MotoGP 2018: Marcel Schrötter im Interview

Hoffnungsträger

Marcel Schrötter ist der aktuell erfolgreichste deutsche Fahrer in der Motorradweltmeisterschaft. Wir trafen den Intact Dynavolt GP Moto2-Pilot vor dem Heim Grand Prix am Sachsenring und sprachen mit ihm über seine aktuelle Saison, Teamwork und Podiumsträume.

MOTORRAD: Hallo Marcel! Sachsenring, Heim Grand Prix und dann auch noch die stärkste erste Moto2-Saisonhälfte, die Du bisher gefahren bist. Ich nehme an, Du bist in diesem Jahr mit einer Portion Extra-Motivation zum Sachsenring gekommen?

Marcel Schrötter: Natürlich, schon allein dadurch, dass ich merke, dass ich momentan so gut drauf bin, gute Leistungen bringe und dadurch die Chance so nah ist, wirklich etwas sehr Gutes zu erreichen. Im Großen und Ganzen fühle ich mich aber wie in den letzten Jahren auch. Wenn ich mich einigermaßen wohl fühle, kann ich ein gutes Wochenende haben. Aber natürlich gibt es einem eine gewisse Ruhe, wenn man hier anreist und vorher ein paar gute Rennwochenenden hatte. Man weiß, dass es wieder gut werden kann. Dann freut man sich noch mehr darauf, die ganzen Termine wahrzunehmen. Man weiß, man ist in einer guten Position und die Leute drücken einem noch mehr die Daumen. Es freut sich jeder mit und wartet drauf, dass endlich der nächste Schritt kommt. Das ist schon sehr positiv.

MOTORRAD: Nach einem Jahr mit Suter in der Saison 2017 fährst Du nun wieder eine Kalex und bereits zu Beginn des Jahres hast Du in Katar in einem Interview verraten, dass Du in diesem Jahr ums Podium kämpfen willst. War die bereits so früh klar, dass die Kombination Schrötter-Kalex ein so schlagkräftiges Paket sein würde?

Marcel Schrötter: Natürlich weiß man nie, wie etwas wirklich geht. Aber ich war ja 2016 schon auf Kalex unterwegs und hatte da teilweise ganz gute Ergebnisse. Damals hat da aber viel außen herum nicht so funktioniert und es hat sich nie so angefühlt, als ob es mein Motorrad wäre. Die Zusammenarbeit mit dem Team und beim Setting war nicht immer die beste und wenn Du in dieser Klasse ein bisschen daneben liegst und die letzten drei Zehntel nicht fahren kannst, die du theoretisch fahren könntest, dann bist manchmal statt Erster nur Zwanzigster. Obwohl man eigentlich gar nicht so weit weg ist, macht das einen riesen Unterschied. Aber im letzten Jahr hatte ich selbst mit der Suter das Gefühl, dass wir ziemlich nah dran waren.

Foto: 2snap
Gutes Paket: Marcel Schrötter hatte von Beginn an ein gutes Gefühl für seine Kalex
Gutes Paket: Marcel Schrötter hatte von Beginn an ein gutes Gefühl für seine Kalex

Dafür gab es andere Dinge am Bike, die es schwierig gemacht haben. Mit dem neuen Motorrad hatte ich aber direkt ein gutes Gefühl und auch die ersten Tests waren gut. Die Winter-Tests in Jerez waren zwar von der Position nicht optimal, aber ich hatte noch nie so ein gutes Gefühl wie in diesem Jahr. Ich habe mir damals gesagt, ich mache mir gar keinen Stress, ich bin zwar nur Zwölfter, aber ich wusste, wenn mir nach Katar kommen, bin ich vorne dabei. Und so war es auch.

Das ist in diesem Jahr auch der Hauptschritt – zu wissen, dass mein Motorrad funktioniert, auch wenn das Setting am Anfang mal nicht zu 100 Prozent passt. Das Team ist so gut, dass wir immer eine gute Einstellung finden werden. So kannst Du dich anders vorbereiten und auch ganz anders in die Wochenenden starten. Das ermöglicht dann auch, an Details bei sich selbst zu arbeiten. Denn oft entscheiden ja Kleinigkeiten, ob du auf dem Podium stehst, ob du in den Top Fünf fährst oder eben nur Zehnter bist. Man kann zwar mit Gewalt mal ein gutes Ergebnis rausfahren, Konstanz ist aber nicht möglich, weil der Rest eben fehlt.   

Foto: Michael Praschak
Teamwork: Crew Chief Patrick Mellauner (links) und Team Chef Jürgen Lingg tragen eine großen Teil zum diesjährigen Erfolg bei.
Teamwork: Crew Chief Patrick Mellauner (links) und Team Chef Jürgen Lingg tragen eine großen Teil zum diesjährigen Erfolg bei.

MOTORRAD: Dein Kollege aus der Moto3, Philipp Oettl, hat der MotoGP in einem faszinierenden Video gezeigt, was während einer Runde in seinem Kopf alles abläuft und es gibt viel Fahrer, die kurz vor dem Rennen in der Startaufstellung keine Interviews mehr geben. Das ist bei Dir nicht so. Wie bereitest Du dich mental auf Deine Qualifyings und die Rennen vor?

Marcel Schrötter: Das beginnt eigentlich schon in der Früh oder dann spätestens nach dem Warm-Up. Oft ist es so, dass ich nach dem Warm-Up bis zum Rennen gar nicht mehr in der Box bin. Ich ziehe mich dann zurück, ruhe mich aus und schaue, dass ich so wenig wie möglich zu tun habe. Ich versuche dann, schon ein bisschen in den Fokus für das Rennen zu kommen. Dazu gehören auch das Warm machen und Musik. In der Startaufstellung gebe ich meistens noch Interviews und versuche dann für die paar Sekunden offen zu sein, ziehe mich dann aber schnell wieder zurück und versuche mich zu konzentrieren. Ich habe jetzt auch ein bisschen rumprobiert. In Barcelona zum Beispiel habe ich gar keine Interviews zu geben, um wirklich bei mir zu bleiben und herauszufinden, was besser funktionieren kann. Wenn man so nah an der Spitze dran ist, können auch Kleinigkeiten entscheidend sein. Aber ich habe da noch kein richtiges Rezept für mich gefunden. Ich versuche dann einfach, den bestmöglichen Weg zu finden. Grundsätzlich versuche ich ab dem Warm-Up einfach, die Konzentration hoch zu halten.

MOTORRAD: In den Qualifyings hat es in diesem Jahr schon mehrfach für die erste Reihe gereicht, der Sprung aufs Podium ist Dir bisher aber noch nicht geglückt. In Mugello kam es ja leider schon in der zweiten Kurve zum Sturz. Weißt Du, woran es lag und in welche Richtung Ihr noch arbeiten müsst, um die starken Trainings-Ergebnisse auch in Podestplatzierungen zu verwandeln?

Marcel Schrötter: Es war ganz klar so, dass die Reifen noch nicht auf optimaler Temperatur waren. Die Einführungsrunde war einigermaßen zügig, aber die letzten drei, vier Kurven war ich eher locker unterwegs. Da es in Mugello doch sehr warm war, habe ich versucht, erst spät zum Startplatz zu kommen, da die Motoren im Stand extrem schnell sehr heiß werden. Eigentlich hatte ich gehofft, mir damit eher einen Vorteil zu verschaffen und durch die niedrigere Temperatur ein schnelleres Motorrad zu haben. Ich habe dann einen guten Start gehabt, als Erster ist es aber schwierig, einen guten Bremspunkt zu finden. Man kommt zum ersten Mal ganz anders in der ersten Kurve an und hat eine ganz andere Geschwindigkeit, als in den Trainings. Ich habe versucht, extrem spät zu bremsen und wollte das gleiche in der zweiten Kurve auch machen, da ich mich von den anderen nicht überrumpeln lassen wollte. Das war einfach zu viel. Ich hätte da ein wenig sanfter rangehen müssen.

Foto: 2snap
Marcel Schrötter startete in diesem Jahr schon mehrfach aus der erste Startreihe, ein Podiumsplatz blieb bisher aber leider aus.
Marcel Schrötter startete in diesem Jahr schon mehrfach aus der erste Startreihe, ein Podiumsplatz blieb bisher aber leider aus.

Aber auch das ist eine Erfahrung. Ich habe noch nie ein Rennen vom Start weg geführt, geschweige denn war ich so oft in den Top drei dabei. Wenn du zwischen Position sechs und fünfzehn startest und in der ersten Schikane ankommst, hast du gar nicht das Tempo drauf, dass du merkst, die Reifen halten noch gar nicht so gut. Deswegen war es gut, dass ich diese Erfahrung gemacht habe. Wenn Du vorne frei fahren kannst, fährt man ziemlich schnell am Limit und durch den Zwischenfall kann ich jetzt besser einschätzen, wie viel geht und was eben nicht.

MOTORRAD: Letztes Jahr bist Du noch mit Sandro Cortese in einem rein deutschen Team gefahren, seit diesem Jahr hast Du mit Xavier Vierge einen starken spanischen Fahrer neben Dir. Wie wichtig ist Dir die Kommunikation im Team? Findet da Austausch statt und habt Ihr Zugriff auf die Daten des anderen oder ist das strikt getrennt?

Marcel Schrötter: Die Daten liegen offen. Wir haben einen Server, auf den alle Daten hochgeladen werden und auf den kann jeder zugreifen. Das hilft uns beiden. Man hat für die Strecken natürlich Daten aus den letzten Jahren oder von den Tests, aber Dinge wie geänderte Temperaturen, der Gummiabrieb auf dem Asphalt, aber auch Regen am Vortag können extrem viel verändern. Daher braucht man aktuelle Daten und ist es am besten, wenn man die Daten beider Fahrer vergleicht. Wenn ich zum Beispiel Probleme habe und Xavier ist schneller, dann ist das natürlich eine große Hilfe und genauso andersrum.

Foto: 2snap
Marcel Schrötters (#23) und Teamkollegen Xavier Vierge (#97) arbeiten eng zusammen, der Spanier war für Schrötter aber auch von Beginn an ein Ansporn.
Marcel Schrötters (#23) und Teamkollegen Xavier Vierge (#97) arbeiten eng zusammen, der Spanier war für Schrötter aber auch von Beginn an ein Ansporn.

Für mich ist es auch positiv, dass er ein sehr starker Fahrer ist und ich vom Saisonbeginn an mein Bestes geben musste, um ihn zu schlagen. Gott sei Dank ist mir das auch ein paar Mal gelungen. Als letztes Jahr bekannt wurde, dass er ins Team kommt, hat man oft seinen Namen gehört und es klang oft so, als müsste ich aufpassen. Das hat mich schon ein bisschen gestört, da es den Eindruck gemacht hat, als hätte man ihn von Beginn an besser eingeschätzt als mich. Da tut es jetzt schon gut, dass ich ihn relativ konstant hinter mir gelassen habe und jetzt auch in der Meisterschaft gut dastehe. Xavier hat im zweiten Rennen gleich ein Pole Position geholt und ein Podium eingefahren, was ihm natürlich wieder viel Aufmerksamkeit gebracht hat. Im Großen und Ganzen bringt es mich aber auch vorwärts. Wir machen weiter, wie bisher und kommen so auch im Gesamtklassement weiter voran.

MOTORRAD: Du trainierst mit Jack Miller aus der MotoGP oft gemeinsam mit dem Mountainbike und dem Motocrossmotorrad. Würdest Du das so auch mit einem anderen Moto2 Fahrer machen oder ist da der Wettbewerb zu groß?

Marcel Schrötter: Das kommt drauf an. Mit jemanden wie dem Jonas (Anmerk.d.Red.: Jonas Folger) würde ich es auch machen, da wir gute Freunde sind. Da hilft man sich. Man ist zwar eigentlich der Gegner des anderen, ab schlussendlich muss man die Leistung auf dem Motorrad ja noch umsetzen. Man trifft sich immer wieder mal mit anderen Kollegen, aber so intensiv würde ich das nicht machen. Jonas wäre da eine Ausnahme, da wir schon jahrelang gute Freunde sind und uns auch auf der Strecke gegenseitig helfen würden. Sonst ist es mir dann aber schon lieber, wenn der Trainingspartner in einer anderen Klasse fährt.

MOTORRAD: Ab 2019 wird sich durch die Motoren von Triumph und die Magneti Marelli Einheitselektronik einiges ändern. Wann stehen denn für dich die ersten Tests mit dem neuen Material an? Und bleibt das Team Kalex treu?

Marcel Schrötter: Ich weiß noch nicht, ob der Vertrag schon unterschrieben ist, ich gehe aber mal zu 99 Prozent davon aus, dass wir wieder mit Kalex fahren werden. Testen werden wir aber erst im November. Durch die Neuerungen mit der Elektronik ist es aktuell besser, die Testfahrer fahren zu lassen, da hier viele Stop-and-Go-Tests nötig sind, bei denen nicht wirklich gepusht werden kann. Die machen ihre Arbeit und wenn wir im November dran sind, sind die Motorräder schon auf einem sehr guten Niveau und wir können unseren Teil der Arbeit starten.

MOTORRAD: Nach dem Sachsenring steht erst Mal die dreiwöchige Sommerpause an. Hast Du Programm, oder kannst Du die rennfreie Zeit zum Entspannen nutzen?

Marcel Schrötter: Mittlerweile ist Urlaub geplant. Ich hatte noch ein Angebot von HRC für die 8 Stunden von Suzuka, was eine sehr große Ehre war. Ich hätte nie damit gerechnet, da wir letztes Jahr eigentlich eher Kontakt zu Suzuki hatten. Es war auch alles geplant, aber da ich ja in diesem Jahr schon Probleme mit der Schulter hatte, mein Handgelenk noch nicht ganz ok ist und dann auch noch die guten Ergebnisse der letzten Rennen dazu gekommen sind, sind wir an einem Punkt, an dem es vielleicht besser ist, kein Risiko einzugehen. Ich hätte den Stress mit den zusätzlichen Tests und dem Rennen gerne auf mich genommen, da ich natürlich sehr viel Spaß an der Sache habe und man sich dort auch mal mit anderen Superbike und MotoGP-Fahrern messen kann. Es ist schon sehr schade, da es hier aber gerade so gut läuft und wir nichts dem Zufall überlassen wollen, haben wir es dann doch abgesagt.

Foto: Michael Praschak
Entspannt und fokussiert: Marcel Schrötter konzentrierte sich in der ersten Saisonhälfte zu hundert Prozent auf die Arbeit.
Entspannt und fokussiert: Marcel Schrötter konzentrierte sich in der ersten Saisonhälfte zu hundert Prozent auf die Arbeit.

Daher habe ich jetzt ein bisschen Zeit und werde ab Dienstag mit meinen Kumpels für eine Woche zum Abschalten und ein bisschen Feiern nach Kroatien in Urlaub gehen. Einfach abschalten, chillen ein bisschen feiern – alles was eben dazu gehört (lacht). Ich habe mich dieses Jahr bisher sehr auf meinen Job fokussiert. Egal, ob beim Essen, beim Training oder auch beim Weggehen und Feiern mit Kumpels, ich war in allen Bereichen extrem diszipliniert und habe auf vieles Dinge komplett verzichtet, um so gut wie möglich vorbereitet zu sein. Deswegen ist es schon mal gut gut, wenn man in der kurzen Sommerpause mal komplett abschaltet und auch neben der Strecke mal wieder richtig Spaß hat, bevor die Vorbereitung für die zweite Saisonhälfte wieder richtig beginnt.

MOTORRAD: Wir danken Dir vielmals für das Gespräch. Viel Erfolg für die zweite Saisonhälfte!

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