Simson-Spezialisten in Suhl Im Süden des Thüringer Walds befanden sich einst die Simson-Werke

Im Süden des Thüringer Walds stellten die Simson-Werke zu DDR-Zeiten Millionen von Mopeds und Mokicks, Kleinrollern und sogar großen Motorrädern her. Eine Schar von Spezialisten und Enthusiasten hält das Erbe bis heute lebendig-fahrbereit.

Foto: Schmieder

Es ist ein Ehrfurcht gebietender Moment: Durch Aufziehen von Schubladen gibt die Schatzkammer ihre Geheimnisse preis. Längst vergessen geglaubte Konstruktionszeichnungen kommen zum Vorschein, bis aus den 50er-Jahren. Zum Beispiel technische Zeichnungen auf vergilbtem Pergamentpapier zum Biegeradius von Schwalbe-Rohrrahmen oder Spatz-Typenschildern.

Die Firma MZA Meyer-Zweiradtechnik Ahnatal GmbH in Suhl bewahrt das kollektive Simson-Gedächtnis für die Nachwelt und das eigene Geschäftsmodell. Anleitungen für den Auspuff einer AWO finden sich ebenso wie solche zum Bau von Kupplungen oder Ziehkeilgetrieben für die berühmte Zweitakt-Vogelserie, als Blaupausen für aktuelle Neuteile. Regale mit Aktenordnern und nach Größen sortierte Schubladenschränke enthalten mehrere Kubikmeter Simson-Geheimnisse, bis hin zu nie realisierten Projekten, wie etwa der geplanten Benzineinspritzung. Erst der Zugriff auf die Originalpläne ermöglicht es, MZA-Komponenten nachzufertigen. Manuela Jakob, Leiterin der Niederlassung Suhl, erklärt stolz, dass die besonders verbreiteten Simson-Modelle S 51 und KR 51 Schwalbe komplett aus MZA-Neuteilen aufgebaut werden können.

Heinz Recknagel stellt sich vor, Konstruktionsleiter einst und jetzt. Heute beim Teilelieferanten MZA, bis 2003 bei Simson. Er und sein Team haben viele technische Entwürfe erstellt und berechnet. „Früher hatte die Konstruktion und Entwicklung bis zu 80 Leute“, erläutert der Ingenieur. Heute ist er Einzelkämpfer. Zu Spitzenzeiten beschäftigte das Simson-Werk 3500 bis 4500 Menschen. MZA reichen in der Zweigstelle Suhl 15 Festangestellte.

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Für Heinz Recknagel sind die historischen Konstruktionspläne vertraute Materie und heutige Arbeitsgrundlage: „Ich konstruiere die alten Teile nach ihren Zeichnungen neu in CAD auf dem Computer.“ Einerseits, um moderne Bearbeitungs- und Fertigungszentren steuern zu können. Andererseits, um Qualitätsansprüche zu sichern: „Wir wollen, dass mit den Neuteilen möglichst der einstige Serienzustand erreicht wird - und dass sie ein potenzieller Zulieferer aus Europa und Asien nach unseren Vorgaben herstellt.“ Die Qualität ist heute konstanter, die Flexibilität von Zulieferern, speziell aus Asien, größer. „Aber es ist auch gar nicht so einfach, jemanden zu finden, der einem Kleinserien von 500 bis 1000 Stück produziert“, sagt Thomas Zumpf. 1973 hat er als Fahrzeugschlosser bei Simson angefangen, wurde später Betriebs-Ingenieur in der Stanzerei. „Früher haben wir bei Simson einfach alles selber hergestellt, bis auf Gummiteile und Elektrik vielleicht.“ Auch wenn es bei bis zu 200 000 Fahrzeugen pro Jahr manchmal an Kapazitäten gefehlt hat, wie auch am Nachschub von Rohstoffen.

Von ein paar Hundert Leuten in der Stanzerei sind heute noch zwei bei MZA übrig. Thomas Zumpf schaut ohne Sentimentalität in die Zukunft. Dabei hilft der Blick in die Vergangenheit: „Teilenummern und Berechnungen hat man immer noch  automatisch im Kopf.“ Seine Firma bietet den millionenfach gebauten Viergang-Motor M 541 mit 50 cm³ und M 751 mit 70 cm³ seit 2009 komplett neu an, mit zwei Jahren Garantie. Sogar ein Fünfganggetriebe für echte Freaks hat MZA im Angebot.

Warum dann nicht auch gleich Komplettfahrzeuge frisch ab Werk? Weil neue Zweitakter heute wegen der strengeren EU-Abgasbestimmungen nicht mehr zugelassen werden können. Hinzu kämen logistische Probleme beim Errichten einer Fahrzeugproduktion und die Frage, ob „Neu-Simsons“ preislich wettbewerbsfähig sein könnten. Nur die Elektrofahrzeugwerke Suhl, eine andere Firma, lassen ab Sommer 2012 die e-Schwalbe fliegen, mit Elektromotor im Retro-Design ab 4699 Euro. MZA aber konzentriert sich auf seine Stärke: Ersatz- und Nachrüstteile. „Pauschal kann man nicht sagen, dass die alten DDR-Teile früher generell schlechter waren“, sagt Heinz Recknagel. Nur habe der Zahn der Zeit stark an der Substanz genagt - die letzten Schwalbe-Kult-Roller liefen vor über einem Vierteljahrhundert vom Band. „Dort, wo wir die alten Werkzeuge noch haben, versuchen wir so viel wie möglich noch in Suhl zu machen.“ Die MZA-Mitarbeiter bauen Teile nach, geben sie bei Partnerfirmen in Auftrag, bauen ganze Baugruppen zusammen. Zwei gutgelaunte Damen stellen aus angelieferten Naben, Speichen und Felgen Räder her. Eingespeicht, zentriert, so wie es Heidi Preißler schon seit 1975 bei Simson getan hat: „Ganz wichtig ist es, die Speichen mit dem richtigen Gefühl anzuziehen.“

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Manuela Jakob weiß, was die Mopeds und Roller aus dem Thüringer Wald ausmacht: „Simson heißt nicht nur robust und langlebig - sondern auch selber dran schrauben.“ Das darf man dank fabrikneuer Ersatzteile nahezu grenzenlos. Bestell-Nummer 13043 etwa umfasst den Umrüstsatz für Zündanlagen und Bordelektrik von 6 auf 12 Volt. Rund 170 Euro sind dafür fällig. Das Baukastensystem, so waren bei der Schwalbe Vorder- und Hinterrad identisch, macht auch Jugendlichen den Unterhalt einer Simson leicht. Stabile bis steigende Nachfrage attestiert Manuela Jakob ihrer Produktpalette. In den vergangenen Jahren gab es zweistellige Zuwachsraten. Ersatzteile für MZ machen nur rund zehn Prozent des Umsatzes aus. Offenbar bewegen auch die steigenden Spritpreise so manchen Simson-Besitzer dazu, seinen Vogel wieder fliegen zu lassen.

Dabei hilft MZA, 1993 gegründet vom gebürtigen Sachsen Falko Meyer in Vellmar bei Kassel, wo heute noch Logistik und Verwaltung sitzen. Mit drei Mitarbeitern beschäftigte er sich mit dem An- und Verkauf von gebrauchten Simson-Fahrzeugen und Ersatzteilen. Als die Thüringer Traditionsmarke 2003 endgültig ihre Tore schloss, sicherte sich MZA bei einer Versteigerung durch die Treuhand Waren- und Lagerbestände, Werkzeugpakete sowie Zeichnungs- und Urheberrechte. MZA kann seitdem als einziges Unternehmen uneingeschränkt diverse Markenzeichen und Altdokumente nutzen. Noch im Mai 2003 bezog die Firma ehemalige Räumlichkeiten von Simson, in Suhls Meininger Straße 222. Dort befindet sich neben der Produktion ein Hochregallager mit mehr als 4000 Gitterboxen.

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Heinz Recknagel führt über sein einstiges, fast einen Quadratkilometer messendes Werksgelände. Im „Simson-Gewerbepark“ sind in die ehemaligen Lackierereien, Gießereien oder Montagehallen klein- und mittelständische Betriebe eingezogen. Kaum etwas erinnert hier noch an die Simson-Produktion. Nur eine Handvoll Enthusiasten bewahren noch immer die Tradition. Klaus-Dieter Ruck in seinem „Zweiradhaus Suhl“ war früher Fahrer, dann Betreuer in der Sport-Abteilung von Simson. Beim Blick in seinen Laden an der Hauptstraße sind über 6000 Ersatzteile erhältlich, bis hin zum Original-Typenschild einer Touren-AWO aus den 50er-Jahren. Regale und Wände quellen über vor sorgfältig geordneten Vergasern, Kolben, Krümmern, Sitzbänken und Federbeinen. Reiner Klemt von KSM-Motorenbau sitzt ebenfalls auf dem einstigen Simson-Areal. Er kann eine Schwalbe auch auf Scheibenbremse umrüsten. Und wenn mal Zylinderschleifen und neue Übermaßkolben anstehen? Überhaupt kein Problem.

Echte Spezialisten und Urgesteine sind auch Olaf und Jürgen von „Simson Service Restauration Walke & Richter“. Der eine hat 1978, der andere bereits 1969 bei Simson angefangen. Neben dem Teilehandel ist Motorenservice ihre Spezialität. Olaf sagt von sich selbst: „Im Laufe meines Lebens habe ich Hunderttausende von Kurbelwellen gerichtet.“ Die Werksvorgaben für guten Rundlauf erkennt er mit bloßem Auge. Und stellt dann noch seinen Freund Tino von gegenüber vor. Der echte Enthusiast sammelt alle jemals gebauten Simson-Modelle in möglichst gutem Zustand. „Nur eine 425er-Eskorte fehlt mir noch.“ Aber sonst hat er sogar die Typen aus den 90er-Jahren. Eine Sperber MS 50 von 1998 mit Getrenntschmierung etwa oder eine Schikra 125 mit Billig-Viertakter aus Taiwan. Die Menschen hier pflegen eben ihre Vögel und päppeln sie wieder auf.

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Kontakt, Infos, Adresse

Auf dem ehemaligen Werksgelände sitzen gleich vier Simson-Spezialisten.
Sie haben alle die gleiche Adresse: Meininger Straße 222, 98529 Suhl, im Simson-Gewerbepark. Die Firma MZA Meyer-Zweiradtechnik Ahnatal GmbH ist die größte. Allerdings verkauft die Firma ihre Hunderte von Repro-Ersatzteilen nicht an Endkunden.

Ihre besuchenswerte Internetadresse www.mza-vertrieb.de bietet viele Infos rund um Simson und vermittelt Kontakt zum deutschlandweiten MZA-Händlernetz mit rund 1500 Werkstätten, Ladengeschäften und Abhol-Shops. Genau gegenüber liegt die Werkstatt von Walke & Richter. Sie bietet Vollservice inklusive MZ-und Simson-Teilehandel an. Ihre Spezialität sind Motoreninstandsetzung und Kurbelwellenservice. Aber auch Lackieren und Sandstrahlen. Telefon: 01 62/1 87 70 56. Beeindruckend ist das Ladenlokal vom Zweiradhaus Suhl (www.zweiradhaus-suhl.de, Telefon 0 36 81/35 25 25). Beim Blick auf seine reich bestückten Regale lernt man das Staunen - so viele Simson-Ersatzteile sind vorrätig. Inhaber Klaus-Dieter Ruck hat bereits Fahrzeuge fürs Fahrzeugmuseum Suhl restauriert, das ein paar Kilometer weiter in der Innenstadt (Friedrich-König-Straße 7, Telefon 0 36 81/70 50 04, www.fahrzeug-museum-suhl.de) liegt. Die Firma KSM ist Spezialist für Motorenbau und Fahrzeugneuaufbauten. Dazu zählen auch Restaurationen, Ausdrehen und Honen von Zylindern bis 56 mm Bohrung, Tuning-Motoren und Komplett-Umbauten (Telefon 0 36 81/80 39 26, www.ksm-motorenbau.de).

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MOTORRAD-Classic Autor kauft Schwalbe

Manche Kollegen hatten ja nie einen Zweifel, dass MOTORRAD ClassicAutor Thomas Schmieder einen Vogel hat. Bitte sehr, hier ist der Beweis: Diese Schwalbe ist ihm einfach so zugeflogen …

Es war Liebe auf den ersten Blick. Und gleichzeitig eine Verkettung von Zufällen. Die Reportage über die Simson-Szene von Suhl, siehe die Seiten zuvor, war bereits am Vortag „im Kasten“. Aber irgendetwas zieht mich nochmal magisch zurück aufs ehemalige Werksgelände. Und da, erst da, fällt sie mir auf. Wie sie da so parkt, mit ihren Ochsenaugen blinzelt, neben zwei Schwalben-Geschwistern im gläsernen Pavillon, in dem einst Simson an seinem Haupttor die neuesten Produkte zur Schau stellte.

Aber diese Schwalbe ist etwas besonderes, in ihrem leuchtend orangen Lack. Die Farbe des Sommers, Verheißung von Sonne, Wärme und von unbeschwerten Fahrten mit nur 80 Kilogramm. Ich drücke mir die Nase am Schaufenster platt. So wie mit 15 beim Mofa- und mit 16 beim 80er-Händler. „Zu verkaufen“ steht auf einem Blatt Papier an der Blech-Karosserie. Hhmm. Klar kenne ich Schwalben, hab‘ schon viele gesehen. Bereits in den 80er-Jahren besuchte ich als Westdeutscher die Verwandten in der DDR, 1988 sogar mit meiner Yamaha XJ 900 N. Doch für Roller hatte ich damals überhaupt kein Faible.

Nach der Wende avancierte die Schwalbe dann mit ihrem Küchenmaschinen-Design und dem blau qualmenden Zweitakter zum Kult-Klassiker. Ganz legal mit 60 Sachen laut Einigungsvertrag, auch im Westen. In der reichen Stadt Stuttgart, Heimat von Daimler, Porsche und Bosch, fahren diese DDR-Roller gleich dutzendweise rum. Doch noch immer war ich immun gegen die durchaus angesagte Art urbaner Fortbewegung. Aber nun ist alles anders. Jetzt muss ich unbedingt einen Vogel haben. Ist das Altersmilde? Oder gelebte (N)Ostalgie? Egal, jetzt gilt’s den Besitzer zu erreichen. Ich werde nervös.

Da, das Firmenschild: „KSM - Die Simson-Spezialisten“, Telefon 0 36 81/30 82 17. Eine Werkstatt ist dran. „Ja die Schwalben da ...“, sagt die Stimme am Telefon, „die sind komplett restauriert.“ Besitzer Reiner Klemt, sein Dialekt geht fast ins Fränkische, beginnt aufzuzählen, wie er und sein Sohn den Paradiesvogel aufgepäppelt haben: Zylinder, Kolben und Vergaser neu, ebenso Auspuff, Räder und Reifen. Der Lack taufrisch, die Elektrik gerichtet.

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Nicht übertrieben, wie neu steht der bunte Vogel da. Diese Schwalbe ist eine der letzten, Baujahr 1986. Eine KR 51/2 mit luftgekühltem Viergang-Motor. Prima!

Sie parkt keine 100 Meter entfernt von dem Gebäude, in dem zwischen 1964 und 1986 alle Schwalben, mehr als eine Million, von den Bändern schlüpften. Ein großes Gefühl, ein legendäres Fahrzeug genau an dem Ort zu kaufen, wo es vor über einem Vierteljahrhundert gebaut wurde. Wann und wo hat man das schon?

Bliebe nur noch der Preis: 1400 Euro, daran sei nichts zu verhandeln. Nichts, gar nichts. Nun, solche guten Exemplare werden in westdeutschen Metropolen höher gehandelt. Dennoch versuche ich den Preis auf 1350 Euro zu drücken. Weil man sich besser fühlt, wenn einem der Verkäufer ein bisschen entgegenkommt.

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„Am Front-Kotflügel ist ganz vorn etwas Lack abgeplatzt, da ist eine kleine schwarze Stelle. Vielleicht beim Rangieren irgendwo dran gestoßen?“ Ungläubig läuft Rainer Klemt um die Schwalbe herum. „Das ist kein abgeplatzter Lack. Nur ein Tropfen Unterbodenschutz, mit dem wir die Kotflügel unten konserviert haben!“ Ein gutes Zeichen mehr. Ein Handschlag, die Sache ist besiegelt. Und die Vorfreude grenzenlos. Also schnell im hübschen Stadtteil Suhl-Heinrichs mit seinen schönen Fachwerkhäusern Geld holen am Sparkassen-Automaten . . .

In der DDR gab es bis zu fünf Jahre Wartezeit für neue Schwalben. Aber die Zeiten sind nun andere, diesen Vogel darf man gleich mitnehmen. Und so feiere ich heute mehrere Premieren auf einmal: Dies ist mein erster eigener Zweitakter, mein erster Roller und mein erstes Fahrzeug aus deutscher Produktion. Der schönsten aller Schwalben baue ich ein gemütliches Nest. Der Sommer kann endlich kommen!

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