Szene: Cartoonist Perscheid Porträt Martin Perscheid

Martin Perscheid zeichnet täglich einen Cartoon, fuhr früher viel Rennstrecke, restaurierte seine Honda CB 450 "Black Bomber" selbst, bewundert Holger Aue und kommt aus einer motorradverrückten Familie.

TSR

Schon das Vorwort spricht Bände: "Wir haben das große Glück, dass wir in genau jenem erdgeschichtlich unfassbar kurzen Zeitraum leben, in dem es uns vergönnt ist, Verbrennungskraftmaschinen zu benutzen. Schon in wenigen Jahrzehnten dürfte der satte Sound eines großvolumigen Zweizylinders nur noch als Klingelton erhältlich sein. Trotzdem hat der Motorradfahrer an sich nichts Besseres zu tun, als sich über die Fahrer anderer Zweiradgattungen lustig zu machen und selber als Ziel für Hohn und Spott der anderen herzuhalten. So auch der Autor dieses Büchleins."

Der heißt Martin Perscheid, sein Cartoon-Buch für Motorradfahrer "Perscheid für Schrauber" (Lappan-Verlag, 8,95 Euro).

Martin Perscheid gilt als einer der bekanntesten, besten Cartoonisten im Land. Seine Zeichnungen genießen Kultstatus, strotzen vor trockenem, bitterbösem Humor, decken Absurditäten und Abgründe des Alltags schonungslos auf - makaber und auch mal gegen den guten Geschmack.

Ganz gewöhnlich dagegen nimmt sich das Mietshaus in einer recht bürgerlichen Siedlung aus, das die Perscheids, Mama, Papa und zwei Söhne (zwei und drei Jahre), bewohnen - "unsere grüne Oase" nennt Perscheid das große Grundstück. Es liegt in Wesseling, zwischen Bonn und Köln. Eher ungewöhnlich ist, was vor der Tür parkt: Eine Honda CB 450 "Black Bomber", Baujahr 1966. Genauso alt wie der Cartoonist.

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Foto: mps-Fotostudio

Die 450er hat sich Martin Perscheid 2006 zum 40. Geburtstag selbst geschenkt und restauriert: Innerhalb eines halben Jahres formte er aus zwei maladen CBs eine einzige im Topzustand. "Nur die Lackier-arbeiten habe ich außer Haus gegeben, den Rest selbst gemacht." Schrauben war Martin Perscheid in die Wiege gelegt. Er besserte sich sein Taschengeld im Motorradgeschäft seines Vaters Hans mit dem Zusammenbau von fabrikneuen Maschinen auf. Auf diese Weise steuerte er die Hälfte zum ersten eigenen Fahrzeug bei, einer Vespa Bravo. Mit 16 stieg Martin schließlich auf eine Honda MT-8 um ("ich bin ja mit 80ern groß geworden").

Vater Hans nahm den Sohnemann in jenen Jahren mit zu WM-Rennen: "Mit 16 habe ich Toni Mang auf der damals neuen Nürburgring-GP-Strecke bewundert." 1996 kaufte Perscheid Junior nach einer zwischenzeitlichen Zweirad-Abstinenz eine nagelneue Aprilia RS 250: "Klein, leicht und handlich. Das hat mir an der 250er immer Spaß gemacht." Seine Lieblingsstrecke? Da zögert der Genuss-Raucher von Zigarillos keine Sekunde: Lédenon, Südfrankreich. Seine Rundenzeit weiß er noch: 1.45. Seit 2003 ist die RS eingemottet. Bereits im Jahr 2000 kaufte Perscheid eine Aprilia RSV 1000 R mit "sehr gutem Fahrwerk und unauslotbarer Schräglagenfreiheit. Aber die Mille fuhr immer mehr mit mir, als ich mit ihr."

2004 fand sie sich dann mit ihm im Kiesbett von Oschersleben wieder. Perscheids Schlüsselbein ging dabei zu Bruch, die 1000er anschließend zu Ebay. Die 250er ("mit der kann man mehr verschmelzen") aber blieb. Auch wenn es das dann war, mit den Rennstrecken: "Das Thema ist für mich abgeschlossen." Jetzt stehen Frau und Kinder an, Ausfahrten mit der CB 450 in die Eifel oder ins Bergische Land nur noch selten. Mit der Honda startet Perscheid gelegentlich bei Oldtimer-Rallyes. Oder auch mit einer 125er-Zweizylinder-Honda von 1959, seiner dritten Maschine.

Der Cartoonist ist ein großer Fan von MOTORRAD-Zeichner Holger Aue, der in seinen Augen Zeichnen und Motorrad optimal verbindet: "Der ist richtig perfekt geworden." Das Markenzeichen der Perscheid-Cartoons ist ein glatzköpfiges Männchen mit Brille. Dessen Knollennasen-Gesicht zeichnet der Wesselinger frei aus der Hand, in wenigen Sekunden. "Da braucht's keine Frisur und wegen der Brillengläser keine Augen." Und einen Mund nur, wenn das Männchen was sagt. Aber Gags transportiert die Figur perfekt.

Üblicherweise zeichnet Perscheid einen Cartoon pro Tag, von Montag bis Samstag. Sofern ihm seine Söhne Zeit dafür lassen. Auf diese Weise kamen bis heute rund 2350 meist böse Bilder zusammen. Und die Ideen dazu? Die sammelt Perscheid "zwischendurch", immer und überall. "Es ist schon ein Vorteil, dass mir beruflich keiner reinredet", so ganz ohne Chef. "Jetzt versucht meine Frau, diese Rolle zu übernehmen."

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Martin Perscheids Vita

Martin Perscheid wird am 26. Februar 1966 in Wesseling geboren. Bereits als Fünfjähriger entdeckt er seine zeichnerischen Talente, hat früh die Vision, Maler zu werden. Seinen Eltern sagte er: "Wenn ich dann groß bin und Geld brauche, male ich ein Bild. Und sonst spiele ich mit den Kindern."

Er wächst von Motorrädern umgeben auf; der Vater hat eine Werkstatt und Vertretung mehrerer Marken, die der Großvater in den 1930er-Jahren gegründet hatte. Über Gymnasium, Realschule und Fachabitur geht Perscheid in eine Lehre als Druckvorlagenhersteller ("früher hieß das Grafiker"), macht Zivildienst.

Während seiner Arbeit für eine Agentur in Köln ("Richtung Illustration und Werbung") muss er auch Modelle für Messestände bauen. Dabei kommt Perscheid seine große Fingerfertigkeit zu Gute - gelernt beim Schrauben in der väterlichen Werkstatt. In seine Zeit als Werbegrafiker im Modebereich in Düsseldorf fällt die erste Cartoon-Veröffentlichung für Geld: "Trendman."

1993 beschließt Perscheid endgültig, Cartoonist zu werden. Er schickt eine kleine Sammlung von Cartoons an Verlage und Zeitungen. Mit Erfolg. Der Lappan-Verlag hat von 1994 bis heute 15 Perscheid-Bücher veröffentlicht. Ferner gibt es Postkarten und Plakate, z. B. über Toiletten-Themen und das stets spannende Verhältnis zwischen Mann und Frau. Mehr: www.lappan.de und www.martin-perscheid.de.

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