Schau dahin, wohin du fahren willst

Blickführung vor und in Kurven

Ein Motorrad fährt dahin, wohin der Fahrer blickt. Diese Lehre haben wir alle schonmal gehört, aber wir vergessen sie viel zu oft. Deshalb hier eine gründliche Erinnerung daran, wie wichtig die Blickführung beim Motorradfahren ist.

Foto: Jahn
Richtig: Den Kopf leicht schräg zum Körper für einen geraden Horizont, den Blick weit voraus Richtung Kurvenausgang
Richtig: Den Kopf leicht schräg zum Körper für einen geraden Horizont, den Blick weit voraus Richtung Kurvenausgang

Wer kennt das nicht: Wir müssen auf der Straße wenden, der Bordstein kommt immer näher, das Vorderrad stößt an und – plumps!

Je klarer wird, dass wir nicht rumkommen, desto mehr fixiert der Blick eben jenen Bordstein. Der Wendekreis des Motorrads hätte durchaus gereicht, wir haben uns nur nicht getraut. Vor allem aber: Wir haben den Kopf nicht weit genug herumgedreht, haben das vermeintliche Hindernis angeschaut und sind so genau darauf zugefahren.

Nur wenn wir wirklich unseren Blick dorthin lenken, wo wir hin wollen, werden wir auch dort rauskommen. Das gilt immer dann, wenn bei der Bewegung auch unser Gleichgewichtssinn im Spiel ist. Beim Auto ist das reichlich egal, da drehen wir an der Lenkung und die Kiste biegt ab.

Und so probieren es auch Ungeübte mit dem Motorrad: Nach dem Kontrollblick gehen die Augen wieder schräg vor das Vorderrad, mit viel Platz und mitlaufenden Füßen kommen sie vielleicht rum. Ist das Terrain eng oder gar schräg, wird erst gar kein Versuch unternommen, dort zu wenden.

Nur wenn wir es schaffen, den Kopf und am besten auch noch den Oberkörper in die gewünschte Fahrtrichtung zu drehen und den Blick auch dort bis zum Ende zu lassen, ist unser Gleichgewichtssinn einverstanden, und die Wende kann gelingen.


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Foto: Streblow
Beim Heranfahren an die Kurve fällt der Blick gerne mal zum Fahrbahnrand vor uns. Dort liegt Dreck, eine Schranke verhindert die Einfahrt in den abgehenden Feldweg. Da wollen wir nicht hin!
Beim Heranfahren an die Kurve fällt der Blick gerne mal zum Fahrbahnrand vor uns. Dort liegt Dreck, eine Schranke verhindert die Einfahrt in den abgehenden Feldweg. Da wollen wir nicht hin!

Man kann solch ungeliebten Manövern zwar aus dem Weg zu gehen. Dumm nur, dass die Blickführung in jeder Kurve und in jedem Tempo enorm wichtig ist. Wenn wir bei 100 Stundenkilometern in einer Landstraßenkurve den Graben oder den Gegenverkehr anstarren, ist das Ergebnis nicht mehr lästig oder peinlich wie bei Schrittgeschwindigkeit, sondern hochgradig gefährlich.

Ungezählt sind die Fälle, an denen ein Motorradfahrer nicht zu schnell für die Kurve war, sondern für seine Blickführung. Hier hilft nur eisernes Training und die wirklich tröstliche Gewissheit, dass uns der richtige Blick regelrecht durch die Kurve zieht, wenn wir ihn denn mal draufhaben.

Foto: Streblow
Nun sollten wir idealerweise den Kopf drehen und in die Kurve hineinschauen, die sich spätestens jetzt als Serpentine entpuppt. Zudem sehen wir gut, dass kein Gegenverkehr kommt
Nun sollten wir idealerweise den Kopf drehen und in die Kurve hineinschauen, die sich spätestens jetzt als Serpentine entpuppt. Zudem sehen wir gut, dass kein Gegenverkehr kommt

Wenn unsichere Motorradfahrer langsamer als nötig durch Kurven fahren, fällt ihr Blick meist ziemlich dicht vor das Vorderrad. Ihr Argument: Sie müssen doch sehen, was dort vor ihnen ist, um reagieren zu können. Doch klappt das dann wirklich?

Bei 50 Stundenkilometern legen wir etwa 14 Meter in der Sekunde zurück. Diese eine Sekunde wird üblicherweise als Reaktionszeit angenommen, also als die Zeitspanne, in der wir eine Reaktion beschließen, aber noch nicht einmal damit begonnen haben. 14 Meter sind also bei Tempo 50 zurückgelegt, bevor irgendein Handlungsansatz sichtbar wird. Und dann bräuchte es ja noch Platz für den Brems- oder Ausweichweg. Unbewusst ahnen wir das, und der Bauch sagt ganz klar: mach langsam.

Erst wenn unser Blick so weit reicht, dass wir innerhalb der überblickten Strecke wenn schon nicht anhalten, so doch zumindest reagieren können, stellt sich Wohlbefinden ein. Was bedeutet, dass bei 70 Sachen auf der Landstraße knapp 20 Meter Reaktionsweg plus gut 20 Meter Bremsweg, also mindestens 40 Meter überblickt werden sollten, um sicher unterwegs zu sein. Bei 100 km/h sollten wir dann schon mehr als 70 Meter weit sehen können.

Foto: Streblow
Aber nur wenn wir, noch immer vom selben Standort aus, wirklich weit genug um die Kurve herumschauen, erkennen wir die gleich folgende Rechts-Serpentine und sehen, dass wirklich keiner kommt
Aber nur wenn wir, noch immer vom selben Standort aus, wirklich weit genug um die Kurve herumschauen, erkennen wir die gleich folgende Rechts-Serpentine und sehen, dass wirklich keiner kommt

Ungeübte sind auch oft deshalb viel schneller erschöpft als alte Hasen, weil sie ihre Augen überall haben, auf alles achten, nichts richtig wahrnehmen und dabei trotzdem nicht das für uns Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden können. Das lässt sich allerdings nur schwer bewusst trainieren, hier gilt noch mehr als sonst, dass Erfahrung vom Fahren kommt.

Trainieren lässt sich aber die Blickführung, am besten mit den Merksätzen von Bernt Spiegel wie  "In die Kurve schauen", "Blick weit voraus" oder "Hinter die Kurve schauen". Das lässt sich auch schön mental üben, indem wir uns die Situationen "vor Augen führen". Mit jedem Mal wird die Chance steigen, von Kurve zu Kurve besser zu werden und, wenn es eng wird, richtig zu reagieren.

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