Gelände-Veteranen in Hoope (Archivversion)

Von Sand und Leuten

Der Urknall hat nichts mit Physik zu tun, sondern mit Singles und Twins. Den lust- wie klangvollen Beweis traten 130 Veteranen aus Trial, Cross und Enduro beim Classic Weekend in Hoope an.

Die Tonmeister blasen zum Marsch. Aufgereiht hinter der Startmaschine, mit der Rechten am Klangregler. Ihr Repertoire ist ebenso begrenzt wie beeindruckend: Wenn ein Renn-Twin von BMW, Norton, Yamaha oder Hedlund Frischgas zieht, entweicht seinem schlanken Endtopf ein Fanfarenstoß, der King Kong erschauern ließe. Normal-menschliche Verhaltensmuster raten in solchen Fällen zur Flucht, aber unsereins - zivilisiert durch Fernsehen und MOTORRAD - weiß, daß die Kampfhähne brav auf ihrer Piste bleiben werden: Schau«n mer mal.Brodelnde Luft überm Feld, die Flagge fällt, zwei Dutzend Cross-Gespanne pfeifen auf Baujahr und Materialermüdung, schießen die lange Start-Ziel-Gerade des Hooper Motodroms lang. Zur Einfahrt in die scharfe Links verengt sich die Strecke von 20 auf fünf Meter, und das hier wird niemals gutgehen, und Fernsehen und MOTORRAD haben wohl doch gelogen, weil mindestens zehn dieser Wilden gleich Verderben bringend die Böschung raufknallen. Noch wäre Zeit für einen rettenden Hechtsprung, aber unsereins gafft nun mal für sein Leben gern. Mit offenem Mund einer Staubwolke entgegen, die jeden Orkan zieren könnte. Hin und wieder entläßt sie driftende Gespanne, bisweilen in Knäueln, aus denen es im Zwei-, Drei-, Vierklang knallt und brummt, bevor sich die Schlachtordnung zum Anmarsch auf den Table einstellt. Zwei beharken sich, verhaken sich, schlingern, kommen frei, einem ist der Gang rausgerutscht. Wüstes Aufheulen. Dann sind alle durch, hinterlassen im offenen Gaffer-Mund mindestens 50 Gramm feinsten Endmoränen-Sandes und im Stammhirn die Gewißheit, daß Fernsehen und MOTORRAD eben nicht lügen.Oder doch? War nicht erst kürzlich von einem schönen Stollenkrad zu lesen? Einem zierlichen gar? Der Hoope-Besucher ist einen Schritt weiter, denn er hat 25 Jahre zurückgeschaut. Wer je die schlanken Rohre eines Rickman-Rahmens, den kecken Höcker und den freien Blick auf Einbaumotoren von Triumph oder Matchless bewundern durfte, der weiß, was mangelnde Traditionspflege im Motorradbau bedeutet. Auch die BSA Victor taugt zum Lehrmittel: alles rund, alles zierlich und funktional. Wunderschön, und wundersam erfolgreich, denn dieser Single schuftete den unsterblichen Jeff Smith 1965 zum letzten rein britischen WM-Titel, ehe merry old England gegen die spitzen Zweitakt-Kreischer von CZ und Husqvarna kapitulierte. Heute geht der nie endende Glaubenskrieg in eine weitere Runde, fraktionsstark treten Stinker und Ballermänner an. Erstere vor allem mit wackeren Kämpen aus Benelux, letztere beritten von Deutschen und Engländern.Manche konzentrieren ihre Auseinandersetzung auf die Start-Ziel-Gerade, gischten im Vierten und volles Rohr über die Sandwellen. Andere attackieren in engen Ecken, zaubern sich auf der Bremse am Gegner vorbei und versenken ihn im Sandnebel. Nur wenige interessiert der Gesamtsieg, und am Ende gewinnen sowieso alle: Spätestens beim Bummel durchs Fahrerlager bemerkt auch der unkundige Besucher, wieviel diese Form des Motorsports mit Freizeit und Freundschaft zu tun hat.Ein Fest der Sinne: Die Ohren noch voller Viertakt-Arien, Castrol-Duft in der Nase, so schlendert unsereiner von der Gold Star zur CCM. Vorläufer und Nachfolger der Victor. Matchless, Monark, ESO - Einzylinder-Giganten mit Köpfen von klassisch-endgültiger Gestalt. Viel zu schön fürs Museum. Wieder ein Rickman-Rahmen mit 650er Triumph-Twin. Der Besitzer staubt gerade ab, in Turnhose und Badelatschen. Seine Lady hantiert am Grill, prostet dem Besucher zu, und wenn der in dieser Situation auch nur einen einzigen bewundernden Ton übers Bike verleirt, muß er - garantiert - eine labberige englische Bratwurst mitessen.Rudi Munstermann schiebt durchs Fahrerlager. Rudi ist die Seele des Trial-Veteranensports. Und Rudi ist mächtig stolz auf seine Sektionen. »Das glaubst du nicht, was wir aus diesem Gelände rausgeholt haben.« In der Tat hat er die topografischen Möglichkeiten der ehemaligen Sandgrube von Hoope, im eher unmerklich gewellten Norden von Bremen gelegen, bis zum letzten Höhenmeter genutzt. Jetzt sammelt er sein Fähnlein, startet lässigen Tritts die Matchless und entschwindet im Kiefernwäldchen. Rund um die Cross-Piste, links und rechts der Enduro-Strecke, zeigen Trassierband und Papptäfelchen, wo«s langgeht. Eine nie restaurierte BSA mit Trapezgabel - Baujahr wasweißich - zirkelt als erste durch die Bäume, im kniffligen Zickzack auf einen fiesen Hohlweg zu. Dann folgt eine herrliche Ariel. Zwar mit ellenlangem Fahrer, aber dennoch ist der drahtige Ire Sammy Miller nicht weit, als sie mit weichem BumBum aufwärtsstrebt. Sammy war nahezu unschlagbar, nicht wegen, sondern trotz seiner Ariel.Geschichten, Geschichte: Fast jedes Motorrad in Hoope ist ein Meilenstein. Längst akzeptiert, daß die jüngeren milestones eben aus Japan kommen: Yamaha hieß das erste nicht-europäische Motorrad, mit dem ein gewisser Mick Andrews das schottische Sechstage-Trial gewann. Andrews ist auch so ein Gott, und deshalb kann die Yamaha nur göttlich sein. Handlicher jedenfalls als die Ariel. »Zigarettenpause«, brüllt einer, und alle Nichtraucher warten geduldig, bis er seinen Glimmstengel wieder austritt.Gute Laune allenthalben, und Veranstalter Chris Hahn freut besonders, daß der Funke auch auf die Besucher überspringt. Nicht wenige machen Hoope zum Höhepunkt ihrer Wochenend-Tour, lassen das Bike vor dem Bistro ausrollen, verfolgen das Treiben im Fahrerlager oder schlendern über das weitläufige Gelände. Am Samstag gab«s viel zu schlendern, da haben sich nämlich Maico und CCM, BMW, Zündapp und DKW auf der Enduro-Strecke gemessen. »Und ich war dabei«, grinst Chris: Öl und Benzin auf die just erstandene Matchless - und los. Unsereins erblaßt vor Neid, als der Norddeutsche den Schnäppchen-Preis für das wunderschöne Gerät preisgibt, aber es sei ihm gegönnt: Seit über einem Jahr schuften Hahn und seine Leute, haben ein echtes Stollen-Eldorado hingezaubert, organisieren alles vom Club-Lauf bis zum Veteranen-Meeting, schrubben Duschen, verkaufen Kaffee, Kuchen und Koteletts - da soll der Chef auch mal mitspielen.Er hat übrigens ganz schön gekeucht, als die mehrstündige Hatz vorbei war: Tiefe Wellen prägen nicht nur die lange Waldgerade von Hoope, aber irgendwo dort muß einen dänischen Crosser beim Zuschauen die tiefe Erkenntnis ereilt haben, daß technische Moderne zumindest eine Daseinsberechtigung besitzt: »Not so bad«, grient er beim Blick auf die ellenlange Gabel einer Besucher-KTM. Dann tritt er seinen Twin an, der bellt, und alles ist wieder gut. Findet unsereins auch.
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