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Nach den Trockenübungen geht's endlich ans Fahren...

Zu klein zum Motorradfahren? Die Beinchen-Frage

Zu kurze Beine zum Motorradfahren? Quatsch. Motorrad fahren kann jeder. Selbst mit 1,53 Metern kriegt man es hin – solange es Leute gibt, die einem dabei helfen.

Zu kurze Beine. So lautete das Fazit vor sechs Jahren, und damit war der Drops gelutscht. Diesen Schluss zog nicht etwa Heidi Klum oder die Personalabteilung der Autobahnpolizei (Teenager-Berufswünsche), sondern mein Fahrlehrer. Sein Urteil versetzte in dem Fall keine Berge, sondern zerstörte Träume. Genauer gesagt meinen Traum. Nämlich den vom Motorradfahren. Das konnte ich mir mit 18 erst mal abschminken, nachdem meine Füße von der Fahrschul-Honda baumelten, als hätte ich gerade eine Kastanienbaumkrone erklommen. 68 Zentimeter Beinlänge reichte nicht. Fahrtwind, Freiheit, Route 66? Mit einem großen Knall zerplatzt. So wurde es zunächst einmal „nur“ die Klasse B, also der normale Autoführerschein.

Natürlich hätte ich mehr kämpfen können. Hätte mit einer Honda Shadow den Slalom trainieren können. Wenn es denn eine in meinem Heimatort gegeben hätte. Aber in Zeiten von Abi-Stress und Berufsorientierung gab es andere Prioritäten. Heute, sieben Jahre später, bereue ich‘s. Dass mir diese Kombination aus Selbstverwirklichung, Luxus und Alltagsflucht verwehrt blieb. Nur ein Traum. Doch Rumjammern bringt bekanntermaßen wenig. Vielleicht hilft ja ein Motorrad-Schnupperkurs für Führerschein-Interessenten, die Dämonen der Vergangenheit zu besiegen?

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"Wenn die Bandscheiben noch frisch sind, 1,53 Meter!"

Nach Schnupperkursen für Kurzbeinige muss man etwas suchen. Im Internet finden sich ein paar Angebote, allerdings zu festen Terminen, mit begrenzter Teilnehmerzahl und meist nicht gleich um die Ecke. Direkt bei Fahrschulen nachzufragen, obwohl sie die Kurse nicht explizit ausschreiben, könnte sich ebenfalls lohnen. Auch im Rahmen größerer Motorradtreffen werden zusätzlich neben Perfektions- und Kurventrainings derartige Einsteigerkurse angeboten, die um die 100 Euro kosten. So auch beim Schwarzwald Biker-Weekend 2016. Schnell das Plätzchen reserviert und am Telefon die Körpergröße durchgegeben: „Morgens, wenn die Bandscheiben noch frisch sind, 1,53 Meter!“ Kurze Pause am anderen Ende. „Das kriegen die schon hin“, meint der Veranstalter. Bin gespannt. Bislang bin ich ja noch nicht mal Motorroller oder Moped gefahren. Ein Pedelec bildet bislang die dynamische Spitze meines Zweirad-Eisberges.

Es ist so weit: Der Wecker klingelt, die Sonne lacht und Jimmy Pages knackige Gitarrenklänge aus „Ramble On“ bewegen mich dazu, mir mein Led Zeppelin-Shirt überzustreifen. Schließlich geht‘s ja auf ein Biker-Treffen. Eine Entscheidung, die mir später noch zu denken gibt. Auf dem Weg zur Bahn fahre ich jedoch in meinen Gedanken bereits die kurvigen Landstraßen des mittleren Schwarzwalds entlang, atme die frische und zugleich benzingeschwängerte Nadelbaumluft ein, verfolge das Spiel aus Licht und Schatten auf dem Asphalt und lasse den Wind mein vor Aufregung rosa angehauchtes Gesicht streifen.

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Echte Biker tragen Funktionsunterwäsche

Zwei Stunden später stehen wir dann auf einem abgesperrten Edeka-Parkplatz. Statt Nadelbäumen genieße ich die Aussicht auf ein Birnenplakat: Williams Christ ist für 2,49 Euro das Kilo im Angebot. Davor stehen drei Motorräder, eine davon eine Kawasaki ER-6n mit Wilbers-Tieferlegungssatz, 71 Zentimetern Sitzhöhe und 649 Kubikzentimetern, die mir eine neue Art von Lebensgefühl offenbaren sollen. Zunächst aber geht es an die Theorie. Fahrlehrer Gernot fängt zum Glück ganz vorne an. Und zwar mit der Kleidung. Er beäugt kritisch mein Led Zeppelin-Shirt: „Ein echter Biker trägt Funktionsunterwäsche, dann schwitzt man nicht so!“ Funktionsunterwäsche? Ein echter Biker? Weltbild Nummer eins, das am heutigen Tag zerstört wird.

Das Shirt bleibt an und ich schlüpfe in die blau-weiß-schwarze Lederkombi, die Gernot aus seinem Anhänger zaubert. Stiefel, Größe 36, drüber gestülpt, und schon fühle ich mich wie eine „echte Bikerin“: nämlich wie eine Mischung aus Iron Man und Michelin-Männchen. Zehn Kilo zusätzlich am Körper, Bewegungsfreiheit wie ein Wackeldackel – Kopfnicken geht gerade noch.

Also Trockenübungen: drauf hocken, das Gewicht spüren, den Zündschlüssel drehen, Blinker setzen, Fernlicht und Lichthupe ausprobieren, schließlich den Startknopf drücken. Ein kurzes Stottern, dann erwacht sie. Ganz allein sitze ich nun auf der Karre, die zwar noch aufgebockt ist, aber ich beginne, zu begreifen. So, als würde man nach und nach eine Fremdsprache lernen und verstehen. Das Wummern, das Vibrieren. „Knieschluss“ höre ich Gernot sagen und greife mit beiden Händen zum Lenker, spiele mit rechts am Gas. Die Drehzahl bei 2500 halten? Gar nicht so leicht. Dann mit der linken Hand die Kupplung ziehen und mit dem linken Fuß den Schalthebel suchen. Klack, vom Leerlauf in den Ersten schalten (drücken!), Kupplung kommen lassen. Das Hinterrad dreht sich in der Luft. Ich fahre! Also fast. Gänsehaut bei 28 Grad Celsius.

Notschalter. Praktisch. Gibt’s den auch für Männer?

Dann in den zweiten Gang (ziehen!), klack, klack, Leerlauf übersprungen. Das Rad dreht sich schneller. Dann ist da dieser rote Knopf. In Filmen dürfen die Figuren niemals den roten Knopf bedienen, weil sich dahinter Nuklear-Sprengsätze oder Schleudersitze verbergen. Ich darf ihn drücken! Kneife die Augen zu, um mich aufs Schlimmste gefasst zu machen, klack, Stille. Das Bike schweigt. Notschalter. Praktisch. Gibt’s den auch für Männer? Kommt schon, andersherum würde die Frage auch funktionieren!

Jetzt ist aber erst mal Verena, 20, dran, die sich ebenfalls beim Schnupperkurs angemeldet hat, weil ihr Freund Calvin sie scheinbar mit dem Biker-Virus infizierte. Übrigens ein gängiges Verhaltensmuster, wie Gernot erklärt. 90 Prozent seiner Schnupperkurs-Besucher sind weiblich, schätzt er. Viele von ihnen seien zwischen 35 und 40 Jahre alt, haben sich gerade entweder vom alten Partner getrennt und wollen so einen neuen Lebensabschnitt beginnen oder sind frisch mit einem Motorrad-Enthusiasten zusammen. Gernots These: Schnupperkurse resultieren aus einem veränderten Beziehungsstatus. Interessant. Das sollte man mal wissenschaftlich untersuchen.

War’s das nun endgültig?

Zurück zum Schnupperkurs: Ich sitze wieder auf Erna - ER-6n ist mir einfach zu herzlos (wer denkt sich solche Namen aus?!) - und klappe ihren Ständer ein. Jetzt müssen wir beide einander vertrauen. Mit meinen Füßen berühre ich zu zwei Dritteln den Boden. Nicht ideal, da werde ich es schwerer haben als größer Gewachsene, prophezeit Gernot. Kein Grund, jetzt einen Rückzieher zu machen. Helm auf, Gang rein, rollen, mit den Fußspitzen tippeln. Gernot steigt als Beifahrer dazu, ich sortiere meine Füße auf den vorderen Rasten und wir fahren. Besser gesagt: Er fährt. Ich dagegen sitze zunächst paralysiert vorn auf dem Bike. Moment, wie war das jetzt noch? Kuppeln mit der Hand, Schalten mit dem Fuß? Aaaah, alles steht Kopf. Gernot hilft. Nach ein paar Runden über den Parkplatz bin ich froh, wieder Boden unter den Füßen zu haben.

Helm ab, das Gesicht ist nicht zartrosa  angehaucht, sondern knallrot wie die Tomate, die neben dem Birnenplakat prangt. Die Sonne strahlt erbittert, unter der Lederkombi bin ich klatschnass. Sengende Hitze. So viele Informationen auf einmal, und ich kann sie nicht verarbeiten. Frustration macht sich breit. War’s das nun endgültig? Der Traum vom Fahrtwind, zerplatzt? Wieder eine Weltanschauung, die zu splittern droht wie ein Glas, das auf den Boden fällt. Gescheitert, obwohl es nicht an den Beinen lag? Das darf nicht sein. Erst mal hinsetzen, einen großen Schluck trinken, tief durchatmen, klarkommen. Und jetzt? Der Fotograf will ein Bild, auf dem ich allein fahre. Niemals!

Nächste Mission: geeignete Fahrschule finden

Nach und nach sammle ich mich aber wieder. Na gut, man könnte es ja mal probieren, ganz easy im ersten Gang. Also fasse ich wieder Vertrauen zu Erna, glaube an uns und starte sie erneut. Diesmal nur wir zwei. Langsames Anfahren, Gang rein, Kupplung, Gas. Plötzlich ist es Intuition. Absolut logisch. Das Motorrad, die Strecke und du – das magische Dreieck. Volle Konzentration auf die eine, einzige Sache, die nun zählt. Als hätte ich mein Leben lang nichts anderes gemacht. Kuppeln, schalten, beschleunigen, bremsen, in den Kurven die Kupplung ziehen, um sanft zu gleiten. Wie ein Fisch im Wasser.

Zweiter Gang, dritter Gang. Mehr traue ich mir noch nicht zu. Der Fotograf kriegt seine Fotos und ich spüre ihn endlich, den Fahrtwind. Kann ihn genießen. Freue mich sogar über den Anblick diverser Obst- und Gemüsefotos, die nun eben die Nadelbäume ersetzen. Alles ist steigerungsfähig. Könnte noch Stunden so weiterfahren, aber die Zeit ist um. Zum Anhalten hält Gernot sich bereit, falls ich doch Probleme mit dem Gleichgewicht kriegen sollte. Erna und ich verstehen uns aber, sie ist loyal und bleibt in der Waage, sodass ich problemlos den Ständer ausrücken und absteigen kann. Wow. So muss sich wohl Neil Armstrong gefühlt haben, nachdem er auf dem Mond rumgehüpft ist. Nur dass er sich in seinem Anzug wahrscheinlich noch besser bewegen konnte als ich. Aber das spielt keine Rolle. Denn ich habe es geschafft. Bin trotz meiner kurzen Beine Motorrad gefahren und fand es geil. Nun will ich mehr, viel mehr. Nächste Mission: eine Fahrschule finden, die auch Wesen mit wenig Bein, aber umso mehr Tatendrang unterrichtet.

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