Produkttest Nachrüst-Protektoren Welche Nachrüst-Protektoren sind sicher?
Es gibt gepolsterte Büstenhalter, die auf "wonderbrare" Weise ein strammes Dekolletee herzaubern, und es gibt Protektoren, die ebenso wundersam der Motorradschutzbekleidung echte Superkräfte verleihen sollen. Alles nur Schaumschlägerei?
Protektoren sind nicht dazu da, die Figur zu verbessern - sie sollen Verletzungen verhindern.
Zeichnung: Aue
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Ein Protektor kann bei einem glücklich verlaufenden Sturz möglicherweise Verletzungen lindern, nicht verhindern. Er ist keine Versicherung, dass nichts passieren kann, und bei einem Frontalcrash mit einem Auto bräuchte man schon einen Engel, der einen darüber hebt, um heil davon zu kommen", erklärt Michele Vulcano, Produktmanager beim Protektorenhersteller Viscotec in Stuttgart. Professor Dietmar Otte, Leiter der Verkehrsunfallforschung an der Medizinischen Hochschule Hannover, zieht eine ähnliche Bilanz. Sein Team untersucht jährlich rund 200 Motorradunfälle, Otte gilt als einer der Pioniere bei der Erforschung von "Persönlicher Schutzausrüstung" (PSA). Er erinnert sich noch gut an die Anfänge in den 1980ern: "Wenn wir seinerzeit nach einem Unfall die Schutzbekleidung begutachtet hatten, quoll als Polster noch normaler Matratzenschaumstoff an den aufgescheuerten Sturzzonen heraus." Und im Rennsport banden sich die Fahrer zunächst Plastikschalen um die Knie, um beim Sturz kontrollierter zu rutschen, von echter Schlagdämpfung konnte man damals nicht sprechen.
Ottes Ansicht nach waren vorgeformte Schalen aus progressiv dämpfenden Polyurethan-Schäumen des schwedischen Konfektionärs Halvarssons vor rund 25 Jahren die ersten wirksamen Protektoren. Und erst seit rund 15 Jahren werkeln verschiedene Arbeitsgruppen an definierten Prüfnormen:Seit der 1997 in Kraft getretenen Norm EN 1621-1 müssen Hersteller, die ausdrücklich auf die Schutzwirkung der Motorradbekleidung hinweisen, ihre Produkte entsprechend zertifizieren lassen.
Zuständig sind akkreditierte Prüfinstitute, in Deutschland ist das etwa der TÜV Rheinland. Die CE-Kennzeichnung (Abkürzung für "Communauté Européenne", französisch für "Europäische Gemeinschaft") gilt seither als Siegel für geprüfte Sicherheit - damit werben jedenfalls die Anbieter von Protektoren. In der Praxis ist die Norm aber umstritten, schließlich hatte man sich in den Anfängen nach zähem Gerangel zwischen Wissenschaft, Politik und Wirtschaft (mit jeweils unterschiedlichen Interessen der einzelnen Ländervertreter) auf Grenzwerte geeinigt, die nach aktuellen Erkenntnissen etwas aus der Luft gegriffen zu sein scheinen. Trifft nämlich eine normkonforme Restkraft von 35 Kilonewton tatsächlich auf Knochen und Gelenke, würde es diese - salopp gesagt - pulverisieren. Medizinische Studien, die jedoch nicht eins zu eins auf echte Unfallverläufe übertragbar sind, haben ergeben, dass menschliche Knochen maximal fünf bis sechs Kilonewton aushalten.
Kraft-Zeit-Verhalten: Während beim IXS-Knieprotektor (rote Kurve) bei 5 ms schon die volle Restkraft einwirkt, stehen bei Safemax (grün) erst weniger als 5 kN an.
Foto: Dentges, mps-Fotostudio
Fußend auf neueren, noch zielgerichteteren Forschungen tagen zurzeit internationale Arbeitsgruppen über einer Novellierung der Norm. "Deutschland hätte dort gern das Kraft-Zeit-Verhalten verankert, denn unserer Ansicht nach sind Beschleunigungsspitzen, die durch den Protektor weitergeleitet werden, besonders kritisch", erklärt Christoph Gatzweiler, Ressortleiter Technik beim Industrie-Verband Motorrad (IVM) in Essen. Und meint damit vereinfacht: Ein schneller Schlag mit vergleichsweise geringer Krafteinwirkung kann gefährlicher sein, als ein kraftvollerer, bei dem der Knochen aber mehr Zeit hat, ihn zu verdauen. Mit dieser Forderung konnten sich die Deutschen aber nicht durchsetzen, dennoch wird voraussichtlich Mitte 2012 eine Norm aufgestellt, nach der nun auch Gelenkprotektoren (wie Rückenprotektoren schon jetzt) nach Level 1 und 2 geprüft werden können, wobei der Grenzwert des Levels 2 von 35 auf rund 20 kN gesenkt werden soll. "Immerhin ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Gatzweiler. Klar ist: Gelenk- und Rückenprotektoren sind sinnvoll, auch wenn sich nach wie vor die Geister daran scheiden, ob Hartschalen oder Weichschäume besser sind. Spezialist Otte sieht in der Kombination beider den Königsweg, bemerkt aber allgemein: "Knochenbrüche kann man kaum verhindern, aber die Art der Fraktur durchaus beeinflussen."
Protektoren könnten gefährliche offene Brüche (Infektionsrisiko) und komplizierte Trümmerbrüche, die häufig Folge von starken punktuellen Belastungen sind, zu vergleichsweise einfachen Brüchen "umwandeln" (mit besseren Heilungschancen). Außerdem schützen selbst einfache Hartschalen- und Schaumteile Haut und Gewebe gut vor Abschürfungen und reibungsbedingten Brandverletzungen, weil sie als zusätzlicher Schleifschutz dienen, wenn sich das Obermaterial von Jacke und Hose auf dem Asphalt in Wohlgefallen auflöst (bei einem Sturz meist schon nach drei Sekunden Rutschzeit). Voraussetzung für einen Sicherheitsgewinn neben dem Tragen von guten Motorradstiefeln und -handschuhen ist aber, dass die Protektoren gut sitzen. Schlechte Idee: blind aus dem Internet zu bestellen, zumal viele Protektoren überhaupt nicht in die dafür vorgesehenen Taschen passen. Klüger: rein in die Motorradklamotten und hin zum Laden. Bei einer ausführlichen Anprobe kann besser ermittelt werden, ob eine Nachrüstung sinnvoll ist.
Der Rukka-Rückenprotektor baut den Schlag in die starke Protektormitte gut ab (grün), versagt in den dünneren Randbereichen aber total (rot).
Foto: Dentges, mps-Fotostudio
Protektoren sollten fest mit dem Außengewebe verbunden sein und nicht allzu locker in den dafür vorgesehenen Taschen baumeln. Beim Sturz würden sie sich wegdrehen - Schutz dann: gleich null. Zur Prüfung Fahrhaltung einnehmen und einen Helfer prüfen lassen, wie fest die Schützer an Rücken und Gelenken anliegen. Schutzwirkung schön und gut, die Bewegungsfreiheit sollte aber nicht eingeschränkt sein. Helmut Faidt, Protektorenentwickler bei Sas-Tec im schwäbischen Markgröningen, stellt fest: "Wir könnten Schaumprotektoren so herstellen, dass sie nur eine Restkraft von fünf Kilonewton durchlassen, aber die wären dann drei Zentimeter dick und würden die aktive Sicherheit einschränken." Kontraproduktiv. Eine gewisse Luftzirkulation zur Steigerung des Fahrkomforts sei außerdem erstrebenswert, da sind sich alle Experten einig. Von den aktuellen Testkandidaten patzte in der Komfortwertung jedoch keiner so richtig, das ist sehr erfreulich, und - noch wichtiger - die Mehrzahl der geprüften Protektoren sorgt für eine gute Schlagdämpfung. Es spricht also vieles dafür, lieber jetzt als gleich loszuziehen und seine sicherheitstechnisch vielleicht etwas in die Jahre gekommene Motorradkleidung mit Protektoren der neuesten Generation aufzumöbeln.