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Abenteuer-Kurztrip mit Suzie: ...

Ein Tag mit der Suzuki GS 400 Scracer Zur Sache, Schätzchen!

Ein Tag ist kurz. Aber nicht zu kurz für einen unvergesslichen Trip. Nicht zu kurz für das eigentlich Unmögliche: eine Freundin fürs Leben zu finden. Eine auf zwei Rädern. Nicht zu kurz, um sich zu verknallen und die Schöne zu entführen. Nach draußen auf die Straße.

Es ist ein besonderer Morgen: Angenehme vier Grad Celsius zeigt das Thermometer an der Apotheken-Anzeige gegenüber, der Himmel ist bedeckt, die Meteorologen haben Regen angesagt. Ideal fürs erste Date. Choke rein, push the Button. Per Knopfdruck züngeln willig zwei Zündkerzen. James Hetfield, Frontmann von Metallica, tritt imaginär unter Gejubel der Massen auf die Bühne. Luftfilter schlürfen Frischluft wie die mallorquinische Partymeute Sangria aus meterlangen Strohhalmen. Zwei Polo-Tröten buhlen gegenseitig um den besten Sound. Doch für das Heavy Metal-Getöse sind nicht die blitzenden Töpfe, sondern der dicke Eigenbau-Krümmer verantwortlich.

Kurze Beine schmiegen sich um den Tank, Füße treffen Rasten wie die Treppenstufen, die seit 20 Jahren ins dritte Obergeschoss zur heimischen Wohnung führen. Die Kupplung greift sich wie eine alte Türklinke. Leider ist sie zu weit weg. Schon nach wenigen Schaltvorgängen schmerzt die linke Unterarmsehne. Egal. Sollte nicht das Problem sein. Denn ich fliege. Fliege deshalb, weil es der perfekteste Morgen ist, den ein so unperfekter Tag hergeben kann. Es ist der Morgen, an dem ich endlich mein Traummotorrad ausführen darf. Wir werden uns kulinarisch verkös­ti­gen, werden Kunst genießen, werden Spaß haben wie beste Freundinnen nach jahrelanger Abstinenz.

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Ein Gefährt, das Freund und Feind zugleich ist

Die Werners ist das schönste Motorrad der Welt. Für mich. Es gibt Persönlichkeiten, die trifft man, und es macht einfach booom! Bei dieser Suzuki GS 400, Baujahr 1978, war das so. Schon immer galt meine Suche bis dato nicht dem perfekten Motorrad, sondern einem Gefährt, das Freund und Feind zugleich ist. Zickig, launisch, aber wenn es darauf ankommt immer für einen da. Keine Maschine, die auf Knopfdruck anspringt, sondern willkürlich entscheidet, ob es ihr gerade passt. Oder auch nicht. Für Männer ein ehrlicher Kumpel, für Mädels eine echte Freundin. Eine, die man nicht kaufen, sondern nur nach langer Suche finden kann. Wenn man sie überhaupt trifft. Optik, Motor, Hersteller – alles völlig egal. Aber es sollte passen wie ein maßgeschneiderter Anzug.

Im Herbst 2010 stand dieser „Anzug“ plötzlich vor mir. In der Tiefgarage. Eigen­tümer war MOTORRAD-Urgestein Werner Koch. Deshalb hieß die Schöne für mich gleich Werners. Weil sie einfach Werners war. Ich wollte sie sofort kaufen. Ungefah­ren. Aber verliebt. Werner jedoch war zögerlich. Nun, nach über 46 Monaten Warten, kam endlich die Zusage für den finalen Kennenlern-Termin. Man(n) würde sich eventuell von dem Fahrzeug trennen können, hieß es. Eine gefühlte Nanosekunde später stand ich neben meinem Traum­motorrad. Jetzt sitze ich endlich drauf und fahre. Raus in die weite Welt.

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Foto: jkuenstle.de
Denn es ist Liebe.
Denn es ist Liebe.

Sie schiebt sich hervorragend

27 PS aus 398 cm³ sind genug, der Rest der Maschine entspricht überhaupt nicht mehr dem Kaufvertrag, den der glor­reiche Erstkäufer 1978 unterschrieben hat. Abgeänderte Fahrwerksgeometrie, Feintuning an Gabel wie Federbein und das Ausdünnen diverser unnötiger Teile erweckte die Werners zu neuem Leben. Während ihr Erbauer sein Augenmerk auf gutes Handling und Fahrdynamik legt, müssen für mich Optik und Sound stimmen. Ich bin leidenschaftlich. Wir erreichen die alte Solitude-Rennstrecke in der Nähe von Stuttgart.

Ges­tern noch Heimat großer Auto- und Motor­radrennen, heute Veranstaltungsort des ­beliebten Glemseck 101-Events. Raserei ist nicht angesagt. Sie will, ich nicht. Sie kann, ich nicht. Sie ist nach aufwendigem Umbau fürs dynamische Fahren gemacht. Ich hingegen denke: Nichts falsch machen, nicht quälen, auf keinen Fall stürzen. Sie ist die Draufgängerin, ich der Vernunftsapostel. Ist mir neu, aber sowieso ist Genießen angesagt. Kräfte sparen. Wärme bringt die Freude, die Aufregung. Und manchmal leider auch das Schieben.

Denn das Spritfass ist plötzlich leer. Kommt vor ohne Anzeige. Also gemütlich zur Tanke schieben, zwei Kilometer zu Fuß mit der neuen alten Freundin an beiden Händen. Und, wie könnte es anders sein: Sie schiebt sich hervorragend. Der Stummellenker aus den Untiefen einer 20-jährigen­ Sammlung des Erbauers bringt nicht nur ein gutes Handling bei williger Leis­tungs­entfaltung, sondern sogar ohne laufenden Motor. Wir verstehen uns wunderbar. Die Kommentare aus den vorbeifahrenden Fahrzeugen sind eindeutig zweideutig. Frau und Fahrzeug! Klischees in handgewedelter Form zeichnen sich hinter den Scheiben gut beheizter Autos ab. Mittlerweile hat es sieben Grad Celsius, plus körperliche Anstrengung macht 20. Wohl­fühltempe­ratur. Die Conti Go-Diagonal­reifen rollen wie auf 7 bar Druck. Das Wasser von oben kommt so dünn, dass sich die ­Regenjacke kaum lohnt.

Champagner in den Tank, Kaffee in den ­Magen

Sprit gibt es natürlich nur vom Feinsten. Champagner in den Tank, Kaffee in den ­Magen. Ich weiß gleich, wo es als Nächstes hingehen soll. Werner wäre in seinem schlimmsten Albtraum nicht auf die Idee gekommen, mit ihr zum Shoppen zu fahren, doch was juckt mich das?

30 Minuten später: Welches Kleid am bes­ten zum Moped passt, geht nur beim ­gemeinsamen Rundblick über das Angebot. Verständnis dafür hat man bei Flaming Star. Meinem – und jetzt unserem – Lieblingsladen. Einziges Übel: der verdammte Hauptständer! Ohne Hilfe bekomme ich die Werners nicht hochgehievt. Das nervt. Die Begutachtung des Sortiments findet sitzend statt – auf dem Sattel, einem speziell gebauten, aus Stahl und Gfk getragenen Sitzbrötchen. Egal, der beste Platz ist eh auf ihrem Rücken. Ganz locker im Schritttempo geht es nach dem Einkaufsbummel durch den Graffiti-Park. Hier darf man malen – und das Ganze sogar in Anwesenheit einer zweirädrigen Freundin. Ich sprühe ein Herz in Mattschwarz. Meine Suzie quittiert die Aktion mit leerer Batterie. Kam wohl nicht so gut an. Weiber.

Was nun? Wieder schieben? Dummerweise streiken auch die Lokführer. Alkohol und Fest aus Frust sind leider nur zu Fuß verknüpfbar. Fünf Kilometer sind es bis daheim, wenn man schiebt sogar gefühlte zehn. Wir vertragen uns. Denn sie springt nach einem kurzen Dribbel-Sprint wieder an. Drei Kilometer weiter in einem totenstillen Industrie­gebiet folgt die Aussprache. Ihr Low Budget-Scheinwerfer funkelt in meine braunen Augen. Baby, ich will dir so viel ­geben: einen warmen Platz am offenen Kamin, sieben und eine angefangene Flasche Politur, mindestens 98 Oktan, Abende zu zweit, volle Aufmerksamkeit, neue Zündkerzen … Die Laterne strahlt auf den mit Glasscherben und Dreck verseuchten Boden. Also, was ist, willst du mit zu mir kommen? Ja, Werners Suzie will – zumindest deutet das die plötzlich wieder vorhandene Batteriespannung an. Und jetzt fahren wir.

Diese perfekte Maschine, diese bockige Freundin

Zu Hause angekommen, schmiegt sich die Lieblings­kuscheldecke um Tank, Sattel und Eigenbau-Heck. Ich versorge sie mit meinem ersten Kuscheltier, einer Maus ­namens Horst (Name wurde von der Redaktion aus Datenschutzgründen geändert).
19.46 Uhr. Es ist leise, das Knistern abkühlender Chrom-Töpfe vermittelt Kamin-Atmosphäre. Genau vor diesem würde ich die Werners jetzt am liebsten parken, in einen gemütlichen Sessel versinken und Pläne für die gemeinsame Zukunft schmieden. Wie das beste Freundinnen eben so machen.

Deshalb: Lieber Werner, bitte verkaufe mir dieses Motorrad. Diese perfekte Maschine, die keine ist. Diese bockige Freundin, wie ich sie in Menschenform schon gefunden, aber als Zweirad immer gesucht habe. Mit der man gern um die Häuser zieht, ­obwohl sie immer ein Projekt bleiben wird. Eines, für das ich Rampen bauen würde, um mit ihr vorm Kamin zu sitzen. Und sogar als Vegetarier einen zünftigen Zwiebelrost­braten vertilgen würde, als sei es das beste Essen der Welt. Denn es ist Liebe.

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