Eine Japanerin in Frankreich (Archivversion)

La vie en rose

In Japan, wo er seit ein paar Jahren lebt, fährt Franck Peret Motorrad, weil’s sein Job ist, in seiner Heimat Frankreich macht er’s dagegen aus purer Lust. Ein himmlisches Vergnügen, das er einmal mit seiner Freundin Emiko teilen wollte.

Paris im Juni und ich auf Harley unterm Eiffelturm. Das Herz möchte einem zerspringen vor lauter Glück. Doch als ich den Helm aufsetze, ergreift mich eine seltsame Beklemmung wie aus dem Nichts. Nein, sie rührt nicht vom Wetter her, diesem dominanten, manchmal quälenden Tief, das nicht nur die Wolken drückt. Auch die Electra Glide spreche ich von aller Schuld frei, obwohl sie vielleicht wirklich ein bisschen zu schwer geraten ist für diese ganz spezielle Tour de France immer schön den Grenzen und Küsten Frankreichs entlang.»Ruhig bleiben«, sag’ ich mir, während die Vibrationen des V-Twins vehement an den Rückspiegeln rütteln. Ich stelle sie mir passend ein und riskiere einen diskreten Blick auf den, wie mir schlagartig klar wird, eigentlichen Grund meiner Beunruhigung. Emiko! Meine Beifahrerin und Freundin. Ich habe sie aufs Motorrad und jetzt aus Japan mit nach Frankreich gebracht. Sie weiß nicht, was sie erwartet, aber ich kenne sie nur zu genau: die unglaublichen Schönheiten und Belanglosigkeiten von Frankreichs Provinz. Wie wird Emiko reagieren? Während der Jahre, die ich in Tokio mit ihr zusammenlebte, habe ich gelernt, die kulturelle Kluft, die uns trennt, einzuschätzen und zu respektieren. Und die ist immens, obwohl Emiko sich westlicher orientiert als die Mehrheit der Japanerinnen ihrer Generation. Sie spricht hervorragend Englisch, hat einige Zeit im Ausland verbracht und interessiert sich obendrein für eine ganze besondere Spezies. Für mich! Bevor wir uns kennen lernten, hielt sie, wie fast alle Japanerinnen und Japaner, das Motorrad für ein asoziales Vehikel, auf dem kriminelle Elemente die Straßen unsicher machen. Es kostete sie viel Überwindung, bis sie sich das erste Mal mit mir auf eine Spritztour in die Umgebung von Tokio wagte. Von da an war der Bann gebrochen. Wir tourten zum Fuji, dem heiligen Berg Japans, waren, wann immer wir Zeit und Lust hatten, mit dem Motorrad unterwegs. Es kam so, wie es kommen musste: Emikos liebster Freizeitspaß hieß auf einmal Motorradfahren. Deshalb stimmte sie auch begeistert zu, als ich ihr vorschlug, meine Heimat auf zwei Rädern zu entdecken. »Eisho« - »Auf geht’s«, ruft sie mir zu. Nicht ahnend, welche Strapazen sie erwarten. Und ich befürchte, dass die Mühen dieser Reise und die Konfrontation mit einer fremden Kultur sie stärker prägen könnten als die Schönheiten meines Landes, die ich ihr zeigen möchte.Zeitsprung. 20 Tage und 6800 Kilometer später. Ein letztes Mal klappe ich den Seitenständer der Harley aus. Emiko ist erschöpft und glücklich. »Unvergesslich schön«, seufzt sie - und ich werde sentimental. Schaue auf ihre Haut, welche die Sonne kupfern färbte, und das von den salzigen Meereslüften zersaustes Haar, schließe die Augen, schwelge in Bildern, hoffe, dass es auch die Erinnerungen Emikos sind. Diese Impressionen vom Tal der Seine und ihren Felsen, dem penetrant herrlichen Grün der Normandie, der verwunschenen Romantik des Mont St. Michel. Und dann - bloß keine Attraktion auslassen - die leckeren Crêpes in der Normandie, die mächtige Steilküsten am Atlantik, die grandiose Monotonie der Wälder von Les Landes, die wilden Täler in den Pyrenäen, die Côte d’Azur, Schneegipfel in den Alpen, weiter in den lieblichen Jura, das Elsass und seine Weinberge...Ja, ich weiß: alles Klischees, Postkartenidyllen, aber wenn die Wirklichkeit ihnen entspricht - umso besser. Außerdem kann man die Route entsprechend wählen. Und dann fahren wie Gott in Frankreich. Ich weiß, ich bin nicht recht bei Sinnen, weil denen einfach zu viel geboten wurde. Außerdem bin ich ein Franzose, der verdammt lange im Ausland arbeitete, sich dieser Genüsse enthalten musste. Und Emiko? Die ist Japanerin. Der schmeckt - wenn das Bocuse wüsste! – ausgerechnet das Essen in Frankreich nicht. »Es ist eine Küche ohne Überraschung, die französischen Köche verstehen die Kunst des Würzens nicht.« Saß vor den aufgetürmten Schweinereien des Choucroute und wunderte sich.Dafür begeisterte sich Emiko über Alltäglichkeiten, die mir so noch nicht aufgefallen waren. »Frankreich ist ein wahrer Kornspeicher, der kaum besiedelt ist. In Japan müssen wir 70 Prozent unserer Lebensmittel einführen.« Mehr noch als die Raffinessen der architektonischen Meisterwerke vergangener Jahrhunderte faszinierten Emiko die Sorgfalt und Liebe, mit der die Leute ihre Häuser verschönern - die Blumen im Garten, den Efeu an den Mauern. »Außerdem finde ich es bewundernswert, wie rüstig die Menschen hier sogar noch im hohen Alter sind, und dass selbst Seniorenpaare, anders als in Japan, noch immer einen verliebten und lebenslustigen Eindruck machen. Es gibt ja auch keinen Grund, griesgrämig oder krank zu werden in einer so schönen Umgebung.«Dennoch kam Emiko zu dem Schluss, dass sich die Franzosen intensiver um ihre Hunde und Katzen als um ihre Gesundheit kümmern. »Ich habe mehr Tierkliniken als Krankenhäuser gesehen. Außerdem scheren sie sich überhaupt nicht um die ‘Relikte ihrer Lieblinge’ (japanisch-höflicher Ausdruck für Hundescheiße, F.P.), obwohl es dabei um die Basis der Hygiene und Gesundheit aller geht. Mitunter schon sehr verwunderlich - diese französische Kultur.«Für Emiko ein schwer durchschaubares Paradox aus Schönheit und Nachlässigkeit, ein Paradies mit menschlichen Schwächen. »Ein Paradebeispiel dafür«, sagt Emiko, »bietet der Service in den touristischen Zentren. Da fehlt es an Motivation, herrscht eine, so kommt es mir vor, systematische Langsamkeit. Und oft genug erntete ich verächtliche Blicke, vielleicht weil ich Asiatin oder, das redete ich mir ein, einfach nur Touristin bin. La vie en rose - sollte es allein den Franzosen reserviert sein?«Gute Frage. Ohne mir dessen zunächst bewusst zu sein, schlüpfte ich nach meiner langen Abwesenheit in die Haut eines der über 60 Millionen Touristen, die alljährlich meine Heimat besuchen. Und obwohl mir vieles unangenehm auffiel - das fängt in der Tat an mit der Arroganz, die viele Einheimischen den Fremden gegenüber an den Tag legen, und hört auf mit der antiseptisch verpackten Einheitsmarmelade zum »petit dejeuner« - komme ich nicht umhin, und da stimmt Emiko mir ohne zu zögern zu, Frankreich zum idealen Terrain für Motorradfahrer zu erklären. Vor allem im Vergleich zu Japan, das zwar die besten und schnellsten Motorräder der Welt baut, ihre Fahrer aber mit schier unglaublichen Auflagen traktiert. An den Mautstellen der Autobahnen zahlen Biker den selben hohen Tarif wie Autofahrer, werden aber auf läppische 80 km/h eingebremst. Alle anderen Verkehrsteilnehmer haben dagegen bis Tempo 100 frei Fahrt - sogar die Lkw. Weil die sonderbarerweise nicht den drastischen Abgasnormen unterliegen, spucken diese unerträglich düsteren Konvois gigantische Wolken aus fettem Ruß aus. Das Privileg, dieses giftige Zeug zu schlucken, bleibt dem Sozius erspart. Der darf nämlich gar nicht erst mit auf die Autobahn, ist also auf größerer Tour gezwungen, den Zug zu nehmen, um seinen Chauffeur wieder zu treffen, sobald der die Hauptverbindungslinien verlassen hat. Eine Alternative zu dieser doch sehr umständlichen Art des Reisens zu zweit gibt es kaum, weil Japan wegen seiner wilden Topographie, insbesondere den unwirtlichen Gebirgsketten im Landesinneren, über kein unseren europäischen Bundesstraßen vergleichbares Asphaltnetz verfügt. Logo, die Bergsträßlein im Landesinneren sind ein Gedicht, aber dort hinzukommen erweist sich als einzige Qual. Motorrad fahren in Japan - ein Vergnügen allenfalls für masochistische Einzelgänger. Der Normalbürger kultiviert es dann auch lediglich in homöopathischen Dosen - summa summarum mit rund 3000 Kilometern im Jahr. Ich gebe zu, wenn mich meine Arbeit als Testredakteur für Moto Journal, die französische Schwesterzeitschrift von MOTORRAD, nicht zwingen würde, ständig unterwegs zu sein, würde ich kaum mehr fahren als der geplagte Durchschnittsjapaner. Dazu kommt: Um die Qualitäten der Maschinen auszuloten, musst du den Kamikaze spielen und sitzt mit einem Bein im Knast.Diese ständigen Beschränkungen und extremen Frustrationen brachten mich dann auch auf die Idee zu meiner Tour de France mit Emiko. Endlich mal wieder fahren bis zum Abwinken. Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten, mich auf dieser lahmen Insel im Kreis zu drehen.Eins habe aus beiden Erfahrungen gelernt: Genieße jede Reise, als ob es deine letzte wäre. Emiko sieht die Chose mittlerweile genau so wie ich - und Frankreich durch eine rosarote Brille. Wie es sich gehört.Siehe auch »Zündfunke« auf Seite 64
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