Reifenverschleißfahrt (Archivversion)

Verschleißerscheinung

Was sich im ersten Moment nach Traumjob anhört, ist harte Arbeit: Reifen abfahren. 6150 Kilometer in sieben Tagen sind kein Pappenstiel.

Samstag früh, sieben Uhr, Ende Oktober. In der MOTORRAD-Tiefgarage bepacken sechs verschlafene Gestalten sechs fast niegelnagelneue Suzuki GSF 1200 S Bandit. Sie haben gerade erst die Einfahrzeit hinter sich. Nun steht die Verschleißfahrt für den Reifentest (siehe Seite 128) an. Das heißt, in den kommenden Tagen einige tausend Kilometer abzuspulen, um das Abriebverhalten der Testreifen zu ermitteln. Bei jedem zweiten Tankstopp wird das Messgerät ausgepackt und an zuvor gekennzeichneten Stellen die aktuelle Profiltiefe gemessen.Um für alle Reifen möglichst gleiche Bedingungen zu schaffen, tauschen Dani, Frank, German, Karl, Mike und ich bei jedem Tankstopp die Fahrzeuge, fahren jedoch immer an der gleichen Position innerhalb des Konvois. Während Frank und German als zwei- beziehungsweise dreifache »Wiederholungstäter« bereits wissen, was auf sie zukommt, betreten Dani, Karl und Mike motorradfahrerisches Neuland. Sie sind von der Idee fasziniert, in nur einer Woche die geplanten 6000 Kilometer zurückzulegen und sagten bei der Einladung zur Verschleißfahrt spontan zu. Dass sie das Zeug für die Marathonetappen haben, steht außer Frage. Dani arbeitet seit Jahren als Reiseleiter beim ACTION TEAM, Karl hat irgendwann aufgehört, seine Langstrecken-Kilometer zu zählen, und Mike stellte sein Fahrkönnen bereits zweimal beim Wettbewerb »Motorradfahrer des Jahres« unter Beweis. 1999 und 2001 holte er den Titel. Auf Samtpfoten rollen wir raus aus Stuttgart Richtung Autobahn, um nicht gleich auf den ersten Metern wegen fehlender Haftung der noch fabrikneuen Reifen auf die Klappe zu fliegen. Nach kurzer Zeit ist die schmierige Schicht auf den Gummis abgefahren. Womit die Bummelei ein Ende hat und der Sechsertross wärmeren Gefilden in Italien entgegenfliegt. Die Pausen beschränken sich auf die Tankstopps etwa alle 250 Kilometer – Sightseeing und gemütliches Kaffeetrinken sind bei avisierten 900 Kilometer am Tag nicht drin. Im Gegenteil. Damit es möglichst fix geht, bekommt jeder eine bestimmte Aufgabe: Ich messe den Verschleiß, German protokolliert, Mike kontrolliert die Ölstände, Karl kümmert sich um den Reifendruck, Frank reinigt die Helmvisiere und Dani sorgt für Getränke. Ergibt Standzeiten fast so kurz wie in der Formel 1, und wir kommen gut voran.Freilich klappt nicht immer alles so reibungslos. Elektrische Defekte, Werkstattaufenthalte oder auch mal ein Sturz bremsten bei vergangenen Verschleißfahrten ab und an das Tempo ein. Doch diesmal spielt sogar das Wetter fast perfekt mit, und wir fahren bei knapp 30 Grad immer weiter in den Süden. Nur zwischen Perugia und Rom scheint dem Wettergott irgend etwas die gute Laune verhagelt zu haben. Plötzlich tauchen über der gut ausgebauten Schnellstraße, die sich kurvenreich durch die sanfte Hügellandschaft schlängelt, dunkle Wolkenfetzen auf und werfen ihren Ballast ab. Als wir in einer flotten Kurvenkombination einen fetten Reisebus überholen, klatschen wir regelrecht in eine Wand aus Wasser. Dani, an vierter Position eben in voller Schräglage neben dem Bus angelangt, fällt ob des Schrecks fast vom Motorrad. Für wenige hundert Meter kauern wir uns hinter den Verkleidungsscheiben zusammen, dann ist der Spuk zum Glück vorbei. Die Sonne hat uns wieder.Oder besser: wir sie. Der Sonne und der Wärme wegen haben wir die Verschleißfahrten in den Süden verlegt. Bei Temperaturen knapp über null Grad und Regen machen Verschleißfahrten in Deutschland keinen Sinn und erst recht keinen Spaß. Unter italienischen Verhältnissen schaffen wir es wirklich, jeden Tag um die 900 Kilometer zu sammeln und mit unserer Route dem Stiefel eine Art Gladiatoren-Sandale überzustülpen (siehe Landkarte). Manchmal kommen wir uns tatsächlich wie eine Art Kämpfer vor – nicht nur aufgrund einiger brenzligen Situationen mit verrückten Autofahrern, sondern weil das Kilometerfressen neben den Reifen auch die Fahrer verschleißt. Noch reicht unsere Konzentration, mehrere Radarkontrollen auf der Strecke auszumachen. Wobei die Carabinieri unserem Konvoi äußerst wohlgesonnen sind und uns trotz Tempolimit und Überholverbot freundlich vorbeiwinken. Rossi, Biaggi und Co. haben das Land offenbar fest im Griff - Mike am zweiten Tag die Bandit beim Aufbocken vor dem Hotel leider nicht: Er reißt sich eine Sehne im Unterarm und muss den Rest der Woche auf die Zähne beißen.Freitagabend, 20 Uhr. Sechs müde Gestalten parken sechs nicht mehr ganz so taufrische Bandit in der Tiefgarage. Der Verschleißtest und wir sind geschafft – dabei sind wir doch eigentlich nur ein bisschen Motorrad gefahren.
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