Szene: Porträt Martin Perscheid Der bikende Zeichner Martin Perscheid

Perscheids Cartoons kennen Millionen, den Menschen und Motorradfahrer Martin Perscheid aber nur wenige.

Foto: Schmieder

Ein schwerer, stechender Geruch hängt in der Luft über Wesseling, der Stadt mit der zweitgrößten Raffinerie der Republik. Hier, zwischen Bonn und Köln, dem Rhein und der A 555, der ersten Autobahn Deutschlands, wohnt einer der besten und bekanntesten Cartoonisten im Land. Zusammen mit seiner Frau und seinen zwei und drei Jahre alten Söhnen. Die Rede ist von Perscheid, Martin Perscheid. Seine Geschichten genießen Kultstatus; sein trockener, bitterböser Humor deckt die Absurditäten des Alltags schonungslos auf.

Nicht schwer, das richtige Haus zu finden, denn er hat eines seiner drei Motorräder vor der Tür geparkt. Eine Honda CB 450 "Black Bomber", Baujahr 1966. "Ich wollte unbedingt ein Motorrad, das so alt ist wie ich selbst", sagt der Zeichner, "und dazu viertaktend und möglichst zuverlässig." An wem die 44 Jahre weniger Spuren hinterlassen haben? Nun, Martin Perscheid wirkt trotz grauer Haare alles andere als alt. Doch seine 450er mit zwei obenliegenden Nockenwellen und Drehstab-Ventilfedern sieht aus, als käme sie frisch aus dem Laden. Sie hat der Zeichner höchstpersönlich im Laufe eines halben Jahres selbst restauriert und sich 2006 zum 40. Geburtstag geschenkt. Besser gesagt, er machte aus zwei CBs in bemitleidenswerter Konstitution eine im Topzustand.

"Nur die Lackierarbeiten habe ich außer Haus gegeben, den Rest selber gemacht." Und ganz im Gegensatz zum Titel seines Cartoon-Bands für Motorradfahrer ("Perscheid für Schrauber" – siehe oben), sei bei ihm auch kein Teil übrig geblieben. Martin Perscheid sagt das, als sei es das Natürlichste auf der Welt. Aber wieso kann ein Cartoonist so gut schrauben? Weil es ihm quasi in die Wiege gelegt wurde. Der Ur-Wesselinger entstammt nämlich einer Motorrad-affinen Familie.

Der Großvater Wilhelm Perscheid gründete 1932 in Düren ein kleines Geschäft für Nähmaschinen, Fahrräder und kleine Motorräder. Davon, von Düren im Allgemeinen und dem Laden im Besonderen, ließ der Krieg nicht viel übrig. Deshalb gründete Martins Vater Hans 1957 das Geschäft in Bornheim neu. Dort wuchs "Zweirad Perscheid" zu einer festen Größe in der rheinischen Motorradwelt heran. "Damals konnte man noch mehrere Marken nebeneinander haben, heute sind die Hersteller so arrogant, dass sie oft keine zweite Marke neben sich dulden", sagt Martin rückblickend.

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Foto: mps-Fotostudio

In den 60ern hatte der Laden Mopeds von Kreidler, Zündapp und Hercules, Roller von Vespa und Motorräder von BMW, Honda und Yamaha im Angebot. Letztere prägten Martins bis heute bestehende Affinität zu japanischen Marken. 1982 wurde der Firmensitz an seinen jetzigen Standort in Wesseling-Berzdorf verlegt. Seit 1989 konzentriert sich das Unternehmen ganz auf die Rollermarke Vespa/Piaggio. 1999 übernahm Martins ein Jahr jüngerer Bruder Christoph den elterlichen Laden – bereits in dritter Generation.

Martin Perscheid wuchs quasi in der Werkstatt auf, besserte sich sein Taschengeld mit dem Zusammenbau von fabrikneuen Maschinen auf. Und er musste auch die Hälfte des Kaufpreises zum ersten eigenen Zweirad beisteuern, einer Vespa Bravo. "Mein Vater hat uns zum Glück nicht verwöhnt," sagt er.

Später stieg er auf eine Honda MT-8 um "Ich bin ja mit 80ern groß geworden." Bereits im Kindergarten wollte Martin Maler werden. Und Familienmensch. Als Fünfjähriger habe er zu seinen Eltern gesagt: "Wenn ich Geld brauche, male ich ein Bild, und sonst spiele ich mit den Kindern." Sehr visionär.

Als Schüler karikierte er gerne Mitschüler und Lehrer. "Das kam bei einigen gut an, bei anderen weniger." Neben zeichnerischen entwickelte Martin auch musische Talente – Bass, Gitarre, Klavier. Noch heute steht ein Flügel mitten im Wohnzimmer. Vater Hans nahm den Sohnemann in den 80er-Jahren mit zu WM-Rennen: "Mit 16 habe ich Anton Mang auf der damals nagelneuen Nürburgring-GP-Strecke bewundert", erinnert sich der Cartoonist.

1996 kaufte Martin Perscheid nach einer zwischenzeitlichen Zweirad-Abstinenz eine nagelneue Aprilia RS 250. "Ein kleines, federleichtes und handliches Motorrad, einfach toll." Die Zweitakt-250er habe immer viel Spaß gemacht. Seine Lieblingsstrecke? Da zögert der Zigarillo-Fan keine Sekunde: Ledenon! Sie habe ihm einfach gelegen, die Berg-und-Tal-Bahn mit den vielen blinden Ecken. Seine Rundenzeit weiß er noch auswendig: 1:45 Minuten. Im Jahr 2000 kaufte er eine Aprilia RSV 1000 R. Die Mille habe ein sehr gutes Fahrwerk mit unauslotbarer Schräglagenfreiheit, "aber die fuhr mehr mit mir als ich mit ihr".

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Foto: mps-Fotostudio

Das Ende vom Lied oder vom Leid: 2004 fanden sich Ross und Reiter im Kiesbett von Oschersleben wieder. Das linke Schlüsselbein ging zu Bruch, die 1000er zu Ebay. Die RS 250 – "mit der kann man mehr verschmelzen" – aber blieb. Auch wenn "das Thema Rennstrecken für mich abgeschlossen ist." Jetzt kümmert er sich um Frau und Kinder. Die 250er-Aprilia gehört zur Familie, steht jedoch seit 2003 eingemottet. Für die Ausfahrten in die Eifel oder ins Bergische Land, gerne leger in Jeans und Lederjacke, muss die nominell 43 PS starke CB 450 herhalten. "Mit der lasse ich es motorradmäßig etwas ruhiger angehen, ohne dabei gleich mein Gesicht zu verlieren, sprich: Chopper zu fahren", sagt Perscheid. Und das, obwohl der kurzhubig ausgelegte Twin Mitte der 60er-Jahre die bis dahin hubraumstärkste, sportlichste Serien-Honda war.

Oder aber Martin sattelt sein drittes Motorrad, eine Honda C 92 von 1959. Die 125er mit Blechpressrahmen habe er allerdings noch nicht restauriert, "nur technisch überholt." Zu mehr war bisher keine Zeit. Angegeben sei der Zweizylinder zwar mit 11,5 PS, "aber in der Realität müssen das deutlich weniger sein." So diene ihm die C 92 vor allem zum "Durch-die-Gegend-Zuckeln" und für Klassik-Veranstaltungen.

Ab und zu fährt er Oldtimer-Rallyes, "Gleichmäßigkeitsprüfungen über einen, zwei Kilometer inklusive". Ansonsten würde einfach nur gefahren, auf schönen Strecken, organisiert von Veteranenklubs. Mit den Oldtimer-Rallyes fing der Vater an, nachdem er seine 100er-Adler restauriert hatte. "Inzwischen hat er eine kleine Sammlung, elf Motorräder, für jedes Enkelkind eins." Zuletzt kam eine 98er-Wanderer von 1935 hinzu. "Die ist so alt wie er, deshalb haben meine Geschwister, meine Mutter und ich sie ihm zum 70. geschenkt." Das Präsent für den Vater brachte Perscheid auf die Idee mit dem Motorrad, das gleich alt ist wie er selbst.

Foto: Schmieder

Bände spricht das Vorwort von "Perscheid für Schrauber", auf dem die CB 450 abgebildet ist: "Wir haben das große Glück, dass wir in genau jenem erdgeschichtlich unfassbar kurzen Zeitraum leben, in dem es uns vergönnt ist, Verbrennungskraftmaschinen zu benutzen. Schon in wenigen Jahrzehnten dürfte der satte Sound eines großvolumigen Zweizylinders nur noch als Klingelton erhältlich sein. Trotzdem hat der Motorradfahrer an sich nichts Besseres zu tun, als sich über die Fahrer anderer Zweiradgattungen lustig zu machen und selber als Ziel für Hohn und Spott der anderen herzuhalten. So auch der Autor dieses Büchleins."

Das Markenzeichen der Perscheid-Cartoons? Ein glatzköpfiges Männchen mit Brille, das mal Jürgen, mal Martin heißt – "dann hat’s was Autobiografisches". Wodurch man bereits ahnen kann, dass Perscheid nicht sooo unendlich gerne putzt und aufräumt. "Es gibt immer Wichtigeres." Die Knollennasen-Figur sei sehr einfach zu zeichnen. Frei aus der Hand, schafft er das in wenigen Sekunden. "Da braucht’s keine Frisur und wegen der Brillengläser auch keine Augen." Und einen Mund gebe es nur, wenn Jürgen oder Martin mal was sagen. Aber einen Gag, den transportieren sie perfekt.

In der Regel zeichnet Perscheid von Montag bis Samstag einen Cartoon pro Tag – sofern ihn seine Söhne dazu kommen lassen; er arbeitet ja zuhause. Ende Juni 2010 jedenfalls waren es insgesamt rund 2350 Cartoons. Und die Ideen? Die sammelt Perscheid "zwischendurch", immer und überall. Man brauche einfach nur offene Sinne als Inspirationsquelle.

Perscheids Lieblingsthemen? Religiöse Witze und Toiletten-Themen. Letztere leiten nahtlos über zum stets spannenden Verhältnis zwischen Mann und Frau. Martin Perscheid spricht ohne rheinischen Singsang. Seine Mutter stammt aus Frankfurt/Oder, aber der Vater, der könne auch rheinisch Platt. Und noch immer richtig schrauben. Vater und Sohn konstruierten in vier Jahren das 250er-Vespa-Dreirad "Triky" – "er die Technik, ich das Design". Mit Dreiecksquerlenkern und TÜV-Einzelabnahme. Und alles nur, "weil mein Vater noch eine Triebsatzschwinge rumliegen hatte." In der Tat eine motorradverrückte Familie.

Biographie von Perscheid

Foto: Schmieder

Martin Perscheid wurde am 16. Februar 1966 in Wesseling geboren. Bereits „vor dem Kindergarten“ entdeckt er seine zeichnerischen Talente, will Maler werden. Er wächst von Motorrädern umgeben auf; der Vater hat eine Vertretung mehrerer Marken, das Geschäft gründete der Großvater in den 30er-Jahren. Über Gymnasium, Realschule und Fachabitur geht Perscheid in eine Lehre als Druckvorlagenhersteller – „früher hieß das Grafiker“ – und den Zivildienst. Während seiner Arbeit für eine Werbeagentur in Köln muss er auch Modelle für Messestände bauen. Dabei hilft ihm seine große Fingerfertigkeit – gelernt beim Schrauben in der väterlichen Werkstatt. Das prägt bis heute, etwa wenn er dem Modellbausatz einer Vincent Black Shadow in vielen Arbeitsstunden maßstabsgerechtere Speichen aus Draht verpasst.

In seine Zeit als Werbegrafiker für Mode in Düsseldorf fällt die erste Cartoon-Veröffentlichung: „Trendman“. 1993 beschließt Perscheid, Cartoonist zu werden. Er schickt eine kleine Sammlung von Cartoons an Verlage und Zeitungen. Der Lappan-Verlag hat von 1994 bis heute 15 Perscheid-Werke veröffentlicht. Speziell an Motorradfahrer richtet sich „Perscheid für Schrauber“ (8,95 Euro), eine Zusammenstellung von Kalender-Motiven. Infos unter www.lappan.de und www.martin-perscheid.de.

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