Tipps zum Gebrauchtkauf

Motorräder mit über 100.000 Kilometern

MKM-Chefin Beate rückt nicht nur das K 75-Abschiedsmodell ins rechte Licht, sondern auch einen der vier Vorbesitzer – Winfried kaufte den Dreizylinder als Tageszulassung mit null Kilometern und tourte anschließend über 220.000 Kilometer quer durch Europa.
Aglasterhausen, Ducati ST2, EZ 4/2002, 121.766 km.Eigentlich ein tragischer Fall. Da baut Ducati einen famosen Tourer auf Basis des auf 944 Kubik aufgestockten legendären Zweiventil-V2 – und dann endet die (sichtbare) Kilometerkollekte bei 99.999.Erstbesitzer Wolfgang hat allerdings gut daran getan, diesen historischen Moment des „Nullens“ genauestens zu dokumentieren. Genauso wie seine Leib-und-Magen-Schrauber 15 Jahre lang alle Servicearbeiten akribisch notiert haben. Das klingt nach Deal, oder? 1.500 Euro – los geht’s.Neutraubling, BMW K 1100 LT, EZ 4/1993, 302.617 km.
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Im Pkw-Bereich sind sechsstellige Kilometerleistungen bei Gebrauchten etwas ganz Normales. Gebrauchte Motorräder mit über 100.000 Kilometern sind aber immer noch Exoten. Und Anlass für eine Gebraucht-Motorrad-Entdeckungstour.

War früher alles besser? Die Dauerhaltbarkeit von Motorrädern jedenfalls nicht unbedingt. Noch Anfang der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts galt als Faustregel, dass ein Einzylindermotor nach rund 30.000 Kilometern das erste Kolbenübermaß spendiert bekommen sollte, und ein Reihenvierzylinder mit über 50.000 Kilometern galt eigentlich auch schon als stark überholungsbedürftig. Unbeeinflusst davon, dass sich in den letzten drei Jahrzehnten die Werkstoffqualitäten, die Fertigungsmethoden und auch die Schmiermittel stark verbessert haben, hängen immer noch viele Motorradfahrer den alten Vorstellungen an. Ein Motorrad zu verkaufen, dessen Kilometerleistung im höheren fünfstelligen oder gar sechsstelligen Bereich liegt, kann sich als ziemlich zähe Angelegenheit erweisen. Dabei beweisen die MOTORRAD-Dauertests regelmäßig, dass 50.000 Kilometer bei immer mehr Motorrädern unter der Rubrik „gerade eingefahren“ abgelegt werden können.

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Honda und BMW am öftesten vertreten

Deutlich mehr Beachtung sollte dagegen dem anderen Ende der Laufleistungs-Fahnenstange gewidmet werden – Stichwort Standschäden. Überalterte Reifen, Rost im Tank, defekte ABS-Druckmodulatoren, tote Starterbatterien, korrodierte Steckverbindungen – alles Themen, mit denen Kilometerkönige eher selten zu tun haben. Wer sich in den einschlägigen Verkaufsportalen umschaut (und die Alibi-Kilometerangaben wie 999.999 oder auch 123.456 unberücksichtigt lässt), wird sehr schnell ein Marken- und Modell-Ranking bei den Ü-100 000-Kilometer-Angeboten feststellen können: erster Platz mit Abstand BMW (insbesondere K 100-Modelle), zweiter Platz und auch gut vertreten Honda (Gold Wing, ST 1100), dahinter mit gebührendem Abstand Yamaha, Suzuki, Kawasaki und Harley. Triumph und KTM? Eher nicht so.

Foto: Lohse
Ducati ST2.
Ducati ST2.

Ducati ST2 (EZ 4/2002) mit 121.766 km

Da hat man inmitten der weißblauen Miles & More-Angebotsflut schließlich „was anderes“ mit nennenswertem km-Stand gefunden – und jetzt raten Sie mal, mit welchem Motorrad der viel fahrende Verkäufer zum Besichtigungstermin anreist? Natürlich mit einer BMW! Fast schon entschuldigend kommt von Wolfgang (64): „Na ja, Ducati hatte leider nix Passendes mehr für mich im Programm.“ Dabei wäre er den Roten durchaus treu geblieben. Schließlich hat ihn die Ducati ST2 vom ersten Kilometer an nie im Stich gelassen: „Was auch viel damit zu tun hat, dass meine Duc in der hervorragenden Werkstatt von Martin und Uli Messer betreut wurde.“ Nun steht sie in Wolfgangs Auftrag wieder bei ihnen im Showroom in Aglasterhausen zwischen Heilbronn und Heidelberg, am Rande des Odenwalds – fast genauso wie vor 15 Jahren.

Okay, der schwarze Kunststoff ist hier und da etwas verblichen, aber die Distanz einer dreifachen Weltumrundung hat die Diva di Bologna erstaunlich gut weggesteckt. „War ja auch nix Dramatisches“, erinnert sich Wolfgang. Nur ie Tankuhr wollte anfangs nicht – die ging genau verkehrt rum. Je weiter Wolfgang fuhr, desto mehr Sprit befand sich laut Anzeige plötzlich im Tank. Das Instrument wurde auf Garantie getauscht, fertig. Ab dann folgten die üblichen Wartungsarbeiten. Wolfgang ist bekennender Späteinsteiger („Mit 48 hat mich meine Motorrad fahrende Tochter zum Führerschein gebracht“), fährt seitdem aber wie besessen. Vor allem der Alpenraum hat es dem pensionierten Unternehmensberater angetan: „Aber nicht alleine – meine Frau, die dem Motorradbazillus anfangs skeptisch gegenüberstand, hat sich auf der Ducati ST2 pudelwohl gefühlt.“ Weshalb stets zu zweit aufgesattelt und Gas gegeben wurde. Und was jetzt mit der R 1200 R weitergeht – so wie Wolfgang motiviert ist, wird’s wieder sechsstellig.

Foto: Lohse
BMW K 1100 LT.
BMW K 1100 LT.

BMW K 1100 LT (EZ 4/1993) mit 302.617 km

In diesem Kilometer-Universum ist die BMW K 1100 LT, die beim Automobilkaufmann Michael Scheidacker (53) in Neutraubling bei Regensburg steht, schon lange unterwegs. „Eigentlich mache ich ja nur in Autos. Junge Gebrauchte, Leasingrückläufer – aber dazwischen gibt es immer wieder diese Sozialfälle, die man nicht stehen lassen darf.“ Sozialfall heißt, das Motorrad hat eine Story und ist einfach zu schade zum Verramschen.

Und die Story des 1993er-Luxustourers ist mit originalen 302.817 Kilometern (!) in einer Hand (!!) eine verdammt lange: „Richard hat sich die BMW K 1100 LT damals kurz vor der Rente gegönnt und ist dann über die Kontinente gecruist – selbst nach Asien ging’s runter!“ Die letzte Tour führte den Regensburger Globetrotter schließlich auf den Hof von Michael: „Hobbyaufgabe mit 79, die Knochen wollten nicht mehr. Aber den Zündschlüssel, den musste er mir persönlich in die Hand drücken.“

Kommentar von MOTORRAD-Redakteur J. Lohse

Erstaunlich, wie fit Motorräder wirken, wenn sie von Anfang an in einer Hand bewegt wurden. Da sehen Gebrauchte, die nur ein Bruchteil der Laufleistung absolviert, aber schon etliche Besitzer in der Historie haben, deutlich zernudelter aus. Bleibt zu hoffen, dass Ducati ST2 und BMW K 1100 LT bald wieder „on the road“ sind. Never stop a running system …

Foto: Dentges
Kawasaki Z 1000.
Kawasaki Z 1000.

Kawasaki Z 1000 (EZ 3/2004) mit 144.703 km

Eigentlich will ich die gar nicht verkaufen“, behauptet Anbieter Hannes Friedrich. Abgegriffener Verkäuferspruch, unglaubwürdig aus dem Mund eines professionellen Motorradhändlers. Zudem ist die Kawasaki Z 1000 mit aufgerufenen 2.190 Euro deutschlandweit die günstigste Gebrauchtofferte, üblicherweise findet man Exemplare der ab 2004 angebotenen Maschine selten unter 3.000 Euro. Allerdings gibt es zurzeit auch kaum eine Retro-Z mit mehr Kilometern auf dem Tacho. Händler Friedrich stolperte im Mai über sie, wunderte sich über die ungewöhnliche Laufleistung, konnte die Maschine billig herausleiern, nun steht sie im Kraichtaler Laden. Die Historie der Kawa ist schnell erzählt. Der Erstbesitzer, Jahrgang 1969, fuhr mit Saisonkennzeichen zwar jeweils nur von März bis November, dafür aber offenbar bei allen Wetterbedingungen. „Der war ein Daily Driver, sah in der Kawa ein Nutzfahrzeug.

Wie das Teil aussieht, war dem wohl komplett egal, aber technisch hat er sie auf Zack gehalten und alle nötigen Wartungsarbeiten erledigt“, berichtet Friedrich. Alle Papiere, TÜV- und Werkstattberichte liegen vor, prima. Das Aussehen jedoch: Katastrophe. Von Salz zerfressene Felgen und angegriffene Krümmer, zerkratzte Metall- und Lackoberflächen, zu müdem Orange verblichene Kunststoffteile, unterm Tankring blüht Rost. Der Händler grinst, als er den Motor startet – läuft rund und seidenweich. „Wenn Interessenten bei einer hier im Laden angebotenen GSX, R1 oder CBR lamentieren, dass 30.000 Kilometer ja ganz schön viel seien, führe ich sie zur Kawasaki Z 1000, zeige den Tachostand und lasse den Motor laufen. Sehen die Kunden dann, was ein sportlicher Japan-Vierer alles wegstecken kann, hören sie meistens auf, weiter zu feilschen“, schmunzelt Friedrich. Aha, angesichts dieser verkaufspsychologischen Nebenwirkung erscheint es nun doch glaubwürdig, dass der Kilometerkönig tatsächlich noch lange im Laden verweilen wird.

Foto: Dentges
Yamaha XJ 900 F.
Yamaha XJ 900 F.

Yamaha XJ 900 F (EZ 5/1987) mit 181.032 km

Mit nervigen Preisverhandlungen ist der private Anbieter Heinz Knöspel aus dem pfälzischen Oberotterbach überfordert. Er bietet seine 180.000-Kilometer-XJ 900 daher für überschaubare 650 Euro an. Inklusive neuwertiger Ersatzsitzbank, Original-Auspuff und weiteren Teilen. Die Yamaha XJ 900 F hat er sich zu einem Firmenjubiläum 1987 als Neumaschine gegönnt. Benutzte sie auch als Pendlerfahrzeug und „einfach nur so zum Rumfatzen“, lächelt der 74-Jährige, der aufgrund von Hüftleiden nur noch auf seine niedrigere Zweitmaschine aufsteigen kann.

Die Ymaha XJ 900 F wurde liebevoll gepflegt, stand trocken und von Profis gewartet, für Alter und Kilometer ein wirklich gutes Angebot. Freche Ankauf-Zecken boten ihm dennoch nur 150 Euro. „Nee, dann behalt ich sie lieber noch weitere 30 Jahre“, sagt Knöspel und streicht über den Tank.

Kommentar von MOTORRAD-Redakteur T. Dentges

Auch wenn sie ganze 17 Jahre und 35.000 Kilometer mehr auf dem Buckel hat, würde ich lieber ein paar Arbeitsstunden und Euro in die spottgünstige Yamaha XJ 900 F investieren. Im Gegensatz zur adretten alten Dame könnte sich die schmuddelige Kawasakai Z 1000 trotz Händler-Gewährleistung zukünftig noch als Baustelle erweisen.

Foto: Herder
BMW K 75 Ultima.
BMW K 75 Ultima.

BMW K 75 Ultima (EZ 9/1997) mit 267.347 km

Es passiert nicht alle Tage, dass dem Gebrauchtberatungs-Redakteur beim Händlerbesuch neben dem Motorrad auch noch einer der Vorbesitzer präsentiert wird. Aber da es bei MKM in Castrop-Rauxel (www.mkm-bikes.de) ohnehin sehr familiär zugeht und viele Kunden überzeugte Mehrfachtäter sind, war es für Chefin Beate Knasiak kein Problem, auch den wichtigsten der vier Vorbesitzer der kobaltblauen BMW K 75 Ultima zum Fototermin zu locken. Der Ex-Polizist und pensionierte Grundschullehrer Winfried (71) erbarmte sich 1997, den als Tageszulassung fast schon zwei Jahre auf Käufer wartenden Dreizylinder von seinem Showroom-Dasein zu erlösen.

Winfried war erst als 37-Jähriger dem Zweiradbazillus verfallen und hatte als erstes Motorrad eine BMW K 100 über weitgehend problemlose 410.000 Kilometer gescheucht – und es damit sogar in MOTORRAD 12/1998 geschafft. Die von BMW als komplett ausgestattetes Last-Edition-Auslaufmodell vermarktete BMW K 75 Ultima war Winfrieds zweite Maschine, und er tauschte sie nach über 220.000 Kilometern bei Beate gegen eine K 100 RS, der bis heute zwei K 1200 RS folgten. „Ich mag einfach den alten, unkaputtbaren Reihenmotor. Der neue ist mir zu sportlich“, so Ganzjahres-Genussfahrer Winfried. Die Ultima fand zwischenzeitlich zwei neue Besitzer, landete aber immer wieder in der mit rund 80 Gebrauchten – Schwerpunkt BMW – sehr gut sortierten Motorradausstellung von MKM. Die HU gibt’s neu, die Wasserpumpe ist gemacht, und auf Wunsch wird wieder entdrosselt. Tipp für Besichtiger: Zeit mitbringen und sich zuvor im direkt benachbarten „Walla’s Imbiss“ (Mo–Fr ab 7 Uhr) lecker und günstig stärken.

Foto: Herder
Piaggio Beverly 250.
Piaggio Beverly 250.

Piaggio Beverly 250 (EZ 6/2005) mit 126.402 km

Von Castrop-Rauxel geht es ins knapp 100 Kilometer südwestlich gelegene Dormagen am Rhein. Dort wartet Deutsch- und Sportlehrer Lutz (39) auf einen Käufer für seinen 22 PS starken Piaggio Beverly 250. Interessenten für den Großradroller gab’s anfangs reichlich, und alle machten ihn auf den vermeintlichen Tippfehler bei der Kilometerangabe aufmerksam. Mittlerweile weist Lutz ausdrücklich darauf hin, dass es sich durchaus um eine sechsstellige Laufleistung handelt. Womit das Interesse spürbar nachließ.

Was womöglich ein Fehler ist; denn der üppige Stauraum bietende Beverly steht trotz der für Rollerverhältnisse astronomischen Laufleistung noch richtig gut da. Ein paar Kratzer am rechten Koffer („Wegen erhöhtem Rasenkantenstein beim Parken umgekippt“), mehr gibt’s nicht zu mäkeln. Wartungsstau? Fehlanzeige. Lutz tourte damit jeden Tag 30 Kilometer zur Uni nach Köln und zurück und achtete sehr genau auf permanente Einsatzbereitschaft. Ursprünglich diente der Piaggio Beverly 250 als Autoersatz. Mittlerweile hat Lutz einen Pkw, und der Ersthandroller muss weg.

Kommentar von MOTORRAD-Redakteur K. Herder

Ich bin fest davon überzeugt, dass Motorräder (okay, Roller vielleicht auch …) eine Seele haben. Sie sind wie Haustiere und spüren ganz genau, ob man es gut mit ihnen meint. Und wenn dem so ist, geben sie ganz viel zurück. Zum Beispiel Zuverlässigkeit. Ob bei Genusstouren oder auf dem täglichen Weg zur Arbeit/Uni ist dann völlig egal.

Interview mit Helge Schröder (Serviceleiter)

Helge Schröder (42), Serviceleiter beim alteingesessenen Hamburger BMW-Vertragshändler Stüdemann, über Baureihen-Unterschiede, Boxer-Favoriten sowie gefühlvolles Warm- und Kaltfahren.

MOTORRAD: Welche BMW-Modelle sind nach deiner Erfahrung die absoluten Kilometerfresser?

Helge Schröder: Ganz klar diejenigen mit dem alten K-Drei- oder Vierzylinder, also die „Lego-Motoren“, wie ich sie liebevoll nenne. Die Dinger laufen einfach ewig.

MOTORRAD: Und woran liegt das?

Helge Schröder: Vermutlich daran, dass viele Teile im besten Sinne „überdimensioniert“ sind. Das lässt sich immer dann ganz gut erkennen, wenn wir einen Motor zum Beispiel beim Kupplungswechsel auseinandernehmen und das Getriebe nach über 100.000 Kilometern noch fast wie neu aussieht.

MOTORRAD: Welche Unterschiede gibt’s zu den neueren Motorengenerationen?

Helge Schröder: Die halten bei guter Behandlung auch recht lange, aber die Laufleistungen der ersten K-Motoren werden die womöglich nicht ganz erreichen. Was auch nicht verwunderlich ist, denn das Gewichtsthema – und damit die Teile-Dimensionierung – spielt eine immer größere Rolle, und auch die immer weiter gestiegenen Literleistungen sind ein Thema.

MOTORRAD: Kommen wir zum Boxer – welche Motoren haben am meisten Kilometer-Potenzial?

Helge Schröder: Die 1150er-Motoren und der letzte öl-/luftgekühlte 1200er sind meine absoluten Favoriten.

MOTORRAD: Dein ultimativer Damit-hält-sie-länger-Tipp?

Helge Schröder: Gefühlvolles Warm- und auch Kaltfahren sind extrem wichtig. Darauf wird leider immer weniger geachtet. Gefühlvoll heißt natürlich nicht hochtourig, aber auch nicht untertourig. Und wenn nach der Autobahnhatz oder langem Stadtverkehr der Lüfter anspringt, nicht sofort ausmachen, sondern bis zum Abschalten des Lüfters warten.

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