Kolumne Schnell ist schon als Wort gefährlich

Wer mit Geschwindigkeit flirtet, steht heute auf sehr dünnem Eis. Das ist evolutionstechnisch widersinnig und ganzheitlich doppelzüngig – oder?

Foto: Gargolov

„Cause I got speed inside my brain“, brüllt Ian Gillan von Deep Purple im Hardrock-Klassiker “Highwaystar” ekstatisch – erstmals 1971. Damals konnte man noch mit der Lust an Geschwindigkeit protzen. Das sprach der motorisierten Jugend aus dem Herzen, war Freiheit pur und männlich dazu. Die Massen nickten rhythmisch mit dem Kopf – grenzenlose Zustimmung.

Mit dieser ungezügelten Freude am Gasgeben steht der Deep Purple-Frontman in einer langen Tradition, an deren Beginn der Mensch nach Geschwindigkeit über seinem Lauftempo strebte. Kaum war das Rad erfunden, spannte er alle möglichen Tiere vor den Karren, die den nicht nur aus dem Dreck, sondern vor allem schnell von A nach B ziehen sollten. Sofort war Topspeed ein Thema, brüllten die Leute bald auf römischen Rennbahnen vor Begeisterung.

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Viele sehen Geschwindigkeit als Problem per se

Selbst an der Tempo-Jagd teilzunehmen war der Allgemeinheit allerdings lange verwehrt. Erst mit der Erfindung der Eisenbahn kam das Massenphänomen „Geschwindigkeit“ richtig in Fahrt. Und schon gab es Mahner. Auch wenn die oft zitierte Warnung des „Bayrischen Obermedizinalkollegiums“ von 1835 vor einer Gehirnkrankheit bei so schnell Reisenden sicher ins Reich der Mythen gehört – die Behörde hat es nie gegeben. Kaum bot sich den Menschen die Chance, schneller voranzukommen, als der Durchschnitt daherstolpern konnte, gab‘s Gemecker.

Den Gipfel der erhobenen Zeigefinger erleben wir heute. Überall wird ge-, er- und vermahnt. Wer das Wort „Geschwindigkeit“ nur in den Mund nimmt, besitzt entweder kein Gewissen oder rückt gefährlich nahe an die Illegalität. Von Männlichkeit sprechen wir hier lieber gar nicht. Sehr viele Mitmenschen sehen Geschwindigkeit als Problem per se, weil sie durch Megasicherheitskampagnen, Rüpel-Rolf, sensationsgierige TV-Reportagen und autoritäre Regelwut die Perspektive verloren haben.

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Langsam ist auch nicht sicher

Da wird Geschwindigkeit sofort zu Rasen, nach dem Motto: Wem der andere zu schnell ist, dem ist dieser ein Raser. Wird deshalb Speedy Gonzales nicht mehr im Kinderprogramm gezeigt? Unsere Kleinen könnten merken, dass es verdammt Spaß macht, schnell zu sein.

Dass „langsam“ längst nicht sicher ist, hat niemand eindrücklicher demonstriert als unsere Kanzlerin. „Wir gehen von niedriger Geschwindigkeit aus“, sagte Regierungssprecher Seibert, als er nach den Umständen von Merkels Skiunfall gefragt wurde. Vielleicht warnt bald das Bundesinnen­ministerium vor zu langsamem Skilanglauf – Beckenbruchgefahr!

Raserei des Alltags kostet Menschenleben

Das Paradoxe an der allgemeinen Geschwindigkeitsfeindlichkeit ist doch, dass sich unsere Lebenswelt irrsinnig beschleunigt hat. Im digitalen Zeitalter rast das Leben an uns vorbei, müssen wir immer mehr Dinge immer schneller erledigen, um im Alltag nicht abgehängt zu werden. Davor warnt kein ­Anti-Schnell-Verband, kämpft kein ­Ministerium mit Aufklärungskampagnen dagegen an, setzt sich nicht in den Köpfen der Leute fest, wie gefährlich das ist. Dass diese Raserei des Alltags Menschenleben kostet, wird nur am Rande thematisiert.

„Verschwendete Zeit ist Dasein, gebrauchte Zeit ist Leben“, hat der eng­lische Schriftsteller Edward Young einmal geschrieben. Da gab es noch nicht einmal die Eisenbahn. Aber er trifft des Pudels Kern. Es gibt negativen Speed – von außen aufgezwungen als bloßes Dasein und Funktionieren.

Flucht ist eine heilsame Methode, um dem Hamsterrad zu entrinnen: Helm überstreifen und mal zügig Motorrad fahren. Wer so der Hektik mit Geschwindigkeit begegnet, lebt seine Freiheit. ­Politisch korrekt oder nicht – mit dem richtigen Maß ist das überaus gesund: „Cause I got speed inside my brain“.

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