Szene: Motorradclubs in Europa Motorradclubs in Europa

Lustvoll Freiheit genießen, darum dreht sich Motorradfahren. Politik dagegen bereitet Mühe. Trotzdem existieren in Europa Clubs, die die Interessen von Motorradfahrern vertreten. Gegen Bürokratien in Berlin, Rom, Madrid, Oslo oder London verteidigen sie die Rechte einer vergleichsweise kleinen Gruppe, zu der sie selbst gehören. Damit die, die Bock darauf haben, auch morgen noch Motorrad fahren können. Denn das ist keineswegs selbstverständlich. Politische Bedingungen können die Leidenschaft fürs Zweirad schmälern oder gar vermiesen.

Foto: MRD

In Brüssel kämpft die Föderation europäischer Motorradfahrervereinigungen (FEMA) für die Rechte der Biker. Motorradfahrer aus europäischen Ländern, die erkannt hatten, dass wichtige Entscheidungen vom Führerscheinrecht bis zur Homologation von Motorrädern in Brüssel fallen, gründeten die FEMA. Die Förderation repräsentiert derzeit 27 Motorradfahrervereinigungen aus 21 Ländern. In den einzelnen Staaten, die nicht alle Mitglieder der Europäischen Union sind, leisten die Clubs mit lokalen Ablegern Lobbyarbeit für Biker. Dabei teilen die Vereine viele Gemeinsamkeiten: Alle unterstützen die Einführung eines motorradfreundlichen Straßenbaus, zum Beispiel mit Leitplanken, die keine schweren Verletzungen verursachen. Dennoch existieren Unterschiede: In Schweden organisieren sich mit 67000 rund ein Viertel der Motorradfahrer in einem Club.

In Deutschland mit 2,6 Millionen zugelassenen Motorrädern über 125 cm³ sind unter 8000 oder weniger als 0,3 Prozent der Piloten Mitglieder in insgesamt drei Vereinen. Die Leidenschaft, Clubs zu gründen, vereint die Skandinavier. In Schweden mit rund neun Millionen Einwohnern sind 34 Millionen Mitglieder von Organisationen. Viele Vereinigungen, zum Beispiel die französische, binden Motorradfahrer durch Dienstleistungen wie preisgünstige Versicherungen oder andere Rabattsysteme. In Großbritannien schließlich ist Motorrad fahren nicht nur Hobby, sondern Lebensgefühl, das gepflegt und verteidigt sein will.

Seit die Europäische Union plant, die Zahl der Verkehrstoten alle zehn Jahre zu halbieren, stehen Motorradfahrer im Fokus der Politik. Das prägt auch die Arbeit der Clubs. Morten Hansen, Generalsekretär der Norwegischen Motorradfahrer-Union: „Verkehrs- sicherheit ist kein Thema, das sexy ist.“

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Italien

Als die italienische Regierung 1991 drohte, die Kraftfahrzeugsteuer drastisch zu erhöhen, demonstrierten rund 2000 Piloten spontan auf der Piazza del Popolo in Rom. Daraus entstand die Coordinamento Motociclisti, deren Mitarbeiter ehrenamtlich tätig sind und für mehr Verkehrssicherheit und gerechtere Mautgebühren Lobbyarbeit leisten. „Italien ist ein schwieriges Land für Organisationen wie CM. Die Leute trauen gemeinnützigen Vereinen nicht, weil sie glauben, dass sich dahinter politische Interessen verstecken“, erklärt Präsident Riccardo Forte die mit unter 500 sehr niedrige Mitgliederzahl. Noch in den 1990ern wurden in Italien, so Forte, über 700000 Mopeds pro Jahr verkauft. Jetzt sind es weniger als 80000. „Die Fahrzeuge sind fast so teuer wie 125er und fahren nur 45 km/h. In unseren Städten ist diese Geschwindigkeit eine Einladung zum Selbstmord“, kommentiert Forte. So sterbe die Motorradkultur aus. Stattdessen sind Roller in. Die Federazione Motociclistica Italiana (FMI, www.federmoto.it) ist nicht in der FEMA, aber die wichtigere Motorradfahrervertretung mit 2300 Clubs und insgesamt 160000 Mitgliedern. Der Jahresumsatz beträgt 20 Millionen Euro. Die Federmoto stellt Rennsport-Lizenzen aus, kümmert sich um Verkehrserziehung in Schulen, bietet eine günstige Motorradversicherung an und vertritt Bikerinteressen, verhinderte zum Beispiel das Verbot von Jethelmen.

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Deutschland

Wer in Deutschland Einfluss auf die Politik nehmen will, hat ein Problem mit dem föderalen Aufbau und 16 Ministerien: "Verkehr ist Ländersache und nicht bundeseinheitlich geregelt", beklagt Michael Lenzen, Vorsitzender des BVDM. Gegen Streckensperrungen und Ausbesserungen von Asphaltrissen mit Bitumen sprechen sich auch die zwei anderen Vereine, Kuhle Wampe und Biker Union, aus. Während sich der BVDM als überparteilich bezeichnet, spricht sich die Kuhle Wampe für die Stilllegung aller Atomkraftwerke aus. "Der Spaß kommt nicht zu kurz", meint Verbandssprecher Andreas Hirsch. Ganz ohne Scherz setzt sich die Biker Union für die Anhebung der Geräuschgrenzwerte bei motorisierten Zweirädern ein, um die Nachfrage nach illegalen Auspuffanlagen einzudämmen. Der BVDM organisiert Sicherheitstrainings und unterstützt wie die BU die Verbesserung der passiven Sicherheit.

Spanien

Die Asociación Mutua Motera ist mit 20000 Mitgliedern die größte Motorradfahrervereinigung in Spanien. Der Markt an motorisierten Zweirädern erreichte mit knapp 400000 verkauften 2006 einen Höhepunkt, gefördert auch durch ein Gesetz, das seit 2004 Autolenkern ermöglicht, mit Pkw-Führerschein 125er zu fahren. Allerdings durften in Spanien 14-Jährige Mopeds mit 50 cm³ fahren, bevor die 3. EU-Führerscheinrichtlinie dort in Kraft trat. Jetzt müssen sie 15 Jahre alt sein. Die Folge: "Alle warten, bis sie 16 sind, damit sie 125er fahren können. Wir verlieren einen Schritt auf dem Ausbildungsweg", klagt Deborah Nicolescu vom AMM, die sich um Verkehrssicherheit kümmert. AMM kämpft für sichere Leitplanken, Ummantelungen von Stützpfosten und engagiert sich zudem in Kommissionen, die Strategien zur Vermeidung von Unfällen entwerfen.

Frankreich

Die Vereinigung der zornigen Motorradfahrer protestierte im Gründungsjahr 1980 gegen die Einführung einer neuen Kraftfahrzeugsteuer. Mit Erfolg. Bereits 1983 gründete der FFMC eine eigene Assekuranz, die Mutuelle des Motards, die inzwischen rund 200000 Biker versichert. Im gleichen Jahr erschien erstmals Moto Magazine, eine Zeitschrift, die 120000 Motorradfahrer jeden Monat lesen. Zudem gehört zum FFMC eine Ausbildungsakademie, die Anfänger und Fortgeschrittene trainiert. Rund 500 Arbeitsplätze hat der Verein geschaffen, schätzt Eric Thollier, Delegierter des FFMC. Nur in Frankreich existiert das 100-PS-Limit für Bikes. Wer es mit Tuning umgeht, riskiert einen Aufenthalt im Knast. „Unvorstellbar. Verkehrssicherheitsexperten zeigen mit Fingern auf uns und beschreiben uns als unverantwortliche, rasende Irre“, beklagt Thollier. „Für Politiker ist es einfacher zu verbieten und zu beschränken als auszubilden und zu erziehen.“ Der Club kämpft für eine bessere Ausbildung und möchte das langsame Vorbeifahren an stehenden Kolonnen legalisieren. Denn rund 50 Prozent der französischen Piloten benutzen ihre Zweiräder für die Fahrt zur Arbeit

Großbritannien

Traditionell schwärmen britische Biker für Supersportler. Aber seit der Wirtschaftskrise bekommen Naked Bikes, Cruiser und Enduros wie die BMW R 1200 GS mehr Anhänger. Beide Fahrerorganisationen, BMF und MAG UK, haben derzeit ein Ziel: die Rücknahme der Verschärfungen beim praktischen Test für den Motorradführerschein, die seit April 2009 gelten und Manöver enthalten wie eine Notbremsung aus 50 km/h. Die Anzahl der Briten, die den Motorrad-Führerschein beantragten, sank daraufhin um die Hälfte. Zudem setzen sich die Clubs für Motorradparkplätze ein. Während der BMF eine Kampagne gegen Dieselspuren von Lkw initiiert hat, setzt sich MAG UK für die Mitbenutzung von Busspuren ein. Der Buhmann in Großbritannien: die europäische Gesetzgebung und wie sie angewandt wird. "Polizei und Gerichte diskriminieren Motorradfahrer", erklärt Nich Brown, Generalsekretär der MAG UK.

Tschechien

"Wir haben den ältesten Harley-Club der Welt, er wurde 1928 gegründet", behauptet Karel Stastny, der für den Präsidenten des MACR, Jaromir Sid, übersetzt. Auf jeden Fall hat Motorradfahren in der Tschechischen Republik eine lange Tradition, wie schon der große Bestand an motorisierten Zweirädern zeigt. Sid: "Die größten Probleme sind der Mangel an gegenseitiger Rücksichtnahme im Straßenverkehr, bislang keine zufriedenstellende Fahrausbildung und die schlechte Straßeninfrastruktur." Hohe Bordsteinkanten, tiefe Schlaglöcher, rutschige Beläge, keine Motorradparkplätze, aber vor allem die Kabel, die in Tschechien zum Teil die Straßen in verschiedene Spuren teilen, gefährden Motorradfahrer erheblich. Jedes Jahr organsiert der MACR den "Sicheren Sommer" in Prag, wofür der Präsident 2009 einen europäischen Verkehrssicherheitspreis erhielt. "Jährlich werden 110 Motorradfahrer in der Tschechischen Republik getötet", sagt Sid. Der Verein hat Rechtsanwaltsbüros gegründet, die nach Unfällen verletzten Bikern helfen sollen. "Bisher gab es niemand, der die Rechte der Motorradfahrer vertritt", sagt Sid. Der MACR hat seit 2010 Beobachtungsstatus bei der FEMA.

Schweiz

"Wir wollen auch in zehn Jahren noch Spaß am Motorradfahren haben können." ?So lautet das Motto der IG Motorrad. "Wir wenden uns gezielt gegen den Überwachungsstaat, wie er immer mehr um sich greift." Das betrifft auch eine weitere Herabsetzung der Höchstgeschwindigkeit: "Zwei Drittel aller Motorradunfälle sind Kollisionen mit Autos und werden nicht durch das Nichtbeachten der signalisierten Geschwindigkeit verursacht", so IG-Präsident Theodor Klossner. Einschränkungen und Verbote ärgern die Schweizer am meisten. Im Mai 2003 protestierten 35000 Biker erfolgreich gegen die geplante technische Beschränkung der Höchstgeschwindigkeit von Motorrädern auf 80 km/h. Zu den praktischen Zielen gehören motorradfreundlicher Straßenbau mit Unterfahrschutz an Leitplanken, der Bau von Motorrad-Parkplätzen in Städten und der Zugang zu Busspuren. "Das Motorrad soll als sinnvolles Transportmittel gefördert werden", so Klossner. Ein Erfolg der IG: "Wir konnten aufzeigen, dass eine periodische Abgasprüfung bei Motorrädern eine unsinnige und wirkungslose Maßnahme ist." Wenn das die deutschen Motorradfahrer hören...

Österreich

Die Motorrad Aktions Gruppe Österreich ist auf einige Errungenschaften stolz: An stehenden Kolonnen dürfen Piloten vorbeifahren, um sich weiter vorn, etwa an einer Kreuzung, aufzustellen. In Deutschland ist das verboten. Zudem erproben die Wiener Biker das Befahren von Busspuren auf 5200 Metern Länge. Noch eine rühmliche Ausnahme: Eine seit 2007 gültige Richtlinie regelt die Verfugung von Asphalt im Sinn der Motorradfahrer ohne rutschiges Bitumen. Derzeit erarbeitet die EU eine neue Norm für Leitplanken, die Motorradfahrer schützen sollen. MAG-Präsident Edwin Hofbauer: "Diese Problematik haben wir in die Welt hinausgetragen." Dennoch regen sich auch die Österreicher auf, so über strenge Geschwindigkeitskontrollen und das "Mautregime". Es gibt Vignetten für zehn Tage, zwei Monate oder ein Jahr. "Wir brauchen ein Saisonpickerl für sechs bis acht Monate", fordert Hofbauer. Ganz oben auf der Wunschliste stehen das Wechselkennzeichen zwischen Auto und Motorrad und die Benutzung von mehr Busspuren. "Die Umsetzung unserer Ziele läuft durch Vorsprache direkt bei den Entscheidungsträgern. Inzwischen gibt es in jedem parteipolitischen Lager motorradbegeisterte Mitglieder. Das ist hilfreich."

Schweden

Der gemeinnützige Club hat 15 Angestellte, die die Mitgliederzeitschrift MC-Folket herausbringen und Fahrertrainings mit bis zu 15000 Teilnehmern im Jahr organisieren. Bei den rund 260000 Motorradfahrern in Schweden sind Cruiser und großvolumige Bikes beliebt. Der SMA wehrt sich gegen eine Vielzahl bürokratischer Ideen, wie zum Beispiel Nummernschilder vorn an Motorrädern. Zudem ärgern sich die Schweden über den schlechten Straßenzustand. Gegen das Übersehenwerden im Straßenverkehr hat der SMA eine Kampagne gestartet mit Videos unter dem Motto "See us". Bislang werden Motorräder bei Regelungen für Straßenbau und -reparatur nicht berücksichtigt, obwohl der SMC ein eigenes Papier zur "Vision Zero" entworfen hat, der Vision, die Anzahl der Verkehrstoten auf Null zu reduzieren. Was die Biker in Schweden derzeit am meisten aufregt: Motorräder mit einer Kupplung zum Ziehen von Anhängern werden seit April 2009 nicht mehr zugelassen. Die Behörden bestehen darauf zu erfahren, wie viel Kilogramm ein Motorrad ziehen kann. Was niemand weiß. Von den 690 Motorradfahrern in Schweden, die ein Bike mit Kupplung besitzen, beantworteten 327 einen Fragebogen: Die Mehrheit hat einen Anhänger mit zwei Rädern, der für Urlaubsfahrten, Camping-Trips, Hundetransport und ähnliches herhält.

Norwegen

"Die norwegische Regierung fällt keine Entscheidung, die Motorradfahrer betrifft, ohne uns vorher zu fragen", erklärt Morton Hansen stolz. Der Generalsekretär der Norwegian Motorcycle Union schätzt die Zahl der zugelassenen Motorräder auf 142000, die der Fahrer auf rund 120000. Jährlich werden in Norwegen zwischen 3000 und 5000 Bikes verkauft, wobei nackte Allrounder immer mehr Fans gewinnen. "Wir kümmern uns vor allem um ein nationales Programm zur Zulassung von privat aufgebauten Motorrädern. Zudem haben wir im Sommer eine große Kampagne gestartet, die "See us" - "Seht uns" heißt." Norwegen ist ein Land, das sich zur Vision Zero bekennt. Hansen: "Das Ziel, null Verkehrstote zu erreichen, bedeutet konstanten Druck auf Motorradfahrer. Die Verkehrssicherheits-Lobby in Norwegen besteht aus Fundamentalisten. Aber wir kämpfen." Zum Beispiel mit einem Handbuch für motorradkompatiblen Straßenbau. Was Erfolg hat. Der norwegische Transportminister 2008: "Vision Zero muss alle Straßenbenutzer einbeziehen. Maßnahmen zur Prävention von Unfällen müssen sich speziell auch an Motorradfahrer als ungeschützte Verkehrsteilnehmer wenden." Ein Fortschritt. Denn zunächst galten Motorräder als unvereinbar mit "Vision Zero".

Dänemark

"Wir glauben, dass der MCTC die größte Motorradfahrervereinigung eines Landes in Europa ist, wenn man den Motorradbestand in Relation setzt", sagt Gunnar Skrydstrup. In Dänemark sind 149500 Motorräder über 50 cm³ zugelassen, wobei rund 120000 Leute Motorrad fahren. "Wir haben 38650 individuelle Mitglieder. Clubs sind nicht zugelassen." Damit sind rund ein Drittel der dänischen Motorradfahrer in diesem Verein organisiert. Und es gibt noch einen zweiten, den Danske Motorcyklisters Rad, der ebenfalls bei der FEMA ein Dach gefunden hat. Die Attraktivität der Mitgliedschaft beim MCTC erklärt sich durch eine Vereinbarung mit einer Versicherung, die den Mitgliedern 20 Prozent Rabatt offeriert. Zudem gibt der Club eine Zeitschrift, Touring Nyt, heraus. "Wir sind pro Motorrad, aber keine ideologische Vereinigung", so Skrydstrup. Was Motorradfahrer ärgert: die hohe Steuer auf Kfz. So kostet eine BMW R 1200 RT mit ABS knapp 37000 Euro. Das ist schlimmer als die Tempobegrenzungen: 50 in Städten, 80 auf Landstraßen und bis zu 130 km/h auf Autobahnen.

Luxemburg

Imagepflege, Unfallverhütung und Versicherungswesen – auf diese Themen konzentriert sich die Luxemburger Motorradinitiative, so der Vorstand Marc Kirsch. Gegenüber den Versicherungen, deren Androhung von Prämienerhöhungen zur Gründung der LMI führte, setzte sich der Club durch. Beispiele: Keine Erhöhung des Tarifs bei automatischer Mitversicherung des Sozius und die Absenkung der Versicherungsprämie um 45 Prozent, wenn das Motorrad ganzjährig angemeldet ist. Eine noch offene Forderung: Wer die in Luxemburg sehr teuren Fahrsicherheitslehrgänge absolviert, soll Vergünstigungen bei den Versicherungen bekommen. Zudem möchte die LMI ein nicht kommerzielles Trainingsareal für Motorradfahrer gründen. Größte Ärgernisse: die jährliche TÜV-Kontrolle und die schlechten Straßen. Vorschlag der LMI: Ein Warnschild, der Black Spot, der in anderen Ländern bereits existiert, abgewandelt nur für Motorradfahrer.

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