Test Over-Yamaha XJR 1400

Overkill

Sie sprengt dein Bankkonto, strotzt vor Kraft, stürmt durch die Gegend wie angebrannt, und sie macht dir ein für allemal klar: Du bist ein Wurm.

Ein Blick auf den Lichtmaschinendeckel - und man hat die Over-Yamaha im wesentlichen begriffen: »I´ve got the power«, steht da. Kurz, trocken, treffend. Denn hinter den Kühlrippen der aufgemotzten XJR 1200 SP lauern nicht weniger als 150 PS. Echte - wohlgemerkt.

Wie die da hingekommen sind? Nun - Theo war wieder mal allein zu Haus. Theo Laaks, genau der: Over-Importeur, Yamaha-Händler und Motoren-Spezialist in Personalunion. Er hat sich des 1200er Vierzylinders angenommen, verpaßte ihm 1380 Kubik, tauschte die 36er Mikuni-Gleichdruckvergaser gegen 40er Flachschieber aus, montierte diverse Over-Parts (verstärkte Kupplung, riesiger Ölkühler, Racing-Zündung, Auspuffanlage), und heraus kam dieses Höllenteil.

Du legst den Gasgriff um, und von da an ist Deutschland nur noch zu klein. Mit infernalischem Schub katapultiert dich der Reihenvierer in die Umlaufbahn. Beschleunigung, Durchzug, Pulsfrequenz - alles erhält eine neue Dimension. Boooab: Keine drei Sekunden, schon rauscht die Tachonaldel an der 100er Marke vorbei. Rrratsch - reißt es den Asphalt unter dir weg, und die Welt zieht dich mit ungeheurer Macht in ihren Schlund.

Bei 8300 Umdrehungen drückt die geballte Kraft der 150 PS auf die Kurbelwelle, doch lebensbejahenden Geschöpfen haut´s vorher die Hauptsicherung raus. »Einer unserer Leute brach nach der ersten Testfahrt mit einem Kreislaufkollaps zusammen«, erzählt Laaks. Absolut vorstellbar.

Allein das Anfahren erfordert ein gewisses Maß an Nervenstärke. Weder Gas noch Kupplung lassen sich exakt dosieren, und wenn dann - klack - die Leistung einsetzt, gibt´s schon fast kein Morgen mehr. Also: im Zweiten anfahren. Das hilft. Ab 3000/min sprechen die Vergaser sauber an. Von da an kann der Hahn in einem Ruck aufgerissen werden, und die Pferdestärken rauschen im Zeitraffer durch. Flachschieber eben.
Nebenbei allerdings vertilgt der ganze Spaß ein halbes Vermögen. Nicht nur in Form von vielen, vielen Litern Sprit. Allein bis die XJR soweit ist: Für die Hubraumerweiterung beispielsweise werden 3250 Mark fällig, der Vergaser schlägt mit 2398 Mark zu Buche, die Zündanlage liegt bei 789 Mark, der Ölkühler kostet 2490 Mark ...
Wer die Over wie abgebildet haben möchte, mit höhenverstellbarer Schwinge, Brembo-Bremse, wichtiger Fußrastenanlage, bildschönen Lenkerhalteböcken, Furz und Feuerstein, bewegt sich auf schwindelerregende 40000 Mark zu. Sind dann noch ein paar Mark fuffzig übrig, sollten die unbedingt in die Gabel investiert werden. An der Stelle nämlich hat Theo Laaks gespart. Seltsamerweise. Denn seit jeher liegt hier der Hund begraben: Die XJR-Gabel ist von Haus aus zu schwach, und die Over macht das Teil schlichtweg fertig. Übrigens: Den Lichtmaschinendeckel gibt´s für schlappe 258 Steine.

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