Indian Chief Vintage im 50.000 km-Dauertest

Der große Indianer hat durchgehalten

Die Chief fährt sich agiler, als es aussieht. Dennoch – Weit- und Umsicht helfen immer.
Alle Gäule gesattelt? Tester Schwers lässt den Vintage Chief bei der Eingangsmessung auf dem Prüfstand galoppieren.Pfffft: Die anfängliche Druckverlustprüfung dient als Referenzwert für die Abschlussmessung nach 50 000 Kilometern.Keine Fisimatenten: Wie immer wird der Motor verplombt, um Manipulation bei den Inspektionen auszuschließen.
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Erst wenn die letzte Schraube herausgedreht, das größte Lager ausgebaut und die kleinste Riefe besichtigt ist, werdet ihr feststellen, dass man die Indian nicht mehr fahren kann.

Es war nicht nur das Ergebnis eines MOTORRAD-Dauertests, damals im Jahr 2008. Nach 50.000 Kilometern hatte die Harley-Davidson Road King alle abgehängt. Zumindest in Sachen Haltbarkeit. Null Pannen, kaum Verschleiß, kein Ärger. Platz eins in der Dauertest-Bestenliste. Eine Sensation. Und eine historische Bürde – auch wenn sie mittlerweile auf Rang vier abgerutscht ist. Denn seitdem reicht es für amerikanisches und sonstiges Heavy Metal nicht mehr, mit der Endlosschleife vom „Lonesome Cowboy“, weiter Prärie und Sonnenuntergang jedwede technische Kompetenz wegzudimmen. Seitdem heißt es auch für die Dicken: Butter bei die Fische.

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Startschwierigkeiten bei Kälte

Als ob es die Indian nicht ohnehin schon schwer genug hätte. Seit Konzernmutter Polaris am 9. Januar 2017 das Aus für die Schwestermarke Victory verkündete, müssen es die Rothäute ganz allein richten. Zu dieser Zeit hatte die Chief Vintage bereits 40.000 Kilometer heruntergeschrubbt. Und was war bis dahin geschehen? Was die Technik anbetrifft, nichts Spektakuläres. Oder sagen wir, nichts, womit man sich nicht hätte arrangieren können. Dass gleich zu Beginn der Chrom vom Seitenständer platzte – geschenkt. Ausgetauscht auf Garantie, fertig. Für erhöhten Ruhepuls sorgten allerdings die ersten kalten Nächte. Nur mühsam schaffte es der Anlasser, am frühen Morgen die 101 Millimeter dicken Kolben durch die Zylinder zu ziehen. Das sollte sich bis Testende nicht ändern. Allein steht die US-Wuchtbrumme damit nicht da. Die Kombination aus fettem Hubraum und der stromgierigen modernen Elektronik zwangen bei MOTORRAD während frostiger Zeiten bereits die Batterien der KTM 1290 Super Duke R oder aktuell der Yamaha R1 in die Knie. Zur Ehrenrettung der Chief: Letztlich sprang der wuchtige V2 immer an.

Foto: Rossen Gargolov
Die Indian war immer ein Hingucker.
Die Indian war immer ein Hingucker.

Indian Chief ist eine auffällige Erscheinung

Apropos Elektrik. Auch der zickige Blinkerschalter begleitete den Dauertest von Anfang bis Ende. Mal funktionierte er, mal nicht, wurde sowohl in Eigenregie als auch von der Werkstatt gereinigt und rebellierte dann doch immer wieder. Wahrscheinlich hätte man das Teil gleich während des ersten Streiks bei 7.000 Kilometern einfach auswechseln sollen.

Aufmerksamkeit verlangte auch das Büffelleder von Sitzbank und Packtaschen. Regen oder Sonne bleichten die Tierhäute in Rekordzeit aus. Für die beiden Lederaufbereitungen in der Werkstatt schlug allein die Arbeitszeit mit 490 Euro zu Buche. Weil das mit dem„Tan Leather Restore-Kit“ (51 Euro) auch in Heimarbeit erledigt werden kann und als Schönheitsreparatur gilt, wurde es in der Gesamtkosten-Bilanz nicht berücksichtigt.

Überhaupt das Thema Schönheit. Selten zuvor wurde das fahrende Personal mit der Indian so häufig – und so positiv – auf ein Motorrad angesprochen. In Sachen zwischenmenschlichem Erstkontakt sticht die opulente Amerikanerin jeden West Highland Terrier-Welpen locker aus. Auch wenn sie sich fahrerisch eher wie ein wohlgenährter Bernhardiner benimmt. Mit acht Zentnern will der Häuptling mit Um- und Weitsicht bewegt werden. Wer das tut, wundert sich, wie einfach sich das Schlachtschiff bändigen lässt. Vorausgesetzt, die wohl ewig haltenden, aber bei Nässe katastrophalen Dunlop American Elite-Reifen wurden getauscht. Die Pirelli Night Dragon GT (Lebensdauer: 11.000 km) oder Metzeler ME 888 Marathon Ultra (22.000 km) haften besser und machten die Indian handlicher – allerdings auch etwas instabiler beim Geradeauslauf.

Wartung ist nicht billig

Wirkliche Sorgen um die dralle Indianerin keimten eher im Stadtverkehr oder schlicht und einfach bei sommerlichen Temperaturen auf. In diesen Situationen warnte die Motorkontrollleuchte immer wieder vor einem Hitzekollaps. Dass sich die Sensorik nicht täuschte, offenbarte sich nach der Demontage. Doch davon später. Denn zuvor ließ sich die Chief nur zu den vorgesehenen, wenn auch mit 8.000er-Intervallen häufigen Inspektionen in der Werkstatt blicken. Die Kosten im Schnelldurchlauf: 1.000 km 360 Euro, 4.000 km 290 Euro, 8.000 km 480 Euro, 16.000 km 535 Euro, 24.000 km 553 Euro, 32.000 km 495 Euro, 40.000 km 714 Euro, 48.000 km 927 Euro. Schnäppchen-Tarife sind dies nicht. Zumal die Ausgaben für die Lederaufbereitung wie erwähnt ausgeklammert wurden. Allerdings: Die Kosten für Öl, Luft- und Ölfilter und Zündkerzen sind genauso enthalten wie die des vorgeschriebenen Wechsels des Zahnriemens (320 Euro) bei der 40.000er-Durchsicht sowie des Austauschs von Gabelöl und Bremsflüssigkeit beim 48.000er-Service.

Der unterm Strich qualitativ also sehr problemarme Auftritt wurde kurz vor Testende (bei 45.600 km) nur noch durch die verschlissenen vorderen Radlager etwas eingetrübt. Die Reparatur wurde auf Garantie erledigt.

Foto: Jacek Bilski
Die Auslassventile haben unter den Betriebstemperaturen gelitten.
Die Auslassventile haben unter den Betriebstemperaturen gelitten.

Hitze schadet dem hinteren Zylinder

Zurück zum Thema Hitzeempfindlichkeit. Dass die Hilferufe des V2 in der Tat berechtigt waren, zeigte sich nach der Demontage. Die Auslassventile – vor allem das des im warmen Luftstrom des Vordermanns liegenden hinteren Zylinders – sind undicht, ihre Ventilsitze verbreitert. Dort betrug der Druckverlust statt anfänglich vier zum Testende 56 Prozent! Auch wenn die Ventilführungen sowie Nockenwellen und Kipphebel noch in Ordnung sind, ist eine Überholung der Köpfe vor dem Zusammenbau unvermeidlich. Die Undichtigkeiten sind zwar eindeutig an den Drehmomentkurven im Bereich unterhalb von 4.000/min zu erkennen. In der Praxis verliert die Indian dadurch aber ausschließlich beim Durchzug von 60 auf 100 km/h. Auch ein Ölverbrauch ließ sich gegen Ende des Tests nicht feststellen. Eine geänderte Kühlluftführung soll ab dem Modelljahr 2015 diesem Problem Herr werden.

Und sonst? Genügt ein Blick auf das Verschleiß-Diagramm. Alles im grünen Bereich. Auch beim Fahrwerk herrscht eitel Sonnenschein. Rahmen, Lackierung und Chromteile haben drei Winter gut überstanden. Getriebe, Schaltgabeln und Kupplung lassen sich genauso wiederverwenden wie Zylinder und Kolben. Deshalb die europäische Entwicklungsgeschichte des 1.811-cm³-Blocks heranzuziehen, wäre sicherlich vermessen. Selbst wenn die Kurbelwelle von Hoeckle, die Kolben von Mahle und die Elektrik von Bosch stammen sowie die gesamte Konstruktion bei der Schweizer Polaris-Tochter Swissauto entstand. Denn nicht erst Indian hat bewiesen: Auch Dicke halten durch.

Foto: 1000PS Marktplatz-App
Die Indian Chief Vintage ist in der Gebrauchtbörse mehrfach vertreten.
Die Indian Chief Vintage ist in der Gebrauchtbörse mehrfach vertreten.

Preisvergleich und Indian Chief Vintage Angebote

Als Besitzer einer Indian Chief Vintage befindet man sich in einem sehr exklusiven Club, denn diesen Cruiser wird man auf der Straße nur selten antreffen. Die Preise sind hoch und das Gebrauchtangebot. Für alle die demnächst eine Indian Chief Vintage besitzen wollen, gibt es hier einen Preisüberblick über aktuelle Gebrauchte: gebrauchte Indian Chief Vintage in Deutschland.

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