Finnland (Archivversion)

Schneegestöber

Snowmobil extrem - das ist die Giant-Rallye in Finnland. In diesem Jahr heizte mit Mike Garhammer erstmals ein deutscher Fahrer beim knallharten Schnee-Marathon am Polarkreis mit.

Mike Garhammer schien genau der richtige Typ zu sein. Enormer Kampfgeist, spektakulärer Fahrstil und hie und da ein Schuß Übermut - dafür ist der ehemalige Vize-Weltmeister und Deutsche Meister im Gespanncross bekannt. Ein verrückter Hund eben, für neue und außergewöhnliche Dinge immer zu haben. Wie für die Giant-Rallye, einen Snowmobil-Wettbewerb, der selbst in Finnland, wo die motorisierten Kufenflitzer und entsprechende Rennen zum Alltag gehören, einen ganz besonderen Stellenwert besitzt. Die Zwei-Tages-Veranstaltung am Polarkreis wird im März gestartet und ist im Land der vielen tausend Seen die Snowmobil-Härteprüfung schlechthin. Kein Wunder, schließlich stehen dabei in der Regel rund 900 Kilometer auf dem Fahrplan, 800 davon sind Sonderprüfung und werden gezeitet. Das Rennen hat die unterschiedlichsten Bedingungen zu bieten: enge, trialähnliche Waldpassagen, Sprünge wie beim Moto Cross und Höchstgeschwindigkeiten bis zu 140 km/h, wenn es mit Volldampf über die zugefrorenen Seen und Flüsse geht. Und das bei Temperaturen, die für Mitteleuropäer geradezu eine Horror-Vorstellung sind: 15 bis 20 Grad minus herrschen im März gewöhnlich am Polarkreis, das Themometer kann aber auch deutlich unter dieser Marke bleiben. All das konnte Mike Garhammer offenbar nicht abschrecken, als er in diesem Jahr nach kurzer Bedenkzeit als erster deutscher Pilot dem Giant-Veranstalter die Startzusage gab. Die Einladung nach Kemijärvi war über die deutsche Motorradsport-Föderation OMK erfolgt. Dort wurde der 39jährige Schwabe nicht nur wegen seiner eingangs geschilderten Qualitäten ausgeguckt. Als Sidecar-Pilot traute man ihm auch am ehesten zu, einen schnellen Motorschlitten zu beherrschen - wegen der ähnlichen Fahrcharakteristik der beiden Gefährte. Hier wie dort kommt es unter anderem auf die richtige Gewichtsverlagerung des Fahrers in den Kurven an. Dennoch, Mike Garhammer war ein absolutes Greenhorn in Sachen Snowmobil, als er eine knappe Woche vor dem Rennen mit der Finnair im hohen Norden eintraf und seinen Untersatz für den Giant im Empfang nahm: einen Ski-Doo MXZ, ausgerüstet mit einem 80 PS starken Rotax-Zweitaktmotor mit zwei Zylindern und 440 cm3 Hubraum. Ein solches Gefährt, vorn auf zwei lenkbaren Kufen rutschend und hinten über ein Laufband angetrieben, hatte er zuvor nur in einem Video gesehen. Also war erst einmal ausgiebiges Training angesagt, bevor es ernst wurde. Als Lehrmeister standen Snowmobil-Experte Erik Ahmasalo und dessen 19jähriger Sohn Tommi parat, der 1994 den Giant gewinnen konnte. Es gab viel zu üben für Mike Garhammer. Die richtige Sitzposition, die Kurventechnik und der Einsatz der Handbremse als Lenkhilfe zum Beispiel. Um das Snowmobil im Drift um enge Kurven zu winkeln, wird das Gefährt wie ein Rallyeauto quergestellt: Gas wegnehmen, Lenker in Fahrtrichtung einschlagen, mit der Handbremse das Laufband blockieren, gegenlenken und wieder Gas geben. Selbst abends in der Sauna gab es keine Ruhe. Da wurden dem Neuling die Markierungen der Zeitkontrollen und Sonderprüfungen sowie andere organisatorische Abläufe und die wichtigsten finnischen Fachwörter eingebleut. Erfreulich für Garhammer: Ein fönartiger Südwind hatte vor dem Rennen leichte Plusgrade und damit Tauwetter nach Finnland gebracht. Angesichts der ungewöhnlich milden Temperaturen und einiger vom Eis befreiten, unpassierbar gewordenen Gewässer mußten die Organisatoren den Giant kürzen - auf eine Gesamtdistanz von 592 Kilometern, 509 davon waren auf Bestzeit zu fahren. Am Freitag morgen ging´s endlich los. Väterchen Frost hatte sich zwar rechtzeitig zum Start des Rennens wieder mit minus zehn Grad zurückgemeldet, aber Mike Garhammer war dennoch recht guter Dinge. Bei der Auslosung der Startnummer hatte er die 47 gezogen, lag bei 84 Fahrern also in der Mitte des Feldes. Keine schlechte Ausgangsposition, da die Piloten am zweiten Tag in umgekehrter Reihenfolge an den Start gehen und der deutsche Novize somit beides Mal die gleiche Streckenqualität vorfinden würde: nicht mehr die allerbeste, aber auch keine von den Vorderleuten besonders übel zugerichtete Piste. Vier Sonderprüfungen über insgesamt 247 Kilometer standen am ersten Tag auf dem Programm. Gleich die erste war mit 69 Kilometern auch die längste. Gut 49 Minuten hat die Spitze gebraucht. Wo blieb Mike? Nach 1.01,04 Stunden jagte er durch die Lichtschranke - Platz 67. Indianergeheul beim Troß, Erschöpfung beim Fahrer. In dem Kälte und Nässe abweisenden Yoko-Goretex-Anzug, der Angora-Unterwäsche und den zwei Paar Socken in den Cross-Stiefeln schwitzte Garhammer schon bald wie in der Sauna: »Da schwimmst du in deinem eigenen Saft.« Daß die einheimischen Cracks deutlich vorn lagen, ist logisch. Sie besitzen einen riesigen Vorsprung an Fahrpraxis, kennen das Gelände wie ihre Westentasche und haben offenbar einen siebten Sinn für die richtige Richtung. Selbst Sprunghügel, die mit Tempo 100 angefahren werden und bei trübem Wetter und schlechter Sicht nicht verraten, ob es hinterher nach rechts, links oder geradeaus weitergeht, bringen sie nicht aus dem Konzept. Oder anders ausgedrückt: Wenn Mike Garhammer mit dem ungewohnten Gefährt im unbekannten Terrain ins Rudern geriet, zogen die skandinavischen Fahrer noch gnadenlos vorbei - mit 20 km/h Überschuß. Pannen sind aber auch bei den Lokalmatadoren nicht ausgeschlossen. So versenkte der Finne Raoul Bergman sein Gefährt in einem zwei Meter tiefen Wasserloch, das sich unter dem Schnee gebildet hatte. Der gute Mann hatte die Warnung des Fahrtleiters, immer brav auf der ausgewiesenen Strecke zu bleiben, schlichtweg ignoriert. Für Mike Garhammer endete der erste Tag mit Platz 60 unter 70 gewerteten Fahrern. Am nächsten Morgen dauerte es einige Zeit, ihn aus den Federn zu bekommen. Der Novize fühlte sich gerädert und hatte außerdem zwei riesige Blasen an der Hand. Die Haut begann sich schon zu lösen. Auf der Anfahrt zur ersten Sonderprüfung bekam er Probleme mit der Brille und fuhr gegen einen Baum. Zum Glück blieb der Fahrer heil, und auch die verbogene Frontpartie des Ski-Doo konnte wieder notdürftig gerichtet werden. Trotz solcher Mißlichkeiten zog Garhammer sein gut 300 Kilometer langes Tagespensum tapfer durch, was einige Konkurrenten beziehungsweise ihre mürbe gewordenen Fahrzeuge nicht schafften. Wie zum Beispiel der finnische Moto Cross-Exweltmeister Pekka Vehkonen, der auf Platz 36 liegend die Segel streichen mußte - mit gebrochener Bremsscheibe und defekter Vorderradaufhängung. Nach fünf Stunden Fahrzeit waren die Strapazen für Garhammer beendet. Als 45. lag er im Ziel knapp eineinviertel Stunden hinter dem Sieger Tuomo Forsell, einem 27jährigen Landwirt und Forst-Lkw-Fahrer aus Ostfinnland. Neben den Glückwünschen für den Gewinner gab es auch viel Lob für den deutschen Neuling. Garhammer hatte die Nordlichter beeindruckt. Sie konnten kaum glauben, daß er erst wenige Tage vor dem Rennen zum ersten Mal auf einem Snowmobil gesessen hatte. Ob er wieder zum Giant kommen würde? »Klar, keine Frage«, lautet die spontane Antwort. Wie schon gesagt, ein verrückter Hund.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote