Suzuki GT 750 A im Studio Grau ist alle Theorie

Nur intime Kenner der Suzuki GT 750 wissen vom Farbton „Jewel Grey Metallic“ aus dem Modelljahr 1975. In der Realität hat ihn allerdings kaum jemand gesehen. Selbst Suzuki-Experte Andreas Issel ist so ein grauer Wasserbüffel noch nie untergekommen. Bis er sich an diesen Neuaufbau machte.

Außen hui, innen pfui – Andreas Issel schüttelt noch heute den Kopf, wenn er sich an den ursprünglichen Zustand unseres Fotomodells erinnert. „Das war ein echter Blender. Wie so viele GT 750, die in den letzten Jahren aus den USA über Holland zu uns nach Deutschland kamen.“

Äußerlich noch ganz proper ausschauend, packte den Schweinfurter Restaurierungs-Experten das kalte Grausen, als er sich im Auftrag eines Kunden an die Mechanik dieser „übel zusammengestückelten Maschine“ machte, einem B-Modell von 1977. „Der Motor war komplett mit Wasser geflutet.“ Ursache war ein Gussfehler ab Werk! Im unteren Motorgehäuse fehlte eine Nut für den O-Ring an einem Kühlwasserkanal, der durch beide Motorgehäusehälften verläuft. Das blieb bei einer vorangegangenen „Überholung“ nicht unbemerkt, wie Reste von Dichtmasse an dieser Stelle belegen. Ebenso wenig wie die völlig verschlissene und undichte  Wasserpumpe, deren tropfenden Überlauf man daher kurzerhand mit einem Pfropfen und reichlich Dichtmasse verschlossen hat – kaum zu glauben, wie haarsträubend gepfuscht wird, wenn es um den schnellen Euro geht!

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Für den schnellen Euro: Pfusch im großen Stil

Ein Pfusch, der dem Büffel-Herzen gewaltig zugesetzt hatte. Und Andreas viel Arbeit bescherte, schon beim Abnehmen der Zylinder. Durch das Wasser im Motorblock waren die korrodierten Stehbolzen nämlich so sehr „aufgequollen“, dass Andreas die Zylinderbank nur mit seinem selbst gefertigten Spezialwerkzeug beschädigungsfrei abnehmen konnte. In einem bedauernswerten Zustand präsentierte sich die Kurbelwelle, um deren Überholung sich in bewährter Manier Bernd Braun kümmerte (www.crankup.de), während das robuste Getriebe das unheilvolle Wasserbad unbeschadet überstanden hatte.

Mit dem Strahlen und anschließenden Hochglanzverdichten der beiden Gehäusehälften begann der Neuaufbau der Drei-zylinder-Suzuki, die nach dem Wunsch des Auftraggebers „am Ende genauso glänzen soll“ wie Andreas’ eigene (siehe MOTORRAD Classic 5/2016).  Wie üblich bei seinen Überholungen ersetzte Andreas auch bei dieser Restaurierung die originalen Zylinderstehbolzen gegen selbst angefertigte aus V5A-Edelstahl. Ebenfalls aus eigener Fertigung stammt das Alu-Zahnrad, das nun anstelle des originalen Kunststoffteils noch viele Jahre zuverlässig die komplett überholte Wasserpumpe antreiben wird.

Neue Kolben – hier im ersten Übermaß – bezieht Andreas dagegen grundsätzlich aus Japan von Suzukis Serien-Zulieferer, „in einer bestechenden Qualität mit äußerst geringen Toleranzen“, wie er mit großer Bewunderung betont. Das Ausschleifen und Honen der Zylinder aufs entsprechende Maß überlässt er einem benachbarten Spezialbetrieb. Arbeit bleibt „Belmondo“, so der Spitzname des Experten, bei so einer Komplett-Restaurierung schließlich noch genug: So etwa beim Ausschleifen der tiefen Rattermarken im Kupplungskorb, dem Andreas anschließend eine glättende Politur und ein Nadellager verpasste. Auch die Vergaserbatterie sah „richtig übel aus“. Diese kam daher ebenfalls für 30 Stunden in die Gleitschleifmaschine. Nach dem Hochglanzverdichten versah er die Gemischaufbereitung mit komplett neuen Düsenstöcken und Düsen. Um ein häufiges Inkontinenz-Problem der GT 750 zu kurieren, verbaut Andreas zwischen Öltank und Ölpumpe ein elektromagnetisches Absperrventil, das nur bei eingeschalteter Zündung öffnet. Die mechanischen Ventile am Motorblock können ein Auslaufen des Schmierstoffs über Motor und Auspuff nicht auf Dauer verhindern.

Der Auftrag lautete: „Mach sie mir in Grau!“

Übliche Routine war das Aufarbeiten des Doppelschleifen-Chassis: die ausgeschlagenen Aufnahmen des Hauptständers richten, den Rahmen danach entlacken, grundieren und neu lackieren sowie mit neuen Lagern versehen. Klar, dass auch die Gabel und die Bremsen komplett überholt wurden. Die Federbeine sind allerdings originalgetreue Nachbauten aus England, die „hervorragend funktionieren“. Von dort bezieht Andreas auch die Delkevic-Auspuffanlage aus verchromtem Stahl, die vom Original ebenfalls nicht zu unterscheiden ist.   Ansonsten hatte der Kunde mit dem Serienzustand nichts am Hut. Der Auftrag lautete vielmehr, aus dem etwas nüchternen 1977er-Modell beim Wiederaufbau ein chromglänzendes A-Modell von 1976 zu machen – und zwar in Grau! Was Andreas erst einmal ins Grübeln brachte.

Vom „Jewel Grey Metallic“ des 1975er-Jahrgangs wusste er zwar. Nicht aber, dass es diese Farbvariante in den USA auch 1976 noch gab. „Die war bei uns ein totaler Flop, gekauft wurden damals vor allem die bunten Bonbonfarben.“ Er fand den Lack in England und erfüllte den Wunsch seines Kunden. Das Ergebnis: umwerfend! Nicht nur wegen der seltenen Farbe. Sondern, weil es Andreas wieder mal geschafft hat, aus einem mechanisch desolaten Blender eine blendende Schönheit zu machen!

Mechanik am Ende - Desolate Ausgangsbasis

Äußerlich sah die Suzuki GT 750, ein 1977er-Modell, auf den ersten Blick noch ganz proper aus. Mit ihrer maladen Technik entpuppte sich aber auch dieser US-Import als Blender.

Wasser in Motor und Getriebe, in betrügerischer Absicht zugeschmierte Ablaufbohrung der kaputten Wasserpumpe, defekte Kopfdichtung, eine schwer beschädigte Kurbelwelle, verschlissene Kolben, heftig korrodierte Zylinderstehbolzen, und, und, und – technisch präsentierte sich dieser wild zusammengestückelte Wasserbüffel in einem geradezu jämmerlichen Zustand, als sich Andreas Issel seiner annahm. Umso interessanter ist die ausführliche und reich bebilderte Dokumentation von all den mechanischen Gebrechen und der Restaurierung unseres Fotomodells, die „Belmondo“ auf seiner Homepage zeigt. Mehr dazu unter www. belmondos-bikeschmiede.de

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