Test

Karbon-Helme

Ohne Kohle kein Karbon - das gilt zumindest bei einigen Exemplaren im doppelten Sinn. Denn wer sich für einen Motorradhelm mit Kohlenstoff-Außenschale entscheidet, wird im Extremfall mit fast 1500 Euro zur Kasse gebeten. Ob sich die Ausgabe lohnt, klärt MOTORRAD in einem großen Labor- und Praxistest aller aktuell erhältlichen Integralhelmmodelle mit Karbon-Hülle.

Foto: Hertneck
Der große Labor- und Praxistest aller aktuell erhältlichen Integralhelmmodelle mit Karbon-Hülle.
Der große Labor- und Praxistest aller aktuell erhältlichen Integralhelmmodelle mit Karbon-Hülle.

Eins gleich vorneweg: Kein Karbon-Helm besteht aus reinem Karbon. Unter den von außen sichtbaren Karbon-Matten liegen grundsätzlich mehrere Schichten aus GFK und/oder Kevlargewebe. Nur so lassen sich die Anforderungen an Elastizität, Härte und Widerstandskraft hinsichtlich der Stoßdämpfungsprüfungen nach ECE einhalten. Reines Karbon wäre einerseits zu hart, andererseits zu spröde. Wobei diese Eigenschaften auch durch die Art der Herstellung beeinflusst werden. Und zwar je nachdem, wie die Karbonmatten ausgerichtet werden und wie viel Harz beim Fertigungsprozess zugegeben wird.

Außerdem werden nicht alle Helme im äußerst aufwendigen und teuren Autoklaven-System im Vakuumofen hergestellt, was für geringstes Gewicht und höchste Stabilität sorgen soll. Das ist lediglich bei den Helm-Außenschalen von BMW und Schuberth der Fall. Für das Ergebnis des MOTORRAD-Tests spielt das Herstellungsverfahren jedoch keine Rolle. Entscheidend sind die tatsächlichen Eigenschaften der Helme, die sich aus den Laborversuchen und aus den in der Praxis gesammelten Ergebnissen ergeben.

Zunächst unterzog der TÜV Rheinland sämtliche Kandidaten einem Stoßdämpfungstest, bei dem 20 Punkte von insgesamt 100 Punkten zu erreichen waren. Bei den Fahrversuchen überprüften und bewerteten die MOTORRAD-Tester sämtliche für die Praxis relevanten Kriterien.

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Foto: Archiv
Gerissene Karbon-Außenschale nach der Stoßdämpfung mit sichtbaren GFK-Fasern.
Gerissene Karbon-Außenschale nach der Stoßdämpfung mit sichtbaren GFK-Fasern.

Stoßdämpfer

Das wichtige Testkriterium Stoßdämpfung überprüfte MOTORRAD in Zusammenarbeit mit den Experten des TÜV Rheinland in Köln.

Alle getesteten Helme sind nach ECE-R 22.05 geprüft, besitzen einen entsprechenden Sticker am Kinnriemen und sollten daher keine Probleme haben, die Stoßdämpfungsprüfung beim TÜV Rheinland zu bestehen.
MOTORRAD entschied sich nach Absprache mit den TÜV-Experten bei den Prüfungen für den besonders kritischen Temperaturbereich von minus 20 Grad Celsius und den flachen Amboss, auf den die Kandidaten mit einer Geschwindigkeit von 7,5 m/s (beim Kinnteil 5,5 m/s) aufprallen. Laut ECE-Norm wird außerdem bei plus 50 Grad Celsius mit einem Kantenamboss geprüft. Die im Test auftretenden Beschleunigungen (Grenzwert laut ECE: 275 g) werden von Sensoren eines im Helm stecken­den Prüfkopfs aufgezeichnet und an den Rechner weitergeleitet. Aus dem Verlauf der Beschleunigung berechnet dieser den für das Maß der zu erwartenden Schädel-Hirn-Verletzungen relevanten HIC-Wert (Head Injury Criterion; Grenzwert 2400).

Bei insgesamt vier Probanden kam es zu Grenzwertüberschreitungen, wozu erstaunlicherweise ausgerechnet der mit Abstand teuerste Helm, der BMW, zählte. Entsprechend dürftig fällt seine Punkteausbeute im Kriterium Stoßdämpfung aus. Exzellent hingegen: das Abschneiden des Uvex-Helms. Ebenfalls lobenswerte Ergebnisse weisen der Probiker Fiber Wing Carbon und der Schuberth S1 Carbon auf.

Foto: Archiv
Das wichtige Testkriterium Stoßdämpfung überprüft MOTORRAD in Zusammenarbeit mit den Experten des TÜV Rheinland in Köln.
Das wichtige Testkriterium Stoßdämpfung überprüft MOTORRAD in Zusammenarbeit mit den Experten des TÜV Rheinland in Köln.

Kriterien und Ergebnisse

Passform/Trageverhalten (20 Punkte): optimal, wenn der Helm bei allen Geschwindigkeiten sicher und fest sitzt und weder mit Druckstellen nervt noch beim Kopfdrehen verrutscht. Am besten schnitt diesbezüglich das BMW-Modell ab.

Aerodynamik (10 Punkte): Je geringer die Luftwiderstands- und Auftriebskräfte bei Geradeausfahrt und beim Blick über die Schulter ausfallen, desto höher die erreichte Punktzahl. Vor allem aufgrund seiner geringen Nackenkräfte beim Kopfdrehen liegt hier der Uvex vorn.

Akustik (10 Punkte): Ein offener ­Helmunterbau, eine kantige Außenschale, hervorstehende Visiere und abstehende Belüftungsschieber verursachen beim Fahren Lärm. Den mit Abstand ruhigsten Kopfschutz bietet Schuberth – allerdings auf Kosten eines engen Einstiegs.

Belüftung (10 Punkte): Gut spürbare und auch mit Handschuhen sicher ­zu bedienende Belüftungseinrichtungen sind leider die Ausnahme. Was nutzt beispielsweise eine sauber durchgebohrte Helmschale, wenn wie beim Probiker Fiber Wing ein falsch platziertes Innenfutter die Luftzufuhr zur Kopfhaut verhindert? Bester Kandidat auch hier: der Schuberth.

Handhabung (10 Punkte): Wie bequem ist der Helm an- und auszuziehen? Funktioniert der Verschluss leichtgängig? Wie gut lässt sich das Visier bedienen und auswechseln?

Weitere Punkte konnten die Probanden in den Kriterien Ausstattung/Verarbeitung (10 Punkte) und Gewicht (10 Punkte) sammeln. Lobenswert: Selbst die schwersten Karbon-Helme im Test sind wesentlich leichter als vergleichbare Modelle mit GFK- oder Polycarbonat-Außenschale. Und das ist der größte Vorteil des edlen Werkstoffs – der meist allerdings auch ganz schön viel Kohle kostet.

Fazit

Kritikfrei kommt wie üblich keiner der Testkandidaten davon. Die meisten Punkte und somit den Testsieg heimst der Schuberth S1 Carbon ein. Knapp dahinter, aber nicht einmal halb so teuer und deshalb der Kauftipp: das Uvex-Modell. Unverständlich, dass ausgerechnet der mit Abstand teuerste Helm, der BMW, große Probleme bei der Stoßdämpfung hat. Obwohl er darüber hinaus durch die nicht verschließbare Kopfbelüftung und eine unpraktische Visiermechanik wertvolle Punkte verschenkt, sichern ihm das überragende Trageverhalten und das sensationell niedrige Gewicht von deutlich unter 1000 Gramm trotzdem noch das Urteil »gut«. Lobenswert das Abschneiden des preisgünstigsten Helms, des Probiker Fiber Wing mit seinen ungewöhnlich großkarierten Karbonmatten, den nur die mangelhafte Belüftung und ein beschlagendes Visier die Note "gut" kosten.

BMW SportIntegral Carbon

Anbieter: BMW, Telefon 0180/5001972, www.bmw-motorrad.de; Preis: 1495 Euro; Größen: 54/55 bis 61; Farbe: Karbon

Plus:
Perfekte Passform und ausgezeichnetes Trageverhalten; sehr gute Führung im Wangenbereich; liegt bei Geradeaus­fahrt sehr gut im Wind; angenehm leise; gut spürbare Belüftung; hervorragend verarbeitet; sensationell leicht

Minus:
Große Schwächen bei der Stoßdämpfung; hohe Wangenpolster schränken Sichtfeld zur Seite ein; spürbar ansteigender Luftwiderstand beim Kopfdrehen; Kopfbelüftung nicht verschließbar; aufwendiger Visierwechsel; keinerlei Visierrastungen; Visier nicht völlig beschlagfrei

Fazit:
Der momentan leichteste Karbon-Helm auf dem Markt ist aber auch der mit Abstand teuerste. Die Freude am exzellenten Trageverhalten trübt das schlechte Ergebnis in der Stoßdämpfung. Dieses sowie die Visiertechnik sollte BMW am SportIntegral Carbon unbedingt verbessern.

Urteil: Gut

HJC HQ-1 Carbon

Anbieter: HJC Europe Deutschland, Telefon 02131/523560, www.hjc-germany.de; Preis: ab 399,99 Euro; Größen: XS bis XXL; Farben: Karbon; ab 2008 zwei Dekore (ab 499,99 Euro)

Plus:
Gutes Trageverhalten; liegt neutral im Wind – auch beim Kopfdrehen; Belüftungstasten gut zu bedienen; perfekter Visierwechselmechanismus; Visierverriegelung; absolut beschlagfreies Visier; sehr gut verarbeitet; große, einklettbare Atemmaske für Winter- und Rennstreckeneinsätze im Lieferumfang

Minus:
Leichte Schwäche bei der Stoßdämpfung; liegt ungleichmäßig an den Wangen und im Bereich der Ohren an; laut, vor allem beim Kopfdrehen; Zugluft am Hinterkopf und an den Ohren

Fazit:
Der sehr gut verarbeitete und gut ausgestattete HQ-1 Carbon glänzt mit der besten Handhabung im Vergleich, nicht zuletzt aufgrund der tadellosen Visier-mechanik. Abzüge gibt’s für die schlechte Akustik (der Helm ist vergleichsweise laut), die nur mäßige Belüftung und die Schwäche bei der Stoßdämpfungsprüfung.

Urteil: Befriedigend

Lazer Fiber Pro Carbon Light

Anbieter: Büse, Telefon 02471/12690, www.buese.com; Preis: 299,95 Euro; Größen: XS bis XL; Farbe: Karbon

Plus:
Liegt neutral im Wind – auch beim Kopfdrehen; Belüftungstasten gut zu bedienen; absolut beschlagfreies Pinlock-Visier; gut verarbeitet

Minus:
Große Schwächen bei der Stoß-dämpfung; nur mäßige Passform; schlechte Führung im unteren Helmbereich; sehr laut; Belüftung nahezu wirkungslos; beim Kopfdrehen Zugluft im Gesichtsfeld; Doppel-D-Verschluss mit schwergängigem Kinnriemen; Randbereiche und Windabrisskanten der Außenschale nicht vollständig mit Karbonmatten, sondern mit Harz aufgefüllt

Fazit:
Rein äußerlich hinterlässt der Lazer einen sauberen Eindruck, was die ordentliche Aerodynamik und Handhabung bestätigen. Deutliche Schwächen bei Stoßdämpfung und Trageverhalten trüben jedoch das Bild. Da nutzt auch der vergleichsweise günstige Kaufpreis des mit tadellosem Pinlock-Visier ausgestatteten Carbon light nichts.

Urteil: Ausreichend

Probiker Fiber Wing Carbon

Anbieter: Louis, Telefon 040/73419360, www.louis.de; Preis: 199,95 Euro; Größen: XS bis XL; Farbe: Karbon

Plus:
Sehr gute Stoßdämpfungswerte; gute Aerodynamik mit geringen Kräften auch beim Kopfdrehen

Minus:
Etwas laut; Belüftung nahezu wirkungslos; Kinnbelüftung mit Hand-schuhen sehr schlecht zu bedienen; Zugluft im Bereich der Ohren; Visier beschlägt; nur mäßig ausgestattet und verarbeitet; wenig hochwertig verarbeitete Aussparungen am aufgesetzten Hinterkopf-Spoiler

Fazit:
Was die Laborwerte bei der Stoßdämpfung anbelangt, gehört der preis-günstigste Testkandidat im Feld zu den besten Probanden, womit er beweist, dass er das Potenzial für einen guten Helm besitzt. Allerdings hinkt die Praxistauglichkeit hinterher. Vor allem bezüglich Visier und Belüftung gäbe es Einiges zu verbessern.

Urteil: befriedigend

Probiker RSX II Carbon

Anbieter: Louis, Telefon 040/73419360, www.louis.de; Preis: ab 229,95 Euro; Größen: XS bis XL; Farben: Karbon; Dekor in drei Farbvarianten (je 249,95 Euro)

Plus:
Gute, druckstellenfreie Passform und gutes Trageverhalten; liegt neutral im Wind – auch beim Kopfdrehen

Minus:
Bei der Stoßdämpfung schlechtester Kandidat im Test; Belüftung kaum zu spüren; schwergängige Belüftungstasten; laut; Doppel-D-Verschluss mit schlecht laufendem Kinnriemen; Visier beschlägt; Visierwechsel zwar ohne Werkzeug möglich, aber sehr schwergängig

Fazit:
Der RSX II Carbon kann trotz seines guten Trageverhaltens und der guten Handhabung nicht überzeugen. Eklatante Schwächen bei der Stoßdämpfung sowie Mängel bei der Ausstattung, der Verarbeitung und der Belüftung bescheren dem zweitgünstigsten Kandidaten im Feld den letzten Platz.

Urteil: Mangelhaft

Schuberth S1 Carbon

Anbieter: Schuberth, Telefon 0531/380050, www.schuberth.de; Preis: 1050 Euro; Größen: 52/53 bis 62/63; Farbe: Karbon

Plus:
Sehr gute Stoßdämpfungswerte; sehr gutes Trageverhalten; besonders großes Sichtfeld; liegt bei Geradeausfahrt sehr gut im Wind; sehr leise; hervorragende Belüftung; Belüftungstasten sehr gut zu bedienen; absolut beschlagfreies Visier; integrierte Sonnenblende; großflächiges Reflexmaterial; hervorragend verarbeitet

Minus:
Wangenpolster etwas zu weich, dadurch bei hohen Geschwindigkeiten nur mäßige Führung beim Kopfdrehen; sehr enger Ein- und Ausstieg; spürbar ansteigen-der Luftwiderstand beim Kopfdrehen

Fazit:
Nur ganz wenige geringe Mängel trüben den hervorragenden Gesamteindruck des S1 Carbon, der trotz integrierter Sonnenblende und der aufwendigsten Helminnenausstattung – die für hervor­ragende Geräuschwerte sorgt – erstaunlich leicht ist. Ein auch aufgrund der guten Stoßdämpfungswerte verdienter Testsieger zu einem allerdings stolzen Preis.

Urteil: SEHR GUT

Uvex Helix RS 750 Carbon

Anbieter: Uvex, Telefon 0911/97740, www.uvex-sports.de; Preis: ab 479,95 Euro; Größen: XS bis XL; Farben: Karbon; Dekor in Blau/Weiß/Silber und Rot/Weiß/Silber (je 499,95 Euro)

Plus:
Hervorragende Stoßdämpfungswerte; gutes Trageverhalten; top Aerodynamik mit sehr geringen Kräften auch beim Kopf-drehen; relativ leise; wirkungsvolle Belüftung; Belüftungstasten leicht zu bedienen; absolut beschlagfreies Visier; gut verarbeitet

Minus:
Sehr hohe Wangenpolster schränken die Sicht zur Seite ein; sehr hart im Stirnbereich; Doppel-D-Verschluss mit schwergängigem, weil zu breit geratenem Kinnriemen; scharfkantiger Visierrand

Fazit:
Dass auch sehr leichte Helme problemlos die Hürden der ECE-Stoßdämpfung nehmen können, zeigt der Helix RS 750 Carbon mit dem besten Ergebnis in diesem Kriterium sehr eindrucksvoll. Auch was die Aerodynamik anbelangt, liegt der Uvex mit seiner glatten Außengestaltung ganz vorn. Die wenigen geringen Schwächen ändern nichts daran, dass er aufgrund seines im Vergleich zum Testsieger nur halb so hohen Preises den Kauftipp einheimst.

Urteil: GUT

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