Report Reifenmarkt (Archivversion)

Eine ausgereifte Sache

Die Verkaufszahlen des hartumkämpften deutschen Motorradreifenmarkts stagnieren, gleichzeitig gewinnt die Erstausrüstung für die Hersteller an Wichtigkeit. Ein Marktreport.

Der Wettbewerb auf dem Motorradreifenmarkt ist in den letzten Jahren härter geworden, man kann ihn inzwischen mit der Situation auf dem Autoreifensektor vergleichen«, beschreibt Reinhard F. Berrier, Produktmanager Motorrad bei Dunlop Deutschland und seit Jahren im Geschäft, die Situation. 1998 stagniert der Reifenmarkt auf hohem Niveau, die Folge ist ein harter Verdrängungswettbewerb.Eine Lage, der auch der deutsche Marktführer, die Firma Metzeler, Rechnung tragen muß. Allerdings sind Preissenkungen derzeit kein Thema, wie Pressesprecher Helmut Dähne betont. Die im Vergleich zu Autopneus relativ hohen Preise von Motorradreifen erklärt Dähne unter anderem mit den hohen Rüstkosten bei der Produktion: Rund ein Viertel der Arbeitszeit entfalle auf das kostenintensive Umrüsten der Fertigungsanlagen, was auf die Typenvielfalt im Zweiradbereich zurückzuführen sei. Neben aktuellen Sport-, Touren- und Enduro-Reifen bietet Metzeler erfolgreich Pneus für ältere Motorräder an. Alles in allem können im Werk in Breuberg Reifen in rund 400 verschiedenen Ausführungen gefertigt werden. Selbst der legendäre Block C, ein Spitzenprodukt der 60er und 70er Jahre, ist nach wie vor erhältlich.Diese Vielfalt ist mit ein Grund dafür, daß Metzeler die unangefochtene Nummer eins auf dem für das Unternehmen wichtigen heimischen Absatzmarkt ist (siehe auch Diagramm Seite 41). Zusammen mit dem italienischen Reifenproduzenten Pirelli, zu dem das deutsche Unternehmen seit 1989 gehört, beansprucht der Konzern weltweit Platz zwei. Metzeler allein fertigte 1997 knapp zwei Millionen Motorrad- und Rollerreifen und erzielte einen Jahresumsatz von 237 Millionen Mark.Die Luft wird dünner, insbesondere im für Deutschland wichtigen Sportreifensegment bläst dem deutsch-italienischen Hersteller eine frische Brise entgegen. Noch vor einigen Jahren wechselten viele Motorradfahrer ihre japanische Erstbereifung gerne gegen Metzeler-Reifen aus. Doch die Konkurrenten, allen voran Bridgestone und Dunlop – weltweit die Nummer eins – haben in den vergangenen Jahren sukzessive aufgeholt. Jürgen Friedmann vom Branchenmagazin »Gummibereifung«: »In diesem Jahr kämpfen Metzeler und vor allem Michelin um ihre Marktposition.« Michael Hottner von Michelin Deutschland sieht Bridgestone inzwischen gar als schärfsten Konkurrenten. Brachenkenner Friedmann ergänzt: »Bei denen stimmen Lieferfähigkeit, Produktpalette und der Preis.«Der Preis spielt in Zeiten schmaler Geldbeutel eine nicht zu unterschätzende Rolle, das sieht auch Peter Schmidt von »Gummibereifung« so: »Das Image der Reifenmarke spielt nicht mehr die Hauptrolle, die Kosten werden immer wichtiger.« Dennoch gelten Motorradfahrer in puncto Reifenmarkenwechsel noch immer als eher konservativ.Die stagnierenden Verkaufszahlen begründen Friedmann wie auch die Industrie unisono mit dem verregneten Sommer, aber auch mit den gesunkenen durchschnittlichen Jahresfahrleistungen der Motorradfahrer. Ein weiterer Grund: »Motorradreifen bringen in den letzten Jahren dank des technischen Fortschritts immer höhere Laufleistungen«, erklärt Dunlop-Mann Berrier. Anlaß zur Hoffnung für die Branche gibt der hohe Gesamtbestand an Motorrädern. Ein Fakt, dem Bridgestone nun verstärkt Rechnung tragen will. Die Japaner bringen im nächsten Jahr ihren modernen Radialreifen BT 56 in den schmaleren Reifen-Dimensionen vieler populärer älterer Maschinen auf den Markt. Zudem soll die Angebotspalette des erfolgreichen Diagonalreifen BT 45 bis hin zum Geschwindigkeitsindex V (bis 250 km/h) erweitert werden. Damit stößt Bridgestone in die Domäne von Metzeler vor.Neben dem Ersatzgeschäft spielt der sogenannte Erstausrüstungmarkt eine immer wichtigere Rolle für die Reifenhersteller. Zwar fallen die möglichen Gewinnspannen – wenn überhaupt – nicht allzu üppig aus. Doch wegen der großen Bestellmengen läßt sich eine auf Drei-Schicht-Betrieb rund um die Uhr ausgelegte Fertigung besser auslasten. Und: »Wir werden von den Motorradherstellern in die Entwicklung neuer Modelle mit einbezogen, wissen also, was in zwei oder drei Jahren voraussichtlich auf den Markt kommen wird«, sagt Michael Müller, bei Metzeler für den Bereich Erstausrüstung zuständig. »Wer sich nicht an diesem Markt beteiligt, gerät mit seiner Entwicklung schnell ins Hintertreffen.« Nicht ohne Stolz verweist Metzeler darauf, daß viele Supersportler, beispielsweise die Yamaha YZF-R1 oder die Suzuki TL 1000 R, ab Werk mit dem neuen ME Z3 ausgeliefert werden. Als erster Sportpneu überhaupt verfügt der ME Z3-Vorderreifen über einen sogenannten Null-Grad-Stahlgürtel (siehe Kasten auf Seite 39). Logisch, daß Metzeler besonders empfindlich auf Kritik seitens MOTORRAD am neuen Sportreifen reagierte. Die Tester monierten insbesondere den eher mäßigen Grip des ME Z3. Erstausrüstungsverträge brächten mitunter Problemen mit sich, erklärt Dähne dazu, weil der Reifenlieferant sich strikt an den Anforderungskatalog des Motorradherstellers zu halten habe. Eigene Vorstellungen in Sachen Produkteigenschaften müsse er zurückstellen. Trotzdem betont Helmut Dähne: »Wir stehen zu unserem Produkt, für den normalen Alltagsbetrieb hat der ME Z3 ausreichend Grip, dazu bietet er eine sehr gute Stabilität und Laufleistung.« Das seien, meint Dähne, unbestrittene Fakten.Der Bridgestone-Geschäftsführer Wolfgang Terfloth sieht noch einen anderen Aspekt der Erstausrüstung: »Der Produkteinstieg bringt Akzeptanz bei der Kundschaft, die dann auch für andere Modelle nach Bridgestone-Reifen verlangt.« Nachkauf heißt das Zauberwort: Viele Kunden verlangen beim fälligen Wechsel einfach wieder die Reifen des Erstausrüsters.Alle führenden Hersteller investieren zudem Millionen in den Rennsport. Dies sei unabdingbar für die Entwicklung von Serienreifen, so Reinhard F. Berrier von Dunlop, auch und gerade in der seriennahen Supersport 600-Klasse. Dabei hatte Dunlop in der Saison 1998 mit seinem Supersportreifen D 207 GP eindeutig die Nase vorn. Erstausrüstung wie Rennsport-Engagement sollen natürlich auch postiv auf das Image der gesamten Produktpalette wirken. Die möglichen Folgen überraschen aber sogar den erfahrenen Produktmanager Berrier: »Durch die Erfolge des Sportreifen D 207 hat der Vorgänger D 204 eine wahre Renaissance erlebt«, schwärmt er.
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Technik transparent (Archivversion) - Metzeler-Vorderreifen mit Null-Grad-Stahlgürtel

Die 300-km/h-Schallmauer für Motorräder ist in Sicht. Eine Geschwindigkeit, die mit Diagonalreifen undenkbar wäre. Durch das dynamische Fliehkraftwachstum wird die Aufstandsfläche des Reifens schmaler, damit steigt die spezifische Belastung pro Quadratmillimeter, die Reifen erhitzen sich bei hohen Geschwindigkeiten wegen der erhöhten Walkarbeit zu stark. Deshalb war die Einführung von Radialreifen mit einem sogenannten Null-Grad-Gürtel ein entscheidender Entwicklungsschritt. Mitte der achtziger Jahre produzierte Michelin den ersten Radial-Hinterreifen mit Null-Grad-Gürtel aus Kunstfaser, während Metzeler 1997 mit dem ME Z3 und ME Z4 als erster und bislang einziger Hersteller diese Konstruktion am Vorderrad einführte. Zwei sich kreuzende Karkaßlagen liegen mit einem Fadenwinkel von 78 Grad zur Fahrtrichtung, darüber spannt sich ein endlos gewickelter Null-Grad-Gürtel aus Stahlseilen, die etwa halb so dick sind wie ein Gaszug. Der Gürtel läßt so gut wie kein dynamisches Wachstum des Reifens mehr zu. Damit wird eine weniger starke Erwärmung des Laufflächengummis erreicht. Nach eigenen Angaben kann Metzeler deshalb bei der neuen Reifengeneration Laufflächenmischungen einsetzen, die vor einigen Jahren noch reinen Rennsportreifen vorbehalten waren. Die Vorteile der Metzeler-Vorderradkonstruktion: Sehr guter Geradeauslauf und eine hohe Eigendämpfung reduzieren die Probleme von Lenkerflattern und Lenkerschlagen erheblich. Die Nachteile: Lenkpräzision, Handlichkeit und Bremsstabilität liegen etwas unter dem Niveau konventioneller Vorderradpneus.

Reifenmarkt in Deutschland: Report (Archivversion)

»Wer nicht am Erstausrüstungsmarkt teilnimmt, gerät mit seiner Entwicklung ins Hintertreffen“

Reifenmarkt in Deutschland: Report (Archivversion)

»Der Wettbewerb auf dem Motorradreifenmarkt ist in den letzten Jahren härter geworden“

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