Auf kleinsten Wegen durch Deutschland, Teil II (Archivversion)

Geht's hier irgendwo zur Ostsee?

Abenteuer Deutschland: die Wende. Mit 8,6 PS vom Watzmann bis zum Pleuellagerschaden im Bayerischen Wald. Und jetzt per Enduro durch die ehemalige DDR. Über Pisten, Plattenwege und Kopfsteinplaster. Kurs Nord – dem offenen Meer entgegen.

Posseck, Gassenreuth – hier muss er sein. Schritttempo, Herzklopfen – irgendwo zwischen den Hecken. Oder doch eher zwischen Sachsgrün und Loddenreuth? Nein, hier. Hitze flimmert über den Feldern, spähend rollen wir die Straße auf und ab. Da! Ein schwarz-rot-goldener Grenzpfahl: »Zum Gedenken an die Grenzöffnung am 21. Dez. 1989.« Und tatsächlich, knapp dahinter schlägt er sich kaum erkennbar ins Gebüsch, schwingt über die nächste Anhöhe, verschwindet im Nichts. Der Kolonnenweg! Neben Stalinallee und Avus eine der geschichtsträchtigsten Strecken Deutschlands. Gespenstisch. Gefürchtet. Gehasst. Als Patrouillenweg der Nationalen Volksarmee flankierte er die entmenschte Zonengrenze von Hinterprex bis zur Lübecker Bucht. 1393 Kilometer, Betonplatte an Betonplatte, unerbittlich. Ein gewaltiges Denkmal von 40 Jahren Teilung, unbemerkt mit dem Boden verwachsend.Abenteuer Deutschland. Mittendrin. Was so beschaulich mit zwei NSU Lux am Watzmann begann, jedoch im Bayerischen Wald vom Exitus eines Pleuellagers jäh gestoppt wurde (MOTORRAD 9/2002), findet unweit von Hof seine Fortsetzung: »auf kleinsten Wegen durch die Republik«. Nur jetzt mit fünfmal so viel PS. Was alles ändert. Zählte den Oldies noch die Tatsache, überhaupt voranzukommen, zählten Hingabe, Duldsamkeit und Durchhaltevermögen, läuft das Fahren mit den beiden notgecharterten DR 650 quasi von allein. Also bastelten wir uns eine neue Herausforderung: noch kleinere Wege! Bestenfalls solche, die gar nicht mehr in der Landkarte verzeichnet sind. Ohne Richtungsweisung, freie Navigation, Kurs – klar: Ostsee.Erstes Objekt war der Plattenweg. Über die Hügel des Vogtlands folgen wir ihm Richtung Mödlareuth. »Little Berlin« nannten es die Amerikaner, da das 50-Seelen-Dorf von einer Mauer geteilt war. Thüringen auf der einen Seite, Bayern auf der anderen. Wachtürme, Panzer, Kfz-Sperrgraben, Suchscheinwerfer – alles steht noch da. Mahnmale jüngster deutscher Geschichte: »Freiheit heißt Erinnern.« Keine zehn Kilometer entfernt schwingt unten im Tal die A9 großspurig gen »Big Berlin«. Silbrig schimmernd, picobello asphaltiert. Keine Parallelen mehr zu der spröden Betonplattentrasse, auf der sich der Autostrom einst stockend durch die Zollbaracken des Übergangs Rudolphstein/Hirschberg quälte. Aus den Abfertigungshallen sind moderne Rasthöfe geworden, statt blauer Stempel gibt’s nun Würstchen mit Senf.Wir bleiben im Off, überqueren die Saale und schlagen uns weiter durchs Gebüsch. Auf einem verlockenden Wiesenweg, der von einem verrotteten 30-km/h-Schild eröffnet wird. Rechts ein halb verfallener Wachturm, links eine Miniatur-Cross-Strecke, vorn eine Schafherde, dahinter ein Wäldchen und danach vermutlich das Ende der Welt. Die mittige Grasnarbe wird immer breiter. Erste Zweifel an der Legalität dieser Route. Plötzlich ein grünes Simsonmoped. Au Backe, der Schäfer! Und wir mit den fetten Enduros in der Walachei. So was gibt immer Ärger. Hier nicht: »Nu, wo wollter denn hin?« tönt es freundlich sächselnd unter dem steinalten Helm hervor. »Noch Saalburch? Nu, do gibt’s aber enen scheeneren Wech.« Wir bedanken uns freundlich für den Tipp, holpern weiter und gelangen auch so irgendwie an den anvisierten Zeltplatz am Saale-Stausee. Waschräume mit grün-weißem Stragula, Ölfarbenflair der 60er Jahre, ein hölzerner Toilettenwagen und eine nette Besitzerin sorgen für optimales Ambiente. Zwischen einem verblichenen Hundehüttenzelt, einem hellgrünen Klapprad und ein paar vergnügten Berlinern ist noch Platz. An der nahe gelegenen Tankstelle gibt’s Soljanka-Dosensuppen und eine einsame Flasche französischen Rotwein zwischen 17 ungarischen und jugoslawischen Sorten. Der Abend ist gerettet.Hinter Saalburg tauchen wir ab ins alte Herz der DDR. Isabellengrün, Ziegenrück – Namen, so schön, wie die Weiler selbst mit ihren Dorfteichen, mächtigen Kirchen und kopfsteingepflasterten Straßen. Im Wald zwischen Grochwitz und Dörflas weicht der buckelige Asphalt einer festgefahrenen Piste. Winzige Richtungspfeile weisen zwischen Wandermarkierungen die Verbindungen nach Crispendorf und Liebengrün.»Dorffest in Obersyderstadt!« Ein bemaltes Betttuch an einer Scheune in Untersyderstadt lädt fürs nächste Wochenende ein. Die Ernte ist fast eingebracht, Mähdrescher arbeiten sich mit Scheinwerfern durch die Nacht, Deutschland ächzt unter einem Jahrhundertsommer. Alle freuen sich auf eine Atempause zum Staublöschen. Straßenvollsperrung bei Ziegenrück. Die mindestens elfte heute. Fast alle Gemeinden sind schwer am Bauen. Nur mit der Ausschilderung von Umleitungen haben sie’s nicht so. Oft hilft nur noch die Instinktnavigation, aber darin haben wir inzwischen ja Übung. Um uns herum erhebt sich das Thüringer Schiefergebirge, dessen dunkles Gestein die liebevoll restaurierten Häuser der Gegend prägt. Schmorda, Orlamünde, Magdala, Tröbsdorf. Wie eine Oase lockt der Gasthof »Zum grünen Thale« mit leuchtend roten Stühlen und Wachstuchdecken unter grünweißen Apolda-Bierschirmen und steinalten Kastanien. Der Kaffee kostet 75 Cent, Kuchen gibt’s keinen, aber keckes Rätselraten am Nachbartisch: »S – is des Suhl... oder Solingen...?« Als wir ein »Stuttgart« ertönen lassen, sind die drei alten Haudegen fast bewegt. »Stuttgart! Do wor’n wir noch nie!« Nun, und wir waren noch nie hier. Grinsend prosten wir einander zu. Ihnen ist Schwaben so neu wie uns Thüringen. Völkerverständigung in Deutschland.Die Weinhänge von Saale-Unstrut beginnen. Querfurt bleibt links liegen, zwischen den Reben geht’s gen Schwittersdorf. Straßenbaustelle, logisch. Unter den Männern der ortsansässigen Winzergemeinschaft entbernnt ein Palaver wie an einer mittelamerikanischen Bushaltestelle. Welches ist der direkte Weg nach Wettin? Jeder weiß eine bessere Route. »Dort über den Feldweg!« »Ach was, über Beesenstedt nach Kloschwitz...« »Nein! Niemals Kloschwitz!« Gottlob schlägt Bruder Plattfuß erst ein paar Hundert Meter später zu, die Reparatur hätte vermutlich die gesamte Belegschaft auf den Plan gerufen. Ein vorbeikommender Trabbifahrer bietet Hilfe an, doch der Reifenpilot ist bereits startklar. Das Corpus Delicti sieht schwer nach Fassnagel aus, zum freundlichen Andenken an die Schwittersdorfer Weinzähne. Nett war’s trotzdem. Nur vermasselt uns die Panne leider die Tour. Statt Wettin gilt es eine Tankstelle aufzutreiben, um Luft zu fassen. Am sichersten dürfte da Halle sein. Halle! Keine zehn Kilometer von hier. Eigentlich haben wir’s vermeiden wollen.Puh, es ist wie Auftauchen mit einem U-Boot. Plötzlich ist wieder völlig klar, wo wir sind. Das ganze Hinterlandidyll platzt ab wie Lack. Vierspurig bohrt sich die Einfallstraße durch die Vororte, an maroden, halb leerstehenden Plattenwohnblocks vorbei. Dazwischen abbruchreife Gründerzeithäuser. Eingeworfene Fensterscheiben, parolenbesprühte Wände. Einst Zentrum der DDR-Industrie, ist Halle heute Abwanderungsgebiet. Die Arbeitslosenquote – astronomisch. Scheinbar florierend jedoch das Tankstellengewerbe. Grellbunt leuchtende Flachdach-Tempel in einer grauen Stadt. Coole Gestalten an den SB-Saugern und Zapfsäulen, abgewrackte Autos, zersplitterte Wodkaflaschen.Es ist bereits dunkel, als wir die Biege machen. Zu spät für irgendwelche streckentechnische Experimente. Der nächste Zeltplatz liegt hinter Bitterfeld. Bitterfeld, auch das noch. In sozialistischen Tagen mit seinen berüchtigten Chemiebetrieben eine der größten Dreckschleudern des Landes. Doch das Erholungsgebiet am Muldestausee präsentiert sich als Eldorado für Naturliebhaber. Mit Feldermaus-Reservat, Eulen-Kolonie und Pflanzenlehrpfad. Gar nicht übel. Am nächsten Morgen erzählt die Pächterin vom »Grüne Heide Camping« über den Konflikt zwischen der noch immer fortschrittgläubigen Bitterfelder Verwaltung und den aufbegehrenden Umweltschützern und Touristikern. »Die holzen die Alleen immer weiter ab, hoffen, dass ihre Industrie noch mal den Hintern hoch kriegt. Dabei ist der Zug längst abgefahren. Da helfen auch keine breiten Straßen mehr.« Der Nachbarkreis mache es besser, sagt sie und empfiehlt einen Besuch in Ferropolis. Dort ist man in der Tat neue Wege gegangen, hat ein stillgelegtes Braunkohle-Tagebaurevier zum riesigen Freilicht-Theater umfunktioniert. Fünf gigantische, ausrangierte Förderbagger bilden die Kulisse um eine 25000 Personen fassende Arena. Kippte so ein Monstrum früher mal um, musste die russische Armee mit Panzern anrücken.Keine zehn Kilometer weiter – kompletter Tapetenwechsel. Das Idyll des Wörlitzer Parks. Weltkulturerbe. Wasserschloss, Springbrunnen, Pferdekutschen und Busreisegruppen. Schön, aber voll. Auf einer fast schon prähistorischen Kopfsteinpflasterallee holpern wir weiter Richtung Coswig. 800 Meter vor der Stadt ist allerdings Ende, nur ein kleiner Landungssteg ragt ins Nichts. Wir haben die Elbe erreicht. An einer Strahltrosse seilt sich die Fähre gerade vom anderen Ufer herüber. Ein Euro pro Mensch und Maschine. »Und haltet die Mopeds fest, det schaukelt!« Unbemerkt ist der sächsische Dialekt dem Berlinern der Brandenburger gewichen.»Heilbronn heißt det. Det sind Schwaben!« Erneutes Einordnen unserer Herkunft. Diesmal zwei Radfahrer an einem endlos lange geschlossenen Bahnübergang. Der Schnellzug nach Dessau hat wohl Verspätung. Ein Stück bleiben wir auf der B 107. Doch nach 28 Kilometern ist Schicht. Wir können es nicht mehr. Sind untauglich für breite Straßen und dichten Verkehr, für Ampeln und nervtötende Kleinstadtepisoden. Ab nach Schmerwitz. Ein vergessen wirkender Ort, in dem nur noch der Traktorfahrer der örtlichen VEG zu leben scheint. Und dem nun diese unglaublich schöne Allee ganz alleine zur Verfügung steht, die ihr Blätterdach hinter den brüchigen Ziegelsteinmauern des Dorfs bis zur Ostsee auszustrecken scheint.Schmerwitz, Werbig, Verlorenwasser. Wir nähern uns dem »Mittelpunkt der DDR«. Mitten im Wald die Hinweistafel, daneben ein Pavillon und einladende Picknick-Bänke. Ein Ort, wie für Schulausflüge gemacht. Gott sei Dank sind Ferien. Stille, nur der Wind in den Bäumen und kein einziges Auto während eineinhalbstündiger Rast. Lehnin, Groß Kreutz, die Landschaft ist inzwischen flach geworden. Sandböden und Kiefernwälder dehnen sich aus, Theodor Fontanes gerühmte märkische Streusandbüchse hat uns aufgenommen. Bei Ketzin geht es über die Havel. Wir sind auf dem Breitengrad Berlins angelangt, schlagen uns in westlichem Bogen um die Stadt herum, bis bei Neuruppin die ersten Ausläufer der gewaltigen Nordostdeutschen Seenlandschaft auftauchen.Zermützelsee. Klingt vielversprechend, trotz angrenzendem Militärgelände. Einen Zeltplatz gibt es auch. Unter alten Bäumen am Ufer gelegen, wir können es kaum fassen. Perfekt eigentlich. Wäre da nicht Herr Thiel. Herr Thiel ist Dauercamper von Zeile sieben und bei geschlossener Rezeption stellvertretener Block... äh – Platzwart, sprich Herr über sämtliche Schlüssel für Schranke, Sanitär- und Aufenthaltsräume. Und ohne die geht hier nix. Alles wird akribisch verriegelt. Vielleicht doch Militärgelände, überlegen wir nach dem dritten Anpfiff »wegen ungenehmigten Fahrens auf dem Fußweg«. Schade, dass auch das restliche dauerinstallierte Campervolk »Wessis« offensichtlich überflüssig findet, und die »ganzen neuen Politikerärsche in Berlin am liebsten im Landwehrkanal entsorgen würde«.Wir halten noch einen Tag stand. Cruisen durch ein herrliches Netz von Sand-, Wald- und Wiesenwegen, sehen Eisvögel und Reiher. Abends legen zwei Kanufahrer am Zeltplatz an. Opa und Enkelsohn Oli, eine Woche waren sie auf den Seen unterwegs, berichten von Ottern und Fischadlern an der Müritz. Freundliche Menschen, die beiden. Doch als sie später die verstimmte Klampfe auspacken und Burschenlieder zu singen beginnen, fangen wir schon mal zu packen an. Im Morgengrauen brechen wir auf, starten die letzte Etappe. Über Flecken Zechlin, Zempow und Krümmel nach Röbel. Wichtiger Standort des vom Westen neu entdeckten und nobel aufgepeppten Urlaubsparadies Müritz. Der Mercedes durchsetzte Touristenspuk währt jedoch nicht lange. Bereits bei Malchin beherrschen wieder himmelblaue Trabbis das Bild, die in aller Stille in den Gärten der einfachen Klinkerhäuser verrotten. Altes Ackergerät rostet neben verfallenden Scheunen vor sich hin. Seit es keine LPGs mehr gibt, werden die riesigen umliegenden Felder zum Großteil von cleveren Landwirten aus dem Westen bewirtschaftet. Im volltechnisierten Einmannbetrieb. Mecklenburg Vorpommern – eines der ärmsten Bundesländer Deutschlands.Gegen Abend klettern wir bei Graal-Müritz über die Dünen, entern die abgeschlossenen Strandkörbe der Hautevolee. Vor uns nur noch die See. Hinter uns zwei Wochen und knapp 1400 Kilometer – in einem unbekannten Land mitten in Europa.
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