Intern (Archivversion)

Alles nur geträumt?

Büro statt BMW. Kantine statt Kocher. Arbeit statt Abenteuer. Nach sechs Monaten wieder daheim.

Freitag, 10. August. Nach einem halben Jahr in Südamerika wieder zurück in Deutschland. Jetleg und Zoll stressen – todmüde muss ich vor den Beamten alles auspacken. Ob sich die Angelegenheit mit fünf US-Dollar beschleunigen lässt? Im Auto durch Stuttgarts Innenstadt. Keine Esel und Kühe auf den Straßen, kein Müll, keine Schlaglöcher und kein andauerndes Gehupe. Stattdessen gelten wieder Verkehrsregeln. Franca und ich werden ganz sicher ein paar Tage brauchen, um uns wieder an Deutschland zu gewöhnen. Obwohl – kann es wirklich sein, dass wir sechs Monate durch Südamerika gefahren sind? Und dabei fast 20000 Kilometer in Chile, Argentinien, Bolivien, Peru und Ecuador abgespult haben? Im Moment kommt es uns so vor, als seien wir nur sechs Wochen unterwegs gewesen. Irgendwie fühlen wir uns betrogen, weil alles schon wieder vorbei ist.Dienstag, 14. August. Die ersten Schritte in der MOTORRAD-Redaktion. Werden mich die Kollegen und der Chef überhaupt wieder erkennen? Werde ich mein Büro finden? Oder die Kantine? Alles aber halb so schlimm. Wer so lange fort war, darf es in den ersten Tagen etwas ruhiger angehen lassen, muss dafür viel erzählen. Zwei Wochen später. Die Umgewöhnung ist schmerzhaft, was jedoch zu erwarten war. Am schlimmsten: drinnen sitzen obwohl draußen die Sonne scheint, Kehrwoche und Post von denen bekommen, die wir unterwegs getroffen haben – und die noch unterwegs sind. Unsere Tage sind durch Terminkalender und Fernsehzeitung auf einmal wieder kalkulierbar; die Tage in Südamerika waren es nicht. Sollte man also lieber gar nicht erst zu so einer langen Reise aufbrechen, wenn die Rückkehr so schwer fällt? Von wegen – wir würden am liebsten sofort wieder losfahren. Völlig egal, wohin. Weil sich dieses grandiose Freiheitsgefühl überall einstellt, wenn man sich nur genügend Zeit für den Weg nimmt. Und weil man von diesem einzigartigen Gefühl ein Leben lang profitiert. Garantiert. Uns kratzt es im Moment überhaupt nicht, dass unser Konto leer ist, die Motorräder Kratzer im Lack haben oder dass Franca sich einen neuen Job suchen muss. Auch wenn es im Augenblick so erscheint, als hätten wir alles nur geträumt – wahr ist, dass ein Traum in Erfüllung gegangen ist.
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