BMW G 310 R im 50.000 Kilometer-Dauertest

Halbzeitziel erreicht

Auch ein Besuch im mondänen Marienbad stand auf dem Reiseprogramm.
Wunderlich Tankrucksack- Halterung, 69 Euro: Für die hauseigene Tankrucksacklinie„Elephant“ bietet BMW-Spezialist Wunderlich eine universelle Grundplatte an. Das Teil lässt sich mit Gurten einfach befestigen und kann auch ohne Tankrucksack am Motorrad verbleiben. Tanken ist kein Problem. Eine per Klettverschluss fixierte Aussparung (siehe Foto) gibt den Tankstutzen mühelos frei. Passende Tankrucksäcke kosten zwischen 140 und 209 Euro.Wunderlich transparente Handprotektoren, 120 Euro: An Reiseenduros mögen Handprotektoren stilecht aussehen, an Funbikes wirken die Schützer eindeutig zu rustikal. Schade, denn die Kunststoffschalen halten die Hände bei einem Schauer trocken oder im Winter erstaunlich lange warm. Die transparenten Kunststoffschalen erfüllen diese Jobs genauso gut, fallen optisch aber kaum auf. Eine wirklich pfiffige Lösung.Wunderlich Seitenständer- platte, 50 Euro: Wer auf einem Schotterpark- platz verzweifelt nach einem Stein oder Holzstück gesucht hat, der wird sich über die Seitenständer-Verbreiterung freuen. Mit der Platte auf der Ständerspitze steht die G 310 R auch auf befestigtem Untergrund stabiler. Und weil die Platte auch die Schräglagenfreiheit nicht im Geringsten einschränkt, gibt’s den Praxis-Tipp.Wunderlich Verkleidungsscheibe Touring, 190 Euro: Die Meinungen zur großen Touring-Scheibe von Wunderlich an der G 310 R sind einheitlich: A) Sie sieht an dem kleinen Flitzer überdimen- sioniert aus. B) Sie funktioniert hervorragend. Bei nachgemessenen 153 km/h Topspeed kann ein guter Windschutz nicht schaden. Und: Beim täglichen Pendeln ins Büro ist man öfter über einen wirksamen Wetterschutz glücklich. Alternativ führt Wunderlich mit der „Sport“ (170 Euro) noch eine kleinere Variante im Programm.
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Die BMW G 310 R ist bei MOTORRAD zum Dauertest über 50.000 Kilometer angetreten. Hier erfahrt ihr alles darüber, wie sich der kleine Einzylinder über diese Distanz schlägt.

BMWs Einstiegs-Roadster G 310 R traf am 17.5.2017 in der Redaktion ein – nach einer ziemlich langen Vorlaufzeit. Direkt nach der ersten Fahrpräsentation im September 2016 hatte MOTORRAD die Fühler nach der kleinen Nackten im Programm der Münchner ausgestreckt. Auch, weil der Einzylinder mit seinen 34 PS aus genau 313 cm³ Hubraum in Indien gefertigt wird. Bleibt die spannende Frage: Stimmt die Qualität? Wohl nicht ganz – zumindest nicht bei den ersten Modellen. Anfang Oktober 2016 sollte die G 310 R in den Handel kommen. BMW stoppte die Auslieferung, sagte Probe­fahrten ab. Laut BMW entsprach ein ­Zulieferteil nicht den durch die eigene Qualitätsprüfung vorgegebenen Langzeit­eigenschaften. Aber es kam noch dicker: Mitte April 2017 folgte nach Auslieferung der ersten Exemplare ein Rückruf. Wegen vier Schrauben mit falschen Reibwerten an der Lenkerklemmung und eines Fehlers bei der Montage des vorderen Bremssattels musste BMW nachbessern.

Keine ganz so guten Vorzeichen für den Start der Dauertest BMW G 310 R, die aber ohne Zweifel ihre Qualitäten hat. Was die kleine BMW im Dauertest erlebt, lest ihr hier.

 

Foto: Harald Humke
Die G 310 R hat die Dauertest-Halbzeit erreicht.
Die G 310 R hat die Dauertest-Halbzeit erreicht.

Kilometerstand 25.000, 09/2018, Zwischenbilanz

Als Welt-Motorrad hatte BMW die G 310 R angekündigt. Nicht nur, weil der kleine Einzylinder vor allem für die Märkte in Asien und Südamerika konzipiert war, sondern auch, weil dieses G-Modell als erstes BMW-Motorrad überhaupt nicht im Stammwerk in Berlin-Spandau, sondern beim Joint-Venture-Partner TVS in Indien produziert wird. Insofern wird sich so mancher Kritiker der Auslagerung in einen Billiglohn-Standort hämisch ins Fäustchen gelacht haben, als der für Oktober 2016 geplante Stapellauf der Baby-BMW in die Hosen ging. Ein bis heute von BMW nicht konkret benanntes, qualitativ ungenügendes Motorenbauteil verzögerte die Auslieferung erheblich.

Aus diesem Grund ließ auch die Dauertest-Maschine von MOTORRAD lange auf sich warten. Erst im Mai 2017 rollte die G 310 R in die Tiefgarage. Immerhin sollte der Neuzugang auf Anhieb alle Eindrücke bestätigen, welche die Testmaschinen bereits vorab hinterlassen hatten. Mit 36 PS toppte der Einzylinder sein Leistungsversprechen um zwei Pferdestärken. Vor allem aber begeisterte der 162 Kilogramm leichte Floh mit seinem spielerischen Handling. Ob daran auch der unorthodoxe Single seinen Anteil hatte? Schließlich neigten die Inge- nieure den Zylinder um 13 Grad nach hinten, rückten damit die beiden Nockenwellen näher zum Schwerpunkt des Bikes. Auch das Packaging profitiert von dieser Konzeption. Der Krümmer führt direkt nach hinten zum Schalldämpfer, erlaubt damit eine aufgeräumte Optik, einen nach vorn gerückten Motor und eine lange Schwinge.

Redaktions-Managerin Iris Schaber jedenfalls war auf Anhieb begeistert von der Bonsai-BMW, brachte ihren ersten Eindruck schnörkellos auf den Punkt: „Ich mag das Motorrad“, notierte die 28-Jährige ins Fahrtenbuch. Im Rahmen einer Rückruf-Aktion (siehe oben) mussten die Schrauben an Lenkerklemmung und Bremssattel ausgetauscht werden, was bei der 1.000-Kilometer-Inspektion (119 Euro) erledigt wurde.

Dann forderte motorradonline.de-Chef Uli Baumann die G auf einer 2.300 Kilometer langen Alpen-Tour heraus. Die Fachkenntnis der Biker-Gemeinde nebenbei auch. Regelmäßig wurde die blau-weiß lackierte Neuerscheinung auf ihrer alpinen Jungfernfahrt auf den Passhöhen als Suzuki identifiziert. Neben Bildungslücken schloss der Internetredakteur auf der Reise eine innige Freundschaft mit der 310er.„So klein und schon so reisetauglich. Die Leistung reicht für viel Fahrspaß in den Alpen. Trotz Elf-Liter-Tank komme ich im Gebirge mindestens 270 Kilometer weit. Klasse“, lobte der Onliner die BMW. Als Erster kritisierte er aber auch die wenig standfeste Vorderradbremse, die „sich bei Abfahrten ziemlich schnell ziemlich matschig anfühlt“. Ein Thema, das die G 310 noch ein paar Tausend Kilometer begleiten sollte.

Genauso wie die offensichtlich empfindliche Kupplung. Bereits bei den Vollgasstarts im Rahmen der Eingangsmessungen hatte das Teil unter den 36 PS mit Quietschgeräuschen hörbar gelitten und wies nach einigen Versuchen erhöhten Leerweg auf. Zwar erholten sich die Lamellen nach dem Abkühlen wieder, neuralgisch bleibt die Funktion der Kupplung aber bis heute. Im Stadtverkehr lässt sich an der Ampel der Leerlauf nur schwer finden. Beim Anfahren greift die Kupplung oft abrupt zu, würgt den in den unteren Drehzahlen klassenüblich drehmomentschwachen Motor schnell ab.

Davon abgesehen, schnurrte sich das Motörchen problemlos durch die Dauertest-Distanz. Mit einer Einschränkung. Denn bereits nach den ersten kühlen Septembernächten sprang der Single nur zögerlich an. Externe Starthilfe brauchte er letztlich nie, spannend blieb das widerspenstige Startverhalten aber in all den Wintermonaten.

Bereits vor den kalten Tagen wurde der teigigen Vorderradbremse zu Leibe gerückt. Im Rahmen der günstigen 10.000er-Inspektion (117 Euro) wurden auf Garantie die Bremsflüssigkeit gewechselt und die Bremse entlüftet. Mit wenig Erfolg. Die Anlage von Bybre – das Kürzel steht für by Brembo, den indischen Ableger des italienischen Bremsen-Herstellers – lieferte trotz stahlummantelter Bremsleitungen ein teigiges Feedback. Auch die Hinterradbremse der G 310 R schwächelte kurz darauf, gab nach der Verzögerung die Scheibe nicht mehr völlig frei. Die Reinigung der Bremskolben half nur kurze Zeit. Bei Kilometerstand 17.700 musste die komplette, ebenfalls von Bybre stammende Anlage samt Geberzylinder ausgetauscht werden.

Überhaupt drängt sich der Eindruck auf, dass die sonst ordentlich verarbeitete Inderin den Rotstift vor allem bei den Zulieferteilen zu spüren bekam. Nach den Startproblemen und den schwächelnden Bremsen ließ sich auch die Kette im Wortsinn hängen und war bereits nach 20.000 Kilometern schrottreif. Für ein 36-PS-Motorrad ein ungewöhnlich frühes Ende. Selbst wenn dies wahrscheinlich auch den harten Bedingungen im langen Winter- einsatz geschuldet sein mag. Kette und Simmerringe wurden im Rahmen des auch deshalb recht teuren 20.000er-Service (773 Euro für Ölwechsel, Luftfilter, Zündkerze, Kettensatz, Gabelöl, Gabeldicht- ringe und Arbeitszeit) gewechselt.

Immerhin half ein Zufall, etwas Licht ins Dunkel der Dauerbaustelle Vorderradbremse zu bringen. Mit dem zweiten, neuwer- tigen Wechsel-Radsatz bei den Testfahrten für die Reifenempfehlung funktionierte der vordere Stopper plötzlich einwandfrei. Eine Messung zeigte: Die Bremsscheibe hatte von ihrer ursprünglichen Dicke (5,02 mm) bereits 0,25 mm eingebüßt. Obwohl zur Verschleißgrenze von 4,5 mm noch 50 Prozent fehlen, scheinen die Bremskolben den zusätzlichen Arbeitsweg nicht vollständig auszugleichen. Derzeit wartet die BMW auf eine neue Bremsscheibe – und auf einen weiteren Termin in der Werkstatt. Im Rahmen eines Rückrufs soll die Befestigung des Seitenständers am Rahmen verstärkt werden.

Die Aneinanderreihung der Wehwehchen mag sich ernüchternd anhören. Und möglicherweise sind die Probleme auch die Folge des Vorhabens, ein frisch aufgelegtes Modell an einem neuen Standort möglichst kostengünstig zu produzieren. Aber: Einbremsen konnten die Zipperlein die 310er letztlich nicht. Knapp die Hälfte der Dauertest-Distanz liegt hinter ihr, der Motor schnurrt munter vor sich hin und sorgt in Kooperation mit dem handlichen Fahrwerk für enormen Fahrspaß. Und nicht nur Iris mag die BMW aus Indien deshalb immer noch.

Foto: Dentges
Der nachgerüstete Wunderlich-Windschild sieht zwar nicht unbedingt gut aus, erfüllt allerdings seinen Zweck.
Der nachgerüstete Wunderlich-Windschild sieht zwar nicht unbedingt gut aus, erfüllt allerdings seinen Zweck.

Kilometerstand: 20.750, 6/2018

Ich dachte schon beim Visier meines Nolan-Helmes: Das muss im vorherigen Leben eine Schaufensterscheibe gewesen sein… Beim Wunderlich-Windschild für die kleine BMW bin ich mir nun dessen sicher: Wow, was für ein Panorama-Fenster! Die Scheibe sieht an der 310 zwar komplett bescheuert aus, wirkt aber. Bei Tempo 130 auf der Autobahn nimmt sie Druck vom Helm und der Schulterpartie, ich muss dann meine 1,87 Meter nicht ganz so zusammenfalten. Angenehm!

Foto: Petra Wiesner
BMW G 310 R auf ihrem Tschechien-Tripp.
BMW G 310 R auf ihrem Tschechien-Tripp.

Kilometerstand: 19.800, 6/2018

Ende Mai ging es für die kleine BMW mit Kollegin Petra Wiesner Richtung Vogtland und Tschechien. Hier ihre Eindrücke von der G 310 R: Nettes, handliches Motorrad. Fühlt sich sehr leicht an. Mittelmäßiger Bodenkontakt, komme nicht mit dem ganzen Fuß auf den Boden (1,64 m). Leider keine einstellbaren Brems- und Kupplungshebel. Display sehr schlecht ablesbar bei Sonnenschein. Sehr kleine und unscheinbare Blinkeranzeige. Tolle Motorbremse, vordere Scheibenbremse dafür nicht ganz so toll. Die Wunderlich-Scheibe ist sehr angenehm und entlastet den Fahrer spürbar, aber sie ist auch extrem hässlich. Die Plastik-Handschützer finde ich unnötig. Das Tankrucksacksystem von Wunderlich ist etwas umständlich in der Handhabung, aber funktioniert. Er hat zu wenig Unterteilungen innen (nur ein großes Fach). SW-Motech mit Tankring find ich besser.

Nach diesem Tripp stand die 20.000 km-Inspektion für die Dauertest-BMW an, die mit 773,06 Euro in die Kostenbilanz einfließt.

Foto: MPS-Fotostudio
Bereitete Probleme und wurde getauscht: Hinterradbremse.
Bereitete Probleme und wurde getauscht: Hinterradbremse.

Kilometerstand: 17.700, 5/2018

Nachdem die Hinteradbremse immer wieder Probleme mit der Gangbarkeit zeigte, die sich auch mit neuen Belägen und gereinigten Kolben nicht beheben liesen, wurde jetzt die komplette Hinterradbremse getauscht.

Die kleine BMW taugt ganz gut für den Pendelverkehr. Leistung passt in der Stadt, Kupplung (dass der Hebel beim Kuppeln jedes Mal klimpernd an das Ausgleichsgewicht am Lenkerende stößt, nervt etwas), Getriebe, Fahrverhalten alles soweit stimmig. An der ein oder anderen Stelle wünscht man sich beim Durchschlängeln einen etwas schmaleren Lenker. Kritik gibt es auch für das Kaltstartverhalten. Obwohl sie die frische Frühsommernacht in der Garage verbrachte, startet sie morgens wirklich schlecht.

Foto: Baumann
Auch in den Alpen bereitet die G 310 R reichlich Spaß.
Auch in den Alpen bereitet die G 310 R reichlich Spaß.

Kilometerstand: 15.790, 2/2018

Reifenwechsel auf Dunlop Sportsmart2 Max: Ob der bemängelte matschige Druckpunkt der Bremse oder der unaufmerksame Fahrer schuld war, dass die BMW bei der Herbstausfahrt am Heck des Redaktionsbullis anklopfte, sei einmal dahingestellt. Jedenfalls hat sie jetzt ein neues, rundes Vorderrad.

Kilometerstand: 15.394, 2/2018

Steuerkopflager musste nachgestellt werden.

Kilometerstand: 13.200, 10/2017

Bei einem leichten Auffahrunfall (10 km/h) hat die Vorderradfelge einen Schlag abbekommen. Im Fahrbetrieb ist davon aber nichts zu spüren. Felge wurde getauscht, Gabel ohne Befund vermessen.

Kilometerstand: 11.000, 9/2017

Auch die BMW G 310 R hat die aktuell grassierende Kupplungsseuche erwischt. In kaltem Zustand, so sagen es die ersten Einträge bei Kilometer 5.500 km im Fahrtenbuch, neigt sie zum Rupfen, auch um die Schaltbarkeit des Getriebes ist es nicht zum Besten bestellt. Dem matschigen Druckpunkt der Bremse wurde durch Entlüften anlässlich der 10.000 km-Inspektion (117,10 Euro) versucht beizukommen. Mit mäßigem Erfolg. Der linke Blinker zeigt sich von innen beschlagen.

Dennoch bereitet „das Kleine“, wie sie gerne genannt wird, auch gestandenen Fahrensmännern durchaus Spaß und wurde bereits zweimal durch die Alpen gescheucht. An- und Abreise auf eigener Achse selbstverständlich inklusive. Andere wiederum bezeichnen die BMW als "üble Gurke".

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