Deutschland (Archivversion)

Besuch im Mittelalter

Ein Streifzug durch eine einzigartige Flusslandschaft, Städte, die Geschichte atmen - entlang der Lahn kann das Motorrad zur Zeitmaschine werden.

An ihrem Ursprung beginnt unsere Tour: am Hotel Forsthaus Lahnquelle, in dessen urgemütlichem Gewölbekeller die Lahn als Brünnlein entspringt. Zunächst noch kein ausgewachsener Fluss, sondern lediglich ein winziges Rinnsal. Auch die Lahn-Ferienstraße, der wir nicht immer, aber ganz schön oft während der nächsten Tage folgen wollen, nimmt hier ihren Anfang.Und was für einen. Die ersten paar Kilometer holpern wir im Schritt-Tempo mit unserer Suzuki Bandit über eine rüde Schotterpiste - ideales Terrain für Enduros. Meter für Meter tasten wir uns vorwärts, den größten Gesteinsbrocken und tiefsten Wasserrinnen ausweichend. Wer das nicht durchstehen will, lotst sein Bike ab der Lahnquelle besser über Großenbach nach Volkholz. Allerdings verpasst man dann eine der einsamsten und schönsten Ecken des Rothaargebirges. Denn das sanft geformte Tal, das sich zwischen die Hügel schmiegt, ist mit seinen zahlreich plätschernden Wasserläufen, die der Lahn helfen, irgendwann ein richtiger Fluss zu werden, eine Idylle für sich.Schließlich wird die Straße besser. Auf wüsten Schotter folgt löchriger Teer, der auch noch seine Tücken hat. Etwas später wird aus dem Ganzen dann ein ordentliches Asphaltband, und bald rollt die Bandit durch Volkholz. Ab jetzt geht es schneller. Deutlich schneller. Über Feudingen und Saßmannshausen surfen wir auf guter Straße durch weite Kehren weiter an der Lahn entlang. Die präsentiert sich nun schon als ausgewachsener Bach mit kristallklarem Wasser, das Steine und Felsen umspült. Links und rechts vom Ufer erheben sich steil dicht bewaldete Mittelgebirgsrücken, die oft ein wenig düster und bedrohlich wirken.Wir fliegen fast an ihnen vorbei und erreichen über die Bundesstraße B 62 Laasphe. Schon um 800 unserer Zeitrechnung wurde das Städtchen, das seit 1984 mit dem Zusatz »Bad« werben darf, als Lasaffa gegründet. Der alte Ortsname bedeutet aus dem Mittelhochdeutschen übersetzt »Lachswasser«. Zwar planscht der begehrte Speisefisch noch nicht wieder in der Lahn, doch dank aktivem Umweltschutz hat sich der vor einigen Jahren noch arg verschmutzte Fluss mittlerweile zum fischreichsten Gewässer Deutschlands gemausert.Kurz nach Buchenau heißt es Abbiegen in Richtung Kernbach. Wir zuckeln durch die letzten Ausläufer des Rothaargebirges, lernen gepflegt Dörfer wie Kernbach, Caldern und Michelbach kennen. Und Sterzhausen, wo sich ein mehr als hübsches Häuschen mit blauem Fachwerk und wild wucherndem Efeu als Farbtupfer aus der ländlichen Welt angenehm abhebt.Wieder wechseln wir für ein paar Kilometer auf die B 62. Um genau zu sein bis Goßfelden. Dann geht´s rechts ab und auf einer kurvenreichen Spaßstrecke düst man quer durch ein Sandsteinmassiv, landläufig als »Weißer Stein« bekannt. Kurz vor Marburg gilt es, ein paar Gänge zurückzunehmen. Statt Schräglage ist Sightseeing angesagt. Neben dem Landgrafenschloss aus dem 13. Jahrhundert kann Marburg mit einer der schönsten Altstädte Deutschlands aufwarten. Die so genannte Oberstadt bleibt uns verschlossen, denn an allen Zufahrtsstraßen prangen Motorradverbotsschilder. Bitter. Wirklich bitter. Und das in einer Stadt, die dank der 1572 gegründeten Universität als weltoffen und tolerant gilt.Uns zieht es weiter und der Suzuki-Vierzylinder darf endlich wieder richtig drehen. Flott geht es auf der B 3 über Gießen und Wetzlar Richtung Weilburg voran, zunächst immer am Fluss entlang. Lang gezogene Kurven, eingebettet in die Lahn-Auen, bieten ultimativen Genuss. Gießen und Wetzlar wären sicher auch einen Abstecher wert, bieten vom Schloss bis zum Dom reichlich Sehenswertes. Aber in den engen Gassen auch Stadtverkehr in höchster Konzentration. Etwas später in Solms verlassen wir dann das Tal der Lahn vorübergehend. Das Städtchen Braunfels samt Märchenschloss, mitten in einer prächtigen Altstadt gelegen, bietet ausgiebig Gelegenheit, ein wenig in die Vergangenheit abzutauchen - das Mittelalter lässt auch hier wieder schön grüßen. Ein paar Mal rauf und runter schalten, durch ein paar Kurven schwingen, und Kubach ist erreicht. Das ist nicht nur ein Stadtteil vom wiederum historischen und wunderschönen Weilburg, sondern hier wird ein richtiges Stück Unterwelt geboten: Deutschlands größte für die Allgemeinheit begehbare Kristallhöhle. Die Bandit kann verschnaufen, wir aber nicht. Per pedes geht es über mehr als reichlich Stufen steil bergab. Beim Gedanken an den Weg retour wirds einem schon während dem Abstieg heiß. Doch erst bekommen wir den Mund vor Staunen kaum zu. Bis zu 30 Meter hohe Hallen, allerlei Tropfsteine, Calcitkristalle, die fast wie Diamanten im schummerigen Kunstlicht funkeln.Wie befürchtet, wird es beim Aufstieg dann warm ums Herz. Der Überhammer in Form eines radikalen Temperaturunterschieds wartet aber an der Erdoberfläche. In der Höhle neun Grad Celsius, draußen mehr als das Doppelte - nichts wie rauf auf die Suzuki und sich vom Fahrtwind ein wenig kühlen lassen. Wer bis zum nächsten Stopp in Runkel nicht wieder normale Betriebstemperatur erreicht hat, kann - zumindest im Sommer - in der Lahn, gleich hinterm Wehr, die nötige Kühlung finden. Badevergnügen an der Costa del Lahn, vor ein paar Jahren noch undenkbar. Nur ein paar Meter weiter überspannt die alte, steinerne Lahnbrücke aus dem Jahr 1448 den Fluss. Noch ein gutes Stück darüber thront eine imposante Burganlage aus der Hohenstauferzeit, erbaut etwa um 1100. Keine Filmkulisse für einen Monumentalschinken, sondern echt, und wir mitten drin. Schlichtweg der Platz, um die Seele mal so richtig baumeln zu lassen. Die Zeit vergeht wie im Flug, und die1200er ist schon fast kalt, als wir wieder starten. Eine etwas andere Art der Entspannung, wenn man dann sein Lieblingsgefährt Richtung untergehende Sonne steuert und die Lahn-Ferien-Straße für einen Moment zur Route 66 mutiert. Es wird Nacht, als wir Limburg erreichen. Trotzdem, ein Abstecher in die Altstadt muss sein. Sanft spiegeln sich zahlreiche Lichter im ruhigen Wasser der Lahn wieder. Darüber der Limburger Dom samt seinen sieben Türmen, mit zig tausend Watt angestrahlt. Er wirkt überlegen und mächtig. Schade nur, dass wir jetzt die Strecke bis Nassau, wo das schon vorher gebuchte Bett für die Nacht wartet, in der Dunkelheit fahren müssen. Kurve an Kurve, links die Lahn, rechts kahle Felswände, all das lässt sich im Licht der Scheinwerfer nur schemenhaft erkennen.Logo, dass wir uns den Fahrspaß dieser Superstrecke nicht entgehen lassen und am nächsten Morgen den Geist dieser Kurven noch mal erfahren. Unser Abstecher wird dann aber größer, viel größer als geplant. Immer wieder entdecken wir kleine Sträßchen, mal verwinkelt, mal mit kurzen Geraden, die wir einfach unters Gummi nehmen müssen. Wir bewegen uns in einer anscheinend noch recht unbekannten Mittelgebirgs-Region ohne Massentourismus a` la Feldberg oder der japanisch internationalen Variante Loreley zu begegnen. Der Entschluss, noch eine Nacht im Bilderbuchstädtchen Nassau zu bleiben, fällt so ziemlich leicht. Zumal der Tag auf dem Marktplatz sehr angenehm ausklingt. Zwischen Fackeln und mannsgroßen blühenden Gewächsen wird Deftiges, Feines und auch Süffiges aus der Rathausschenke kredenzt. Da darf ein Gläschen Lahnwein aus Obernhof nicht fehlen. Kenner werden dieses recht herbe Tröpfchen jedenfalls zu schätzen wissen.Neuer Tag, neuer Spaß, wir setzen die Tour in Richtung Lahnmündung fort. Die Erhebungen rechts und links des mittlerweile passablen und auch schiffbaren Flusses nehmen unübersehbar zu. Die Lahn ist hier die natürliche Grenze zwischen Taunus und Westerwald. Dort, wo die Berge fast am höchsten sind, bietet ein etwas größerer Talkessel Platz für Bad Ems. Früher war das ein Urlaubsort von Kaisern, Zaren und anderen wichtigen Persönlichkeiten - Bad Ems wurde in einem Zuge mit St. Tropez und Locarno genannt. Heute erinnert nur noch die Architektur an die vergangenen goldenen Tage.Nach der Kurstadt nähert man sich dem Punkt, an dem die Lahn aufhört zu existieren - und auch unsere Tour zu Ende ist. Ihr Wasser dümpelt durch einen schnurgeraden Kanal und wird dann in Lahnstein bei Koblenz von Gevatter Rhein gnadenlos geschluckt. Gott hab’ sie selig. Wir gedenken Ihrer bei einer kühlen Apfelschorle auf der Burg Lahneck – hoch darüber.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote