12 Bilder

Werner Koch erzählt von früheren Geländeausflügen Maschinen, Mädels, Grill und Klappstuhl

Wenn sonntags die Freibäder aus allen Nähten platzten und am Baggersee rote Würstchen mit den Sonnenanbetern um die Wette brutzelten, trafen sich in den 70er-Jahren wilde Horden mit grobstolligen Maschinen in staubigen Lehmgruben und Steinbrüchen.

"Die Honda Dax muss auch noch rein, und wenn der Grill daheim bleibt", protestierten die Mädels. Es half nichts, auch die Honda wurde mit vereinten Kräften in den komplett überladenen VW-Bus hineinkomprimiert - geht doch. Musste gehen, denn ohne die niedliche Dax blieben auch die niedlichen Mädels zu Hause - dann also lieber die Grillwürste roh verschlingen.

Anzeige

Hauptsache es brummte und ballerte

Auf der Dax wurde Geländefahren geübt, anfahren, bremsen, wenden, und irgendwann war auch der Steilhang dran. Rauf, runter, rauf, runter. Solange sich die Mädels mit Dax und Yamaha TY 250 Trail eher der geschmeidig-eleganten Fortbewegung im Unterholz widmeten, bolzten die wilden Buben wüst um die Wette. Über selbst geschobene Sprunghügel, in waagerechter Schräglage durch festgetrampelte Anlieger. Und immer schön in der Meute aus zurechtgebastelter Enduro, ausrangiertem Crosser oder einem maximal minimierten Straßenmoped - der Wurzelsau schlechthin. Egal wie groß, wie schnell, wie teuer, Hauptsache es brummte und ballerte.

Der Fuhrpark unserer Clique war breit gefächert: Mit Honda Dax und der verlodderten TY 250, einer altertümlichen Kawasaki KLR 250, der aufgemöbelten Suzuki TS 250 und einer Kawasaki KX 250, dem reinsten Crosser unter der damaligen Sonne, war das Wochenende gerettet.

Weil in den 70er-Jahren jedoch so ziemlich jeder Teenager einen Narren an Mopeds oder Motorrädern gefressen hatte, expandierte das Schaulaufen der Vollgas-Junkies auf dem Truppenübungsplatz bei Böblingen immer mehr zu einem regelrechten Volksfest. Zumal sich sogar echte Promis wie Gustav „Kamikaze“ Reiner - „der Mann, der barfuß Funken schlägt“ - oder sein Spezl, der spätere 350er-Weltmeister Jon Ekerold, in halsbrecherischer Manier mit der Meute um Platz und Ehre balgten. Nicht ohne Folgen. Zerborstene Schlüsselbeine, Schürfwunden von den Ohren bis zum kleinen Zeh, vom „Steinschlag“ des Vordermanns ausgebrochene Schneidezähne oder aufgeschlitzte Waden durch wüst zurückschlagende Kickstarter - die Jungs waren auf dem besten Weg, Grenzen zu verschieben. Wenn es sein musste, auch mal mit dem Kopf voran.

Anzeige

Polizei musste resigniert abziehen

So lange zumindest, bis die grüne Rennleitung - wie jeden Sonntag - versuchte, das illegale Treiben aufzulösen. Ohne Erfolg. Nach heftigen Diskussionen, strengen Ermahnungen und schließlich dem resignierten Abzug der Beamten ging der Affentanz unvermindert weiter - wie jeden Sonntag.

Was sollte die Staatsmacht auch ausrichten gegen eine jugendliche Meute, die von Maschinen und Motoren dermaßen angefressen war? Eben. Bis ein flächendeckendes, streng verfolgtes Verbot kam, dem so ziemlich alle „wilden“ Lehmgruben und Steinbrüche, nicht nur im Großraum Stuttgart, zum Opfer fielen.

Egal, heute liegen die Jungs und Mädels am Sonntag sowieso bewusstlos im Bett - mit Wodka statt Zweitaktmischung als Droge. Das macht ja auch nicht so einen fürchterlichen Krach wie ne Wurzelsau.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel