MV Agusta Turismo Veloce 800 im Dauertest

Erfahrungen über 50.000 Kilometer

Turismo Veloce bedeutet auf Deutsch so viel wie „schneller Tourismus“.
„­Bequem, in Kurven agil, auf der Autobahn stabil“, lautet ein erstes Urteil zur MV Agusta Turismo Veloce 800.
Kleiner Zusatz: „Der Dreizylinder-Motor macht einfach an.“ Jedoch ...... das Design polarisiert, Verkleidung und Koffer gefallen nicht jedem.Ebenso wie die LED-Leuchten der MV Agusta Turismo Veloce 800.14 Bilder

Die MV Agusta Turismo Veloce 800 durchläuft seit 15. Juni 2015 den MOTORRAD-Dauertest und hat seither 42.500 Kilometer gesammelt.

850 km: Dauertest-Begrüßung

MOTORRAD startet ein volles TV-Programm, denn „TV“ lautet bei MV Agusta das interne Kürzel für die Turismo Veloce, die seit Ende Juni den Dauertestfuhrpark bereichert. Geliefert wurde die silbergraue Maschine direkt zum Alpen-Masters in den Dolomiten. Nur 300 Kilometer hatte die MV Agusta Turismo Veloce 800 da auf dem Tacho, denn zu den üblichen längeren Einfahrstrecken war im Werk keine Zeit ­geblieben, wollte man am Alpen-Masters 2015 teilnehmen.

Rund ums Fassatal musste die MV Agusta Turismo Veloce 800, als sportlicher Tourer angekündigt, gleich ihre Qualitäten in den Bergen unter Beweis stellen. Von den Alpen brachte sie Test­redakteur Johannes Müller in die Redaktion nach Stuttgart, und er freundete sich auf dem 700-km-Trip mit der Italienerin an: „­Bequem, in Kurven agil, auf der Autobahn stabil“, lautet sein erstes Fazit. „Und der Dreizylinder-Motor macht einfach an.“

110 PS leistet der laut Werk, unsere Begrüßungsmessung ergab 106 PS und ein maximales Drehmoment von 78 Newtonmetern. Der Motor an sich ist kein Unbekannter, MV Agusta baut ihn seit 2012 in unterschiedlichen Hubräumen, nämlich mit 675 und 800 cm³, in eine wahre Flut von Modellen ein: in die F3, die Brutale, die Brutale RR, die Dragster, die Stradale, die Rivale und nun eben in die MV Agusta Turismo Veloce 800, hier mit 800 cm³. Dennoch fühlt sich der Antrieb anders an als bislang, denn erstmals stimmten ihn die MV-Ingenieure nicht auf möglichst viel Leistung, sondern auf Fahrbarkeit ab, will heißen: Selbst ein zügiges Rollen im fünften Gang über die Landstraße ist nun möglich, die TV giert nicht ohne Unterlass und Gnade vorwärts.

Verändert hat sich auch das Fahrwerk. Waren MV-Motorräder bislang durchweg bretthart abgestimmt und liefen jeder Bodenwelle hinterher, so kommt die Federung der MV Agusta Turismo Veloce 800 komfortabel daher. Insgesamt ist es die erste MV Agusta, die ihren Fahrer nicht permanent fordert, sondern ihm auch mal eine kleine Auszeit gönnt. So weit, so hoffnungsvoll die Prämissen für einen gelungenen Dauertest.

Ein paar mögliche Schwachpunkte fielen auf den bislang wenigen Testkilometern allerdings auch schon auf an der mit knapp 15.000 Euro teuren MV Agusta Turismo Veloce 800. Mit Adler­auge bemerkte Testchef Gert Thöle bereits in den Alpen einen alarmierenden Öltropfen unter dem Motorgehäuse. Eine etwaige Austrittsstelle konnte trotz längerer Suche jedoch nicht gefunden werden, möglicherweise handelte es sich nur um Montageöl. Dennoch bleibt der Motorblock erst mal unter verstärkter Öl-Beobachtung.

Für leichte Verwunderung sorgen die Splinte, die den Koffern (Zubehör, 900 Euro) ­besonders sicheren Halt verleihen sollen. Deren Befestigung ist pfiffig gemacht, sie werden auf eine Schiene hinter der Beifahrer-Fußraste geschoben und unter der Sitzbank der MV Agusta Turismo Veloce 800 eingehängt, weder wuchtige Gepäckbrücken noch unschöne Anbauteile sind nötig. Die Splinte, die die Koffer zusätzlich sichern sollen, braucht man eigentlich gar nicht. Doch offenbar trauten die MV-Entwickler mangels Erfahrung mit Gepäck­systemen ihrer eigenen Konstruktion nicht so recht über den Weg.

Wie schon bei der Präsentation fiel auch im Testbetrieb das Display der MV Agusta Turismo Veloce 800 negativ auf. Es zeigt viel zu viele Informationen auf einmal, die teilweise auch noch mit kryptischen Symbolen versehen sind, sodass der Fahrer oft ratlos auf die Mattscheibe starrt. Doch das sind im Grunde Kleinigkeiten.

Wirklich spannend hingegen ist für die Tester die Frage, wie die MV Agusta Turismo Veloce 800 den 50.000-Kilometer-Test übersteht – ­beziehungsweise ob überhaupt. Denn der bislang einzige Dauertest-Versuch mit einer MV Agusta endete nach nur 12.341 Kilometern. Damals, im Herbst 2005, ging der Vierzylinder-Motor der F4 1000 S in Rauch auf, bei Tempo 250 auf der Autobahn. Danach hatten beide Seiten erst mal genug vom Dauertesten. Bis jetzt. Nun kann die große TV-Show bei MOTORRAD beginnen.

Fahrleistungen MV Agusta Turismo Veloce 800

Beschleunigung

  • 0-100 km/h: 3,7 sek
  • 0-140 km/h: 6,2 sek
  • 0-200 km/h: 16,0 sek

Durchzug

  • 60-100 km/h: 3,8 sek
  • 100-140 km/h: 4,4 sek
  • 140-180 km/h: 5,5 sek

Technische Daten MV Agusta Turismo Veloce 800

Motor: Wassergekühlter Dreizylinder-Viertakt-Reihenmotor, eine Ausgleichswelle, zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Nasssumpfschmierung, Einspritzung 3 x Ø 47 mm, geregelter Kat, Lichtmaschine 450 Watt, Batterie 12 V/11 Ah, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, X-Ring-Kette, Sekundärübersetzung 41:16.

Bohrung x Hub: 79 x 54,3 m
Humbraum: 798 cm³
Verdichtungsverhältnis: 12,2:1
Nennleistung: 81 kw (110 PS) bei 10.000/min
Max. Drehmoment: 83 Nm bei 8000/min

Fahrwerk: Gitterrohrrahmen aus Stahl mit verschraubten Alu-Gussteilen, Motor mittragend, Upside-down-Gabel, Ø 43 mm, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Einarmschwinge aus Aluminium, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, schwimmend gelagerte Doppelscheibenbremse vorn, Ø 320 mm, Vierkolben-Festsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 220 mm, Zweikolben-Festsattel, Traktionskontrolle, ABS.

Alu-Gussräder: 3,50 x 17,6 x 17
Reifen: 120/70 ZR 17;190/55 ZR 17

Maße und Gewichte: Radstand 1424 mm, Lenkkopfwinkel 65 Grad, Nachlauf 108 mm, Federweg v./h. 160/165 mm, Sitzhöhe 850 mm, Trockengewicht 191 kg, zulässiges Gesamtgewicht 417 kg, Zuladung 189 kg, Tankinhalt 22 Liter.

Garantie: zwei Jahre

Farben: Rot/Silber, Silber/Grau

Preis/Nebenkosten: 14.990/275 Euro

Anzeige

6.500 km: Zwischenprotokoll

Kaum hier, gibt es für die MV Agusta Turismo Veloce 800 schon einen heißen Werkstatt-Tipp für den Routinecheck Ölkontrolle. ­Dabei ist das genaue Einhalten der MV-Vorgaben essenziell. Also warmes Motorrad aufrecht hinstellen, zehn Minuten warten – und dann erst den Ölstand per Peilstand prüfen. Wer ungeduldig ist und schon eher misst, erhält nicht das korrekte Ergebnis und schüttet schnell ein paar Extra-Deziliter Öl nach, die gar nicht nötig sind.

Und dann gab es noch einen ganz seltsamen Defekt: Mitunter startete die MV Agusta Turismo Veloce 800 von selbst beim Ziehen der Kupplung ohne Betätigen des Starterknopfs. Werkstattchef Gerry Wagner hat die rechte Schaltereinheit samt Starterknopf unter Verdacht. Denn der Start- und Killschalter erweckt nicht nur den Motor zum Leben und lässt den zündenden Funken wieder sterben, er dient bei laufendem Motor auch zur Verstellung der Fahrmodi.

Das Phänomen war zeitweise reproduzierbar, ist derzeit aber wieder verschwunden. Die Tester sind gespannt, ob dieser Elektronik-Fips irgendwann zurückkommt.

Einfacher war da der Austausch des Halters, der das Handrad der hinteren Federvorspannung am Rahmen befestigt. Das kleine Metallteil war aus unerfindlichen Gründen gebrochen, weshalb das Handrad haltlos zwischen Rahmen und Schwinge hing.

15.150 km: Dauertest-News

Die Italiener sind zurzeit in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, daher muss die MV Agusta Turismo Veloce 800 die Fahne hochhalten.

Vor Weihnachten wurde die schwäch­liche Batterie getauscht, Ursache für diverse Elektronikprobleme. Zwei Wochen verbrachte die MV Agusta Turismo Veloce 800 unlängst beim Händler, weil keine Ölfilter lieferbar waren. Schließlich wurde der Ölwechsel ohne Tausch des Filters erledigt, das muss zwangsläufig später nachgeholt werden.

31.000 km: Ärger an der Hinterhand

Auffällige Schleifgeräusche von der Hinterhand der MV Agusta Turismo Veloce 800 machten einen außerplanmäßigen Werkstatt-
Termin notwendig. Diagnose: Zwischen Kettenradträger und der Exzenterbuchse war der Abstand auf Null geschrumpft, die Teile schliffen bereits aneinander.

Grundsätzlich sietzt auf der einen Seite der Exzenterbuchse der Kettenradträger, auf der anderen das Hinterrad. Beide Bauteile werden mit Muttern fixiert und durch deren Anzugsmoment vorgespannt. Mehrere Buchsen fixieren die Lage der einzelnen Lager auf der Hinterachse.

Eine dieser Buchsen hatte an ihrer Stirnseite deutlich sichtbare Druckspuren. Ob die Buchse leicht verkantet eingebaut wurde, ein Materialfehler vorlag, oder die gesamte Konstruktion an dieser Stelle nicht ausgereift ist, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen.

Die Anzahl der ebenfalls getauschten Exzentereinheiten, die der Händler noch in der Werkstatt liegen hatte, lässt aber eher auf Letzteres schließen. Der Austausch erfolgte auch hier auf Garantie.

31.270 km: Winterbetrieb

Die MV Agusta Turismo Veloce zeigt sich bei winterlichen Temperaturen nicht sonderlich startwillig. Dazu verlangte sie jüngst morgens nach dem Einschalten nach Eingabe des PIN-Codes. Das Zündschloss war getauscht worden, ließ sich aber nicht auf das alte Dashboard samt Wegfahrsperre anlernen, weshalb auch das Instrument getauscht werden musste (MOTORRAD 22/2016).

Nach Aus- und erneutem Einschalten der Zündung gab die MV grünes Licht. Doch selbst nach zwei Tagen am Ladegerät hatte die Batterie Mühe, die Italienerin nach einigen Tagen in der Garage bei Frostgraden zum Leben zu erwecken. Immerhin gehen die wertigen Federelemente auch bei Minustemperaturen überraschend geschmeidig zu Werke.

32.297 km: diverse Kaprizen

Die touristischste aller MVs begeistert emotional veranlagte Tester. Doch ihre Wehwehchen halten immer wieder auf Trab. Im Dezember 2016 kostete die 30.000er-Inspektion mit Einstellen der Ventile, neuen Zündkerzen, einem Luft- wie Benzinfilter und hinteren Bremsbelägen stolze 1381,13 Euro. Uff. Die hintere Kennzeichenleuchte ist 62,95 Euro teuer, ihr Einbau kostet 136,50 Euro – jeweils plus Mehrwertsteuer.

Kurios startete die MV Agusta Turismo Veloce 800 ins Jahr 2017. Zwei Redakteuren ging die frisch inspizierte Maschine einmal in einer Links- und später in einer Rechtskurve aus: Sie fuhren im dritten Gang, doch beim Übergang vom Schiebebetrieb auf Zug nahm der Motor am Kurvenscheitelpunkt kein Gas mehr an. Die Kollegen schalteten rasch bis in den Leerlauf herunter, dann im Stand die Zündung aus und wieder ein. Erst nach einem Neustart des Motors ging’s weiter.

Die MV Agusta Turismo Veloce bekam daher bei Kilometerstand 32.297 auf Garantie eine rechte Schaltereinheit inklusive Leitungen und einen neuen Schräglagensensor, sicher ist sicher. Ferner wurde der Öldruckschalter ebenfalls auf Garantie getauscht.

Zudem erhielt die MV Agusta Turismo Veloce 800 erneut einen neuen Quickshifter: Zuvor war die Blipper-Funktion ausgefallen, Runterschalten ohne Kupplung war unmöglich geworden. Im Cockpit erschien die Anzeige "Fehler Clutch Switch", und die Motorkontrollleuchte flackerte. Auch die Traktionskontrolle schaltete sich automatisch aus, funktionierte aber nach Neustart des Motors wieder.

Die Lieferung aller Ersatzteile dauerte mehrere Wochen.

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote