Valentino Rossi und Yamaha

Der Doctor verlängert um zwei Jahre

Valentino Rossi ist trotz seiner 39 Jahre in seiner 23. WM-Saison noch immer einer der Top-Favoriten. Jetzt hat der Doctor bei Yamaha eine neuen Zweijahresvertrag unterschrieben.

Kurz vor Saisonstart ist klar - Yamaha und Valentino Rossi werden weitere zwei Jahre zusammenarbeiten. Das hat der japanische Motorradhersteller am Donnerstag (15.3.2018) bestätigt. Der neue Vertrag sichert den japanern die Dienste des Italieners für die Saisons 2019 und 2020.

Doch der Superstar hat schon an die Saison 2018 große Erwartungen. Wer ihn beobachtet und ihm aufmerksam zuhört, beginnt zu ahnen, warum er in dieser Meute von jungen, gierigen Fahrern bestehen kann.

Er ist einfach einmalig. Bei jedem einzelnen Grand Prix im Kalender trägt mehr als die Hälfte der Fans seine Farben – selbst in Spanien, wo er der unerbittliche Rivale ihrer Nationalhelden ist. Rossi ist in seiner 23. WM-Saison angekommen. So viele Jahre ist noch niemand zuvor gefahren, und ein Ende ist noch nicht abzusehen. Dazu kämpft er noch immer unersättlich um Grand Prix-Siege, selbst der Traum von seinem zehnten WM-Titel ist längst nicht begraben. Dass er nebenbei noch durch den Vertrieb von Fan-Artikeln und als Besitzer mehrerer Gastronomiebetriebe der größte Arbeitgeber seines Heimatorts ist, macht ihm erst recht keiner seiner Kollegen nach. Nebenbei findet er noch die Zeit, junge Talente aufzubauen.

Immer noch topfit und bereit für den Titelkampf

Dass im letzten Jahr bei Yamaha so viel schief lief wie schon seit zehn Jahren nicht mehr und er nur WM-Fünfter wurde, hat Rossi seine Motivation nicht genommen. Als wenige Tage vor seinem 39. Geburtstag Yamaha das diesjährige MotoGP-Werksteam vorstellte, kam Rossi fit und vor Kraft strotzend aus der Winterpause zurück. Bei dem schlaksigen Körperbau des Italieners ist ihm seine Fitness nicht ohne Weiteres anzusehen, doch wer beobachtet, wenn er mit seinen Händen gestikuliert und sich die Muskeln seiner Unterarme spannen, weiß genau: Dieser Mann ist topfit und nach wie vor bereit für den Titelkampf.

Foto: 2snap
Nicht zu bremsen: nach seinem Beinbruch kehrte Rossi im Rekordtempo auf die Strecke zurück.
Nicht zu bremsen: nach seinem Beinbruch kehrte Rossi im Rekordtempo auf die Strecke zurück.

Als er die Yamaha M1 nach zwei Monaten erstmals wieder sieht, ist es sofort da, dieses Funkeln in seinen Augen. Dazu fällt eine Lockerheit auf, die man bei ihm schon lange nicht mehr gesehen hat. Und jedermann im Fahrerlager weiß: Dieser Gegner ist locker am gefährlichsten. Entsprechend legt Rossi wenige Tage später beim ersten Test der neuen Saison los. Mit Erfolg: Platz sechs am ersten, Platz zwei am zweiten und Platz acht am dritten Trainingstag, dazu sehr geringe Zeitabstände – Valentino Rossi ist gerüstet für seine 23. GP-Saison.

Das Interview mit dem Doktor

MOTORRAD: Valentino, wie kannst du dich nach 22 Jahren und einer schweren letzten Saison noch immer motivieren?

Valentino Rossi: Nach einer so langen Karriere weiß man, was passieren wird. Man weiß, was man während der Saison tun muss, um konkurrenzfähig zu sein. Man kennt den Aufwand, den man auf sich nehmen muss. Der Punkt ist, dass man sich entscheiden muss, ob man noch da ist, ob man genug Motivation hat, um 100 Prozent zu geben, jeden Tag zu trainieren und seine Konzentration aufrechtzuerhalten. Oder will man lieber daheimbleiben und sich die Rennen vom Sofa aus im Fernsehen ansehen und mit den jungen Fahrern arbeiten? Diese Entscheidung muss ich jedes Mal fällen, wenn es darum geht, ob ich weitermache oder nicht.

MOTORRAD: Und wie schafft du es, körperlich noch immer für die MotoGP-Weltmeisterschaft bereit zu sein?

Valentino Rossi: Klar, ich bin nicht mehr der Jüngste, und man würde meinen, dass es jedes Jahr schwerer wird. Aber in Wirklichkeit fühle ich mich in den letzten sechs, sieben Jahren ziemlich gleich. Anders als mit 20 oder mit 25, denn damals konnte ich mich vor allem viel schneller erholen. Heute brauche ich eine längere Erholungsphase, aber danach fühle ich mich körperlich wieder in ziemlich der gleichen Verfassung. In den letzten Jahren war mein Fitnessstand so ziemlich der gleiche. Ich muss hart arbeiten, aber ich denke, das ist noch nicht einmal das Wichtigste in unserem Sport. Sicherlich muss man fit sein, aber das ist noch lange nicht alles.

MOTORRAD: Du bist diesen Winter wieder die Monza Rally Show und Dirt-Track-Rennen gefahren.

Valentino Rossi: Für mich ist es sehr wichtig, im Winter so viel wie möglich zu trainieren. Das gilt auch für das Gym, aber wichtiger ist für mich noch, möglichst viel Motorrad zu fahren, auch Rennen. Wir haben ja unsere Flat-Track-Strecke, wo wir eine Menge Spaß haben. Man muss dieses Training auch während der Saison weiterführen, aber aus Sicherheitsgründen werde ich da etwas kürzertreten. Ich hatte mich ja letztes Jahr gerade beim Training verletzt. Deshalb werde ich schon so viel wie möglich trainieren, aber mit einem gewissen Sicherheitspolster.

MOTORRAD: Wie hast du es letztes Jahr geschafft, dich so schnell von deinem doppelten Unterschenkelbruch zu erholen?

Valentino Rossi: Diese Verletzung kam letzten September in einem sehr schlechten Moment. Ich war gerade in guter Form, und ich konnte das Misano-Rennen kaum erwarten. Es ist das wichtigste des Jahres für mich, weil es mein Heim-Grand-Prix ist. Bei dem Test eine Woche zuvor waren wir sehr stark, es war eine Schande. Aber ich habe diesmal nicht zu starke Schmerzen gehabt. 2010, als ich die gleiche Verletzung hatte, war es viel schlimmer, ich habe schwer gelitten. Diesmal war es deutlich weniger. In unserem Job ist es wichtig, dass wir nach einer Verletzung versuchen, so früh wie möglich zurückzukehren. Und ich hatte diesmal eine wirklich gute Heilung.

Foto: 2snap
Kann Rossi in der Saison 2018 noch einmal um den Titel mitfahren?
Kann Rossi in der Saison 2018 noch einmal um den Titel mitfahren?

MOTORRAD: Wie geht es deinem Bein heute?

Valentino Rossi: Es geht ihm sehr gut. Ich konnte diesen Winter auch wieder Snowboard fahren. Der Unterschenkel ist aber noch nicht hundertprozentig. Ich spüre immer noch Schmerzen, und ich musste auch mein Training etwas modifizieren, denn ich kann nicht lange laufen. Ich habe in den letzten zwei Wochen wieder angefangen zu joggen, aber nach zwei Minuten muss ich langsamer machen, weil ich dann Schmerzen bekomme. Normalerweise braucht man sechs Monate, bis die Stärke des Schienbeins wieder voll da ist, so habe ich noch weitere anderthalb Monate, bis ich wieder richtig joggen kann. Auf dem Motorrad bin ich aber völlig fit.

MOTORRAD: Wann lässt du dir den Metallstift wieder aus dem Bein entfernen?

Valentino Rossi: Das wird Ende dieser Saison sein. Der muss mindestens ein Jahr drinbleiben. Es war im September, also werde ich diese Saison mit dem Stift fahren und die OP danach vornehmen lassen. Es ist aber kein Problem, denn ich spüre ihn nicht. Ich weiß nur, dass er da ist.

MOTORRAD: Maverick Viñales hat bereits seinen Vertrag unterschrieben, wann wirst du über deine Zukunft entscheiden?

Valentino Rossi: Yamaha-Teamchef Lin Jarvis hat mit mir gesprochen, als Maverick seinen Vertrag unterschrieben hat. In der Vergangenheit habe ich manchmal früher, manchmal später im Jahr unterschrieben. Es hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Ich habe Jarvis gesagt, dass ich noch etwas abwarten will, speziell die Tests, und dann vielleicht die ersten drei Rennen der Saison. Aber wir sind ziemlich weit, und ich denke, wir müssen nicht viel über den Vertrag diskutieren. Wir sind optimistisch, aber wir haben es nicht eilig. Ich denke, nach den ersten Rennen werden wir etwas sagen können.

MOTORRAD: Wird es dann ein Einjahres- oder ein Zweijahresvertrag?

Valentino Rossi: Normalerweise sprechen wir immer über zwei Jahre. Aber es könnte auch für ein Jahr sein. Yamaha ist offen, deshalb werden wir nachdenken und über die Möglichkeiten sprechen. Es könnten ein oder zwei Jahre werden.

Foto: Yamaha
Die ersten Tests in Sepang waren vielversprechend. Allerdings gab es beim zweiten Test in Thailand einige Rückschläge zu verkraften.
Die ersten Tests in Sepang waren vielversprechend. Allerdings gab es beim zweiten Test in Thailand einige Rückschläge zu verkraften.

MOTORRAD: Du hast letztes Jahr nach Valencia noch einmal in Sepang getestet.

Valentino Rossi: Dieser Test war sehr wichtig, denn dort hatten wir Zeit, das 2017er-Fahrwerk mit dem 2016er zu vergleichen, das Johann Zarco gefahren ist. Wir haben auch die zwei Rahmen, die wir während der Saison benutzt haben, wieder in den Vergleich reingenommen. Ich bin froh darüber, dass Maverick Viñales und ich die gleichen Ideen haben, und ich denke, wir haben Yamaha gute Informationen für die Entwicklung gegeben. Wir kommen aus einer Saison, die alles andere als optimal gelaufen ist. Deswegen müssen wir uns vor dem ersten Rennen sehr stark auf das Motorrad konzentrieren. Es sind viele kleine Details, die Elektronik, auf die wir achten müssen, damit wir schneller werden und die Reifen nicht so stark beanspruchen.

MOTORRAD: Mit welcher Einstellung bist du den Test in Sepang angegangen?

Valentino Rossi: Das ist schwer zu erklären. Eigentlich ist es immer das Gleiche, wie man einen Test im neuen Jahr angeht. Für mich ist erst einmal die Motivation wichtig, dass man etwas erreichen will. Mit der Erfahrung habe ich auch gelernt, dass es am wichtigsten ist, an einem Rennwochenende am Sonntag so weit zu sein, dass man so schnell wie möglich ist.

MOTORRAD: Und warst du mit dem Motorrad zufrieden, das die Techniker über den Winter für Sepang gebaut haben?

Valentino Rossi: Der erste Eindruck war sehr positiv. Wir hatten ein gutes Gefühl bei Nässe, und ich war nicht weit von der Spitze weg. Und im Trockenen war ich vom ersten Herausfahren an stark. Wir konnten viel probieren, und ich kam gleich auf gute Zeiten. Das hatte ich beim ersten Wintertest schon lange nicht mehr. Ich denke, wir bewegen uns in die richtige Richtung. Wir haben letztes Jahr viel über das Chassis geredet, jetzt haben die Techniker eine Evolution des 2016er-Fahrwerks gebaut, und damit fühle ich mich sehr komfortabel. Ich mag es sehr, ich spüre die Front wieder besser und kann nun wieder natürlicher fahren. Auch der Motor wurde verbessert, und das Motorrad ist auf den Geraden schnell. Wir müssen jetzt weiter an der Elektronik arbeiten, um die Beschleunigung und den Reifenverschleiß weiter zu verbessern.

MOTORRAD: Könnte Maverick Viñales mit einem Jahr Erfahrung auf der Yamaha mehr bei der Entwicklung helfen als letztes Jahr?

Valentino Rossi: Ich denke schon. Letztes Jahr war es für ihn schwerer, denn er kam von Suzuki, die ein völlig anderes Motorrad ist. Jetzt kennt er das Gefühl mit der M1 besser.

Foto: 2snap
Teamkollege Maverick Vinales hat seinen Vertrag bei Yamaha bereits verlängert.
Teamkollege Maverick Vinales hat seinen Vertrag bei Yamaha bereits verlängert.

MOTORRAD: Dieses Jahr gibt es durch den Thailand-Grand-Prix noch ein Rennen mehr. Kommt dir das entgegen?

Valentino Rossi: Das kann ich erst sagen, nachdem wir dort getestet haben. Vor zwei oder drei Jahren war ich mit Yamaha in Thailand und bin einige Runden in Buriram gefahren. Aber speziell in der letzten Saison war es so, dass wir an manchen Strecken angekommen sind und von Freitag an stark waren, an anderen nicht. Wir müssen jetzt bei dem Test im Februar sehen, wie weit Buriram der M1 entgegenkommt.*

MOTORRAD: Wie siehst du den Rückzug von Jonas Folger für die Saison 2018?

Valentino Rossi: Das ist eine schlechte Nachricht. Es ist sehr schade für ihn, denn es sieht so aus, dass er ein ernstes Problem hat. Dabei ist er noch sehr jung, und er hat gezeigt, dass er auch in der MotoGP-Klasse schnell sein kann. Die Situation ist schlecht für ihn, und ich hoffe, dass er sich wieder erholen und in guter Verfassung zurückkommen kann.

MOTORRAD: Du hast neben deiner eigenen Karriere mit deiner Akademie und deinen Teams noch eine Menge andere Aufgaben übernommen. Wie schaffst du es, dich auf alles zu konzentrieren?

Valentino Rossi: Ich bin sehr glücklich, dass ich so viele Dinge laufen habe. So kann ich mich auch nach meiner Karriere mit interessanten Dingen beschäftigen. Aber wenn ich ins Fahrerlager komme, um Motorrad zu fahren und ganz vorn anzukommen, dann ist mein Blick nur darauf gerichtet. Über den Tag bin ich dann nur darauf fokussiert, dass ich schneller werde. Am Abend kann ich dann die Zeit mit meinen Fahrern verbringen und die Gefühle und Erfahrungen mit ihnen teilen. Das macht viel Spaß und ist sehr entspannend.

* Das Interview mit Valentino Rossi fand vor den Wintertests in Buriram (Thailand) statt.

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