Hintergrund Kopfkino Warum sind wir so scharf auf Geschwindigkeit?

Speed ist ein Kick – wir alle lieben das! Aber was macht Geschwindigkeit aus? Warum sind wir so scharf drauf und was stellt unser Ich mit uns an? Höchste Zeit, dem Tempo-Phänomen nachzugehen.

Foto: Fotolia; Swanepoel

Okay, sie stehen auf Geschwindigkeit. Haben Sie sich aber jemals gefragt, warum? Geht es um den Sinneseindruck „Schnellsein“ oder mögen Sie den Risikofaktor? Und was unterscheidet Sie von Leuten, die Schnellfahren hassen? Welchen Einfluss hat Geschwindigkeit auf unser Gehirn, welche biochemischen Prozesse laufen ab, wenn wir das Gas aufdrehen?

Ziemlich sicher tun Sie es wegen dem Kick – wo immer dieses Gefühl auch herkommt. Wenn wir dieses Stück Asphalt mit unserem Motorrad hinunterstürmen, schneller als jemals zuvor, fühlen wir ihn und unser Körper durchläuft eine irre Verwandlung. Unsere Aufmerksamkeit spitzt sich zu, unsere physischen Fähigkeiten steigen und verringern gleichzeitig das Ver­letzungsrisiko für den Fall, das etwas schiefgeht. Willkommen in Adrenalin-City: Unser Herz hämmert, der Mund wird trocken, wir fühlen den Kick – Sie kennen dieses Gefühl gut!

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Bronchien weiten sich, Speichel- und Schleimfluss stoppen

Während wir also am rechten Griff drehen und uns tief hinter die Verkleidung ducken, brauchen Körper und Gehirn Energie, weshalb wir Hormone produzieren, die Fett und Proteine in Zucker verwandeln. Unsere Leber schüttet außerdem eine Extraportion Zucker für die Muskulatur aus. Das metabolische Verhältnis steigt in gespannter Erwartung einer gewaltigen Energiewelle, ebenso wie der Herzschlag, der Blutdruck und die Atemfrequenz. Die Muskeln spannen sich an und werden kräftig durchblutet. Unnötige Körperfunktionen wie die Verdauung stellen die Arbeit ein, um Energie zu sparen. „Die Bronchien weiten sich, Speichel- und Schleimfluss stoppen, um den Weg zur Lunge für die Luftzufuhr so weit wie möglich zu machen – daher der trockene Mund“, erklärt der Facharzt Dr. Uwe Naumann die typischen Körperreaktionen.

Das alles hilft, um in dieser Situation besser und am angemessensten zu funktionieren, schneller und sicherer fahren zu können. Gleichzeitig bereitet sich der Körper auf das Schlimmste vor, produziert natürliche Schmerz­mittel, die Endorphine, verengt die Blutgefäße der inneren Organe, um eventuelle Blutungen so gering wie möglich zu machen, hebt die Blutgerinnung an, während unser Knochenmark mehr weiße Blutkörperchen gegen ­drohende Infektionen losschickt, falls wir im großen Stil abfliegen.

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Psychologen nennen es "Flow"

All das läuft ab, weil wir uns in absolutem Stress, in einer großen Risikophase befinden. Das Stresszentrum in unserem Hirn, der Hypothalamus, schaltet sich ein, um unseren „Kämpfen-oder-abhauen“-Instinkt zu kontrollieren. Das ist das Adrenalin-Ding – der Hypothalamus kümmert sich um das „Neuroendokrine System“ mit der Nebenniere und dem sogenannten Sympathikus, so dass die Hormone ­Adrenalin und Noradrenalin produziert werden, die die genannten Körperreak­tionen auslösen.

Das alles steigert sich zu dem Gefühl, das Speed-Freaks kennen und lieben: pochendes Herz, trockener Mund und ein Zustand allerhöchsten Bewusstseins. Einige Racer nehmen diesen Zustand als extreme Form wahr, in der sie in eine scheinbare „Überwirklichkeit“ tauchen. Psychologen nennen das „Flow“, und die Racer vergleichen es mit Meditation oder sprechen davon, in eine vierte Dimension zu tauchen, in der die Welt zwar mit über 250 km/h an einem vorbeirauscht, sie aber einen Zenartigen inneren Frieden spüren.

"Je schneller du fährst, desto mehr Kontrolle hast du"

Ich habe das als Rennfahrer selbst ein paar Mal erlebt: Man fährt schneller als jemals zuvor und das Unterbewusstsein scheint zu übernehmen, man fährt ohne Eingreifen des eigentlichen Ichs. Die Welt scheint in Zeitlupe zu wechseln, alles wird ruhig, nur deine Atemfrequenz ist gigantisch hoch und du fährst besser als jemals zuvor, scheinst Fehler zu korrigieren, bevor du sie überhaupt machst. 500er-Champion Mick Doohan kennt das: „Schnell zu fahren ist ein Ding des Unterbewusstseins – je schneller du fährst, desto mehr Kontrolle hast du und desto weniger Fehler machst du – wenn du nicht dauernd über dein Handeln nachdenken musst.“ Das ist wohl das größte High, das ein Rennfahrer oder Speed-Freak erleben kann. Es hat etwas Transzendentales.

Aber es kann auch ganz anders kommen. Das Gehirn kann überkochen, wenn man zu sehr in Wallung ist – zu aufgeregt, zu aggressiv oder zu viel Angst spürt. Statt dann in die Hyper­realität vorzudringen, ist man nur zu aufgedreht, sammelt das Gehirn zu viele Informationen. Am Ende denkt und reagiert man viel zu langsam. Das ist dann die Adrenalin-Überdosis. Wir müssen deshalb lernen, unseren Adrenalin-Ausstoß zu kontrollieren. Einige kennen das: Man möchte sich am ­Vorstart am liebsten übergeben.

Ein Freund von mir hat sich vor der Startampel sogar einige Male eingenässt. Dass sich Rennfahrer vor dem Start bewusst in Aufregung versetzen müssen, ist jedoch ein Mythos. Es ist genau anders herum: Sie bemühen sich, so ruhig wie möglich zu sein. Dreifach-Weltmeister Kenny Roberts etwa chillte mit Country & Western-Musik, bevor er sich Barry Sheene auf der Piste vornahm. Ihr solltet auch nach so etwas suchen und niemals total aufgeregt auf ein Motorrad steigen!

Die Adrenalin-Dosis, die Schnellfahren auslöst, kann sicher wie eine Droge sein. Sie verändert dein Bewusstsein ähnlich einer illegalen Substanz, und eine Menge Fahrer hängen dran wie Kettenraucher an der Kippe – Adrenalin-Junkies. „Schnell zu fahren ist für viele Menschen ein gewaltiger Nervenkitzel“, sagt der Psychologe Dr. Richard Cox. „Ganz viel davon stammt vom eigenen Gefühl, die Maschine zu beherrschen. Außerdem gibt es diese besondere Wahrnehmung: Wenn man sich auf die Peripherie konzentriert, huscht die Welt irrsinnig schnell in der umgekehrten Richtung vorbei,“ so Cox.

Das Risiko birgt eine hohe Anziehungskraft

„Die Leute lernen, Geschwindigkeit zu mögen. Man steigt nicht auf ein ­Motorrad und fährt gleich 200 km/h. Zuerst kommt 80 oder 100 km/h, dann geht es langsam rauf. Danach erst kommt das große Ding. Das alles ist ­eine Reise ins Unbekannte, der Mensch ist ein von Natur aus neugieriges Wesen. Einige lieben Dinge, die sie noch nie vorher ausprobiert haben, wo sie nicht wissen, was passieren wird“, so der Wissenschaftler.

Bei diesem Speed-Kick spielt der Risikoaspekt für viele eine große Rolle. Die Theorie besagt, dass wir dem Tod gern nahekommen, weil dies uns das Leben besonders spüren lässt. Die Qualität eines Lebens in Extremen ist für manche wichtiger als dessen Länge. Der Ex-GP-Pilot Niall MacKenzie gibt zu, dass er Stürze deshalb sogar genoss. „Heute ist Risiko für mich null ­attraktiv, aber früher mochte ich das Gefühl zu stürzen und dem Teufel dabei ein Schnippchen zu schlagen – auf der Straße und der Rennstrecke.“

Das Gefühl, das Risiko zu beherrschen

Rennfahrer geben jedoch nicht gern zu, dass sie Risiko anzieht. Sie nehmen es wohl wahr, schieben es aber auf die Seite und reden sich gern ein, dass ihnen keine Gefahr drohe – „Mir kann nichts passieren.“ Was sie aber wirklich mögen, ist das Gefühl, das Risiko zu beherrschen, indem sie atemberaubend schnell fahren, immer auf des Messers Schneide, im Bewusstsein, ihr unglaubliches Talent hält sie in der Bahn. In diesem Moment fühlen sie, ihr Schicksal in eigenen Händen zu halten, nahe am Abgrund, aber den feinen Schritt weit genug davon entfernt.

Natürlich erfährt nicht jeder dieses Hochgefühl bei hohem Tempo. Die meisten Menschen suchen nach Genuss, fürchten jedoch gleichzeitig Schmerzen. Sie schauen sich vielleicht gern gemütlich ein Motorradrennen im Fernsehen an, aber würden auf keinen Fall auf so ein Ding steigen und über 280 Sachen damit fahren wollen. Einige sehnen sich mehr nach hohen Geschwindigkeiten als andere, so wie andere Leute gern Fallschirmspringen, auf Hochhäusern herumklettern, Autos knacken oder sich unbekannte Pillen einwerfen. Das alles hat einen gewissen Reiz, von all dem geht ein gewisses Risiko aus. Nicht alle Menschen sind ­bewusste „Risk-Seeker“.

Crutchlow hat Angst im Dunkeln, Rainey leidet an Höhenangst

Umgekehrt haben einige dieser vermeintlich furchtlosen Rennfahrer Angst vor Dingen, die uns völlig normal vorkommen. Ducati-Werksfahrer Cal Crutchlow hat Angst im Dunkeln, Superbike-Hero Carl Fogarty fürchtet sich vor Gewässern, 500er-Weltmeister Wayne Rainey leidet an panischer Höhenangst und der ehemals sturzsüch­tige MacKenzie ist klaustrophobisch.

Was uns zu der Frage bringt, warum die einen hohe Geschwindigkeiten mögen und es sie erregt, und andere nicht? Wie so vieles, hat es einerseits mit der Natur und andererseits mit Erziehung zu tun, der Mischung aus unserer genetischen Zusammensetzung und dem, was uns unsere Eltern beigebracht haben. Viele Rennfahrer stammen beispielsweise aus rennbegeisterten Familien, waren zeitlebens von Motorrädern und Speed umgeben. „Jeder hat seinen eigenen Zugang zu so etwas“, sagt Psychologe Richard Cox. „Eventuell kommt man zu diesem Geschwindigkeitsding aufgrund von Erlebtem in der Jugend – der Nachbar hatte ein Motorrad, man hat ein Rennen im Fernsehen gesehen oder war live dabei und lernte diesen Sound und den Geruch zu lieben.“

Die Lust zu gewinnen ist stärker als die Lust am Speed

Ein Aspekt unterscheidet Racer vom „normalen“ Speed-Freak. Ihre in die Wiege gelegte und anerzogene Liebe zu hohen Geschwindigkeiten wird mittlerweile noch von der Lust am Wettbewerb überspielt. Speed allein ist nicht mehr der Kick per se. Es geht darum, andere zu schlagen, noch schneller und verrückter zu sein. „Wenn du ein paar Mal richtig schnell gefahren bist, ist das ja keine große Sache mehr“, sagt MacKenzie. „Mit dem Rad den Berg runter war anfangs cool, aber als es darum ging, die Kumpels abzuhängen, wurde Speed erst richtig interessant.“

Racer nehmen die Geschwindigkeit als solche gar nicht mehr wahr. Frag einen MotoGP-Fahrer, wie sich das ­anfühlt, Ende Start/Ziel Tempo 330 zu fahren, und er wird schlicht mit den Schultern zucken. Höchstgeschwindigkeiten und Geraden interessieren einen Rennfahrer nicht. Ich fragte Wayne Rainey Anfang der 1990er einmal nach seiner absoluten Höchstgeschwindigkeit. Die Antwort: „323 km/h in Fukuroi (Yamahas japanische Teststrecke – die Red.).“ Und wie fühlt sich das an? „Als ob man noch einen Zahn kürzer übersetzen sollte“, grinste er zurück.

Die Geschwindigkeit selbst sagte ihm eigentlich nichts, die Übersetzung war Rainey wichtig, um die Leistung optimal nutzen zu können. „Es ist doch egal, ob du 290 oder 330 km/h drauf- hast“, erklärt der ehemalige Weltmeister. „Da spürt man nichts Besonderes.“

Ist die Geschwindigkeit also irrelevant, etwas, das viel weniger Bedeutung hat, als wir glauben? Nur ein bil­liger Adrenalin-Schuss, die Manifesta­tion, dass der Mensch die Dinge nicht einfach in Ruhe lassen kann, ein Beleg dafür, dass es überall immer noch mehr geben muss – schneller, höher, weiter, lauter? Oder sind das zu viele Fragen, statt einfach aufzusitzen, das Gas auf­zureißen und tief hinter den Lenker ­abzutauchen? Wahrscheinlich! Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

Nervensysteme brauchen unterschiedlich große Reize

Dann gibt es noch die Natur, die ­genetische Beschaffenheit unseres Gehirns und sein neuronaler Schaltkreis. Das zentrale Nervensystem ist ein weiterer Teil, der eine große Rolle dabei spielt, wie sehr wir unsere Aufregung kontrollieren können. Studien belegen, dass das Nervensystem einiger Menschen größere Reize braucht als das anderer. Das macht den Unterschied zwischen sogenannten Risk-Seekern und Couch Potatoes.

MacKenzie gibt das perfekte Bild für das Zusammenspiel von Natur und Erziehung ab: „Ich lebte auf dem Dorf oben am Hügel, und als Kind gab es für mich nichts Schöneres, als so schnell wie möglich diesen Hügel runterzufahren. Ich holte mir dort so viele blutige Nasen. Mein Bonanza-Rad war für solche Geschwindigkeiten überhaupt nicht ausgelegt. Ich erinnere mich, wie die Kumpels das Ding für mich immer wieder nach Hause schoben und ich blutend hinterher trottete. Trotzdem hab ich es immer wieder gemacht.“

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