Bodensee (Archivversion)

Wasserwanderung

Für Süddeutsche ist er der nahegelegene Meeres-Ersatz, für Nordlichter das erste Etappenziel bei der Fahrt in den Urlaub - der Bodensee. Angesiedelt zwischen alpinen Gipfeln und mediterranem Ambiente, bietet er stilvolle Bandbreite.

Der Sommer hat endgültig Einzug gehalten. Eine nahezu überbordende Obstbaumkolonie inmitten leuchtend gelber Löwenzahnwiesen hat den warmen Tagen Tribut gezollt und empfängt mich am Bodensee mit einem gewaltigen, lautlos explodierenden Naturschauspiel. Eingehüllt von flirrenden Farbreflexen und verwegenen Düften, nehme ich Kurs auf Langenargen. Der ins offene Visier strömende Fahrtwind und das Poltern der Honda bringen den richtigen Rhythmus, das Gefühl von Urlaub. Schloss Montfort rückt ins Blickfeld, auf einer grazilen Landzunge im dunklen See balancierend. Enten und Schwäne schaukeln davor, weiter draußen ziehen Segelboote ihre Bahn. Den Hintergrund skizzieren die weißen Gipfel der Appenzeller und Glarner Alpen. Eine perfekte geologische Kulisse, aufgefaltet zu Beginn des Tertiärs, kunstvoll ausgefräst in der Eiszeit. Auf der B 31 folge ich der Strömung des Rheins, der sich seit Jahrtausenden durch das Bodenseebecken gen Westen wälzt. In weiten Schwüngen windet sich die Bundesstraße nahezu spiegelbildlich zum Uferverlauf entlang. Friedrichshafen fliegt an mir vorbei. Von dort erhob sich vor fast hundert Jahren der erste Zeppelin und verursachte vermutlichen den ersten massentouristischen Menschenauflauf der Region. Heute ist er Stück Geschichte im Friedrichshafener Museum. Ich brumme weiter auf dem Bodensee-Highway, das blaugraue Gewässer im Augenwinkel, Autoschlangen vor und hinter mir. Rund 265 Kilometer Uferlänge wären bei der momentanen Durchschnittsgeschwindigkeit von 80 km/h locker in rund dreieinhalb Stunden abzuspulen. Doch das kann nicht Ziel der Reise sein. Und schon lockt kurz vor Immenstaad ein Abzweig ins Hinterland. Der See verschwindet in den Rückspiegeln und ich tauche wieder ein bei Apfel, Birne, Kirsch & Co. Hübsch zu fahren, der Schlenker über Oberteuringen und Markdorf, denn er führt mitten hinein ins Bodensee-Obstbaugebiet. Ein bezaubernder Garten Eden, entstanden durch den schlichten Tatbestand einer Monokultur. Bereits nach Kriegsende wurde hier die Vieh- und Getreidewirtschaft zugunsten der rentableren und vom Klima begünstigten Obsterzeugung eingedämmt. In den ehemaligen Ställen der alten Bauernhäuser lagern heute Früchte und Gemüse. »Ob mas isst oder einander nochschmeißt, des is egal«, erläutert der ältere Herr, als ich ihm erkläre, dass seine fünf Kilo Äpfel Mindestabnahmemenge zwar günstig, aber mangels Beiwagen kaum zu transportieren seien. Nach kurzer Diskussion wird ein Teil der Ware vor Ort verzehrt, ein Teil unter fachkundiger Aufsicht in den Tankrucksack gepresst. Da sich niemand findet, dem man den Rest nachwerfen könnte, werde ich mit einem geringeren Quantum als der Mindestmenge entlassen. Der Vitaminschub schafft die Basis für eine sportliche Fahrweise, die B 33 eröffnet den passenden Rahmen. Ballernd, als dresche ein Vorschlaghammer gegen ein Garagentor, rollt die Dominator in die engen Gassen von Meersburg hinein. Mitten in eine Fachwerkidylle, die dem Lehrbuch entsprungen zu sein scheint. Weinreben ranken an bonbonfarbenen Hauswänden empor, geblümte Bettwäsche flattert aus den Fenstern. Fast senkrecht klettern die Gassen durch die terrassenförmig in den Steilhang gebaute Oberstadt. Eine Etage tiefer drängt sich ähnlich eng die Unterstadt. Dazwischen, auf erkerartigen Vorbauten, türmen sich Bauwerke aus Mittelalter und Barock. In der Schloss-Drogerie prangt ein Werbeschild für ein Schlankheitsmittel, nebenan glänzen goldene Droste-Taler. Was die Stadt Salzburg erfolgreich mit Mozart-Konterfei vermarktet, setzt Meersburg mit dem Abbild seiner berühmten Ex-Residentin, der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, um. Ein Blick auf die Meersburg lässt ahnen, dass es kaum passendere Orte gibt, um der Dichtkunst zu fröhnen. Im Innern der massiven Ritterburg verschafft mir ein grauhaariger Führer einen kleinen Streifzug durchs Mittelalter. Ich entdecke das »Angstloch« im Burgverließ, ein Elchfuß-Trinkgefäß im Rittersaal und einen massiven Brunnen, aus dem einst Freiwein für das Volk sprudelte. Doch dann ist´s genug der Düsternis, und ich lasse mich von der Honda wieder in die Weite und Wärme der sonnenbeschienenen Weinberge hoch über der Stadt tragen. Immer in Sichtkontakt mit dem riesigen See, der sich im Westen zum Überlinger See verjüngt, gerade noch schemenhaft die Konturen der Blumeninsel Mainau freigebend. Mit ihrer artenreichen Flora gilt sie gewissermaßen als Arche Noah der Pflanzenwelt. Eng ans Ufer modelliert, führt die Strasse Richtung Uhldingen, vorbei an Fährschiffen der High Tech-Klasse. Im pittoresken Hafen von Unteruhldingen dümpeln dagegen allenfalls winzige Fischerboote ohne jegliche Attribute der Moderne am Kai. Felchen ist überall im Angebot und offenbar die ultimative Bodenseespezialität in Sachen Fisch: Felchen blau, Felchen geräuchert, Felchencreme. »Jeder Tourist will Felchen«, lacht Stefan Knoblauch, der Besitzer eines Fischgeschäfts in der Poststraße, »dabei hat der See noch ganz andere Delikatessen zu bieten.« Zwei Ecken weiter liegt sein Boot, mit rund vier Metern Länge gerade mal groß genug für zwei Leute. Stefan hat etwas Zeit, und so tuckern wir auf den See hinaus, vorbei an den Uhldinger Pfahlbauten, einer nicht ganz stilechten, aber stimmungsvollen Nachbildung stein- und bronzezeitlicher Siedlungsformen. Krächzend nimmt der 25-PS-Motor Fahrt auf. Seine Kawasaki ZXR 750 sei stärker motorisiert gewesen, grinst Stefan, aber die habe er schließlich verkauft. Wegen Zeitmangels. Freizeit ist knapp bemessen bei den 168 traditionellen Bodenseefischern rund um den See, zu denen Stefan zählt. Mit einem Haken stochert er im Wasser, bis Leitgarn und Reusen zum Vorschein kommen. Nur ein Aal hat sich in die Falle verirrt. Gestern sei die Ausbeute besser gewesen, sagt er fast entschuldigend. Mit ruhigen Flügelschlägen ziehen zwei Wildgänse über das Boot hinweg, das sanft auf den Wellen schaukelt. Eigentlich habe er Bankkaufmann gelernt, erzählt Stefan während der Rückfahrt, und auch in einer Bank gearbeitet. Aber das hier, sein Blick gleitet über das Wasser, kenne er von klein auf. Und dann sei er doch Fischer geworden, wie sein Vater und wie dessen Vater. Der junge Mann und das schwäbische Meer, denke ich mir, als ich mich verabschiede.Mir ist kalt geworden während der Kahnpartie und ich lasse mich gerne von dem warmen Fahrtwind auf der B 31 wieder aufwärmen. Die Barockkirche von Birnau thront am Ufer des Überlinger Sees wie eine reich verzierte Sahnetorte. Ich kann nicht widerstehen. »Bitte das Gotteshaus in anständiger Kleidung betreten«, ist am Eingang zu lesen. Und strenge Blicke lassen schließen, dass der Besucher in Motorradkluft die Kategorie »anständig« um Haaresbreite verfehlt. Ich finde dagegen den Souvenirladen mit den überteuerten Marienbildchen im Vorraum der Kirche irgendwie unanständiger. Auf dem Rückweg zum Parkplatz entdecke ich ein schlichtes Hinweisschild zum KZ-Friedhof. Dahinter verbirgt sich ein unliebsames Stück Bodensee-Geschichte, das von den Insassen des Dachauer KZ-Außenlagers Überlingen erzählt. Im Winter 1944/45 gruben sie die Stollen in den Fels für die Untertageproduktion der Friedrichshafener Rüstungsindustrie. Ein Viertel der Häftlinge starb dabei, der Rest überlebte unter unmenschlichen Bedingungen.Als ich den Stadtausgang von Überlingen erreiche, steht die Sonne bereits ziemlich tief. Da hier die Eisenbahn ohnehin eine schöne Seeperspektive vereitelt, biege ich kurzerhand zum Überlinger Campingplatz ab. Er ist direkt am Wasser gelegen und frei für Besucher. Die Schranke öffnet sich, die Honda röhrt zum Ufer, der Campingplatzwärter mit geballter Faust hinterher: »Geschwindigkeitsbegrenzung zehn 10 km/h«, donnert er über den Platz. Währenddessen hüllt sich die Wasseroberfläche in Rosétöne, ein Segelboot wird illuminiert. Der Blick zum Horizont suggeriert die Weite und Einsamkeit einer norwegischen Fjordlandschaft, läßt mich die Wohnwagen hinter mir kurzzeitig vergessen. Am nächsten Morgen geht es im großen Bogen um den Überlinger See zur Halbinsel Höri. Der Sage nach hat Gott nach Erschaffung der Welt die Höri geformt und zufrieden auf Schwäbisch verkündet: »So, jetzt hör i uf.« Historiker leiten dagegen Höri von Hörigkeit ab, da der Landstrich im Mittelalter dem Bischof von Konstanz tributpflichtig, also hörig war. Sobald man in herrlichen Serpentinen den Schiener Berg erklimmt, erscheint die Variante mit der Zufriedenheit naheliegender. Dichter Mischwald verdunkelt plötzlich die Fahrbahn. Kaum wieder in die gleissende Sonne entlassen, tauchen kleine Ortschaften vor dem Visier auf, gesäumt von Pappelalleen und Spalierobst, penibel wie Weinstöcke arrangiert. Die Schweizer Grenze taucht auf, ein scharfer Blick dringt in den Helm, danke, weiterfahren. Stein am Rhein, nur einen Steinwurf vom Schweizer Zoll entfernt, empfängt mich mit grandioser Häuserkulisse. Schmale Einbahnsträßchen ziehen mich wie Fangarme unwiderbringlich ins Zentrum, als wollten sie demonstrieren, dass es sie hier eine der besterhaltenen mittelalterlichen Städte nördlich der Alpen bergen. Mythische Figuren starren von den Hauswänden, Schlachtszenen erzählen blutige Geschichten aus längst vergangener Zeit. Langsam tuckere ich zur Rheinbrücke, um zu schauen, wie sich das »Schwäbische Meer« zum Fluß verjüngt. Auf dem Weg zur hoch über der Stadt gelegenen Burg Hohenklingen präsentiert sich dann die komplette Szenerie im Miniaturformat. Der obligatorische Blick auf die Landkarte mahnt zum Aufbruch, und in fliegender Fahrt geht’s zurück zum Schweizer Zoll, dann am Ufersaum des Untersees entlang. Hemmenhofen und Gaienhofen ziehen vorbei, verträumte kleine Höri-Ortschaften, die in der ersten Jahrhunderthälfte Künstler wie Hermann Hesse und Otto Dix mit ihrer Ruhe und Abgeschiedenheit in den Bann zogen. Fluchtpunkte von Stadtstress und politischer Verfolgung. Kurz vor Allensbach stoße ich wieder auf die B 33, die bald als Pappelgesäumter Fahrdamm durch den Schilfgürtel des Wollmatinger Riedes führt, das mit rund achthundert Hektar bedeutendste Naturschutzgebiet am Bodensee. Vogelscharen in nie gesehener Form und Farbe schwirren um den schmalen Zufahrtsweg zur Insel Reichenau.Während sich die Touristenbusse ihren Weg Richtung Mainau bahnen, überquere ich den sogenannten Konstanzer Trichter, wo der Rhein den Obersee verlässt. Wieder ein cooler Schweizer Zoll, gefolgt von der langweiligen Uferstraße N 13, die mehr oder weniger geradlinig gen Osten strebt. Bei Arbon schwenke ich ab ins kurvenreiche schweizer Hinterland, in seine stillen Winkel und verstreuten Siedlungen, eingebettet in sanftgrüne Täler, Mulden und Hügel. Blüten überziehen das barocke Landschaftsdesign wie Sommersprossen. Hin und wieder fällt der Blick hinunter auf einen Klecks Bodenseeblau, dann wieder nach oben, zum kühl aufragenden Säntis. Man lebe hier wie auf einer Sonnenterrasse zwischen Schnee und See, strahlt ein Wanderer, als ich ihn nach dem Weg zum österreichischen Grenzübergang St. Margrethen frage. Die nachfolgende Routenbeschreibung endet etwas verwirrend mit einem kehligen »oder ?« Offenbar keine Gegenfrage, sondern eine schweizerische Sprachformalie, denn die Streckenbeschreibung nach Vorarlberg stimmt haargenau.Nachdem Bregenz elegant auf der in den Fels gesprengten Uferstraße umgangen ist, erklimmt in Lochau ein kaum wahrnehmbares Sträßchen in ausgelassenen Schwüngen den Hausberg der Stadt. Mit 1064 unversehrten Höhenmetern ist der Pfänder die höchste Erhebung am Bodensee. Die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 40 km/h vereitelt allerdings jede Schräglage und erhält so Seeblick und Alpenpanorama in naturgetreuer Perspektive. Heißluftballons punktieren den Luftraum über der Inselstadt Lindau. Ein wenig Alpenluft will ich noch schnuppern, zweige in Dornbirn nach Ebnit ab, einem winziges Bergdorf im Bregenzer Wald. Flankiert von der sprudelnden Dornbirner Ach, führt der Weg durch ein dicht bewaldetes Tal, um schließlich bei Gütle in kaum nachvollziehbaren Schlenkern die Bergwelt zu erklimmen. Feuchtigkeit kriecht in den Kragen, gefolgt von einer stationären Kaltluftfront, die unerbittlich das sanfte, fast mediterrane Klima des Sees ablöst. Nackte Felswände luken aus dem Dickicht, rücken immer näher an den schmalen Weg, saugen mich schließlich in ein paar grob behauenen Tunnels auf, während die Dornbirner Ach draußen an der Sonne bleibt und über ihre Klippen tost. Bei Ebnit tritt der Wald zurück. Die Sonne leckt gerade die letzten Schneeposten auf den sanftgrünen Hügeln weg, wachsam beäugt von den allgegenwärtigen Eispanzern der alpinen Berggipfel.Mit einem letzten Schlenker durch den vorderen Bregenzerwald und ein paar Kilometern auf der Deutschen Alpenstraße stürze ich mich in der bereits einbrechenden Dämmerung nach Lindau hinab. Erschöpft, als hätte ich statt des Sees den gesamten Erdball umrundet, lasse ich mich in einem der Hafencafés nieder. Ein kleines Stück noch, und die Bodenseerunde wäre vollendet. Doch in bin zu müde. Wasserwandern ist anstrengend. Aber schön.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote