Szene: Eitelkeit - Der Blick in den Spiegel Das Show-Fenster

Passt die neue Lederkombi? Macht das dunkle Visier etwas her? Sitze ich korrekt auf dem Moped? Schaufenster halten uns erbarmungslos den Spiegel vor.

Foto: Gargolov
Wenn der Hemdzipfel aus der Hose hängt, weiße Tennissocken in peinlichen Sandalen stecken oder die Haare abstehen wie bei einem verstrubbelten Meerschweinchen, sind das völlig nebensächliche Äußerlichkeiten. Auf dem Moped aber, da zählt die Kleiderordnung doppelt, werden (nach)lässig gekleidete Männer zu eitlen Narzissten. Dann müssen die Motorradklamotten zur Lackierung passen, der Bauchansatz unter der Jacke verschnürt werden und die Körperhaltung schon im Stand so dynamisch rüberkommen, wie bei Valentino Rossi in der schärfsten Windschattenschlacht. Kontrolliert wird der eigene Auftritt in dunklen Schaufenstern und spiegelnden Fassaden, am liebsten, um die Rotlichtphase an der Ampel unterhaltsam zu überbrücken. Und bitte schön, komme jetzt keiner daher und behaupte, er sei über solche Kindereien längst hinaus. Nein, natürlich nicht beabsichtigt, sondern immer rein zufällig fällt der seitliche Blick ins Schaufenster, wo sich Ross und Reiter widerspiegeln. In Sekundenschnelle wird kontrolliert, ob wir das sehen, was wir zu sein glauben. Ein Duo, bei dem Mann und Maschine gleichermaßen schick daherkommen - oder auch nicht. Was uns die Wahl lässt, entweder das Outfit aufzufrischen, den Bauch abzutrainieren, den ollen Helm endgültig zu entsorgen oder einfach nicht mehr in den Spiegel zu schauen.

Denn solche Eitelkeiten können auch Gefahren bergen, weshalb Redaktionskollege Ralf Schneider nach einem schnell erhaschten Spiegelbild von der Straße abgekommen und im Schotterstreifen nur knapp einem Sturz entronnen ist. Was ihm eine Warnung war. Schließlich erzählt die griechische Mythologie vom Jüngling Narkissos, der sich in sein eigenes von einer Wasserfläche reflektiertes Spiegelbild verliebte und deshalb ertrank.

Und auch MOTORRAD-Leser Tommy Ekhardt hätte sein Moped um Haaresbreite in die Auslage aus Birkenstock-Sandalen und Stöckelschuhen des Schuhhauses Siegle gefeuert. Der Grund: Das Schaufenster des Geschäftes in Weil der Stadt im Nordschwarzwald ist an einer T-Kreuzung platziert und verleitet dazu, sich beim flotten Abbiegen selbst zu bewundern. Was den Jüngling zu einer besonders schrägen Schräglage animierte - ohne dabei die aufgepinselten Fahrbahnmarkierungen zu beachten.

Womit wir den Narzissmus vieler Kradfahrer aus einer anderen Sicht und ganz im Sinne des Psychologen Bernt Spiegel, Autor des Buchs "Der obere Teil des Motorrades", betrachten. Wenn sich blanke Mechanik mit der Biomechanik des Fahrers verzahnt und der Mensch sich auf das Motorrad einlässt, fängt der Spaß erst richtig an. Egal, ob es sich um farblich angepasste Lederklamotten, einen im Design abgestimmten Helm oder die Sitzhaltung handelt, versucht der Fahrer in allen Fällen sich dem Motorrad zu nähern. Während die farbliche Abstimmung in erster Linie dem Auge und der Psyche dient, hilft die Sitzhaltung, aktiv zu bestimmen, wo es langgeht. Bestes Beispiel: Enduro oder Motocross. Wer beim wilden Ritt durchs Gemüse lasch die Ellbogen hängen lässt, der Maschine nicht über eine klar definierte Körperspannung seinen Willen aufzwingt, wird nach Strich und Faden durchgeschüttelt. Ähnlich, wenn auch lange nicht in diesem Ausmaß, folgt ein Straßenmotorrad bei zackiger Fahrt den Befehlen aus dem Kommandostand weit besser, wenn der Fahrer die Sache mit fein dosierter Muskelspannung und einem engen Körperkontakt dirigiert. Sonderfälle ausgeschlossen. Wenn sich Custombiker mit weit gespreizten Armen nach dem hundert Kilometer breiten Lenker strecken oder Harley-Freaks breitbeinig den Boulevard hinunter cruisen, ist die Botschaft eindeutig: Platz da für den coolsten aller Mega-Coolen. Und ich wette, diese Jungs nehmen jedes Schaufenster mit. Jedes.
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