Test Honda VT 1100 C3 Shadow Aero

Luftveränderung

Die jüngste Auflage der 1100er Honda Shadow segelt unter dem Beinamen »Aero«. Von Dynamik ist nach wie vor nicht die Rede.

Einmal tief Luft geholt, den Vorderreifen von 120 auf 140 Millimeter Breite gebläht und den Radstand um zwei Fingerbreit gereckt, und schon ist aus der C2 Ace die C3 Aero entstanden. Zumindest aus technischer Sicht.
Auch stylistisch umweht die neue Shadow ein frischer Wind. Der bläst von vorn und verpaßt der VT eine Fönfrisur, die den Stil der 30er Jahre (oder was die Designer dafür halten) aufleben lassen soll: nach hinten geschwungene Kotflügelenden, aufgeplusterte Gabelholme und - als I-Tüpfelchen - eine mächtige Aufpuffzigarre mit Fischschwanz-Endstück.
Dieses schenkeldicke Rohr fungiert als finites Element eines imposanten V2, der die technischen Rahmenbedingungen eines rustikalen Cruiser-Motors konsequent erfüllt: Die Zylinder sind in engem 45-Grad-Winkel arrangiert, und die Kurbelwelle bescheidet sich mit einem Hubzapfen für beide Pleuel.
Good vibrations werden also nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern geradezu heraufbeschworen. Weil aber der V2 über entkoppelnde Gummielemente mit dem Rahmen verbunden ist, halten sich die seismischen Auswirkungen des Motorlayouts auf den Fahrkomfort in verträglichen Grenzen: Keine lästigen Vibrationen, kein markerschütterndes Gestampfe, wenn die Drehzahl einmal allzusehr in den Keller gefallen ist. Wohl spürt man in Lenker und Trittbrettern, daß die Maschine lebt, fühlt sich aber keineswegs an Leib oder Leben bedroht.
In Grenzen hält sich leider auch das Temperament der Shadow. Gerade einmal 50 PS liefert der 1100er Motor, und die beißen sich an rund sechs Zentnern Lebendgewicht und einer ellenlangen Endübersetzung die Zähne aus. Selbst bei Aufbietung aller gebotenen Drehzahlreserven und eifriger Nutzung des akkurat schaltenden Fünfganggetriebes ist die VT weit davon entfernt, den Beinamen Aero-Flott zu verdienen. Bleibt zu hoffen, daß die demnächst erhältliche »offene« Version der C3 mit sieben zusätzlichen PS ein signifikantes Plus an Lebhaftigkeit bringt.
Das Fahrwerk der Shadow ist dafür gerüstet. Abgesehen von einer dezenten Längsrillenempfindlichkeit als Folge des breiten Vorderreifens läuft die Maschine wacker geradeaus. Was angesichts des Fahrwerksauslegung - viel Radstand, viel Nachlauf, wenig Lenkkopfwinkel - keine echte Überraschung ist. Die liefert hingegen das Handling der Luftgängerin: locker, leicht und ohne nenneswerten Kraftaufwand läßt sich die Maschine bis auf die Trittbretter abwinkeln.Gut.
Und schön, daß die C3 Cruiserfahren nicht als Bereitschaft zu Selbstkasteiung interpretiert. Endlich einmal ein Straßen-Kreuzer, dessen Federungselemente ansprechend auf kleinere Unebenheiten reagieren. In Zusammenspiel mit der relaxten Sitzposition auf schwellendem Polster ist so für überdurchschnittlichen Reisekomfort gesorgt.
Die Freude am schmuseweichen Fahrerlebnisgerät weicht freilich hin und wieder dezenter Verunsicherung: In Kurven mit welligem Belag verwässert der breite Vorderradschlappen die Lenkpräzision, bei forcierterem Tempo bringen die unterdämpften Radführungselemente die Kurshaltung buchstäblich ins Wanken, und wenn`s mal um die Wurst geht, zeigt ein Griff zur Vorderradbremse, daß eine Scheibe gegen die Masse Motorrad auf ziemlich verlorenem Posten steht. In solchen Situationen heißt es tief Luft holen - was ja auch irgendie mit »Aero« zu tun hat.



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