teenager-Alter so vor den Transportern von Valentino Rossi oder Marc Márquez.

Nun hat die gleiche Euphorie auch die ­Generation ihrer Eltern ergriffen. Die Idole ihrer Jugendzeit sind da, greifbar nah, für viele aus dieser Region ein Erlebnis, auf das sie nicht einmal zu hoffen gewagt haben. Denn in Sachsen sind Freddie Spencer, Wayne Gardner und all die sagenumwobenen Vierzylinder-Zweitakter nie gefahren. Ihre Ära war zu einer Zeit, in der die Motorrad-Weltmeisterschaft auf dem alten Sachsenring nur noch in der Erinnerung lebte. Einzig in Brünn konnten die Menschen hinter dem Eisernen Vorhang die 500er-­Helden damals er­leben. Sie heute auf dem Sachsenring zu sehen, ist wie die späte Erfüllung eines Traumes. Und da darf man sich eben auch wieder wie mit 17 fühlen.

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Legenden unter sich

Die Serie, deren Premiere wir beim Sachsenring Classic 2016 ­erleben konnten, brodelte in den Köpfen einiger schon ­länger. Wenn die 500er-Zweitakter irgendwo wieder ­auf­tauchen, fangen Fahrer und Fans gleichermaßen zu schwelgen an. Sogar Valentino Rossi, der heute mit viel schnelleren Motorrädern unterwegs ist, bekommt strah­lende Augen, wenn er wieder vor einem solchen Vollblut-Renner steht. Er beteuert, dass sie die ultimativen Renn­maschinen waren und von allen den größten Kick gaben, wenn sie an ihre Grenzen gebracht worden sind – weil der schmale Grat, wenn an der Reifenhaftgrenze ein plötz­licher ­Drehmomentschub einsetzt, der Hochleistungs-Zwei­taktern nun einmal eigen ist, entweder mit einem spektakulären Slide, oder mit einem brutalen Highsider enden kann. ­Hier trennte sich die Spreu vom Weizen.

Für Wayne Gardner, 500er-Weltmeister von 1987 und bis heute ein Volksheld in Australien, kristallisierte sich die Idee recht schnell heraus: Wann immer er sich mit ­seinen alten Rennfahrerkollegen unterhielt, lief das ­Gespräch schnell darauf hinaus, dass sie nichts sehnlicher wünschten, als eine Revanche für diesen und jenen Kampf.  Rennfahrerblut wandelt sich nun mal nicht zu Wasser, Spitzenrennfahrern juckt es Zeit ihres Lebens in den Fingern. Unterhielt er sich mit Fans, schwärmten diese von den alten Kämpfen, und dass man heute in Zeiten der Elektronik so etwas nicht mehr sieht. Was lag also ­näher, als diese wieder aufleben zu lassen? In Nick Wigley von Goose Live Events, die das erfolgreiche Silverstone Classics veranstalten, fand Gardner einen Verbündeten, und gemeinsam brachten sie im Juli 2015 erstmals die alten Bikes und ihre Fahrer in Jerez wieder auf die Strecke. Weil dieser Event ein Erfolg war, entschieden sie sich zu einer ­Serie, die auf dem Sachsenring Premiere feierte.

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Unglaubliches Interesse

Dass sie mit ihrer Einschätzung richtig lagen, zeigte sich auf dem deutschen Grand Prix-Kurs schnell. Über 30.000 Zuschauer ­kamen und bevölkerten das Fahrerlager und das Boxendach. Während dieser Bereich in der aktuellen Welt­meisterschaft streng abgesperrt ist, war er nun frei zugänglich, und das persönliche Erlebnis mit den Fahrern und den Maschinen aus nächster Nähe machte den Traum der Fans komplett.

Dabei haben nur die wenigsten mitbekommen, welche Dramen sich im Hintergrund abspielten. Die Maschinen gehören heute enthusiastischen Sammlern. Dass sie ihre Schätze wieder für wilde Kämpfe hergaben, zeigt, welche Fans sie in ihren Herzen selber sind. Aber für die hochsensiblen Bikes gibt es so gut wie keine Ersatzteile mehr, und wie man sie richtig einstellt, das wissen nur noch die, die einst an ihnen arbeiteten und ihre Daten aufgeschrieben haben. Es ist sehr komplex, einen Hochleistungs-V4 richtig zu bedüsen, und da die Vorschriften für den Rennsprit sich in den Jahren ständig geändert haben, ist es unmöglich, für alle Motoren genau den Sprit zu bekommen, wofür die Brennräume, Steuerzeiten und Auspuffanlagen einst ausgelegt worden sind. Dass Dichtungen und Isolierungen während der langen Standzeit altern, macht die Sache auch nicht einfacher.

Ältester Starter 84 Jahre alt

Trotzdem standen sie, als es drauf ankam, dann doch alle in der Startaufstellung. Weil sich nicht für alle Fahrer ihre Original-Maschinen auftreiben ließen, wurde kräftig durcheinander gewürfelt. Freddie Spencer ist während seiner Karriere für Kawasaki, Honda, Yamaha und Ducati gefahren, aber nie für Suzuki. Dies holte er auf dem Sachsenring nach und fuhr die RGV 500, mit der Kenny Roberts jr. – dessen Vater 1983 sein größter WM-Gegner war  – 1999 Vizeweltmeister wurde.

Es gab noch andere interessante Konstellationen. Jim Redman hatte seine sechs WM-Titel alle auf Honda-Viertaktern gewonnen und war bereits zurückgetreten, als die Zweitakter ihren Siegeszug in der Königsklasse begannen. Trotzdem war der 84-Jährige, der Deutschland in den letzten Jahren zu seinem zweiten Zuhause gemacht hat, Feuer und Flamme von der Idee, ein letztes Mal bei einem richtigen Rennen anzutreten, und er bekam dafür die Suzuki, die Randy Mamola 1979 fuhr. Der zweitälteste Herr in der Startaufstellung war sein einstiger Rivale, der siebenfache Weltmeister Phil Read. Der 77-jährige Brite saß auf völlig authentischem Material, der Suzuki RG 500, mit der er 1976 seine letzte Saison in der 500er-WM fuhr und mit der er 1977 die Senior-TT gewann.

Hochspannung bei den Rennen

Selbst der Wettergott war mit den Legenden. Regenschauer verwässerten die Fahrt von anderen Klassen, aber wenn die 500er auf der Strecke waren, blieb es trocken. Am Sonntag kam gar die Sonne raus, als sie alle in der Start­aufstellung um die Wette strahlten.

Als die Ampel bei den Rennen auf Grün sprang, war es aber vorbei mit dem Lächeln, und es ging ans Eingemachte. Die Herren rauften miteinander wie in ihrer besten Zeit. Das Fahren hat keiner von ihnen verlernt, und viele fahren auch heute noch regelmäßig in ihren Rennfahrerschulen oder bei Veranstaltungen, so fehlt ihnen auch die Routine nicht. Freddie Spencer, Jeremy McWilliams, Garry McCoy, Niggi Schmassmann, Jürgen van der Goorbergh und Ralf Waldmann stachen besonders hervor. Im ersten Rennen am Samstag machte Lokalheld Waldmann den Zuschauern eine Freude und gewann auf der Ex-Pierfrancesco-Chili-Suzuki von 1986, vor Freddie Spencer und Jeremy Mc­Williams. „Stark, jetzt habe ich auch auf dem Sachsenring gewonnen“, strahlte der 20-fache GP-Sieger.

Gigantische Siegerparty im Fahrerlager mit den Fans

Beim zweiten Rennen tat sich Waldmann dann durch eine andere Heldentat hervor. Die Cagiva, mit der Initiator Wayne Gardner fahren sollte, lief noch schlechter als am Tag zuvor, und so trat Waldmann sein Gefährt spontan an den Australier ab. Dieser konnte den Vortages-Sieg des Motorrads zwar nicht wiederholen, freute sich aber diebisch über die Möglichkeit, wenigstens in diesem zweiten Rennen richtig Gas geben zu können. Das Rennen gewann Jeremy McWilliams vor Garry McCoy und Freddie Spencer, und danach gab es eine gigantische Siegerparty im Fahrerlager mit den Fans.

Die Premiere der Serie, die in diesem Jahr noch bei den Silverstone Classics antritt, war somit ein voller Erfolg. „Es war gut, dass wir den Sachsenring zum Auftakt gewählt haben“, freute sich ein sichtlich erschöpfter, aber glücklicher Wayne Gardner. „Die Begeisterung der Zuschauer hier ist einfach einmalig.“ In Zukunft hofft der Australier, dass er noch spannenderen Sport bieten kann. Er möchte einen Reifensponsor für seine Serie gewinnen, damit alle mit den gleichen Reifen fahren können. Damit auf lange Sicht ohne Reue Gas gegeben werden kann, sieht er sich auch nach modernerem Maschinenmaterial um. Jeremy McWilliams fuhr bereits auf dem Sachsenring die Ronax 500, die Ronny Scheer und sein Team aus Dresden mit KTM-Motocross-Zylindern und moderner Benzineinspritzung bauen. Gardner hofft, dass in Zukunft noch mehr Fahrer mit den deutschen Maschinen in seiner Serie an den Start gehen können. Ob sich diese Ideen verwirklichen lassen oder nicht, wir können uns bereits jetzt darauf freuen, wenn die Titanen und ihre Zweitakt-Geschosse im nächsten Jahr wieder zum Sachsenring Classic kommen.

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