Motorradszene Berlin Was die Hauptstadt bewegt

Deutschlands lebensvolle Hauptstadt ist auch eine bunte Bühne für Zweiräder. Eine äußerst rührige Motorradszene in der Metropole gleicht den Mangel an Kurven aus.

Foto: Thomas Schmieder

Berlin im Oktober 2010. Beim Festival of Lights verwandeln Illuminationskünstler 70 Bauwerke zehn Abende lang in ästhetische Kompositionen aus Licht und Farbe. Auch das Brandenburger Tor. Direkt unter der berühmten Quadriga blitzen Informationen zur Stadtgeschichte auf, in Deutsch und Englisch. Menschen aus aller Welt erfahren so, dass 2010 in Berlin 550 Motorräder pro Tag gebaut werden: Aus dem BMW-Motorradwerk in Spandau, der einzigen verbliebenen Motorradproduktionsstätte Deutschlands, stammen seit 1969 fast alle BMW-Motorräder. Aber 550 pro Tag? Dann bräuchte BMW nur 181 Arbeitstage pro Jahr, um 100000 Maschinen zu bauen… Vis-à-vis steht eine Suzuki SV 650. Parkplatzprobleme kennen Zweiradpiloten in Berlin nicht, der nach London einwohnerreichsten Stadt der EU. Okay, flache Landschaft und kontinentales Klima, heiße Sommer und kalte Winter, prädestinieren nur bedingt zum Motorradfahren. Berlin gilt nicht gerade als deutsche Zweiradhochburg, belegt bei der Motorraddichte zusammen mit Hamburg den letzten Platz unter den
16 Bundesländern.
Doch "arm aber sexy" gilt auch für die Motorradszene in der flächengrößten Stadt Deutschlands. Auf fast 900 Quadratkilometern nutzen viele ihr Zweirad als echtes
Verkehrsmittel, nicht nur als Freizeitgerät: flexibler als die S-Bahn, schneller als das Auto. Roller, 125er und Motorräder fahren überall. Momentaufnahmen mit Symbolcharakter: Da fährt eine Simson Schwalbe aus DDR-Zeiten über die Straße des 17. Juni, beschleunigt eine Triumph Daytona 675 am Potsdamer Platz, bollert eine Harley V-Rod am ehemaligen Checkpoint Charlie vorbei. Abends, auf der Oranienburger Straße machen junge Supersportfahrer zwischen In-Bars, Baudenkmälern und Bordsteinschwalben mit lauten Gasstößen auf sich aufmerksam. Sinfonie der Großstadt.
In jedem der zwölf Bezirke drängen sich parkende Maschinen unter wettergeschützten Unterständen. Trockene Plätzchen sind bei Laternenparkern begehrt, Motorradgaragen selten. Improvisationstalent ist gefragt. So wie bei Peter Hanke vom Prenzlauer Berg. Als "BMW-Papst der DDR" hat er seine K 100 bereits 1984 abenteuerlich nach Ostberlin importiert und schraubt heute noch an BMWs. Von Wien nach Berlin hat es Stefan Gulas verschlagen. Hier hat er das E-Rockit entwickelt, ein "Human-Hybrid", bei dem Treten in die Pedale den Gasgriff ersetzt. Fertigung in Berlin ist für das 12460-Euro-Gefährt Ehrensache.

Klaus Andree machte sein Faible für die 1920er-/1930er-Jahre zur Nebenerwerbs-Firma Retronia. Er entwirft und verkauft Kleidung für Oldtimer: Stulpenhandschuhe, Schnürstiefel, Knickerbocker. Alles nur, weil es zu seiner DKW KM 200 von 1935 keine passende Kleidung gab. Seinen Traum erfüllte sich der Bauunternehmer Uwe Kobilke mitten unter der Berliner S-Bahn-Hauptachse, zwischen Hackeschem Markt und Alexanderplatz. Im Schatten des Fernsehturms eröffnete er das "Erste Berliner DDR-Motorradmuseum". 140 Motorräder, Roller und Mopeds zeigen die komplette ostdeutsche Zweiradgeschichte. An 365 Tagen im Jahr, täglich bis 20 Uhr. "Der eine bringt sein Geld zur Bank, der andere investiert lieber in schöne Dinge", sagt Kobilke.

Die Architektin Sonja Wiese hat ihr Büro ebenfalls in S-Bahn-Bögen, unter der Jannowitzbrücke. Sie entwirft Wohnungen und Wellness-Anlagen von Luxus-Hotels. Oft fährt sie auf ihrer Derbi Mulhacén zu den Baustellen. Ihr schicker Single ist exklusiv; sie kennt in Berlin keine anderen Besitzer des City-Flitzers. Die 39-Jährige ist Untermieterin bei der Krad-Schmiede Urban Motor. Die baut stylische Stadt-Motorräder aus Zweiventil-Twins von BMW, Ducati und Moto Guzzi. Eine "Brown Sugar" getaufte BMW von Urban Motor fährt Christoph Köhler. Er ist aktiv bei "Ärzte helfen e. V.", einem Verein zur Verbesserung medizinischer Versorgung in Notgebieten.

Sozial engagieren sich auch die Eurobiker. Ihre alljährlichen Pfingsttouren in Länder Ost- und Südosteuropas bringen Unterstützung für Kinderheime und Krankenhäuser - maßgeblich geplant von Bikern aus Berlin. Rund um den Reichstag ist die Motorsportgruppe der Sportgemeinschaft Deutscher Bundestag zu Hause. Sie hat 300 Mitglieder, einige Abgeordnete und hohe Beamte plus Angehörige aller möglichen Berufe im Dunstkreis des Parlaments. Regelmäßig rücken sie zu Freundschaftsfahrten aus, oftmals flankiert von den protokollerfahrenen "weißen Mäusen", der Motorrad-Eskorte der Berliner Polizei. Geradezu legendär ist die Zweiradakrobatik ihrer Motorradsportgruppe - Botschafter in Grün-Weiß.
Wer im Zuge des Regierungsumzugs vom Rheinland an die Spree kam, wird Eifel oder Bergisches Land schmerzlich vermissen. Denn Kurven sind im Berliner Umland rar, bis in den Harz ist es weit. Eher locken malerische Alleen zu Touren nach Brandenburg. Wolfgang Schmitz, Schatzmeister beim Bundesverband der Motorradfahrer (BVDM), bewegt seine BMW R 100 GS weniger als früher am Rhein, nur noch in großen Urlauben. Stattdessen fährt er am Wochenende Trial. Per Reul aus Bonn betreibt in der Hasenheide ein Hotel, das er nach dem gebürtigen Bonner Ludwig van Beethoven benannt hat. Per hat ein Motorrad in Berlin und eines am Zweitwohnsitz Bonn.
In Massen treffen sich die Berliner Motorradfahrer auf der Spanischen Allee an der Spinnerbrücke. An dieser Überquerung der A 115 nahe der Raststätte Grunewald, einem Teilstück der 1921 eröffneten AVUS-Rennstrecke, atmet man echte Berliner Motorradluft.

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Berliner Motorradbestand

Am ersten Januar 2010 zählte das Kraftfahrtbundesamt 93478 angemeldete Motorräder ohne Roller und 125er in Berlin. Macht bei 3,44 Millionen Einwohnern 27,2 Maschinen je tausend Personen. Mit dieser Quote belegt Berlin einen schlechten 401. Platz unter den bundesweit 427 Zulassungsbezirken. Die Motorraddichte beträgt in Berlin nur 60 Prozent des Bundesdurchschnitts von 45,8 Maschinen auf 1000 Einwohner: 3,76 Millionen Motorräder auf 82 Millionen Bundesbürger. Beim Spitzenreiter Bayern kommen sogar 60,2 Motorräder auf 1000 Einwohner.

Doch angesichts des guten Nahverkehrssystems und eher niedriger Durchschnittseinkommen leisten sich die Berliner auch vergleichsweise wenige Autos (1,1 Millionen). Statistisch teilen sich drei Berliner einen Pkw, bundesweit kommt auf zwei Personen mehr als ein Auto.

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